Letters home 1967 -1978

Friday, March 27, 2009

Erdbeben


Lobby Bali Beach Hotel

April 1969


Hotel BALI Beach

12.04.69


Liebe Mutter!


Natürlich liegt die Hauptschuld wieder mal an mir, aber einen kleinen Vorwurf muss ich Dir doch machen: Wie kann es nur passieren, dass Du Dich in solch eine Idee hineinsteigerst?


Von einem Erdbeben hier in Bali ist nichts ... garnichts bekannt ! 

Puh, puh, was ein Schlag ist da so ein Telegram voller Verzweiflung über mein Wohlergehen. 


Als Dein Schreckens-Telegramm hier ankam (typisch Bali-Post, dass es Samstag – Sonntag gemütlich liegen blieb, und ich es erst am 3. Tag abends bekam) da telegrafierte ich sofort zurück, dass "alles o.k." ist. 


Es ist mir rätselhaft, wie sich solch eine Nachricht verbreiten kann, und ziemlich ratlos, wie ich solch eine Sache verhindern kann. Was wurde denn über solch ein Erdbeben berichtet?  Nebenbei gehören in diesem Land, was genau am Vulkan-Gürtel der Erde liegt, kleine Erdbeben zur Tagesordnung, keiner wundert sich, es ist als ob es bei uns regnen würde! Ausserdem ist dieses Hotel erdbebensicher !


Mutterle, versuche bitte etwas ruhiger zu sein und steigere Dich nicht so leicht in irgend etwas hinein. Ich war auf meiner ganzen Reise noch nie so rundherum in europäischem Leben mit all der dazugehörigen „Sicherheit“ wie gerade hier.


Ich lebe in einem Intercontinental, bin täglich in enger Verbindung mit vielen Menschen. Sollte irgend etwas passieren, so ist man hier sofort informiert. Eine direkte Funk-Telefon-Verbindung besteht zwischen dem Büro hier und Djakarta. Innerhalb einiger Minuten wäre die Deutsche Botschaft informiert, die wiederum per Telex und direkter Funkverbindung mit Deutschland zusammenarbeitet. Solch ein heisser Draht ist sozusagen die Hauptschlagader dieses Hotels und sei es nur um 15 kg Butter hereinzufliegen.


Schau, und jetzt lebe ich noch viel mehr umwattet als sonst in der Welt (der Strassenverkehr hier übrigens ist etwa 98 mal kleiner als in Deutschland) und Du sorgst Dich mehr denn je!


Von morgens Sonnenaufgang bis teilweise in die Nacht arbeite ich wirklich hart. Alles was mit der Herstellung eines solchen Buches verbunden ist habe ich zu kontrollieren, zu beobachten und fast ausnahmslos selbst zu machen. Dass ich dabei völlig eingespannt bin, musst Du mir schon glauben. Werner und ich haben im letzten Monat fast 2000 Aufnahmen gemacht, von hunderten von ausgewählten und geplanten Motiven. Daneben organisiere ich tausend wichtige Nebensächlichkeiten, mache Vorentwürfe, kontrolliere Texte, muss eine Dunkelkammer einrichten, stelle indonesische Gerichte zusammen für einen Anhang aus Guide-Buch über Kochrezepte. Vom Klebstoff über Entwickler-Salz zum Blumenarrangement, von Verhandlungen mit Vertretern des Government bis zu etwa 30 grossen Kunden wie Lufthansa, Quantas, und was weiss ich, die Verträge über ihre Anzeigen mit uns abschliessen, für Anzeigen, die ich auch noch gestalten muss (Noch so'ne Werbeagentur nebenbei, was wieder planen, texten, entwerfen, kontrollieren und so weiter bedeutet). Wenn ich mich nicht mit allem hineinlegen würde, das Projekt, ein solches Buch aus dem Nichts zu stampfen, würde schwer gelingen. 


Es war aber etwas leichtfertig von mir, anzunehmen, dass Du das wirklich verstehst. Eine andere Realitaetsebene, eben. Wenn ich versucht habe, während meiner Reise fast wöchentlich zu berichten, so geschah das aus verschiedenen, jetzt aber unter geänderten Vorzeichen. Erstens war ich da wirklich unterwegs und die Plätze und Ereignisse änderten sich ständig. Dass Deine Sorge um mich da viel grösser sein musste, war mir klar und ich musste und wollte mir die Zeit nehmen, Dich an allem so weit wie nur möglich teilhaben zu lassen und Dich laufend zu unterrichten. 


Etwas änderte sich da natürlich, als ich für fast 7 Monate in demselben Haus in Ubud lebte, recht geregelt, durch Ibu mit essen und schlafen und meist nur ausgiebige Fusswanderungen im kleineren Kreis. Doch,  es gab tausenderlei Dinge, täglich und wie "auf Reisen" zu entdecken und es blieben lange Abende um Dir zu berichten. Der Hauptgrund war also kaum mehr, Dir durch meine Briefe die Sorgen zu nehmen, weil sich die Gefahren, in denen ich in Deiner Vorstellung lebe, doch schon alleine durch die Tatsache des „ansässig sein“ verringerten. 


(Trotz allem bin ich immer noch überzeugt, dass jeder in Deutschland unter grossen Gefahren lebt, nur, dass sie zur Gewohnheit werden und sich kaum verändern. Gefahren werden doch wohl meist nur daher Gefahren, weil man sie nicht kennt. Aber Dein Sohn ist ja nicht Klein-Doofie, der durch die Weltgeschichte trottelt. Sicherlich war in der Kriegszeit Dein Bewusstsein um Gefahren ganz anders als heute, oder nicht?? Das ändert sich doch wohl mit den Gegebenheiten der ständig sich wechselnden Umwelt. Du kannst Dir kaum vorstellen, wie sich die meisten Deiner Sorgen für mich hier anhören. Es wäre etwa so, als wenn ich Dir ständig in meinen Briefen ans Herz legen würde, Du solltest doch bitte beim Strassenüberqueren erst nach links und dann nach rechts schauen, bei einer Treppe erst vorsichtig den linken und dann den rechten Fuss heben, oder bei einem heissen Topf besser einen Topflappen benutzen).


Dies hört sich sicherlich alles nach Holzhammermethode an, aber verzeih mir, Mutter, ich muss Dir das alles immer wieder erklären, sonst wirst Du mir noch krank an Nichtigkeiten und Unverstandenem. Verzeih’ mir also den erhobenen Zeigefinger und die Rolle des Lehrmeisters, (die mir überhaupt nicht behagt).


Versuchs mal zur Abwechslung, dass Du eigentlich recht stolz auf Deinen Sprössling sein solltest ... Wie noch nie zuvor, und ganz gegen seine Art, versucht Dein Söhnlein urplötzlich, etwas „produktives“ zu schaffen, und die glorreichen wunderbaren materialistischen „Existenzgrundlagen“ zu sammeln -- um dann eines Tages als so ein richtig wertvoller Mensch, anerkannt und belorbeerkranzt, und zu allem auch noch als (hört, hört!) Dollar-Millionär, nackt, aber wertvoll, ins Grab getragen zu werden. Wie schön! Wie schön! ... und Bali hat er gesehen, in seiner Jugend, der Gute ! 


Ob es hinhaut oder nicht, wenigstens versuchen kann ich's ja mal.


So, das war wieder mal ein ganz garstiger Brief. Ich hab’ aber solch einen Schrecken bekommen, dass ich Dir versprechen will, trotzdem regelmässig zu schreiben. Ich schau dann, im Vorbeirennen sozusagen, auf den rasenden Kalender, weil ich überhaupt nicht mehr die Zeit versteh.


Wenn das für die nächsten Wochen jedoch nicht viel mehr als Lebenszeichen werden sollten, so sei mir bitte nicht bös, ich häng halt, wie in allem was ich mach’, bis über beide Ohren und mit vollem Herzen drin.

 

Lass Dich ganz lieb umarmen und schau, dass Du nicht so leicht wieder in solch eine Talfahrt von Sorgen gerätst,


Dein Hans



21. 4. 69


Liebe Mutter!


Ich hab gerade Deinen lieben Brief erhalten, der mir zeigte, dass Du Dich nach dem Telegramm und nach meinem letzten Brief wieder etwas beruhigt hast. Da haben sich einige Sachen unterwegs gekreuzt und dadurch gab’s wohl Verwirrung. 


Dass ich letztes Mal ein wenig geschimpft habe, tut mir jetzt auch schon wieder leid, denn es ist doch fast unmöglich für Euch alle, Euch vorzustellen, wie es hier wirklich aussieht und wie toll ich hier lebe.


Alles hat jedoch zwei Seiten, und gerade die andere Seite sah die letzten Wochen etwas miese aus. Nach meinem so freien Leben während der letzten zwei Jahre ist es nicht ganz einfach, die ganze Verantwortung für ein 40.000 Dollar -Projekt zu tragen. Stell Dir vor, wir fahren hier fast 4 Wochen lang mit dem Jeep durch Bali, ein Gebiet so gross wie Nordrhein-Westfalen, machen eine Menge Fotos, müssen aber sechs Wochen lang auf die Ergebnisse warten. Und da stellt sich heraus, dass unsere Fotoausrüstung schon von Anfang an einen Defekt, durch Witterung oder sonst was, gehabt hat und dass viele Bilder verloren gingen. Da geht meine gesamte Kalkulation, die Zeiteinteilung und noch viel mehr baden, und es ist nicht so einfach, das alles wieder neu zu arrangieren.


Kein Wunder also, dass ich eingespannt bin, zumal dieses Buch für mich von so grosser Wichtigkeit ist. 


Onkel Otto (unser Familien Kapitalist) hat übrigens meinen Vertrag bemängelt, was ich verstehen kann. Er sieht wohl nicht, dass es eine ausgetüftelte Trickserei von mir war, so aus einem Kamponghaus heraus, als ein kleiner Niemand, gleich einen solchen Sprung zu machen. Ich musste Schritt für Schritt diese gewieften Manager von mir und meiner sehr neuen Idee überzeugen, um dann langsam, aber sicher meinen Teil zu sichern. Übrigens ist dieser Vertrag nur ein Drittel des gesamten Geschäftes, da ich nebenbei noch einen Vertrag mit der Druckerei in Singapore habe, der mir 15 % aller Druckkosten zusichert. 


Das sind im Juli für mich etwa 6000 DM. Zusätzlich verdiene ich noch etwa 2000 DM an separat gestalteten und bezahlten Anzeigen. Der Verdienst an 100.000 Büchern, den ich diesem Hotel mit meiner Idee beschere, liegt bei etwa 400.000 DM. 10 % davon sind für mich; das bedeutet, dass ich schon allein durch diesen Vertrag, der in Deinen Händen ist, im Laufe der nächsten 4 – 5 Jahre etwa 40.000 DM Einnahmen habe, für die ich, nachdem das Buch einmal arrangiert ist, kaum noch einen Finger zu rühren brauche. Na, so schlecht ist das ja nicht, wenn man bedenkt, wie vertrickst und raffiniert die ganze Sache eingefädelt und regelrecht aus dem Nichts angefangen wurde. 


Das also zu Deiner Beruhigung. Die grosse Chance jedoch, mit Intercontinental in ein weiteres, dann jedoch weit besseres Geschäft zu kommen, ist immer noch ausgezeichnet, und wenn der Glücksgott mich nicht völlig verlässt, habe ich wohl den grössten Coup aller Zeiten gelandet. Dazu kommt dass Werner und ich ein hervorragendes Team bilden. Sollten wir etwa einen Auftrag erhalten, das gleiche Guide-Buch für NEPAL aus dem Boden zu stampfen, so können wir das innerhalb weniger Monaten erledigen, da wir bereits etwa 1000 erstklassige Fotografien von Nepal besitzen. Ich sitze hier direkt an der Quelle von Intercontinental und weiss, dass diese Kapitalgesellschaft vor wenigen Wochen das grösste Hotel in Kathmandu gekauft hat. Mit dem zukünftigen Chef dort habe ich bereits im Swimmingpool geplauscht, da er der Chef des Intercontinental Hotels in Jakarta ist, noch. Und so weiter, und so weiter. Das alles klingt Dir wohl zu unglaublich, und ich werde zu Deinem träumende Hansel, der ein wenig spinnt. Na, hab ich recht ?


Glaube auch nicht, dass sich ansonsten irgendetwas Wesentliches an meiner Lebenseinstellung geändert hat. (Ich kann ohne weiteres jederzeit wieder wahnsinnig werden und nach den Fidji Inseln tummeln und dort Millionär werden). 


So, das war wieder ein kleiner Teil Geschäftliches, um Dich  etwas zu beruhigen. So sonnig, wie es aussehen könnte, wird es sowieso nicht. Man kennt das ja ...


So, und nun wieder herunter vom Schachspiel. Normal bleiben.


Ihr habt also mal wieder Heumaden besucht. Menschmeier, wie hat sich doch mein Leben entwickelt, wenn ich an das Dörfchen und meine Jugend zurückdenke. So was Komisches! Messdiener und Ulli Strohwasser, Jürgen und Klaus Smitter. Alles ist wie ein Märchen, wenn ich zurückdenke. Ist Emma Gehrung noch am schimpfen, und wen habt Ihr denn sonst noch gesehen? Onkel und Tante? Wie soll ich denen bloss erklären, was für ein Mensch ich bin und in was für einer Umwelt ich lebe. Was überbrückt so ein Brief? Das ist so schwierig, dass ich es immer wieder aufgeschoben habe. Du kennst mich ja, wenn ich Fehler eingestehen soll, wird’s ganz jämmerlich. Ich will’s aber trotzdem versuchen und heb mir einen Sonntag für die Zwei Alten Schwaben auf, auch wenn meine Sonntage meistens Mittwoche oder Dienstage sind. 


Lass doch den Harald ein wenig bös sein!


Es ist wirklich höchste Zeit, dass ich mal in Deutschland auftauche. Da klingt wieder soviel Traurigkeit durch, wenn „Du Dich damit abfinden musst, dass ich wohl nicht so schnell für immer nach Deutschland zurückkomme“. Mutter, ich weiss überhaupt nicht, wo ich mich für immer „niederlassen“ werde. Weißt Du, was mein stiller Traum ist? Ich möchte mich gerne überall in der Welt für immer niederlassen können. So, jetzt weißt Du, wie logisch ich bin!!


Jetzt muss ich aber wieder einige hundert Fotografien anschauen, muss rumtelefonieren und arbeiten.


Das war also wieder ein albern-ernstes Lebenszeichen, dem noch viele folgen werden.


Ich küsse Dich herzlich und wünsche Dir viele Erlebnisse, meist jedoch schöne.


Pass auf Deine Nierchen auf, Du bist halt nicht mehr sooo jung, um dauernd wie ein Hase rumzuhüpfen.


Dein kleiner Sohn



Es hat noch immer nicht geerdbebt, vielleicht morgen früh zum Frühstück mit


Apfelsaft

Haferflocken

2 Eier

Kaffee

Toast

Marmelade

und Küssen von einem lieben Mädchen!

Hans Höfer



Monday, March 23, 2009

Bali 1969 Die Zeremonie, Pendet

Schoenheit und Reichtum des Lebens, wie der Maler Walter Spies es in den 30er Jahren ausdrueckte  -  oder Bali 1969, die Zeremonie ... Es gibt etwa 10 000 Tempel in Bali und jeder feiert alle 200 Tage seinen Geburtstag, den "Odalan". Prozessionen und Taenze gehen allen Feiern voran, wie hier der "Pendet - Reigen", der von Jung und Alt getanzt wird, um die geistige Welt wohl zu stimmen ...



Sunday, March 22, 2009

The Performance 1969

40 Jahre spaeter finde ich  etwa 4000 Schwarzweiss-Aufnahmen von Bali 1969 in meinen Schubladen. 
Anstatt nur Einzelbilder auszuwaehlen, wie es sich fuer rechte Photographen geziehmt, werde ich hier ganze Sequenzen zeigen, von der Filmrolle herunter, ohne viel Selektion, in der Reihenfolge der Aufnahmen meist. (Musik von Philip Glass) Hier erstmal die vielen abendlichen Taenze in den Doerfern die ich besucht habe. Kein Tourist hat diese Auffuehrungen gesehen ... Bali intern.

Looking through my archive now, 40 years later, I found over 4000 black and white images taken in 1969. 
Normally photographers go through a deliberate editing process to single out a single image to incapsulate an encounter with live. I now feel different : I rather share 'the entire take', meaning I leave almost all images in the sequence of exposers on a roll of film as they were taken then. 

Saturday, March 21, 2009

First Layouts Bali '69


Ein Kleinod aus einer anderen Schublade meiner Erinnerung: Das erste Layout des Bali Guides, und damit auch der erste Insight Guide oder Apa Guide, im Hotel Zimmer des Bali Beach Hotels in Sanur 1969 zusammengebaut; "Blindtext" aus irgend einem Katalog geschnitten, auf Kunstdruckpapier geklebt, als Zikzakfalz gefalted, die Bilder vom Dia auf die Wand projektiert und von Hand nachgezeichnet ... und damit dann immer wieder zur Presentation an das Hotelmanagement, zum Governeur Bali's, zum Gremium der Berater ... und auch noch zu den Deligierten der 'World Bank' die das Strassennetz Bali's finanzieren wollen.


Tuesday, March 17, 2009

Todsicher


25. 3. 69


Liebe Mutter,

Managerdasein ist so schön und so richtig Kacke in einem.

Ich durchstreife jeden Winkel Balis, mache zusammen mit Werner die Fotografien für unser Guide-Buch, dessen Umfang sich langsam auf 160 Seiten vergrössert hat. Es gibt kaum ein Nest auf Bali, zu dem ich nicht inzwischen mit einem grossen 4-wheel Spezialjeep vorgedrungen bin.

Fast täglich sind wir unterwegs, ab morgens 5 Uhr, wenn das erste Licht gerade durch die Kampongs leuchtet und die grossen Vulkanbrocken am Horizont stehen. Ich dachte ja immer, ich wäre inzwischen so was wie ein Bali-Spezialist gewesen, aber fast täglich gibt’s Neues zu entdecken und zu erleben. Nebenbei noch die ganze Arbeit an der Gestaltung und Zusammenstellung am Buch, mit all dem Drum und Dran. Ich falle jedes Mal wie ein Sack ins Bett und entschlafe selig, um mich am andern Morgen dann zu ärgern, dass fast nichts so klappt, wie ich es organisiert habe.

Bali ist so einzigartig, jedoch etwas zu organisieren und zu managen ist doppelt so schwierig, als man es sich bei uns unter den ungünstigsten Voraussetzungen vorstellen kann. Umso glücklicher werde ich aber sein, wenn das Buch erst mal daliegt und einigermassen so aussieht, wie ich es von Anfang an versuche. Dass es dabei kaum zu den wöchentlichen Briefen an Dich hinhaut, musst Du verstehen, und es liegt eben an meiner vielen Arbeit.

Um Dich ein wenig aufzumuntern, will ich Dir jetzt schon verraten, dass Werer und ich ganz fest damit rechnen, noch in diesem Jahr für etwa zwei Monate nach Deutschland zu kommen. Das ist jedoch noch kein Versprechen, nur ein „fast-Versprechen“, aber wie unsere Pläne hier laufen und die Dinge liegen, ist es "fast todsicher".

Wie sich die Lage verändert hat und sich fast täglich noch weiter verändert, ist kaum zu glauben, und ich werde mehr und mehr verrückt über die Zusammenhänge.

Dass ich einige geschäftliche Begabungen habe, ist so was wie ein Neuentdeckung des letzten halben Jahres. Die Fotokopie des Vertrages, den Du für mich gut aufheben musst, beinhaltet nichts anderes, als dass ich im Laufe der nächsten drei bis vier Jahre allein am Guide-Buch ein festes Einkommen von etwa 40.000 DM haben werde. Der Verdienst meines Guide-Buches wird nach langem Ringen also mit mir als einziger Privatperson, im Geschäft mit der wahnsinnigen Intercontinental Hotelkompanie prozentual geteilt: 10 % des Reinverdienstes geht dann auf mein neues Konto bei der First-National-City-Bank in New York, nebenher gehen weitere 15 % aller Druckkosten auf das selbe Konto. Hast Du Töne?

Dazu kommt etwas, was mich mehr und mehr nervös macht, dass das nicht das einzige Guide-Buch bleiben wird. "Todsicher" werden schon jetzt einige andere Guide-Bücher geplant. Da waren schon so Besprechungen über ein Buch über Java, Nepal, Ceylon und Kenya. Mutter, wenn das alles wirklich so hinhaut, wie es aussieht, so musst Du Dich ganz gewaltig wegen Deinem Söhnlein festhalten. Ein Guide-Buch, in meiner neuen Art gestaltet, gibt es unser aller Wissen nach (unser, das sind so ganz gewiefte Füchse von PanAm und Intercontinental) noch nirgends. Und das Neue, was es ebenfalls noch nicht gab, ist, dass ein Hotel der Herausgeber ist, nicht irgendein Verlag.

Wie mein Buch aussieht, wirst Du ja dann sehen, wenn es fertig wird. Die Grundidee des ganzen business ist, dass ein Reisender um die Erde, nach Besuch sämtlicher Intercontinental Hotels, eine Art Welt-Reiseführer von jedem Platz erhält. Ganz einfach also, meine schöne, liebe und wer weiss, einträgliche Idee. Anstatt Bibel im Hotelzimmer, ein schönes Guide-Buch des Landes, wo man sich gerade befindet.

Das Bali-Guide-Buch ist also „vielleicht“ nur ein Anfang. Stell Dir vor, reisen auf diese Art und Weise, mit Geld verdienen, fotografieren, Grafik machen und Länder kennen lernen verbinden. Wenn’s hinhaut, bin ich wieder mal der glücklichste aller Zeitgenossen.

Natürlich bist Du ja gottseidank skeptischer mit Dingen, die noch nicht feststehen, und Du bremsest mich hoffentlich in meiner bebenden Erwartung, aber der Vertrag, der hier beiliegt, ist doch schon immerhin was, oder nicht? Ich mach halt weiter in meinem Unfug, und wer weiss ...

So, so ganz nebenbei hab ich gleich wieder was zusammen mit Werner und einigen „Geschäftsfreunden“ hier gedreht, was auch wie "todsicher" ist:

Werner und ich haben in der Tasche: eine Konzession als alleiniger Scooterservice für Bali ! “ Einen schönen Brief von der Generalvertretung für Lambrettascooter (Motorroller) in Indonesien. Halt Dich mal gleich wieder fest, ich erzähl Dir genau die Geschichte.

Mehr so ganz nebenbei habe ich damals in Jakarta gehört, dass Lambretta eine schöne Werbebroschüre für Indonesien plant. Da haben wir gleich die Köpfe zusammengesteckt und getuschelt, und raus kam dann das: Werner und ich gestalten diese Broschüre mit Fotos, die wir hier in Bali machen werden. Anstatt Bezahlung in Dollars: Wir errichten und organisieren hier in Bali und gleich in diesem Hotel hier einen eigenen Motorroller-Service mit anfangs 15 Motorrollern !

Das Honorar für den Prospekt wird verrechnet. Abbezahlung der Motorroller, die wir natürlich ganz günstig beziehen, über zwei Jahre hinweg. Hier in Bali gibt es so was wie einen organisierten Motorroller-Service noch nicht, und wir werden mit der Herausgabe des Guide-Buches und zur Eröffnung des Internationalen Flughafens hier in Bali beginnen. Alles orange-gelbe Lambrettas, so wie bei uns die Postfarbe. Lustig, was?

Hier in Bali wird ja mit harten Dollars bezahlt und gerechnet, da die meisten Gäste Amis sind. Folgende Rechnung, falls es Dich so ein wenig interessiert. 15 Roller. Davon laufen garantiert täglich, da keinerlei Konkurrenz weit und breit, deren zehn. Einkommen pro Tag 50 Dollar. Ja. Das macht in 30 Tagen wie viel? Murmelmurmelmurmel: 1500 Dollar, nicht wahr. Danach bleiben nach Abzügen von Versicherungen und Gehaltskosten für unsere Manager, Werkstatt mit zwei Monteuren und Rückzahlung der Scooter sagen wir mal 7 -– 800 Dollar für Werner und für mich, so ganz nebenbei, da wir ja nur organisieren, einrichten, besitzen, die Arbeit lassen wir, wie es sich für Erzkapitalisten gehört, von anderen machen, die für hiesige Verhältnisse ein Spitzengehalt bekommen werden.

So, das so nebenbei, alles wieder unter dem Siegel von todsicher.

Nächste Woche fliegt Dein Söhnlein wieder mal für zwei Tage nach Jakarta und legt die letzten Einzelheiten fest. Aus nichts mach Gold, Dein Kobolt. Übrigens flieg ich natürlich frei, nicht wahr, da ich im Augenblick mit Garuda, Indonesian Airlines, wegen eines Werbevorhabens in Verhandlung stehe.

Das ist wiederum jene todsichere Sache, bei der für Werner und mich oben erwähnter Freiflug >Bali – Amsterdam – Bali so ganz nebenbei herausschaut. Die fliegen ja sowieso ein paar Mal die Woche und meistens halbleer, da kommt’s auf uns Glückspilze schon gar nicht an, oder was meinst Du?

Ich könnte Dir da noch so einiges erzählen, aber Schluss jetzt mit der Angeberei, es ist sowieso schon so ein komischer Geschäftsbrief, aber was meinst Du, wie ich in Stimmung bin, wenn ich mir vorstelle, für zwei Monate in Deutschland herumzukurven und die Henny an mich zu drücken; mir wird’s ganz elendiglich wohl ums Herz, wenn ich nur dran denke.

Bei allen Tricks und Tipps, die mir so im Kopf rumschwirren, steht das an aller-, aller-, alleroberster Stelle, ebenfalls bei Werner.

Unser Gerd, dieser Idiot, ist von Singapore aus in einem Anflug von Trotteligkeit direkt nach Sidney geflogen ! Als wir vor zwei Tagen die Botschaft von dort bekamen, hat’s uns schier verrissen vor Schreck. Der Kerl gab uns überhaupt nicht die Möglichkeit, ihn mal richtig darüber zu informieren, was hier alles läuft und wie dringend wir ihn hier benötigen. Den Brief hättest Du mal lesen sollen, den wir ihm gestern geschrieben haben. Dabei hätte er unsere balinesische Batikfabrik einrichten und organisieren sollen . Äh, äh, aber davon dann etwas später ...

Übrigens werde ich so schnell Millionär, dass Werner und ich übereinkamen, ganz kommunistisch zu sein und alles zu dritt zu teilen und zu tragen, damit wir alle drei dann Millionäre sein werden, bevor wir 35 sind, natürlich, denn dann wollen wir nur noch durch die Welt reisen und Fotobücher produzieren und Weiber nehmen und Kinder kriegen und, na, weißt Du da noch was?

Ich sehe ein, liebe Mutter, ich sehe ein. So einen Brief sollte man gar nicht erst anfangen, da muss man ja nur verwirren. Aber hallo, ich bin’s, wenn auch total grössenwahnsinnig. Aber stell Dir doch mal vor, was für ein Witz, alles.

Für das Guide-Buch habe ich so was wie einen Tourist-Development-Plan erarbeited und dem Government hier vorgelegt. (Das ist in Krefelder Platt, wiemanwattwoambestenerreichenkünt) Schön geheftet und ordentlich untergliedert. Na, datt ham die dann als Grundlage zu einer Unterhandlung am grünen Tisch mit der World Bank zur Finanzierung des Bali-Strassennetzes benutzt !

Und watt läuft? Bali kriegt die Strassen sagt man mir, wenn’s auch noch ein paar Tage dauert. Nach meinem Plan! Da soll man nicht grössenwahnsinnig werden!

Jetzt hab ich mir selber auf die Finger geschlagen und will mal normal reden :

Am meisten hat mich ja gefreut, dass mein Gisela-Schatz Dich in Krefeld von Frankfurt aus angerufen hat. So ein tolles Frauenzimmer ist das! Was hat sie denn alles erzählt? Ich konnte sie so richtig mit meiner Bali-Stimmung anstecken. Gar nicht so schwer, übrigens. Fahr mal bei Vollmond hier mit ‚nem Motorroller an den Reisfeldern entlang, und komm mal ganz zufällig an einem Tempelfest vorbei, wo’s wie Glocken klingt, nur tausendmal schöner, wo Leute zusammensitzen, wie bei uns in der Kirche, nur tausendmal gelöster, wo Masken tanzen und Kapriolen schlagen wie bei uns zum (Allmächtiger!) Karneval, nur tausendmal öfter und wie nebenbei, weil tausendmal daneben der Schattenspieler röhrt und tausend Witze macht, die ganze Nacht lang, wie bei uns der Kuli im Fernsehn, nur tausendmal schwarzweisser, natürlich. Habt Ihr eigentlich jetzt auch schon Farbfernsehen?

Also, da muss eins her, wenn ich zurück bin, weil ich dann jeden Abend mit einer ganz eigentümlichen Ausdauer vor dem Fernseher hocken werde, nachdem ich aus dem Kino komme und Bärgä, Bärgä, ganze Bärgä von Käsekuchen verschlingen werde.

Dein Bericht vom Winter, hier in Bali gelesen, bekommt so eine eigenartige Bedeutung aus einem deutschen Tausendundeine Nacht. Ich träum dann gleich, wie ich total besoffen unter einer Laterne stehe, es raschelt so unhörbar, wenn der Schnee runterrieselt, und dann sind’s plötzlich tausend Moskitos und Falter, die um eine Bali-Beach-Hotel-Lampe flattern. Wintern möcht ich schon auch gern mal wieder !

-- Oh je, so geht’s. Einmal vom Schreiben weggeholt, komme ich gleich ein paar Tage nicht mehr dazu. Jetzt will ich mich aber beeilen, dass dieser Brief noch heute abgeht.

Inzwischen war hier in meinem Zimmer totale Unordnung. Ich hatte die Handwerker, die ein Loch in der Aircondition reparieren mussten. Das ganze Zimmer stand nach einem Regenguss unter Wasser.

Sei mir bitte nicht böse, aber ich kann in dieser Unordnung Deinen letzten Brief gar nicht mehr auffinden.

Deshalb und weil schon wieder das Telefon scheppert, breche ich diesen Brief eher ab, als dass ich ihn beende.

Tausend Küsse und viel Liebe sende ich Dir aber trotzdem und vertröste Dich auf die nächsten Tage, wenn es sich mal für eine Weile beruhigen sollte.

Grüsse alle, ährlich!!

Dein Managersohn
Hans




Heb bitte den Vertrag hier gut auf. Bis bald.


Hotel Bali Beach
an Inter-Continal Hotel
Sanur, Bali, Indonesia

Executive Office, February 17, 1969


AGREEMENT


Siegfried Beil, General Manager of and in this case acting for and on behalf of Hotel Bali Beach, Sanur, Bali, hereinafter referred to as First Party.

Hans Hoefer, Graphic Designer, residing at 415 Krefeld, Louisen Str. 80, West Germany, hereinafter referred to as Second Party.

Whereas First Party wishes to publish a Tourist Guide Book for the island of Bali and whereas Second Party is desirous to produce said book.

This day, the SEVENTEENTH of FEBRUARY, NINETEEN HUNDRED SIXTY NINE, have agreed on the following:

1. Second Party agrees to design a Bali Tourist Guide Book and to coordinate under the supervision of First Party the work of the writer and the printer.

2. First Party agrees to provide the Second Party with full board and lodging the same as provided to Hotel Bali Beach foreign staff department heads until the completion of the book.

3. Second Party shall not publish the subject book through any other channel except through Hotel. (First Party)

4. First Party will maintain a separate set of records and profit and loss account for the book. Income from sale of books and advertising spaces will be credited to the P & L account. All costs incurred will be charged to the P & L account. These costs will include, but not necessarily be limited to the following:

a) The cost of printing the book
b) The expenses for the board and lodging and honorarium of the writer.
c) The expenses for the board and lodging of the Second Party.
d) Travel to abroad expenses of either First or Second Party in connection with the book.
e) Salaries and related expenses of that portion of time First Party personnel spent on the book.
f) Local transportation expenses, sightseeing, and dance performances arranged in connection with the production of the book Films and photographs expenses.

5. Second Party agrees that First Party deduct and retain from the income the interest on the investment to be calculated as follows:
Cash investment at 2.08 % interest depending on return of investment.

6. First Party agrees to submit to Second Party a semi annual P & L Statement commencing December 31, 1969. As and if the semi annual balance i.e. income exceeds expenses First Party will pay ten percent of net profit into the Bank account of Second Party.

7. Second Party agrees to release First Party from any and all claims pertaining to the book after 100.000 copies of the book are distributed and the 10 percent of the net profit received.

8. 50 % of Second Party’s salary of US $ 1200,-, to be written off against production cost of First issue, the other 50 % to be deducted from 10 % net profit due to Second Party, over a period of 3 years in 6 equal instalments starting December 31, 1968.


Second Party First Party


Hans Hoefer Hotel Bali Beach
Graphic Designer S. Beil
General Manager

Monday, January 26, 2009

One day in February


One day in February, Manfred Vogelsaenger loans me his Hasselblad for a day , from Kuta to Kintamani

Sunday, January 25, 2009

Januar 1969 - "es wird schon schief gehen..."



Hotel BALI Beach

15.1.1969



Liebe Mutter!


Gerade habe ich Deinen lieben Sylvesterbrief erhalten. Irgendetwas ist da ganz schief gelaufen mit meiner Weihnachtspost. Einige Tage vor Weihnachten, normalerweise rechtzeitig, habe ich etwa 20 Briefe an alle Verwandten und Bekannten losgelassen. Alles also liebe Zeilen auf meiner Weihnachtskarte mit der Schattenspielfigur. Ein langer Weihnachtsbrief ging ebenfalls vor Weihnachten an Dich, Heri, Helga und Harald zusammen ab. Ich weiss nicht mehr genau, wieviel Seiten, aber ganz schön lang. Darin erklärte ich auch alles mit den Bildern, die ich etwas später abschickte. Wo die ganze Post steckt, ist mir schleierhaft und ich kann gewaltig darüber fluchen, das Porto alleine war alles zusammen über 50,- DM. Vielleicht hat einer die Briefmarken geklaut ... Falls die Briefe nicht irgendwann doch noch inzwischen eingetrudelt sind, sei so lieb und unterrichte alle, was passiert ist. 


So, doch ganz kurz zu mir und was ich so treibe. Mutter, da sitzt man fast ein Jahr lang auf nem Dorf und dann kommen Sachen auf mich zu, die sind einfach ganz unbegreiflich! Das Buch ist langsam im Entstehen und es verspricht was ganz tolles zu werden. Ich bin weiterhin "grosser Boss" hier und führe ein Leben, wie noch nie ... unter ganz anderen Vorzeichen. 


Ich habe inzwischen auch noch Angebote, an verschiedenen Stellen einen dicken Arbeitsposten zu bekommen :


Djakarta (Artdirektor und Produktion-Manager einer Werbe-Agentur)


London (Artdirektor bei einem Verlag für Reiseprospekte und Guide-Bücher)


Neu-Seeland (Artdirektor einer Werbeagentur)


Bangkok (Thai-International Werbeabteilung, Fluggesellschaft)


Die Angebote sind so, dass ich alle Mühe habe, nicht überzuschnappen. Da werden Summen von 500 – 1000 Dollar (2 – 4 Tausend Mark) im Monat genannt und alles ist so unglaublich, dass ich kaum wage, Dir etwas davon zu schreiben. Das beste Angebot kommt von Djakarta von einem einheimischen Chinesen. Der will mich, Werner und Gerd gleich alle drei in seine Firma aufnehmen und uns an der Firma beteiligen. (Er hat Kunden wie First National City Bank, Garuda Airlines, Bayer, Siemens, usw.)


Trotz diesem Trubel bleibe ich den Umständen entsprechend ruhig und konzentriere mich ganz auf mein Buch, das etwa 140 Seiten lang (!) und ein ganz verrücktes Guide-Buch sein wird.


Am Ende des Monats fliege ich von hier nach Djakarta, dann nach Singapore, von dort nach Bangkok, danach wieder zurück nach Singapore, Djakarta und nach hier. Dazwischen Konferenzen und Besprechungen im Duft der grossen weiten Welt. Zum Kotzen.



Es ist zum Platzen, das alles. Ich will nichts versprechen, aber es kann durchaus passieren, dass man sich irgendwo noch ein wenig wundern wird. 

Sei nicht traurig über die grosse Eile, in der ich erzähle, wenn ich erst mal etwas mehr zur Ruhe komme, erzähle ich mehr und ausführlich.


Sei ganz innig umarmt und geküsst von Deinem


Managersöhnlein




 

Hotel BALI Beach

27.02.69


Liebe Mutter,


Ich hoffe, dass Du nicht beunruhigt bist, dass ich so lange habe nichts von mir hören lassen. Menschmeier, wenn Du sehen würdest, was ich alles mache, mit womit ich mich beschäftigen muss! So ein ganzes Guide-Buch von 150 Seiten zusammenstellen ist schon sowas. Ich muss tausend Sachen bedenken, hinten und vorne zusammentragen, nachfragen, rückfragen, vorplanen und so weiter und es nimmt kein Ende. Ich hoffe nur, dass sich alles auch lohnt und es ein richtig liebes Buch gibt am Schluss. Dass ich da so richtig drinstecke und kaum noch an etwas anderes denke, kannst Du sicher verstehen. Dazu kommt das Hotelleben, man lernt tausend Leute kennen und nette Mädchen und alles, und dann wieder neue und so weiter.


Die Leute hier im Hotel, ich meine die Angestellten, die Direktoren der verschiedenen Abteilungen hinunter die Karriereleiter bis zum Koch, alle leben und streben "genau wie in Deutschland", eine verpflanzte Kolonie von Schildbürgern. Es ist schwierig, mit ihnen auf einen anderen Zweig als auf den untersten zu gelangen. Es reicht gerade mal zu einer inhaltslosen Konversation.  Ich gehöre wohl zu den "verdächtigen" Personen, die ein wenig stören weil sie nicht richtig reinpassen. Die Balinesen bedeuten fuer die nicht mehr als eine Gruppe von Halbaffen, die „noch nicht mal mit Messer und Gabel essen können.“ 


Nun gut, glaube nicht, dass ich darüber sauer bin, ganz im Gegenteil, ich bin weiter auf meinem Beobachtungsposten und habe meinen Spass. Gottseidank bin ich ja auch nicht alleine, da ist Werner, der jetzt gleich um die Ecke wohnt und Serge, ein lustiger Franzose, der hier ein Restaurant hat und einige einheimische Maler. So kann ich mich, wenn immer ich will, diesem Gelaber hier entziehen und führe ein tolles Leben ausserhalb, voll von Albernheit und guter Laune.


Dieser Einzug ins Hotel ist für mich sowas wie ein Sprung zurück ins andere Leben. Es gibt Verantwortungen und Kompromisse und alles dreht sich und bekommt neue Bedeutung. Es ist mir klar, dass das alles sowas wie ein Vorgeschmack einer Rückkehr in die sogenannte westliche Zivilisation bedeutet, der ich mich gewaltig entfremdet habe.


Sicher ruft Dich demnächst mal ein liebes Frauchen an, die Stewardess bei Pan Am ist und Giesela M. heisst. Sie war hier in Bali mit mir für eine Woche verheiratet und ich war wie schon lange nicht mehr, so verliebt. Ihre Eltern wohnen in Velbert und sie hupft immer so in der Welt herum und vielleicht ruft sie Dich bei so einem Hupfer aus Frankfurt mal an. Hoffentlich hupft sie bald zurueck zu mir.


Dass ich hier so wahnsinnig eingespannt bin, ist auch der Grund, dass ich nicht ausführlicher auf Deine letzten Briefe eingegangen bin. Sei nicht böse, aber ich bin wirklich ein berufstätiger Grafiker und wie gesagt,  jeder Tag ist ein überlaufender Eimer von Ereignissen.  Deine Briefe habe ich alle bekommen und ich bitte Dich ganz herzlich weiter ausführlich zu schreiben, da ich doch genau wissen muss, was Ihr so macht. Warum schreibst Du mir denn nicht ausführlich, warum Du so sorgenvoll nach Marburg zur Helga gehst. Was ist denn los? Ich bin schliesslich auf meine Art und Weise durchaus erwachsen und ausserdem immer noch ein Mitglied der Familie ... 


Hat das mit dem Verteilen meiner Bilder richtig hingehauen? Ich hab so das Gefühl bekommen, dass Du Dir nicht, wie ich es haben wollte, als Erster die Bilder herausagesucht hast, sondern lieb wie Du bist, gewartet hast, was so übrigbleibt! Wie ich es auch anstelle, irgendwie läuft es doch nicht so, wie es soll. Auch die Reihenfolge war mir wichtig und das Onkel Otto sich als einer der ersten was ausgesucht hat, war durchaus nicht in meinem Sinne, er hat immerhin schon einige Sachen vorher von mir bekommen, dagegen hatte Rolf noch immer nichts rechtes!


Also der Rolf. Ich weiss überhaupt nicht, was ich da anfangen soll. Der Junge scheint mir dermassen verschlossen zu sein, dass ich ihm am liebsten von hier aus einen in den Hintern treten möchte. Stell Dir vor, in einer Stadtwohnung, total verheiratet, mit Garten und Rosen beschneiden und zur innersten Freude auch noch ein Aquarium. Bitte, wenn das der Inhalt des Lebens sein soll ? Ich lass mir dazu noch ein wenig Zeit.


Natürlich bin ich da sehr ungerecht, ich weiss, ich weiss, ich kenne die Argumente genügend, und die Manager hier im Hotel leben selbst in Bali nicht viel anders ...  Aber ich werde es den Spinnen der Langeweile nicht so einfach machen, mich mit ihrem klebrigen Leim einzuhüllen.“ (tja, ganz schön poetisch!)


Dass es auch in Deutschland etwas anders geht, dazu scheint mir Frank ein Beispiel zu sein, wenn er das, was er mir schreibt, auch wirklich lebt und erlebt. Mensch, was das gut tut, von ihm einen Brief zu erhalten. Und was für eine Schweinerei der durchmachen muss, da kann einem wirklich ganz elendig werden.


Ich weiss wirklich nicht, was dieser 20. Mai 1943 für ein Tag war, ob ich unter einem so günstigen Stern geboren wurde oder ob ich einen Engel habe, oder einfach Glück, oder sonst noch rätselhafteres, oder ob ich mal ganz grosses Pech haben werde oder was weiss ich. Ich steh immer mal wieder so neben mir und betrachte mich, alles dran, alles drum, alles drin, ein richtig glücklicher Schwabe in Bali oder hier oder dort und schüttle nur so den Kopf, was ein Leben ich habe.


Oder: bin ich wirklich ein elender Egoist, setze mich über alles "Wichtige" einfach hinweg, ohne Rücksicht auf Verluste, kümmere mich um niemanden und nichts, keine Moral, kein Ziel, kein Sinn? Findest Du, selbst wenn Du es nie sagst, es aber auch nie verwirfst, dass das was ich mache, einfach unmoralisch ist? In Haralds letztem Brief klingt das durch ...


Muss ich irgendwann einmal von einem von Euch hören, vielleicht lange nachdem ich zurück bin, dass das was ich erlebte, mir eigentlich gar nicht zugestanden hätte, weil... ? 

 

Es gibt immer zwei Möglichkeiten, eine davon muss man wählen. 


Übrigens, gibt es auch zweierlei Menschen, solche die ihre Zunge zusammenrollen können, so :  <@> , und solche die sie nicht zusammenrollen können, so :    !  (Übrigens habe ich nach eingehender Forschung herausgefunden, dass die Zungenroller dominierend in der Erbfolge sind. Irgendwann werden also die Nichtzungenroller aussterben, wie schade!)

Frage bitte Helga und Harald, ob sie ihre Zunge zusammenrollen können oder nicht. Ich bin wahnsinnig daran interessiert! Es ist mir bis jetzt auch noch kein Fall bekannt, dass ein Zungenroller die Fähigkeit einmal verloren haben sollte und zum Nichtzungenroller wurde. Bekannte Zungenroller waren: Caesar, Marcus Aurelius, Wotan, Cleopatra, Xerxes, Huss, alle Fugger, Heinrich IV, Schiller, Adolf Hitler und Hans Höfer; Nichtzungenroller: Brutus, Spartacus, Hagen, Artaxerxes, Martin Luther, Goethe, Heinrich Lübke und mein Freund Werner Hahn. Womit ich meinen tiefgehenden Gedankenfeldzug oben auf meine Art wieder mal zum Abschluss gebracht habe.


Es gibt weiterhin wenig Neues, was meine Millionärslaufbahn betrifft. Erst mal mache ich diesen Reiseführer hier fertig und dann wird es schon weitergehen, gell. Soooo viele Ideen und Möglichkeiten, wie sich im Augenblick abzeichnen, gibt es gar nicht, eine davon wird schon schiefgehen. 


„Es wird schon schiefgehen“ habe ich als Sprichwort übrigens in noch keiner anderen Sprache wiedergefunden, ich forsche aber auch in dieser Sache noch weiter. In etwa 28 Jahren plane ich, darüber ein Buch zu veröffentlichen, vielleicht aber schon in 22 Jahren. 


Das wird ganz am Wetter liegen.


Dass Volker nach hier kommen will, habe ich mir irgendwo schon gedacht und mal sehen, wie lange es dauert und wie es wird. Er schrieb mir ganz kurz und bündig, dass er keine Lust mehr an Deutschland hat. Sowas. Nun, da hat er ja einiges vor sich. Am liebsten würde ich zurückfliegen und mit ihm zusammen dann zu Fuss nach hier laufen. Ha, was ein Spass!  Was macht denn der Christoff Röhm?


Leider scheinen wir beide etwas andere Vorstellungen über feudale Hotels zu haben. Sorge Dich nicht : Ich finde das Hotel Bali Beach hier hässlich und ich würde niemals dort Urlaub machen. Es ist ein Bau mit ganz komisch langweiliger Atmosphäre und es ist mir daher auf keinen Fall auf die Dauer zu „feudal“. Es ist kaum mehr als eine Wohnung mit Klimaanlage und Radio.


Aber es wäre doch was ganz tolles, Dich hier für eine Zeit zu haben ! Mein Bali-Haus wäre für Dich sicher nichts für länger ... Die Chancen, dass das irgendwie klappt, sind auch nicht zu klein, aber es liegt an so vielem. Vielleicht kann ich einige Werbefotos an eine Fluggesellschaft verkaufen und dafür eine Urlaubsreise herausschlagen. Aber, wie gesagt, solche Pläne sind halt Pläne und kaum mehr. 


So, das war mal wieder ein richtiger Schwätzerle-Brief. Heute wurde ein Lunch-Meeting, das ist ein Geschäftsessen mit einigen wichtigen Menschen abgesagt und daher hab ich gleich die Zeit für diesen Brief genutzt. 



Für heute tausend Küsse und Grüsse in die Runde


Dein Sohn


Thursday, November 20, 2008

Advent - Advent


Hotel Bali Beach, 4.12.68


Liebe Mutter,

Also jetzt das ganze lieber noch mal in Klarschrift der Reihe nach :

Meine schwache Finanzbalilage im Oktober schlug sich mir etwas ins Gehirn, und ich kam zu dem Schluss, nachdem ich schon fast eine Woche lang auf ein paar Märkern lag, es muss mal wieder was passieren. Lebenskampf im Paradies. (Ich muss Dich also vorneweg gleich beruhigen, gehungert hab ich nicht, rauchen tat ich ständig, war gut gelaunt, geradezu aufreizend albern zu mir selber.)
Da tat’s dann nach so einem albernen Moment einen Schlag im Gehirn, und ich hatte wieder „ne Idee“. Bei Han Snel, das ist ein holländischer Maler, der schon seit ewigen Zeiten hier in Bali nistet, stand irgendwo in seiner Atelierecke eine vergammelte Handdruckpresse, die ich bald repariert hatte und die zu unserem gemeinsamen Staunen plötzlich wieder druckte. Jut, aber was drucken? Da gedachte ich dieser wunderschönen Schattenspielfiguren; wenn sie schon so schöne Schatten auf eine Leinwand zauberten, warum sollten sie dann nicht mal zur Abwechslung Druckfarbe auf Reispapier werfen? Sie taten’s dann gleich eine Woche lang von morgens bis abends bei 37° im Raum.




Die June, meine zeitweilige Eva und Kumpel aus Australien, betätigte sich als Verkaufsmanager, und da sie eine umsatzsteigernde Figur hat, kam der Absatz gleich ins Rollen. Hier kam gerade genügend heraus, um uns beide – das Kindchen war auch ganz pleite – am Leben und am Lachen zu halten. Der Verkaufsschlager jedoch ist in Australien, wohin meine handgedruckten Schattenfiguren flogen. Das verspricht mich vom elenden Verkauf meiner Wasserfarbenbildchen an Touristen unabhängig zu machen.

Da waren also Druckfarben zu bezahlen, Papiere und so weiter. Was vorerst übrig blieb, waren die Kröten zum einfachen ländlichen Leben, wie ich es in Ubud, June in Sanur in ihrem kleinen Fischerhaus direkt am Strand und manchmal, hier oder dort auch mal zusammen führten. (Yvonne Liebes, die schöne Italienerin, war ja inzwischen wieder abgereist, tränend, aber was soll’s, ich seh Dich ja in Australien wieder, Du Seemannslos)

Weihnachtskarten, 500 weitere Handdrucke, wie Du inzwischen schon einen hast, habe ich dann hergestellt im Schweisse meiner Brusthaare. Wieder das knappe Spielchen, Druckfarbe, Papier und Kosten (dreimal durfte ich bei meiner Ibu Rai umsonst essen!), und dann waren gleich wieder 100 Mark da, durch den verwegenen Verkaufsstil meiner Sekretärin und Verkaufsleiterin. Wir assen zur Feier des Tages gleich doppelte Portionen Reis.

June, mit sämtlichen Miniröcken und eng anliegenden Hosen, samt 300 Weihnachtskarten, zog nach Djakarta, um die Botschaften abzugrasen und Karten zu verkaufen, da das Geld aus Australien vom Kartenexport natürlich auf sich warten lässt. Uff, wieder sass ich auf jenen letzten paar Märkern.

Aber jetzt kam mein ganz grosser Vorstoss: Nach oben zum Top-Manager vom Wahnsinnshotel Bali-Beach in Sanur am Meer. So eins eben, wie es sich gar keiner von unserer Familie unter normalen Umständen leisten kann, ausser mir natürlich (ein Tag Vollpension 120,- DM, stell Dir das vor, mit 1200 Angestellten, die dauernd so in glitzernden Uniformen durch die Gegend schleichen.)

Stell Dir jetzt bitte mal Deinen Unsinnssohn vor : Seit genau 5 Monaten nicht mehr beim Frisör, hahahaha, wild und verwegen, in geliehenem weissem Hemd, etwas eng, vom Han Snel geliehen, in hellen Jeans, die Du ja noch kennst und ausgetretenen Latschen, aber, aber, aber dat jute Argument auf den Lippen.

Ha, ha. Was ein Leben, was ein Spiel ! Ich platze !

Erste Konferenz. Herren in skeptischen Anzügen, nickend, denn, und das war meine allerbeste Seite, ich hatte ja recht : Es muss was geschehen in Bali, meine Herren, sonst gibt es nur noch Ärger mit den Touristen ...

Einige Tage später zweite Konferenz, jedes Mal bei 10 $ Essen, pro Person und ich keinen Knopf in der Tasche. Alles, was ich hatte, war auf meinen Lippen und in meiner ansteckend albernen Laune. Es galt, mich gleich so teuer wie möglich zu verkaufen. Meine Forderungen standen hart gegen die von mir selbst aufgezählten Notwendigkeiten: es wurde gefeilscht. Nun, ich gab etwas nach, natürlich, und was herauskam, war folgendes:

Für 2400 Mark entwerfe ich nun einen Reiseführer für Bali, arbeite mit einem noch gar nicht existierenden Texter zusammen, habe, da ich weit und breit der einzige Fachmann in Druckangelegenheiten bin, den ganzen Laden unter mir, bin eigentlich nur einem Arbeitsteam von „hiesigen Freunden des Hotels“ verantwortlich, übernehme den ganzen Druckbetrieb, was, gemessen an Deutschland, wirklich ein Kinderspiel ist, denn in Singapore ist eine der besten Druckereien in ganz Asien. Da muss ich natürlich dann auch erstmal hinfliegen !

Was jetzt in dieser Hinsicht noch dazwischenkommen könnte, ist die Tatsache, dass Indonesien ja im Augenblick politisch mit Singapore auf Zankapfel steht. Das wäre ganz schlimm, denn dann müsste ich bis Tokio oder Hongkong! (Komm bitte nicht ins Schleudern!)

So. Da man in einem balinesischen Dorf wie Ubud kaum die Hand auf ein Blatt Papier legen kann, ohne dass es dran klebt, muss ich natürlich einen Arbeitsraum haben. Was lag da näher, als ins Hotel zu ziehen ? Drei Monate also wurden mir zugesichert und ich ziehe sofort ein und um.

Jetzt beschreibe ich erstmal mal so beiläufig, wo ich jetzt sitze und schreibe: Riesenbett mit orangener Decke, grosser Raum, teppichgefedert und ausgelegt, die Luft-Kühlanlage surrt wohl erzogen, aus dem Radio dringt gedämpfte Musik, Einbauschränke und Minimalmöbel (das heisst, der Tisch, der glasige, federt etwas, das muss ich ändern lassen) Badezimmer mit kalt und warm im Hahn. (Gerade wechselt ein hübsch verkleidete Dienerin das Handtuch, das ich erst einmal benutzt habe, macht jetzt das Bett zurecht, die Gute. Mein Apartment (ich weiss schon gar nicht mehr, ob mit einem oder zwei p) liegt zu ebener Erde, etwa 10 Meter vom Nichtschwimmerbecken des (jetzt leert sie meinen Aschenbecher, zzt, zzt) abends gedämpft beleuchteten Swimming Pools, zur Hausbar ist es genau halb so weit wie zum Meer. (Is there anything else, Sir? No, thank you! Excuse me. Gut’s Nächtle) Also, wie gesagt, alles frei für 3 Monate mindest. Man nennt das “good will” des Hotels. Essen besteht immer so aus Truthahn und so. Ach so, einen Wagen mit Chauffeur hab ich auch und Telefon und und und … neben mir selber herlaufend und in yoga-meditiertem Geisteszustand mich selber belächelnd.

Zum Wochenende jedoch geh ich nach Ubud in mein Haus und wenn meine Freunde erst mal wieder zurück sind, (die wissen noch gar nichts), dann wird erst mal gefeiert.

In zwei Wochen ist sone kleine Konferenz des Balinesischen Parlaments, hier im Hotel, und da wird dann mein Vertrag bewilligt oder nicht, sagt man mir. (Wenn nicht, so versichert mir der Herr Generalobermanager Siegfried Beil, dann übernimmt die Intercontinental-Hotelgesellschaft das Buch und mich ... na bitte). Ich bin optimistisch.

So, und jetzt muss ich Dich noch einmal ganz lieb um Verzeihung bitten, dass ich nichts von mir hab hören lassen, aber zum Schreiben kam ich ums Verrecken nicht, zwischen all diesem Theater, so ist es nämlich, das wahnsinnige Leben Deines Sohnes

Hans

Meine neue Adresse für Deine nächsten 486 Briefe
Mr. Hans Hoefer, Hotel Bali Beach, Sanur, Bali, Indonesia, Room Nr. C3


Sanur, Bali, 9.12.68


liebes Mutterle,

also so ein Brief, wie der von Dir gerade, nimmt mir gleich den ganzen Spass an meinem Swimmingpool.

Da muss ich mich doch gleich hinsetzen und Dir mal wieder deine tiefen Muttersorgen nehmen; Gottseidank hast Du inzwischen mein zwei letzten Briefe, hoff ich. Du bist sicher inzwischen auf dem Weg zur Höchstlaune über Deinen Bali Sohn.

Dein Brief, der vor meinem wundersamen Situationswechsel geschrieben wurde, bringt mich wieder zum Grübeln, was ich wieder falsch gemacht habe und das scheint mir wieder so wichtig, was Du wieder falsch gemacht hast…

Sei mir bitte nicht bös, aber ich muss Dir wieder eine kleine Predigt über das Leben halten, obwohl ich weiss, dass es mein ur-eigener Standpunkt ist, und der sich wechseln kann, morgen, nächstes Jahr, in 10, 20, 50 Jahren, und das ist eben diese Zukunft, die Du so wichtig nimmst.

Da hast Du auch gleich den oder einen der Gründe, warum sich meine Briefschulden in der letzten Zeit so gehäuft haben. (Ganz so viele sind es übrigens nicht.) Schau, so ziemlich alle Briefe an mich sind beladen mit Kümmernis, Einsamkeit, politischer Scheisse, und zwischen den Zeilen grinsende Verzweiflung, dass ich sie nicht einfach so im Handumdrehen beantworten will; das sind dann also die Briefe der Leute, die mir was bedeuten, und das sind meist alle, die mir schrieben, von einigem oberflächlichem Mistkram abgesehen.

Beneide mich bitte nicht um air-condition, saukalt ises hier!

Schau, Mutter, meine Auffassung vom Leben ist (noch jottseidank) sehr unterschiedlich von Deiner (leider, leider) und von der der meisten Leute, die ich kenne und vor allem derer, die mir schreiben. Schau, ich tanze abends in meinem leuchtend rot-orangenen Sarong in meinem Garten herum oder über einen schmalen Steg zwischen den gezirkelten Pfützen der Reisfelder; ich taumle wie besoffen vor Seligkeit im Licht der untergehenden Sonne, das es fast an jedem Abend hier in Bali gibt; alles Grün, und das ist fast alles, wird dämonisch, dunkel, von geheimnisvoller Saftigkeit, doch, und das kommt davon, wenn sich die letzte Sonne in den riesigen tiefen Wolken fängt, alles was rot oder gelb oder orange ist, leuchtet wie glühend in der Reflektion des indirekten Sonnenlichtes. Das ist die Haut der Balinesen, mein Sarong, das Tempeltor, die Hibiskusblüten in den Büschen, das ist der Rest der roten Druckfarbe an meinen Händen.

Kannst Du mir jetzt mal sagen, warum ich nicht Sorgen habe, denn ich besitze nichts als 80 Mark Schulden (inzwischen erledigt) an den Han Snel, der mir für die Druckfarbe und für die Karten Geld geliehen hat, eine inzwischen verwaschene blaue Hose, eine helle für offizielle Zwecke, ein wash-and-wear Hemd, blaukariert, mit drei Löchern drin, zwei von glühender Zigarettenasche und eins hinten; da bin ich im Dschungel von Nord-Thailand an einem Dörnchen hängen geblieben. Kannst Du mir mal sagen, warum ich tanze, natürlich nur so ein bisschen, damit die Balinesen nicht zu verrückt von mir denken, aber kapriolenschlagend innen, weil ich, verdammt noch mal, glücklich bin, weil ich mich frei fühle, weil ich, und wenn mich alle dort in Deutschland zerfleischen und mit ihren krummen Fingern drohen, weil ich tue und lasse, was mir Spass macht und mir das Spass macht, was ich tue und lasse. (Ja, als wir jung waren, warte nur, Dir wird das alles noch mal aufstossen, es ist unverantwortlich, so zu leben, denke an die Zukunft, denk an die Vergangenheit, denk, denk, denk), und dann geh’ ich nach Hause, denke, denke, und dann werde ich traurig und sooo melancholisch, ja so melancholisch, gehe vor lauter Melancholie aufs Melanklo. Ich werde noch melancholischer, weil ich heute geliebt werden will, und da ist keiner, die sind alle so wunderlich mit sich selbst beschäftigt, und ich lache über mich selber, denn ich bin ja gerade melancholisch, und das will genossen werden, ich liebe es geradezu, melancholisch zu sein, ich liebe es ja auch, wenn ich nass bin, ich geniesse die Schweissperlen, die mir heute beim Drucken der Schatten-Figuren in die Augen liefen, ich geniesse die Schmerzen in meinen Füssen, und ich geniesse den Regen und alles, alles, und ich lebe. Ich bin sozusagen total schizophren, ich laufe dauernd neben mir her, was ich auch mache, und meine Grundstimmung ist: gar nicht, ich lebe. Das ist, liebe Mutter, total verrückt, kitschig, romantisch schön, heldenhaft, tadelnswürdig und viel blöde Worte mehr. Aber eins ist es bestimmt: es ist wahr.

Natürlich nur heute, nur jetzt, morgen früh wird das zerschmetternde Zeichen kommen oder übermorgen oder, oder in drei Tagen oder in Australien oder, weiss der Teufel. Verstehst Du denn endlich, dass ICH MICH EINEN DRECK DARUM KÜMMERE, WAS AUS MIR MAAAAAAL WIRD ? Natürlich verstehst Du das falsch, denn Du denkst, alles an einer Person ist eins. Recht hast Du, alles zusammen ergibt die Person, aber, und das ist jetzt und die letzten 12 Monate JETZT, dieses ICH, was immer und jederzeit wie durch eine Wundergabe aus mir heraushüpfen kann, gehört dazu!
Liebe Mutter, dieses ICH, das ist auch in Dir. Und noch was, das Herausspringen habe ich gelernt, wodurch, durch mein Leben, durch das, was durch meine sämtlichen Löcher zur Aussenwelt in mich hineingesickert ist, durch Auge, Ohr, Nase, Mund, Geschmack, Gefühl, Tasten, Schmerz und all die tausend anderen Löcher. Mit anderen Worten, ich bin 90 Jahre alt, viel älter als Tante Gertrud und Onkel Rudi - und gleichzeitig noch nicht geboren, denn der erste Lebensschrei ist vielleicht noch gar nicht getan und erfolgt erst dann, wenn mir jemand die Nabelschnur des jetzigen Lebens durchschneidet.

VIELLEICHT, VIELLEICHT, aber das ist ja erst „wirklich“, wenn es JETZT wird. Aber bitte, verzeih, ich freu mich auch darauf.

Liebe Mutter, schau, leider kann ich nicht in Dich hineinspringen, ich kann Dir, und jedem der es hören will, das nur in geschriebenen Worten geben . Ich gebe Dir das zum Lesen, Hören, Verstehen, Lernen oder auch zum Kummer, zum Missverständnis oder zur Einsamkeit. Das alles, wie Du es nimmst, das bist DU, meine Mutter, die mir das Leben gab und die sich jetzt um mich sorgt, dass mich schier die Verzweiflung packt.

Und das alles passiert, während ich gleichzeitig bemerke, dass ich kalte Füsse kriege, wegen der AIR-CONDITION in meinem Zimmer. (Unmensch, der hat überhaupt kein „Gefühl“, wie kann einer an seine kalten Füsse denken, wenn ihn die Verzweiflung packt?)
Ich kann weinen, wenn ich an den blinden Bettler denke in Indien, den sie aus dem Zug geworfen haben, mitten in der Nacht, irgendwo in einem kleinen Bahnhof, weinen, wenn ich zum ersten Mal den besten Maskentänzer Balis sehe, weinen, während ich kalte Füsse habe.

Sag mir, was Leben ist, sag mir, was alles falsch ist an meiner Haltung, sag mir Deine Wahrheit, und sag mir auch bitte, WARUM DU DICH SORGST? Und dann frag Frl. Macke oben nach ihrer Wahrheit, und frag Tante Gertrud und Onkel Rudi, der wohl von allen Verwandten am meisten leidet, weil er sein ganzes Leben lang über sich selbst nachgedacht hat, und da niemand war, der ihm sagte, wie fantastisch es ist, zu leben, zu lieben, zu leiden und kalte Füsse zu haben. Frag Helga und Heri und Onkel Fredy, frag sie, warum sie sich sorgen und worüber, und frag sie auch, was sie glauben und und und ... Und lass sie das bitte mal aufschreiben, Hosen runter, und lass sie mir ihre Wahrheit schicken, ich schreibe am gleichen Tag zurück. Denn ich liebe alle, ich liebe die ganze Welt!

(So was Blödes kann auch bloss DER schreiben, der hat’s gut, der mit seiner Paradiesinsel; in Wirklichkeit träumt der doch nur, der raucht wohl ein bisschen viel oder FRISST ZU SCHARF, der soll erst mal arbeiten, Verantwortung tragen, Kinder haben, was „Vernünftiges“ leisten, Geld verdienen, Existenz aufbauen, der soll mal erst existieren, der soll mich mal, der soll mich, der soll, DER.)

So, jetzt bin ich wieder Sohn. Sei mir nicht böse, wenn ich mich zu sehr aufblättere, ich will alles, nur nicht, dass Du Dich wieder SORGST. Aber schau, wenn ich Deinen Brief lese, dann sehe ich Dich da alleine in der Wohnung sitzen, „Adventsstimmung“ und die Angst vor dem Weihnachtsfest; draussen schifft es natürlich, und die Laterne über der Strassenkreuzung bei Heckmanns spiegelt sich, wenn Du auf die Strasse trittst, vor Dir im Gekringel der Tropfen auf dem Gehweg. Ich will Dir einfach sagen, dass das auch schön sein kann, ja schön ist. Ich muss Dir sagen, dass es keinen Grund gibt, ständig so verzweifelt zu sein. Mach Dir Deine Freude selbst. Warte nicht, bis Dir jemand eine Freude macht. Geh dreimal ins Kino pro Tag, oder schmeiss ne Fensterscheibe ein, oder lies Bücher, oder fahr zum nächsten Folklore-Abend nach Essen, oder demonstriere gegen oder für, kauf Dir Beatle-Platten, oder lerne Englisch oder Alt-Ägyptisch. (Hast Du gerade auch so kalte Füsse? Also, ich geh jetzt mal ins Restaurant nach vorne und esse….ich sag’s Dir gleich:

…also, das war Shrimp Cocktail (Krabbensalat mit köstlicher Sauce drauf und Salatblättchen, kleingeschnibbelt drunter, etwas Zitrone über alles), dann eine deutsche Mutter am Nebentisch, die ihrem Kind sagte „Hände auf den Tisch!“, dann Escalope of Veal Parisienne (Bratkartoffel, Schnitzel in Ei gewälzt und Stangengemüse mit weisser Sauce drumherum, aber auf der Karte hört sich das besser an, nämlich…) sauted potatoes, leeks a la Paysanne, danach ihr Gemahl, der zu mir „guten Abend“ nickt, denn er weiss, dass ich weiss, dass er ein Manager einer Hotel Abteilung hier ist, und ich nicke „guten Abend“, denn ich weiss, dass er weiss, dass ich ein eigenes Ressort, sprich Büro, mit dazugehörigen Requisiten und Zuständigkeiten habe.

Dann ein Schluck Bier zwischendurch und dann das Dessert: Babu au Rhum, (ein Puffgebäck, getränkt in Zuckerwasser, dass es mir den Kragen meines neu massgeschneiderten Hemdes zuzog, darauf Sahne und ein rotes süsses Ding drauf. Darauf sagte der Gemahl zu seinem Kind „put your hand on the table“, denn er erzieht sein Kind gleich in mehreren Sprachen, so ist’s recht, will man meinen. Der Ober ist Balinese, zeichnete sich jedoch ausserdem noch durch ein gekonntes Lächeln und durch knarrende neue Schuhe aus. Zuhause geht er barfuss.

Durch das Essen habe ich natürlich oder gottseidank den Faden zu meinen unverschämten Massregelungen verloren, daher will ich Dir mal schnell beweisen, dass ich eine eigene Schreibmaschine habe, huebsch nicht? Aber eine englische ohne ue. Ich muss natürlich noch etwas üben, aber ich muss sowieso ne hübsche Sekretärin haben, sonst lächeln die anderen Manager noch über mich.

Ich hatte übrigens gar nicht vor, meine Weihnachtskarten in Deutschland zu verkaufen, und ausserdem hab ich’s auch nicht mehr nötig, weil ich im Augenblick so ein grosser Boss geworden bin. Na, ich bin ja mal selber gespannt, was für ein Buch ich aus Bali mache, und dann bekommst Du ein oder gleich drei schöne Exemplare mit Widmung des Art-Directors und Production-Managers und, wie es so aussieht, auch Herausgeber. Und hinten steht dann ganz deutlich zu lesen: Sohn hat’s gemacht. (Freu Dich nicht zu früh, vielleicht regnet’s morgen)

So, jetzt lese ich noch mal Deinen Brief. Wie ich in dem „kalten, nüchternen“ Australien leben werde ? Ausgezeichnet natürlich !

Dass der Walter keine Briefe von mir erhalten hat, liegt hauptsächlich daran, dass ich nicht geschrieben habe. Dass er nach all den schweren Schlägen in seinem Leben jetzt auch noch heiratet, finde ich bedenklich, dass er dabei auch noch glücklich aussieht, hat nichts zu sagen, da er immer glücklich aussieht. Dass er viel arbeitet, unterscheidet ihn die letzten Tage kaum von mir. (Gerade habe ich auf Musik von Lonnie Donnigan im Zimmer auf’m Teppich rumgetanzt, schrumm, schrumm, schrumm). Morgen geh ich in mich.

Dass mein Leben jetzt so unvorstellbar für Dich ist, macht nichts, ist es doch selbst für mich ganz unvorstellbar.

Meine Freunde sind noch nicht zurück, die fallen gleich zur Begrüssung auf den Hintern, und dann werden sie mich gleich furchtbar blamieren wollen. Ich erwarte sie jeden Tag. Die Burschen müsstest Du mal kennen lernen und ihr Leben. Die haben in Kuala Lumpur eine riesige Ausstellung gemacht, die der deutsche Botschafter selber eröffnete. Da wir alle drei wissen, dass die Bilder verhältnismässig Scheisse sind, war ihre Schau ein besonders grosser Erfolg. Leider nicht so arg einträglich, trotz Botschafter.

So, das waren Deine Fragen.

Verzag bitte nicht gleich immer, wenn ich mal zwei Wochen oder zweieinhalb nicht schreibe. Ich habe doch immer das Gefühl, dass ich Dir von dieser Reise wirklich viel geschrieben habe und manchmal sogar lange. Hast Du überhaupt noch Platz in der Wohnung für weiteres Papier? Der nächste Brief wird gleich noch mal so lang. Könntest Du evtl. einen Tonbandbrief zu Weihnachten ohne grosse Heulkrämpfe und Herzattacken überstehen? Ich muss mir das wirklich ernsthaft überlegen. Da ich jetzt Kapitalist bin und bald frei nach Singapore fliege (60 DM Spesen pro Tag, wo ich doch ein Hotelchen kenne für 4 Märker pro Nacht, kann aber auch sein, dass ich dort von der Druckerei rumgehätschelt werde. Der Auftrag beläuft sich etwa um 40.000 DM ) Da läge so ein nettes Tonbandgerät schon drin. Erzähle mir bloss nicht, ich soll mein Geld für die Zukunft sparen.

So, auf dem Weg zum Millionär, halte ich trotzdem inne, um Dich zu umarmen, Du sorgenzerfetztes Mütterlein.

Sei tausendmal geküsst von

Deinem Hotel Intercontinental






Bali, 12. Dezember 1968
Meine liebe Familie,

Betrifft: Weihnachtsbrief

wie Ihr ja schon wisst, habe ich immer grosse Malesse mit Briefen zu festgelegten, vorbestimmten Anlässen. Ich will Euch nicht gleich zu Anfang Eure bereits festgelegten Gefühlswallungen diesem Brief gegenüber verderben, aber es ist halt eine Tatsache, dass ich im Augenblick jetzt, wo ich ihn schreibe, recht wenig mit den Äusserlichkeiten des Weihnachtsfestes zu tun habe, denn erstens ist noch nicht Weihnachten und zweitens bin ich in Bali.

Es wird mir also auch dieses Jahr nicht gelingen, einen schönen Weihnachtsbrief zu schreiben, worüber Ihr betrübt sein möget. Es wäre mir die Umkehrung dagegen viel lieber, dass Ihr jeden Brief von mir als Weihnachtsbrief betrachtet und sich die Sache mit den Gefühlen selber aufhebt, das heisst, wieder normalisiert. Irgendwelche Betrachtungen zum inneren Sinn, wenn man so will, verschiebe ich lieber auf später. Das liegt vor allem daran, dass es mir zuviel „innere Sinne“ gibt, in Deutschland etwa 57 Millionen. Was übrig bleibt, ist die wunderbare Tatsache, dass ich weiss, dass wir alle an einem bestimmten Tag mit Gedanken beieinander sind, und das ist schon eine ganze Menge Wesentliches.

Es ist ungeheuerlich, wie sich das alte Jahr so wahnsinnig schnell davon macht und dazu so unendlich viel Zeit brauchte. Das sind für mich Kleinkind alles sehr mahnende Zeichen, dass ich fürchterlich schnell alt werde. Genauso heute morgen, als ich mich in meinem weiss gekachelten Badezimmer vor dem Spiegel kämmte. Stellt Euch vor, was passiert ? Mein alter Kamm verlor die ersten Zähne, gibt es ein deutlicheres Zeichen für frühzeitiges Altern ?

Im Hotel hier wurde ich heute morgen zu Tode erschrocken. Man hatte, ohne mich vorzuwarnen, im architektonischen Zentrum der Empfangshalle einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Doch was muteten mir die Balinesen damit zu, mir, dem Christbaumschmück-Kundigsten in Krefeld und in ganz Bali? Der Baum war etwa um 40 cm zu lang, und was taten diese balinesischen Engel von Hotelarbeiter? Sie kappten die Spitze des aus weit heran geflogenen Tannenbaums, und nicht den Fuss. Jetzt passt er genau ! Bis zur Decke, in der seine Spitze wie durch Magie verschwindet.
Doch das ist nicht das einzig Goldige an diesem Baum. Er wurde gleich mit Goldlametta in drei Schichten übereinander bepflastert, und die künstlerisch berauschten Balinesen setzten ihren Vergoldungswahn auch ausserhalb des Baumbereiches bis zur Ekstase fort. Wenn ich jetzt zum Restaurant gehe, nein schleiche, kann ich meine Augen nur halb öffnen, um nicht durch den Überfluss, nein Überstruss von Goldpapier und Flitterjedöns den Märtyrertod eines Christfestbaumschmückkundigen zu erleiden.

Das Essen liegt schwer im Magen, so dass ich nur durch den Swimmingpool und die erholsamen Spaziergänge in den nahe liegenden balinesischen Dorf von der Gefahr einer akuten Fettsucht über die Hotel-Vor-Weihnachtstage hinweg gerettet werde. Das Dorf ganz in der Nähe ist übrigens ein wunderbares Beispiel dafür, dass der Tourismus keine grosse Gefahr für Bali ist, wenigstens nicht die Touristen selbst. Er ist zu weit vom Hotel, um zu Fuss dorthin zu gelangen (2 km), aber viel zu nahe, um ein Taxi zu nehmen. Kein Mensch kommt da hin. Wunderbar!

Ah, apropos Weihnachtsstimmung. Ich habe da eine holländische Touristin kennengelernt, also so ein Weihnachtsengel …

Inzwischen arbeite, das heisst verlustiere ich mich weiter an meinem Reiseführer über Bali. Manno, manno, was für ein wunderbarer Job. Gestern habe ich zusammen mit den Balinesen zum x-ten Mal in diesem Jahr Neujahr gefeiert. Da bin ich mit meinem Chauffeur durch die halbe Insel gerauscht, um ein paar Fotos für den Reiseführer zu schiessen. Bin kaum dazu gekommen, so toll feiern die Leute hier. Übrigens bin ich für balinesische Verhältnisse noch gar nicht sooo alt; ich bin nur 42 Jahre alt, weil das Balijahr nur sieben Monate hat.

Im Augenblick stelle ich die einzelnen Kapitel zusammen und mache Studien in allen erreichbaren Büchern über dieses Inselchen. Und stellt Euch vor, was ich die letzte Stunde hier an meinem Schreibtisch getan habe? Ich bin damit beschäftigt, einen Weihnachtsbrief an Euch zu schreiben !

Zusätzlich ist, neben sehr viel Klimbim, Telefon und Locher, mein Schreibtisch mit einem Stapel von Weihnachtskarten belastet, an die ganze Familie, und weil die immer grösser wird, ohne dass ich da mahnend Einfluss hätte, fängt fast jede mit ‚meine Lieben’ an, zusammenfassend alle catchend. Wie schön das ist, diese Karten zu schreiben. Was es kostet, sie zu senden, wag ich gar nicht zu bedenken.

Übrigens war meine Verkaufsmanagerin June in Sachen Weihnachtsgeschäft mindestens ebenso erfolgreich wie meine Karten selber! Ich machte etwa 600 DM Profit fürs erste, Rest kommt noch! Na bitte, ich werde doch noch mal ein Millionär. Ihr müsst nur etwas warten. Warten müssen übrigens noch viele Menschen, sei es auf das grosse Glück, auf die nächste Gehaltserhöhung oder nur auf das Ende dieses langweiligen Weihnachtsbriefes. Das Wort „warten“ erinnert mich auch an meine Briefschulden, und Dir, Helga und Heri, könnte ich jetzt gleich ein ganzes Register von bemerkenswerten Argumenten aufzählen, warum Ihr bis jetzt noch keinen Antwortbrief bekommen habt. Das wichtigste Argument jedoch will ich von vorneweg ganz ehrlich benennen. Es liegt vor allem daran, dass ich noch keinen geschrieben habe!

Das macht nichts, wir verzeihen Dir das noch einmal, wir wissen ja, dass Du von morgens bis abends durch die Gegend spinnst und die einzigen seriösen Gedanken nur Dich selber betreffen, Du blöder Egoist.

Kurz meine schizophrene Tendenz zusammenfassend: ich will mich ja so bessern! Ich hoffe nur, dass ich davon nicht wieder abgehalten werde. Was ist denn jetzt schon wieder…ach, so, der Zimmerjunge, er wechselt jeden Tag geschlagene zwei Mal alle meine Handtücher, sieben Laken an der Zahl, glaub ich, jedenfalls brauch ich immer nur eins, es ist zum Verrücktwerden, wie oft soll ich mich denn waschen?

Also, wo war ich, ach so, in Bali, stehengeblieben … (mein Wagen ist übrigens ein Ford!) Ich mache also weiterhin Fortschritte in fast allem, nur nicht an meinem Schreibtisch im Augenblick.

Übrigens ist bald Weihnachten! Da freut Ihr Euch sicher drauf, was? Zur weiteren Freude, ich erspar Euch auch wirklich nichts, habe ich heute morgen mit der gleichen Post, mit der ich Euch diesen Brief schickte, eine Rolle mit 7 verschieden verunstalteten Blatt Papieren (wie sagt man das im Plural?) von hier abgeschickt. Ihr könnt das als Weihnachtsgeschenke oder als Zumutung betrachten. Mit der Hand gemalt. Ich dachte mir, vielleicht sind noch ein paar angebrannte Stellen an der Wand oder leere Flecken im Klo, da könnt Ihr diese Bilder aufhängen. Eine nähere Erklärung meiner Erstlingswerke folgt, nachdem ich geschlossen habe. Ich verspreche allen, dass ich bald wieder aufmachen werde.

Damit dieser Brief Euch nicht weiterhin die Weihnachtszeit vertreibt, will ich Euch alle ganz schnell an mich drücken.

Ich liebe Euch alle

PS.
Zu den Bildern:

Da ist so ein blaues Ding, Verirrungen eines Pinsels in blauer Wassersuppe! Nach eingehender Prüfung erkenne ich daraus eine balinesische Verbrennungszeremonie, bei der es regnet und kaum ein Feuer in Gang zu bekommen ist. Die zackigen Gegenstände oben sind meist Palmen, was unten herumflimmert, sind Leute, Hunde, Pfützen, Türme aus Bambus und Pappe und Holz. Das entstand vor vier Monaten in Ubud.

Dann flimmerte es auf einem dünneren Papier mehrmals in gelb und orange. Das ist ganz am Anfang, so im Juni in einem kleinen Dorftempel in Dalem Semesi entstanden und statt mit richtigem Wasser mit Kokosnusswasser von der 12. Palme rechts hinten im Bild.

Fast am selben Tag, die orangenen und gelben Farben waren noch nass in meinem Aquarellkasten, kam ich an die Küste, wo drei Auslegeboote herum standen. Das Fischerdorf hiess Buitan. Über der Schnauze vom mittleren Boot ist hinten an der Küste ein hellerer Fleck stehen geblieben, was ich damals noch nicht wusste, es war das Haus des Malers Christiano, das ich inzwischen schon so gerne bezogen hätte aber es nicht geschafft habe.

Ganz weit oben in den Bergen liegt Kintamani, am Rande eines alten Kraters, in dessen Mitte heute immer noch ein Vulkan dampft. Dort war’s saukalt und richtig wild und eigentlich sehr unbalinesisch. Überall liegen noch Lava-Asche und Steine herum, vom letzten Ausbruch 1963. Da brach ich auch aus und habe das nasse Papier verkratzt (ebenfalls im Juni).

Dann sind da zwei schwarze Gegenstände. Das sind Drucke, die ich in der letzten Zeit gemacht habe. Die Balinesen haben so kleine Kalender im Haus hängen, mit ganz magischen Zeichen und Quadraten drauf. Diese Dinger haben mich inspiriert, und ich drucke seither meine eigenen Bali-Kalender. Diese beiden sind „kleine“ genannt, weil die grossen grösser als ein Quadratmeter sind.

So, nun weiss ich überhaupt nicht, für wen diese Sachen sind. Ich denke, dass Du Dir das aussuchst, was Dir am besten gefällt. Der kleine Kalender mit dem weissen, von hinten aus Papier geprägtem Mittelstück ist für Helga und Heri, für die Beiden habe ich das Ding ja gemacht. Mehr zu fühlen als zu kucken. Hinter Glas wäre das wegen der erhabenen Prägung natürlich blödsinnig.

Harald : vielleicht den anderen Druck, der aussieht, als wenn man des Nachts plötzlich total besoffen zum Himmel guckt und darin ein magisches Kreuzworträtsel erkennt. Das weisse Quadrat ist eigentlich Blödsinn, aber da es ja mein Kalender war, bedeutet das „Jetzt“.

Ach Gott, da hab ich eins ganz vergessen: Das flimmert ja ganz wild. Das ist ein Blick in einen Tempelvorhof, während der Opferdarbringung. Normalerweise ist der Tempel leer, aber plötzlich bringen die lieben Leute alle ihre Opfergaben gleichzeitig zur Segnung, einige bis zu zwei, drei Metern hoch, aus Reis, Bambus, Früchten, Fleisch und alles, was in Bali nicht niet- und nagelfest ist. Dann sieht der Tempelvorhof plötzlich aus wie ein überfülltes Wohnzimmer, und das Auge verheddert sich hoffnungslos in Düften und Musik, und man wird ganz blöde im Kopferl und malt so ein Aquarell da.

So, das war die Beschehrung. In der Mitte liegen zwei kleine Bilder eines alten Balinesen. Da sie etwa 836 mal besser sind als meine, muss ich sie, egoistisch wie ich nu mal bin, leider selber behalten.

Hans

Tuesday, October 7, 2008

Hier fress ich - hier tanz ich


Hotel Bali Beach brochure Nov 1968