Letters home 1967 -1978

Sunday, August 1, 2010

Henny kommt


Oben: Im April 1970 geht alles in die Druckpressen in Singapore:
Erstmal drucke ich ein Dutzend Postkarden
und werde zum ersten Postkartenverleger in Bali.


Hotel BALI BEACH

März 1970



Liebste Mutter,


schon wieder sind so viele Tage in einem gewissen Arbeitstrott dahin, und schon lang hast Du nichts von mir gehört. Verzeih’, aber es liegt halt an diesem „Arbeitstrott“, dem balinesischen, dem Guide-Buchigen. Das Buch wird immer doller, aber ums Verrecken nicht fertiger. Doch, verglichen am Grafikerarbeitstrott in Deutschland, wie anders sieht der hier in Bali aus?


Stell Dir also das folgende vor : nach eingehendem Studium der balinesischen Tänze suchten wir aus den bestehenden 57 (siebenundfünfzig), 18 Tänze zur ausgiebigen Beschreibung für unser Buch heraus. Diese, so hab’ ich mir das ausgedacht, werden gesondert und ausgiebig für die zukünftigen Besucher dieser Insel beschrieben. Ich habe den gesamten Stab des Hotels und einige Leute aus dem Government zur Verfügung. Was immer ich mir so ausdenke, es wird arrangiert, oh

ne Rücksicht auf die Kosten. Ich hatte Dir ja nach Mallorca den Zeitungsartikel über Bali gesandt (doch leider noch nicht erfahren, ob Du ihn auch erhalten hast?. Erinnerst Du Dich an den Ketjak-Tanz?? Den, mit den vielen wahnsinnigen Balinesen im Kreis herum?

Lass Dir erzählen, was ich da angestellt habe, um den für’s Buch zu fotografieren:


Also, da gibt es im Westen der Insel eine Bucht, die man nur als Traumbucht beschreiben kann. Haushohe Wellen brechen sich an einem riesigen Felsen, der wie ein gestrandetes Schiff aus dem Getöse ragt, obendrauf ein kleiner Tempel. So ein richtiges Traumfoto hab’ ich mir da ausgedacht. Man nehme diese ungeheure Landschaft, die schwarzen Felsen, Korallen und schwarzen Sand, mische ein wenig Sonnenuntergang bei, und was man noch benötigt, sind 6 Lastwagen voll mit 300 Balinesen, von weither aus einem Bergdorf, und lasse sie dort einen Ketjak-Tanz zelebrieren!!!!


Mutter, einfach unbeschreiblich! Die Balinesen, zwei Tanzgruppen zusammen, hatten noch nie zuvor in ihrem Leben das Meer gesehen. Ganz still und staunend standen sie da, etwas ängstlich vor den unheimlichen Wellen, prüften und rochen an den grünen Algen, konnten gar nicht begreifen, wie dieser riesige Felsen den Wellen standhalten konnte. Es mussten besondere Opfergaben dargebracht werden, (die Dorfpriester waren natürlich mit auf dem Lastwagen), bevor die Götter beruhigt waren und damit die Balinesen.


Und dann die Fotos, hoch über dem Meer auf dem Felsen, 300 Leute, ihren wahnsinnig erregenden Tanz vollführend. Die Bewohner der umliegenden Dörfer kamen geströmt, sahen diesen Tanz zum erstenmal, da es ihn in dieser Gegend nicht gibt.


Kejak Tanah Lot : 300 dancers by the sea in Tanah Lot


Sowas macht also Dein Sohn im Augenblick, täglich. Denn 18 Tänze, über ganz Bali verstreut, zu arrangieren, ist schon ein Geschäft, und was für eins!! Die besten Tänzer, die besten Tanzgruppen, die besten Orchester, alles musste her für unser Buch. Die Arbeit macht mich inzwischen wohl zum besten Kenner Balis, kein Dorf, das ich nicht besucht hätte, kein Winkel blieb verborgen. Ich bin ein bunter Hund auf Bali.


Zuerst wird der Platz und die Zeit für den nächsten Tanz herausgefunden. Opfer werden gebracht, damit das Wetter auch schön bleibt. Anderntags rollen wir dann wieder im Dorf ein mit unseren Jeeps. Im Tempel sind die Vorbereitungen für den Sang-Jang Tanz in vollem Gange. Zwei kleine Mädchen wurden ausgesucht und geschmückt. Sie sitzen am Boden vor den Opferfeuern, dahinter etwa 20 Priesterfrauen, die bald mit Engelsstimmen ihren heiligen Gesang anstimmen. Priester sitzen murmelnd davor. Bald sinken die kleinen Mädchen zurück, versinken in tiefer Trance. Sie werden mit goldenen Hauben geschmückt.


Obwohl sie noch nie Tanzunterricht hatten, beginnen die Engelchen, 8 und 9 Jahre alt, sich langsam zu wiegen, zwei Männer heben sie auf die Schultern; sie werden vor das Tempeltor getragen, wo der Sang-JangTanz stattfinden wird. Sich gegenüber sitzend, auf der einen Seite etwa 100 Männer mit nackten Oberkörpern, sich im Rhythmus des Gesanges wiegend, auf der anderen Seite Frauen, die den kurzen, abgehackten Gesang der Männer durch langgezogene schrille Melodien ergänzen, dazwischen tanzen, mit geschlossenen Augen und wie im Traum lächelnd, die beiden kleinen Mädchen, ein unbeschreibliches Bild, das nur zu leicht ein wenig verwässert. Ich werde von der ungeheuren Stimmung ergriffen.


SangJang Dadari : two girls dance in a deep trance


Anderntags der Dopeng Tanz, der tollste Maskentanz, den Bali zu bieten hat. Das ganze Dorf ist zusammengelaufen, um den besten Maskentänzer Balis zu sehen. Bukre heisst er, ist etwa 50 Jahre alt. Seine Masken sind heilig für ihn, er spricht mit ihnen, kennt ihre Launen. Er ist nur ihr Körper, der sich jedesmal total verwandelt, wenn immer er die Masken wechselt.


Dopeng dancer Bukre throws open the curtain and starts his magic performance


Dann war der Tjalon-Arang-Tanz, bei dem einige Tänzer plötzlich in Trance fallen und sich gegenseitig mit scharfen Messern anfallen, wie besessen aufeinander losstechen. Obwohl ich es jetzt schon so oft gesehen habe, es ist jedesmal wieder zum wahnsinnig werden, und es gibt keine westlich befriedigende Antwort, warum es plötzlich möglich ist, dass das ganze Gewicht eines Körpers auf der Spitze eines 40 cm langen Messers liegen kann, warum sich plötzlich die Stahlklingen durchbiegen, ohne die nackte Haut auch nur zu ritzen. Die Balinesen zucken halt die Schultern und sagen einfach, dass man in Trance unverwundbar wird.


Tjalon Arang : evil triumphs over good, for a short period only


So sieht’s aus mit meinem Alltag, und die ganze Guide-Buch-Produktion läuft auf Hochtouren, so dass ich kaum zum Schreiben komme, ja kaum daran denke. Das wird natürlich alles wieder anders, wenn ich erstmal mit allem fertig bin.


Bis heute habe ich Deine Briefe aus Mallorca noch nicht erhalten. Der letzte Brief kam Anfang dieses Monats und war am 23. Juni geschrieben. Ach ja, das alte Lied von der Post. Lass mich nur bitte nochmals wissen, ob Du meinen Brief nach Mallorca mit dem Zeitungsbericht aus LIFE überhaupt bekommen hast. Es gibt noch einige Exemplare hier.


Du siehst, meine Schrift wird schon wieder gehetzter, das Telefon klingelt, und ich bin mit Gedanken schon wieder beim Guide-Buch.


Verzeih’, bleib gesund und munter. Schreib doch mal was öfter und lass mich teilnehmen an Deinem Leben.


Bitte, bitte

Dein Sohn






Der Erste Druckgang des Apa/Insight Guides Bali Mai 1970 bei Times Printers Singapore.



Hans Höfer

Singapore

22. 4. 1970



Liebe Mutter,


die Druckpressen laufen auf vollen Touren und befördern 20.000 Exemplare jeder Seite zu Tage, alles in Farbe und grosser Geschwindigkeit.


Ganz schnell und kurz, um die entstandene Zeitlücke auszufüllen, ein paar Zeilen, damit Du weißt, was los ist. Also – ich bin bis 10. Mai hier in Singapore und plane dann, mit etwa 500 Büchern in der Tasche nach Bali zu kutschieren. Dann werd’ ich erst mal ein paar Tage lang Bücher verschenken auf der ganzen Insel und mich dann sofort in die Büsche schlagen und meine Seele baumeln lassen.


Am schönsten wäre es natürlich, wenn Du zusammen mit mir baumeln würdest, zumindest für 18 Tage. Es wäre zu schön, wenn wir irgend etwas arrangieren könnten in Djakarta, um die Rückreise auszudehnen, wenn nicht, so what?


Leider habe ich noch keine Antwort von Dir, vielleicht ist der Brief gerade unterwegs. Die letzte Nachricht von Dir kam durch einen lieben Brief von Tante Maria. Ich hoffe, dass Deine Hand inzwischen wieder gesund ist und Du aus dem Krankenhaus heraus bist.


Da bekomme ich gerade einen Anruf vom Hotel Singapura, dass ein Brief für mich da ist !!


Ich habe mich zusammen mit Star hier in einem alten Englischen Colonialhaus auf der Stephens Road eingenistet, riesiges Zimmer mit Bad und Balkon, alten gemütlichen Möbeln und runden Spiegeln und Riesen-Ventilatoren, inmitten dieser riesigen Stadt, doch ganz alleinstehend, von alten Bäumen verdeckt. Neben meiner Arbeit am Guidebuch photografiere ich viel hier in Singapore und plane gleich hier mit einem weiteren Buch weiterzumachen. Doch wer weiss, wie der Wagen läuft, ich warte erst mal ein wenig die Reaktion auf mein Balibuch ab und dann sehe ich weiter.


Auf jeden Fall jedoch will ich es dieses Jahr anstellen, für einige Wochen oder so nach Deutschland zu kommen, falls es mit Deinem Besuch nicht hinhauen sollte. (Um mich herum zirpt es so laut, dass ich beim Schreiben mein eigenes Wort nicht verstehen kann!)


So, ich warte also auf Nachricht von Dir. Schreib ab 10. Mai nicht mehr nach Singapore, sondern nach Bali. Anbei noch ein paar miese Druckwerke meiner Produktion.


Ich freu’ mich so auf den Mai, 's Buch fertig und ein freier Mann, ohne Kontrakt, ohne Bindungen und ohne geregelte Verpflegung, die Haare sich wachsen lassend und nie mehr waschen, herumschlampen und ach, was weiss ich nicht alles,


Dein Sohn





Singapore


Liebe Mutter,

(irgendwann April 1970)


hach, die Tinte läuft, ach ja, das waren noch Zeiten als wir beide in Bali am Meer sassen und der Sekt uns die Beine hinunterlief und wir uns im Natürlichen badeten und im Sonnenuntergang. Solche Zeiten sind halt rar geworden und ich sehne mich nach Gamelanmusik und graziösen Tänzen. Verglichen, wird das alles recht langweilig werden, wenn wir im Wagen durch Thailand und Malaysien rauschen, von Elefanten und Tigern umlauert, von Schlangen gejagt.


Auch, der Tempelduft und Trommelschlag der Mönche dort im Lande des Königs von Siam und Anna seinem Weibe werden Dir ganz langweilig erscheinen und Du wirst gähnen beim endlosen Gemurmel der meditierend gelbgewandeten, kahlköpfigen Klosterbewohner am Ufer der Klongs, die so dahin fliessen, als wenn nichts dabei wäre. Du wirst Dich sehnen nach dem luftgekühlten Essen im Hotel Bali Beach, wenn wir verzweifelt uns mit Essstäbchen um glitschige Nudeln schlagen in den Garküchen von Singapore, in dunklen Nebenstrassen, umgeben vom ewig grinsenden Lächeln der Tempelfiguren und ganz benebelt vom Dunst der Räucherkerzen uns fragen, was wir eigentlich hier wollen, so fern vom Glanz der Vollmondnacht in Bali, der Grillenverzirpten ?


Ach das wird schlimm, im hölzernen Haus so über schaukelnde Schindeln zum Klo zu stolpern, von Moskitos gejagt und die Erinnerung an die Hitze des Tages noch lebendig. Oh mein Gott, die grauen Wolken der Monsunregen entledigt, das müde Gewieher der Wasserbüffel, von nackten Jungen gejagt und ganz voll Schlamm um die feuchten Nasen, Ohjeminee, das Geklingel der Rikschas und das durchdringende Geschrill der chinesischen Oper am Strassenrand; Allmächtiger, das Geschrei der Affen auf dem Nachttisch und die Krokodile an der Wand, das Schaukeln der Boote und das asiatische Wackeln der Stühle, die steifen Glieder nach einer Nacht unter der Brücke und der undurchdringliche Blick des Obers um die Ecke. Das wird ja alles ganz furchtbar werden!


Wann kommste denn endlich?


Dein einsamer Sohn



















Letters Home 1- March/April 1970 .

Letters Home 2 - March/April 1970 .


Click oben ..... Zwei Briefe nach Hause auf Kunstdruck.

Die ersten Farbabzüge der Bilder des Balibuches verarbeite ich zu Briefpapier




Hans Höfer

Hotel BALI BEACH 8. 5. 1970



Liebe Mutter, lieber Bruder,


Also, das schaut ja endlich gut aus! Gerade bekomme ich Deinen Brief, und ich erwarte die Henny am 28. Mai.


Ich werde versuchen, in Djakarta zu sein, um dann am nächsten Tag mit Dir gleich weiter nach Bali zu fliegen. Und dann machen wir uns den tollsten Monat aller Zeiten!!! Ich freu’ mich ja so gewaltig darauf, mit Dir in Bali zu sein. Was glaubst Du, wie es ist, gerade nachdem das Buch heraus ist, da bin ich sowas wie ein König dort...


Wie und wo wir wohnen werden, ist noch nicht heraus, aber ich habe genügend Zeit, das zu arrangieren. Etwa 7000 Balinesen stehen bereit, für Dich zu tanzen, etwa 300 Tempel werden inzwischen geschmückt, um in alle Himmelsrichtungen zu opfern, Tausende von Kindern werden ihr Ständchen bringen, 100.000 Hunde werden mit den Schwänzen wackeln, wir werden allen möglichen Unfug zusammen machen, und Du wirst es nicht glauben, was es alles gibt in Bali.


Wir werden sehen, wie Du Dich fühlst, vielleicht reisen wir hinterher noch ganz gemütlich durch Java und ich bring Dich über Land nach Djakarta. Oh, Menschmeier, was freu’ ich mich auf unser Wiedersehen; wer hätte das gedacht, was ??? Hast Du übrigens das dicke Buch über Walter Spiess bekommen? Ich habe es einer sehr netten Dame gegeben, die mit Neckermann in Bali war. Sauteuer das Ding, und ich hoffe nur, dass Du es auch erhalten hast. Es sagt so viel über das Bali von damals, und so viel wirst Du wieder finden hier. Wir können bestimmt einige Tage im alten Haus von Walter Spiess wohnen! Doch wir werden sehen, was sich so alles ergibt.


An einem der nächsten Tage werde ich mir mal überlegen, was ich denn gerne von Deutschland hätte. Im Augenblick fällt mir nichts ein, also bitte nichts kaufen! Der einzige Wunsch wäre im Augenblick ein Stück Käsekuchen. Aber der wird wohl noch was auf sich warten lassen.-


Das also nur ganz kurz für heute, damit Ihr seht, wie sehr ich mich freue.


¨Übrigens noch zwei Tage, und das Buch ist fertig gedruckt! Dann wird es gebunden und verschickt!! Wie schön.....


Hans





PS. Hoffentlich bist Du auch einigermassen gesund, damit Du mit mir durch die Reisfelder hüpfen kannst.... und bekomm’ keinen Herzkollaps vor lauter Aufregung.



Dieses Foto machte Werner in einem winzigen Waldtempelchen in der Nähe von Ubud während einer Zeichenpause im Juli 69. Schon wieder ewig her.



Natürlich würdest Du gerne daraus etwas über meinen Gesundheitszustand ersehen, was aber leider, leider nicht geht. Ich seh’ Dich da, mein blasses Gesicht herauslesen und dünn dazu. Also bitte!! Ich bin inzwischen braunschwarz gegerbt und fett, alles andere ist Täuschung und nur Lichtreflex. Ausserdem steht mir Blume im Ohr und Batikrock doch ganz gut, oder nicht ????


Kuss

Balinuss!!





Hans Höfer


Hotel BALI BEACH

21. 5. 1970



Liebe Mutter,


also, also, also ... Da bin ich gerade hier angekommen sozusagen und ruhe auf meinen Lorbeeren herum. Ich hoffe ja so, dass inzwischen alles gut gegangen ist für Dich und Du alle Impfungen und Wunden überstanden hast. Deinen Brief vom 11. Mai habe ich bekommen und ich hoffe nur, dass Du diesen hier noch vor Deiner Abreise bekommst.


Du schreibst, dass Du am 30.5. in Djakarta ankommst. Ich werde alles versuchen, Dich dort am Flughafen abzuholen, kann es aber im Augenblick nicht versprechen. Hier ist so manches im Kommen. Morgen zuerst mal‚ 'ne grosse Schau. Banquett zur Präsentation unseres Buches, zu dem etwa 160 Personen eingeladen sind, Presse und Regierung und alles mögliche, 'ne Schau!





Star Black und Gäste bei unserer Buch-Vorstellung im Bali Beach Hotel, Mai 1970


Ich werde mich dann meinem eigenen Haushalt zuwenden, ich muss eine neue Ecke für mich und all mein Zeugs finden und so weiter. Ich hoffe, dass das alles geregelt ist, wenn Du kommst! Ich versuche also, Dich in Djakarta abzuholen. Falls ich jedoch nicht am Flughafen sein sollte, so erwarte ich Dich dann hier in Bali. Ich werde hier für die bestmögliche Unterkunft sorgen, und wir werden sehen, was sich so alles machen lässt, um Deinen Rückflug zu verlängern.


Jetzt kommen noch einige Ermahnungen, damit Du Dich auch richtig verhältst. Also: Du weisst, dass sich die Zeitrechnung um etwa 6 Stunden verschiebt, das bedeutet, dass Du einige Tage brauchen wirst, bis Du Dich an die neue Zeit gewöhnt hast.


Versuche also bitte nicht, in Djakarta wach zu bleiben und Dir dort etwa irgend was blödsinniges anschaust. Behalte ruhig Deine deutsche Zeitrechnung bei und geh gleich pennen, selbst wenn es noch hell ist, und sei ruhig wach, selbst wenn es dunkel ist. Du wirst um 6 Stunden älter und auf dem Rückflug dann wieder jünger.


Dazu kommt, dass es wohl etwas warm ist für Dich, aber auch daran wirst Du Dich schnell gewöhnen. Dass Du sehr aufgeregt bist, macht nichts. Sei nur nicht zu aufgeregt, immerhin kommt wohl der tollste Urlaub aller Zeiten auf Dich zu, und wer würde sich nicht darauf freuen. Viel Schlaf, Sonne, Meer, Tänze, Palmen, Reisfelder, Feste, Sonnenauf- und –untergänge, sehr wahrscheinlich werden wir für ´ne Woche in Tjampuan wohnen im Walter Spieshaus und achjottchen, was weiss ich nicht alles.


Übrigens ist mir immer noch nichts eingefallen, was Du mir mitbringen könntest. Das beste ist, Du bringst mir nur was zu lesen aus dem deutschen Kulturbereich, ein paar pardon-Magazine, ein paar Spiegel neueren Datums, einige twens, damit ich ein paar gute Fotos sehe.

Vielleicht ist ein Buch des deutschen Art-Directoren-Bundes heraus, in der WKS weiss man sicherlich etwas darüber. Sonst also bitte nichts, keine Garderobe vor allem, ich hab genug davon. Das Guide-Buch, was ich Dir geschickt habe, brauchst Du auch nicht mitzubringen, ich hab ne Menge hier.


Was soll ich sonst noch sagen, ach ja, wie schön, gestern bin ich 27 geworden, und genau am 20.5.68 bin ich hier nach Bali, also zwei Jahre hier, und am 20. kam ich mit dem Guide-Buch hier wieder an, wie romantisch. Schluck. Viel zu lange das alles, und ich werde sooo alt und bin immer noch nicht vernünftig.


Bitte, rufe Heinz Bauer an und sage ihm, dass ich seinen Brief erst gestern erhalten habe, und ich versuche, das Mädel hier aufzusuchen heute und ich ihm sofort die neuesten Kleinigkeiten schreibe, sobald ich sie habe.


Hurra, Hurra, Hurra, das Guide-Buch ist fertig, und ich bin ein freier Mensch, nahezu.


Kuss und Kuss und Kuss und mach, dass Du herkommst


Hans!!


Zwei Filmchen zeigen Henny im Hotel Bali Beach mit Star Black, Besuch in Ubud und Umgebung. Walter Spies Haus, Temple Prozession, Gunung Kawi etc.



Saturday, February 6, 2010

Du brauchst Dich nur zu freuen

Bali HOTEL BALI BEACH 3. 1. 1970


Liebe Mutter,

einfach um mein Gewissen zu entlasten und um Dir ganz schnell einen Neujahrskuss aufzudrücken :

Weiterhin im gleichen Übel, zuwenig Zeit für mich selber und für einen ausführlichen Brief, daher dieser Schmierzettel hier am Montagmorgen.

Arbeit, Arbeit, Meetings, Änderungen, Geschäftsbriefe, neue Pläne und so weiter und so weiter, richtig schöner Mist. Ich hoff’ und wünsche mir, dass das bald mal aufhört.

Dir wünsch ich alles Liebe und Schöne und dass wir uns bald wiedersehen, ganz bestimmt, in diesem Jahr.

Dein Sohn


HOTEL BALI BEACH 16. 1. 70


Liebe Mutter,

Soeben habe ich einen Brief an Onkel Otto beendet und ihm folgendes vorgeschlagen:

Da er mir vorschlug, Dich nach hier in Urlaub einzuladen, soll er doch bitte eine normale Flug-Ferien-Reise buchen, die etwa 14 Tage Bali einschliesst. Ich bin sicher, es lässt sich so arrangieren, dass Du zwei Rückflüge aussetzt und damit weitere 4 Wochen hierbleiben kannst. Da ich ja vorhabe an einem Kinder-Foto-Buch zu arbeiten, nachdem unser Guide-Buch fertig ist, habe ich viel Zeit, Dir meine Insel hier zu zeigen und Dich lange zu sehen. 4 Wochen Urlaub übernehme ich, plus 500 Dollar für Flugreise!!

Ich bin gespannt, was von Dir zu hören. März oder April wäre am besten für mich.

Gruss und Kuss und sei net immer so traurig

Dein Hans


HOTEL BALI BEACH 23. 1. 70

Liebe Mutter,

Walters Freund wird Dir sicherlich sehr viel von mir zu erzählen haben und ich bin so glücklich darüber dass Du mal einen rechten Augenzeugen meines Daseins bei Dir hast.

Sei nicht weiterhin traurig und hab noch ne Weile Zeit mit mir, bis ich alles hier hinter mir habe. Gestern habe ich meinen letzten Kampf hier ausgetragen und meinen verbesserten Vertrag unterschrieben bekommen. Wie’s also aussieht mit meinem Geschäft hier, kann Dir der Harald dann mal übersetzen. Was jetzt noch bleibt, ist ein letzter Teil Arbeit, dann bin ich wieder als normaler Mensch zu betrachten.

Ich warte jetzt ganz gespannt auf Deine und Onkel Ottos Antwort, was aus Deinem Besuch hier wird. Lass mich wissen, wann Du planst und wie ich meine Beteiligung zuschicken kann.

Es wäre wirklich toll, Dich für einige Wochen hier zu haben und es ist recht einfach, wie sich hier herausstellte, eine gute Unterkunft zu finden.

Bitte hebe den eingelegten Vertrag für mich auf, der ist schön was wert!

Ich hoffe wirklich, dass es Dir gutgeht und Du ein wenig beruhigter bist, nachdem Du durch Herrn Bauer etwas von Bali gehört hast. Ich hoffe, Du magst die beiden Batikstoffe, die ich Dir mitschicke und die balinesischen Malereien.

Ich umarme Dich herzlich und küsse Dich,

Dein Sohn


HOTEL BALI BEACH 12. 2. 70


Liebe Mutter,

Da werden wir uns also schnellstens wieder sehen ! Nun kommst Du also wirklich, um Bali und mich mitten drin zu erleben.

Ich kann mir das garnicht so recht vorstellen, denn je mehr mir das Datum 29. Mai bewusst wird, um so mehr wird mir klar, was alles inzwischen passiert ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. 3 Jahre, Menschmeier, Menschmeier.

Gestern kam Dein Brief hier an, zusammen mit Onkel Ottos Zeilen. Es ist zum Umfallen schön! Das Buch wird wohl fertig sein bis dahin, so wie die Götter es wollen. Wie lange Du hier sein wirst und wie ich das hier mit der Verlängerung arrangiere, habe ich noch nicht rausgefunden, will Dir und Onkel Otto aber so schnell als möglich alles herrichten, so dass alles richtig abläuft.

Mensch, die Henny in Bali, ich werd ganz meschugge bei dem Gedanken! Was gibt es da alles zu bereden und zu berichten!

Ganz wichtig ist, dass Du Deine Hand gut ausheilst und Dir Deinen Pass besorgst, Dich gegen Pocken und gegen Cholera impfen lässt, damit Du durch die Grenzen rutschst!

Ich will hoffen, dass Deine Hand bald wieder gut genug ist zum Hände schütteln, Kokosnüsse pflücken, Fische fangen, hinter den Ohren kratzen, Tiger tätscheln, Bilder malen, Buchseiten umblättern, Libellen fangen, Gabel und Messer halten, Reisberge essen, mir hinter die Ohren zu hauen, Fussballspielen, Wellenreiten, Nase schneuzen, Kellner winken, stricken, häkeln, sticken, mir meinen Knopf annähen und was man nicht alles so tut, mit der Hand.

Sonst brauchst Du Dich nur zu freuen, das hilft über alles weg. Ich habe für mich jetzt (und nicht zuletzt durch Deinen Besuch) beschlossen, nach Beendigung des Buches noch eine Weile hier in Bali zu bleiben und dann mit Dir zusammen eine Reise durch Asien zu machen. Die Reisekosten für solch eine Reise sind ganz unbegreiflich billig, und ich übernehme das mit Leichtigkeit.

Was würdest Du davon halten, wenn wir beide einen kleinen Ausflug von hier aus bis nach Bangkok unternehmen würden?? Natürlich ganz gemütlich über Land, immer fein mit Bus oder mit „first-class“-trains (erste Klasse made in Indonesia) von Djakarta fliegen wir dann für ein paar Tage nach Singapore, von dort kutschieren wir ganz gemütlich nach Malaysia, ich zeig dir Kuala Lumpur und noch so’n paar schöne Stellen, weiter nach Bangkok und dann noch ein paar Tage in Thailand, ha, Du wirst Dich nicht mehr wiedererkennen.

Natürlich stellst Du Dir das alles ein wenig wahnsinnig vor, aber ich bin so überzeugt, dass Du alles ganz komfortabel überstehen wirst, denn ich kenn mich, wie schon mal irgendwo bemerkt, ja in Asien aus ! Und warum sollst Du nicht auch Deinen Spass daran finden.

Ich selbst will nach solch einem langen Aufenthalt in Bali ganz gemütlich wieder ein wenig reisen, ein paar Tage ein kleines Hotel, immer an ganz schönen Stellen, viel fotografieren und darauf achten, dass Du jeden Tag von 12 bis 4 Uhr schläfst und überhaupt ein rechter Asiate wirst.

Dann für einen Tag auf nen Zug, schöne Reisen gibt es da, Du wirst es nicht glauben, erster Klasse, oder Schlafwagen, alles erschwinglich und ganz wahnsinnig. So, das hab ich also vor, und Du musst Dich langsam darauf vorbereiten. Ich werde Dir von hier aus alle Tips für die richtigen Reisevorbereitungen geben. Auch hab ich ein paar ganz kleine Wünsche, was Du mitbringen kannst. Dann musst Du Dich darauf gefasst machen, etwa 2 Tonnen Souvenirs und allerlei Sachen von hier aus zurückzuschicken.

Ich hoffe, dass das so klappt, wie ich mir das vorstelle und lass weiter von mir hören.

Kuss Julius


Hoffe, dass Du Deine Operation so gut überstehst, wie ich neulich eine kleine an mir. Ne ganz lustige übrigens, an einem ganz ganz empfindlichen Organ. Huch!


HOTEL BALI BEACH 26. 2. 70


Liebe Mutter,

Ich weiss noch nicht, wie ich Dir das Buch zuschicken werde, aber ich nehme an, dass ich in den nächsten Tagen jemanden finde, der es mit nach Deutschland nimmt und dann dort auf die Post gibt.

So ‚ne kleine Reisevorbereitung für Bali! Immer noch die beste, denn unser Buch ist ja immer noch nichts rechtes.

Walter Spies ist ein so wichtiger Mann für Bali – und irgendwie sprechen seine Briefe an seine Mutter von dem Bali, das ich kennen und lieben gelernt habe. Wenn sie auch schon 30 Jahre alt sind, alles ist irgendwie noch vorhanden und wiederzuentdecken.

Das Haus Tjampuan, Walter Spies’es ehemaliges Wohnhaus, ist heute ein Hotel, das von einem amerikanischen Freund geleitet wird. Einige Häuser, der Garten und vieles mehr sind noch genau wie im Buch beschrieben. Ich hoffe, dass wir bald für einige Tage dort wohnen werden!!

Ich wünsch Dir viel Spass und ‚ne Menge Vorfreude auf Bali

Dein Hans


Liebe Mutter,

also, da ist jemand von einer Neckermann-Tour: Eine nette liebe junge Frau, die dieses Buch in Deutschland auf die Post geben wird.
Gruss und Kuss an alle, die nicht mitdürfen,

vom Hans

PS. Den beiliegenden Brief habe ich heute an Onkel Otto geschickt; hoffentlich habe ich bald Nachricht, dass die Verlängerung klappt.



Lieber Onkel Otto!

Also jetzt hat’s geklingelt und ich habe verstanden. Vielen Dank für die Prospekte. Versuche also einen Pauschal flug zu buchen mit Verlängerung.

Mein Plan sieht also so aus:

Abreise Amsterdam 29.5 10:00 morgens
Ankunft Djakarta 30.5. 10:00 morgens

Dann geht’s am 1.6. weiter nach Bali.

Ich werde Mutti in Djakarta abholen und die Zeit dort in dieser Stadt verbringen und dafür sorgen, dass sie nicht allzusehr vor den Asiaten erschrickt.

Bis 16.6. ist alles im Flug Preis einbegriffen: wohnen und Frühstück Hotel Bali Beach.

Normalerweise ist also Rückflug am 15. oder 16. 6.
Das wäre natürlich schade, denn kaum hat man sich ne Weile, da soll’s schon wieder zurück ?

Bitte arrangiere in Holland, dass Mutter erst mit dem Flug am 6. oder 7. Juli (oder am 13. oder 14. Juli zurückfliegt) und zwar wieder von Djakarta aus. Ich möchte zu gerne eine gemütliche Bummelreise durch Java mit ihr machen, oder falls das zu anstrengend sein sollte, den Bali-Aufenthalt weiter verlängern.

Für den Rest komme ich auf, da ich speziellen Preis bekomme vom Hotel.

Ich werde Dir im Laufe der ersten März-Woche von Singapore aus meinen Beitrag von 500 $ zur Reise überweisen. Für die Flugverlängerungen komme ich gerne auf oder teile sie mit Dir und der Henny. Ich arrangiere jedoch von hier aus, da ich spezial-Preise erhalte.

Ich habe diesen Brief kopiert und zu Muttern geschickt, damit wir auch schöön alles recht machen.

Der Lulatsch





Saturday, December 19, 2009

Weihnachtsbrieflein 69

Hans Höfer


Hotel BALI BEACH 16. Dezember 1969



Liebe Mutter, liebe Schwester, lieber Bruder,


Alles mögliche habe ich angefangen. Zwei Briefe an Harald, zwei Tonbänder hab’ ich voll gesprochen, dies ist der dritte Versuch an diesem Brief – und es haut verdammt noch mal einfach nicht hin. Zwischen Arbeit am Guidebuch, zwischen Advertising-Geschwätz und Terminen, zwischen Umzug und Hotel-Restaurant, zwischen Tonbandaufnahmen für eine Bali-Schallplatte, zwischen 50erlei Gedanken und 100erlei Gefühlen, lässt sich einfach kein rechter Weihnachtsgruss formulieren. Ganz unvorbereitet und hastig hab’ ich die Tonbänder gemacht und einfach wieder verworfen. Besser garnicht, als so elend schlecht. Bitte, seid nicht traurig über Euren Flegel, aber ich weiss vor lauter, lauter einfach nicht recht, wo mir der Kopf steht. Heut’ ist der 16. und Ihr habt immer noch nichts von mir gehört.


Also dies ist mein letzter und endgültiger Versuch eines Weihnachtsbriefes. Harald malte mir solch ein schönes vorweihnachtliches Bildchen aus Deutschland, mit kleinen Tannenbäumchen umrahmt, Schneeflöckchen zerrannen da bei mir auf der Nase, verkaufsoffene Samstage blinkten um die Ecke, man hat Anlass sich zu beschenken, mal ganz besonders gut zu essen, die Weihnachtszigarren freuen sich auf ihre Kremation, und mir wächst augenblicklich ein grosser weisser Bart die Knie hinunter, verschwindet in roten Stiefeln und wärmt mir meine Tropenzehen.


Also hier sieht’s aus; die Balinesen sind ganz verrückt auf ihre tropfenden Kokosnusskerzen, die im Gegensatz zu den unsrigen nicht tropfen, sondern kleine Sternchen fallen lassen, ab und zu, die dann zischend im Schnee verschwinden. Ganz jeck vor Freude sind meine Balinesen bei ihren Schneeballschlachten an ihren verkaufsfreien Samstagen¸Ihr solltet sie sehen, die lieben, wenn sie ihre Hirtenspiele einüben, montagmorgens. Alle Kampong-Gassen hallen unverdrossen diese etwas süsslichen balinesischen Bratküchengerüche wieder, und es wird mir ganz anders beim ersten Versuch der Bananenplätzchen, die so besonders gewürzt sind mit grüner Sosse, Zucker, Zimt und Zambel (das ist der einheimische Ausdruck für diese kleinen blauen Paprika-Chilli-Pepper-Beeren).


Ach, ja, ach ja, vorweihnachtliche Stimmung in Bali, wie anders doch das alles. Ich könnte Euch noch sooo viel von den Weihnachtsvorbereitungen der Eingeborenen hier im Kral erzählen, doch manches Mal kommen mir halt etwas die Zweifel, ob ich auch immer recht verstanden werde bei Euch dort, ob Ihr mir inzwischen überhaupt noch glaubt. Ich bin halt zutiefst im Herzeln drinnen ein so ernster Mensch geworden, dass mir’s oft recht nicht kommen will, das scherzend-klärende Wort.


Und da schau ich mir das neueste Produkt moderner deutscher Fotografie an, was auf so herrlich verfremdende Weise meinen Bruder skizziert. Richtig revolutionär starrt mir der Bart entgegen, dass ich vermuten muss, dass er einen Molotow-Cocktail hinterm Rücken versteckt, um ihn gleich in meinem mit leicht brennbaren Tannenzweigen über und über geschmückten Wohnzimmer zu platzieren.


Also Mutter, Du musst wirklich auf meinen Bruder aufpassen, sonst wird der noch was rechtes, dieser Linke dort. Anstatt eines Briefes habe ich ihm inzwischen einen kleinen balinesischen Brieföffner zukommen lassen und hoffe, bald die dazugehörigen Briefe folgen zu lassen. Ein balinesischer Büchsenöffner, den ich kurz vorher als nützlichen Gegenstand für ihn erstanden habe, habe ich wieder zurückgeben müssen, da das Porto für die nachfolgenden Büchsen zu teuer geworden wäre.


Ansonsten steht hier eine ganze Büchse voll Verschiebungen herum; da ist ein verschobener Deutschlandbesuch, ein verschobenes Tonband, ein verschobener Millionär, ein verschobener Berg, nein ein Vulkan von verschobener Briefschuld verschobene Versprechungen, Entschlüsse, Zukünfte, Wünsche und Glückwünsche und so viel, was ich Euch mal zuschicken werde, irgendwann nach Weihnachten, zum Osterhasen vielleicht oder besser zur nächsten Mondlandung. Verschoben, verschroben.


Nichts fällt mir also ein, nichts rechtes, was es doch eigentlich sein sollte, nichts als verlegene Albernheiten. Lasst mir noch a wenig Zeit, aus dem Buch rauszukommen, aus dem Hotel rauszukommen, aus dem Zustand rauszukommen. Dann wird alles anders werden, das versprech ich Euch zu Weihnachten.


Ich umarme Euch und wünsch ein schönes Fest


Euer Hans

Wednesday, November 11, 2009

Singapore Hotel - November '69


ORCHARD Hotel Singapore

11. 11. 1969



Liebe Mutter,


es ist zum pipsen, aber ich sitze immer noch in Singapore.


Die indonesische Botschaft verweigert mir weiterhin ein neues Visa, und ich muss mal wieder warten. Inzwischen habe ich jedoch die Nachricht aus Bali, dass inzwischen ein neues Visa beantragt wurde. Diesmal bekomme ich ein sogenanntes Working-Visa, das ist ‚ne Arbeitserlaubnis für ein ganzes Jahr, damit der Unsinn mit den indonesischen Behörden endlich aufhört. Natürlich dauert das alles seine Zeit, wie ‚ne asiatische Bürokratie aussieht, kannst Du Dir ja sowieso nicht ausmalen. Ich arbeite also von hier aus am Balibuch weiter, was wieder ein neues Kapitel im Buch über’s Buch geben wird.


Sonst strolche ich so umher, nicht gerade in bester Laune, gebe wieder all mein Geld aus und warte und mach ein paar Photos. Aus dem Intercontinental Hotel bin ich dann auch ausgezogen, war alles voll, und jetzt hocke ich in diesem hier, nur um weniges teurer, 40 Mark pro Nacht und television im Zimmer. Wieder feudal. Ein Heidengeld kostet das alles, aber was kümmert’s mich, zahlt alles die Inter-Continental Companie, wie schön.


In mieser Stimmung bin ich auch sonst. Ich weiss nicht so recht, was ich machen soll, wenn das Buch fertig ist. Alles hängt in der Luft, was mich langsam nervös macht. Es gibt soviele Chancen und Möglichkeiten. – Vielleicht bin ich auch etwas müde, ständig beweglich zu sein, das heisst, wenig um mich herum ist von längerer Dauer. Aber ich kenn’ mich ja gut genug, um auf die Chance des Augenblicks zu warten. Eins hab’ ich bestimmt immer, und das ist ein neuer Plan. Bis jetzt hab’ ich erst mal vor, nach dem Guidebuch sowas wie einen Urlaub zu machen. Ich geh’ für einen Monat in ein balinesisches Dorf, über das ich gerne einen Fotobericht machen möchte.


Ich weiss jetzt schon lang nichts mehr von Euch zu Hause, aber schreib weiterhin nach Bali, damit es was zu lesen gibt, wenn ich endlich zurück bin. Ich hatte so gehofft, das Buch bis Ende des Jahres in den Händen zu haben, aber wie’s jetzt aussieht, sehe ich schon wieder schwarz. Ein Unsinn das ganze.


Inzwischen ist schon wieder ein Tag um, den ich mit einem französischen Freund verbrachte, der zur Bali-Gesellschaft gehört und gerade auf der Durchreise nach Frankreich ist. Mit dem hab’ ich mich letzte Nacht im Singapore-Nachtleben gewälzt: schon wieder vorüber, ich will daher schnell den Brief beenden, damit Du weitere Nachricht von Deinem Söhnlein hast.


Sei lieb umarmt und geküsst von Deinem


Plänemachersohn




Sunday, October 4, 2009

Singapore One

Hotel BALI BEACH
21. Oktober 1969


Liebe Mutter,

Wie soll ich schreiben, wenn’s Du nicht mehr schreibst. Ich will auch wieder ein braver Sohn werden, mal. Bin immer noch Buchmacher. Weiterhin, weiterhin ist Bali so schön. Nur nicht so sehr für mich.

Zwischendurch fahre ich übermorgen mit’m Flugzeug nach Singapore. Schreib weiterhin hierher, aber schreib. Herbst ist’s. (Ach ne? Geht Harald ab und zu nach Herbst?) Also, was soll ich Dir schreiben, in meiner lieben, freundlichen, klaren, wechselnden Handschrift. Was soll ich schreiben?

Hab mir gerade eine Freude gemacht. Selbst. Ich bin stolzer Besitzer eines Tonbandgeräts geworden, Marke UHER 4000 Report L (für den Fachmann), was wohl mit das beste auf'’ Markt ist, zum Tragen. War ja immer mein Traum, seit ich in Bali bin. Jetzt werd ich mal eine Balireise nach Tönen machen und alles erzählen, was ich so weiss von Bali, oder wenigstens, was ich alles so zusammenbringe an Geräuschen und Tönen. So werdet Ihr dann doch noch schneller etwas von mir hören. Das wird ein Spass werden!! Das Gerät konnte ich nur von einem wahnsinnigen Herumreisenden erstehen, der die gesamte Ausrüstung mit allen Schikanen mit sich herumtrug. Dazu sage und schreibe 43 Tonbänder von gewaltigem Mass. Stell Dir vor: 43. 43.

Sowas – Sein gesamtes Gepäck bestand sozusagen aus Musik. Natürlich alles durcheinander gemixt, so richtig nach dem Herzen eines bissel wahnsinnigen Musikliebhabers. Nichts ist geordnet oder registriert. Ausgewählte Musik in allen Preislagen, Jazz, Pop und Klassik. Jetzt hab ich also etwa 150 Stunden Musik, die ich durchforschen muss, und dabei stoss ich immer wieder auf Überraschungen. Gestern Abend 3 Stunden Segovia-Guitarre, Bach und Vivaldi, mir kamen die Tränen, Mensch, was bin ich doch für ein Glückspilz allemal. Hab’ immer noch Liebeskummer, doch nicht mehr so arg. Musik erleichtert, wie man hört.

Schön, dass Ihr jetzt einen neuen Kanzler habt. Menschmeier, in Singapore werd ich mich mal erst wieder kulturell auftanken. Ich vermisse etwas die Frische. Wie Du sicherlich schon bemerkt hast. Deshalb werd ich erst mal von morgens bis abends ins Kino gehen!!
Was sonst noch alles anliegt, ich werd’s Dir von dort schnell berichten.

Werner hat das Land hier endgültig verlassen. Ach Schitt. Nach langem Gedöns mit den hiesigen Behörden hat er endlich aufgegeben. Die Hintergründe dieses ganzen Falles zu beschreiben, ginge zu weit. Das war alles in allem so eine blöde Geschichte. – Er ist inzwischen wohl in Hong-Kong angekommen. Glücklicherweise konnte er von hier aus eine günstige Überfahrt mit 'nem Kuhtransport nach Hongkong bekommen. Er bekam eine Kabine und konnte so alle seine Bilder mitbekommen. In Hongkong will er dann versuchen, eine Ausstellung durch die deutsche Botschaft zu organisieren. Hoffentlich klappt das, damit er weiter nach Australien oder evtl. nach Hause fahren kann. Ich muss mich nach all dem Pech ein wenig auftanken, damit mein down sich weiter was bessert.

So, hoffentlich geht es Euch allen gut, vor allem Dir. Schreib bitte mal wieder, damit ich nicht glaube, Du seiest ernstlich sauer auf mich.

Viele Küsse von Deinem Sohn Hans



Singapore Intercontinental
29. 10. 1969


Geliebte Mutter,

ganz kurze Botschaft von Deinem hochstapelnden Sohn aus Singapore.

Menschmeier, ich fang wieder an zu leben! Diese Stadt hat genau das richtige, nach dem begrenzten Horizont Balis. Ich kann gar nicht verstehen, warum ich die letzten Monate etwas abgesackt bin in meiner Stimmung. Hab ich mich doch glatt in Melancholie fallen lassen, und alles wegen.... na wegen halt.

Singapore ist für mich zwar 80% Business, doch die restlichen 20 wirken wie ‚ne Hormon-Spritze. Strassen, Autos, Gestank, Lichter oben und unten, Schaufenster mit tausend Nichtsnutzigkeiten und Beweglichem. Mann, bin ich froh, dass ich so wenig Geld mitgenommen habe, sonst käm’ ich aus den Läden gar nicht mehr raus. NATÜRLICH lebe ich auch hier, was die Äusserlichkeiten anbelangt, ganz feudal, erste Klasse Intercontinental. Tonbänder hab’ ich mir gekauft, damit ich meinen langen Balibrief an Euch starten kann.

– Oh, ich bin wieder ganz oben. Schlag mich schon mit Plänen ‚rum, gleich nach Bali ein ganz verrücktes Buch über Singapore zu machen. Es sieht gar nicht schlecht aus, das ganze. Der Markt hier an Guide-Büchern ist ganz miese und das in solch einer schönen Stadt. Der Duft, der gewisse, hat mich gepackt, wenn ich so zwischendurch am Hafen ‚rumschleiche. Ist das nicht ganz furchtbar mit mir????

Übrigens ist alles ganz begeistert von meinem Entwurf für’s Buch. Und meistens ganz grosse Fische. Mein Schiffchen treibt ‚ner richtig schönen Sensation zu. Wart noch a bissel, dann hammas.

Von Werner hab’ ich noch keine Nachricht bekommen, werd wohl was in Bali vorfinden. Am Sonntag flieg ich erst mal nach Djakarta, dann am Dienstag wohl weiter nach Bali, wo ich das Buch fertig mache. Also Schatz, das nur so mal wieder zwischendurch.

Kuss von Deinem Söhnlein


PS. Mal wieder typisch Indonesia: Plötzlich verweigert mir die indonesische Botschaft ein neues Touristvisa. Im Augenblick rasen einige Fernschreiben zwischen hier und Djakarta und Bali. Woran das liegt?? Du wirst es nicht glauben, aber es ist nichts als einfacher Neid zwischen den Javanern und den Balinesen. Für Javaner ist es unbegreiflich, warum soviel Touristen nach Bali gehen und nicht nach Java. Da es langsam bekannt wird, was wir in Bali für ein „tolles“ Buch machen, ist wieder mal irgend ein Immigration General neidisch und macht Schwierigkeiten. Ein 25.000 Dollar-Projekt (und das ist unser Buch inzwischen) muss halt mal wieder etwas warten. Warum? Frag Indonesia.
Kann ja auch sein dass der Immigrations Fritze in Bali, der dem Werner Probleme machte, jetzt auf 'ne Gehaltsverbesserung spekuliert...

Jetzt dauert es wieder mal ne Weile, bis das geklärt wird und hinterher lächelt wieder alles und freut sich über ein soooo schönes Buch.

Der Sohn

Thursday, October 1, 2009

Oktoberstimmung '69

Hotel BALI BEACH 5. 10. 1969



Liebe Mutter,


Dein Brief kam vor ein paar Tagen hier an und traf mich in ausgesprochen mieser Stimmung. Natürlich hast Du recht. Du hast recht, so recht. Im Augenblick ist der Wurm drin in allem. Schön und gut, Bali ist immer noch der gleiche schöne Fleck, doch ich selber bin in viel Krampf verwickelt. Das ist vielleicht etwas unverständlich für Dich, aber auch da liegt die meiste Schuld an mir, da ich scheinbar nicht mehr in der Lage bin, einen vernünftigen Brief zu schreiben. Jetzt versuch’ ich’s halt nochmal, hab mir’s hier am Strand in einem Liegestuhl bequem gemacht und will versuchen, Dir etwas mehr von mir und meiner Arbeit zu erzählen.


Kein grösser Leid, als dat wat man sich selbst andeid, oder so ähnlich. Bin ich doch die letzten Monate sowas wie fast verheiratet gewesen mit der Star Black (so heisst sie wirklich), die auch noch der Schreiberling von unserem Buch ist. Hach, nach all dem Hitch-Hikern und wechselhaften Bindungen war das schon rein physisch was so Schönes. So wurde es flugs schönste Gewöhnung und Selbstverständlichkeit, doch belastet von dem Zwang der Zusammenarbeit und dem winzigen Freundeskreis, der Bali-Society, in und mit der wir leben.


Vor ein paar Tagen also, just bei Eintreffen Deines Briefes ging das dann alles in die Brüche und Du kennst mich in dieser Beziehung ja gut genug : ich hänge ganz unerwartet durch und zwar gewaltig... Wir wussten ja dauernd, dass wir „eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen“ und das hat sich bewiesen. Aber dennoch, ich bin jetzt scheisssauer auf mich selber und auf alles. (So ein Dreck!!) –


Dann gab’s grossen Ärger für Werner Hahn. Er wohnte hier in der Nähe des Hotels bei einem Balinesen, hatte sich so’ne kleine Gallerie eingerichtet und arbeitete hier an dem Werbeteil des Guide-Buches mit. Eines Tages versuchte der Chef des hiesigen Immigrations-office ihm aus recht persönlichen Gründen Schwierigkeiten zu machen, was ihm nun auch gelungen ist. Werner hatte ein gültiges Visum, das bis Ende November ausgestellt war. Er hatte sich dieses Visum in Java, also nicht hier in Bali, besorgt, da er dort bessere Beziehungen hat. Das war also der Grund, der diesem Menschen vom hiesigen Büro nicht gefiel und der Werner jetzt zum Verhängnis wurde: Irgendwoher kramten sie ein altes Gesetz und stellten fest, dass Werner sich hier in Bali nicht gemeldet hatte. Kein Mensch hier wusste etwas von diesem Gesetz, aber irgendwie konnte es das Immigration-office hinbiegen, dass Werner ein Verfahren gemacht wurde, „zur Warnung“, wie man es nannte. Die Strafe war natürlich winzig, er musste etwa 15,- Mark Strafe bezahlen.


Der dicke Hund kam nur jetzt etwas später heraus: Jeder, der gegen ein Gesetz des Landes verstösst, hat das Land zu verlassen. So der Werner! Werner ist, wie ich, schon recht lange hier, hat sich hier fast niedergelassen und hängt natürlich sehr an Bali. Selbst mit Hilfe einiger einflussreicher Leute hier war nichts zu machen, er muss raus und zwar am 25. Oktober. So eine Scheisse, auf Deutsch gesagt. So gehen ‚ne Menge Pläne in die Brüche, die wir zusammen geschmiedet hatten. Jetzt weiss er natürlich nicht so recht, was machen. Kaum Geld und wenig Lust. Grosse Diskussionen sind im Gange, soll er zurück nach Deutschland oder weiter nach Australien?


Gerd Veit, der Dritte im Ubud-Haus, ist ja schon seit März in Australien. Ich weiss nicht, ob Du Dich noch an die June erinnerst? Sie lebte vor einem Jahr mit uns allen für einige Monate in Ubud. Na also, June war Australierin und lebt jetzt mit Gerd dort zusammen. Gerd schreibt Böses von Australien, kann sich gar nicht mehr zurechtfinden mit geregelter Arbeitszeit und gammelt jetzt so in den Tag hinein, malt ein wenig und ist sonst ein Aussenseiter der australischen Gesellschaft. Werner hat wenig Lust, es ihm nachzutun, fürchtet sich aber davor, dass es ihm schnell genauso geht, falls er nach Australien weiterfährt. Du siehst, richtig saublödes Zeug, alles in allem. Da Werner auch noch das Flugzeug benutzen muss und wir zusammen etwa 2000 DM Aussenstände haben für allerlei Anzeigen und Fotografien, musste ich ihm dieses Geld vorschiessen damit er was in der Tasche hat, was meiner Kasse auch nicht so gut tat, wie Du Dir vorstellen kannst.


Ich hab zwar ‚ne Menge Geld kommen in Zukunft, glaub ich, aber wie gesagt, erst müssen ja mal die Bücher auf dem Markt sein. Übrigens habe ich nach langem hartem Kampf einen neuen Vertrag gemacht. Ich weiss, dass Dich das weniger interessiert, als was ich wirklich treibe und mache, aber Du musst wissen, dass ich wirklich die grosse Chance habe, ‚ne Menge Geld zu verdienen. Mein Buch wird durch Intercontinental und Pan Am vertrieben, was ganz sicher bedeutet, dass es eine sehr hohe Auflage und Profit erreichen wird. Von New York aus wird es über die ganze Welt in den Hotels angeboten. Am Reingewinn bin ich mit 10 % beteiligt, was auf 100.000 Bücher allein etwa 80.000 DM für mich einbringen kann. Ich konnte also meinen Kontrakt auf alle weiteren Auflagen erweitern! Dazu kommt, dass ich der alleinige Repräsentant für weitere Auflagen sein werde, was mir weiterhin 15% Druckprovision einbringen wird. (Das ist schon bei der jetzigen ersten Auflage etwa 10.000 DM). Für alle weiteren Auflagen, und das kommt noch zusätzlich, bekomme ich 15 % der Werbeeinnahmen plus 1 Monat frei wohnen und essen, plus einen Return-Flug nach Singapore, das bedeutet, dass ich mir einen jährlichen Urlaub für einen Monat hier in Bali gesichert habe, für den ich auch noch mit 6000 DM bezahlt werde. Du glaubst das natürlich alles nicht so recht, aber alles steht im Vertrag.


Ich habe ein Bankkonto in Amerika, na bitte. Aber es braucht halt Zeit. Damit verbunden sind, wie Du Dir sicher vorstellen kannst, weitere hundert Pläne, was ich denn nun mache, wenn das Buch fertig ist. Ein geregeltes Einkommen hab’ ich zwar jetzt schon, aber begrenzt (Du weißt ja, dass ich für meine schönen Bemühungen hier 800 DM freies Geld bekomme monatlich, was ich natürlich schon längst in sauteure Kameras und Linsen und so weiter wieder investiert habe). Denn sobald das Buch fertig ist, muss ich mich mal wieder nach einer neuen Behausung umsehen. Zu alleroberst steht natürlich immer noch mein Deutschland-Besuch. Ich sage natürlich Besuch, denn ich kann mich einfach nicht mit dem Gedanken befreunden, mich also normaler Mensch in Deutschland niederzulassen, Mutter, trotz meiner scheinbaren Ruhe und Sesshaftigkeit hier in Bali bin ich immer noch der gleiche unruhige Gesell. Kaum sitz ich hier mal am Meer, wird es mir sofort wieder weh um’s Herz und ich fühl mich unruhiger als je zuvor. Bali, das Hotel, die kleine Kommune kommt mir dann schon wie ein Gefängnis vor und ich bete darum, dass ich das Buch schleunigst fertig bekomme, um, um, ... na ich weiss halt nicht, einfach wieder loszuzischen und das Leben wieder zu geniessen, etwas, was durch die Arbeit und das Bali-Beach-KZ ganz in Vergessenheit geraten zu sein scheint.


Sei net traurig, Henny, Dein Sohn ist halt ein wiederlicher Sauhund, der einfach nicht daran denkt, ‚ne Familie zu haben und Kinder und Haus und so weiter (natürlich stimmt das auch nicht ganz, denn gerade das ist’s doch, was ich will, aber ohne Haus fang ich halt nicht mit den Kindern an und ‚ne Mietwohnung und 'ne Stelle mit ‚nem bösen Chef ist einfach eine wiederliche Vorstellung, der ich mich einfach entziehe, indem ich sie nicht in Betracht ziehe : ich bin unanstellbar) - oh je, mein Deutsch ist wirklich kläglich geworden, findest Du nicht auch??


Sämtliche Geburtstage sind mir jetzt natürlich durch die Lappen gegangen, meist weil ich so mit Arbeit und all dem Kram im Dreck hänge. Wie dieses Buch zustande kommt, ist schon ein Buch für sich. Natürlich seid Ihr allemal sauer auf mich, da sind wir also alle sauer, womit wir das Normalstadium des normalen westlichen Menschen wieder mal herrlich repräsentieren.


Wenn ich Dir sage, dass ich sehr viel an Euch alle denke, so hört sich das sicher recht komisch an. Ihr seid aber wirklich alle in meinen Gedanken so lebhaft vorhanden, dass ich die Zeit meiner Abwesenheit gar nicht mit berücksichtige. Aber hinsitzen und meine Gedanken auf ein Blatt Papier sammeln, das will mir einfach nicht recht gelingen.


Dein letzter Brief war doch ein recht alarmierendes Zeichen und ich versuche heute wenigstens, mich etwas zu bessern. Der Herr Benser hat Dich also angerufen aus Oberkassel? Das war schon so ein lustiger Heini. Ein bissel aalglatt und windig hat er es geschafft, sich hier kurzerhand etwas breit zu machen und sich mit seinen Fotos von Bali an das Hotel management anzubiedern und in harte Konkurrenz mit meinen zu treten, der Schlawiener. Das passte mir anfangs wenig, aber bei näherem Hinsehen muss ich eingestehen, dass einige Themen wirklich ganz gut getroffen sind und ich werde so doch einige Fotos von ihm hier im Buch "berücksichtigen". Auf professionelle Manier hat er sich mit dem Hotelchef gutgestellt. Zum guten Schluss dann hat er einen Film, den er mir bei einem Fest gegeben hat und den ich dann vollschoss, für sich behalten, so dass jetzt einige meiner Aufnahmen den Stempel seiner Firma tragen. Doch was soll’s. – Er hat Dir von mir was erzählt, was ja doch sehr nett war, und damit will ich meinen Zorn etwas begraben.-


Harald ist jetzt 24 Jahre alt und immer noch nicht verheiratet, also sowas, was hast Du bloss für Kinder. Was macht er denn bloss so? Obwohl wir doch so recht verschiedene Typen sind und manches mal aneinandergeraten sind, lieb ich ihn herzhaft und ich bin sicher, dass er zwar ein sehr kritisches mahnendes Auge auf mich hat, aber dass er doch sehr auf meiner Seite steht. Das tut so recht gut, wenn Du es auch nur so kurz andeutest in Deinem Brief. Wie lange hat er denn noch zu studieren? Computer tut er füttern, na sowas!!! Ein richtiger Sohn der modernen Welt wird der mal und sicherlich ganz berühmt. Was? 'ne Tänzerin hat er gefunden, na so was!!!


Was macht man denn sonst so in der Familie? Sicher bist Du nach diesem etwas längeren Brief etwas besser auf mich zu sprechen und erzählst mir doch was mehr von Dir und Euch. Du sagst, Du wirst alt; na hör’ mal, wieso denn???? Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. In 30 Jahren bin ich gerade so alt wie Du jetzt und Du erst in den Achtzigern. Na, das sollst Du doch erleben, wie ich dann aussehe: langes graues Haar, rauschgiftsüchtig und zum zwölftenmal verheiratet, ein Trunkenbold und mit Tendenzen, dauernd von meinem „fahrtenreichen“ Leben zu erzählen, ein Opfer der Gesellschaft und auf Almosen der Wohl-fahrt, meiner letzten Fahrt, angewiesen. Ha,ha, das wird noch ein Spass.


Übrigens rechne ich fest damit, einmal selber zum Mond zu fliegen. Hast Du die Aufnahmen der Erde von dort aus gesehen? Sie sind gerade hier im neuesten LIFE Magazin (wir leben ja auch hinterm Mond) erschienen und ich hab gleich eins in einen balinesischen Rahmen gepappt. Ist das nicht goldig, so ‚nen Erdaufgang will ich also doch noch erleben, koste es, was es wolle.


Apropos hinter dem Mond, das Wahlergebnis hat mir wieder einen Dämpfer auf mein durch so richtig schöne Spiegelberichte romantisiertes Deutschlandbild gegeben. Hat denn die CDU immer noch Anhänger?? Also wenn Du schon wieder CDU gewählt hast, dann schreib ich noch weniger!!! Übrigens habe ich nicht gewählt, da ich mich nicht mehr als deutscher Bürger fühle, Staatsbürger bin ich zwar immer noch, aber eben so ein ganz elendiger; - was bestimmt noch mal lange Diskussionen mit allen möglichen Zuhauselebenden nach sich ziehen wird. Übrigens war ich ausserdem zu faul dazu!!!


Doch ich schweife ab, weil ich dauernd wieder mit meinem blödsinnigen Herzeleid beschäftigt bin, so ein Mist, diese Frauen. – Ich trinke einen dritten Pernod, hänge immer noch im Liegestuhl, den Schreibblock auf den Knien, aus der Palmenkrone über mir plärrt leise Hotelmusik, eine feine Idee, dort einen Lautsprecher anzubringen, es kann einem übel werden dabei. Du kannst ganz aber beruhigt sein: man achtet peinlich darauf, dass die dicken Kokosnüsse schon ganz klein und jung entfernt werden, damit sie nicht einem lieben Touristen oder gar mir auf den Kopf plumpsen.


Ja, also wann wird das Buch endlich fertig ? Am 15. Oktober plane ich nach Singapore zu fliegen, dort den Rest meines Geldes in ein Tonbandgerät zu investieren und gleichzeitig meinen Liebeskummer zu vergessen und ganz nebenbei für das Buch etwas herum zu hantieren. Weitere zwei Monate sind von Nöten zumindest, da das Buch immer dicker wird. Aber es wird ein ganz tolles Buch, und die ersten 20.000 Bücher kosten 100.000 DM. Also es ist schon ein Märchen, wenn man bedenkt, dass ich mir 100 Rps.- das ist 1,10 DM - leihen musste, um zum Hotel zu fahren und meine Idee zu unterbreiten. – Und gleich schick ich Dir dann so ein paar noch druckfeuchte Exemplare zu. Aber noch ausharren musst Du halt, bevor Du in Jubel ausbrichst und staunst, was Dein Sohn da zusammen gezimmert hat.


*** *** *

***** **

Also jetzt kommt wieder die grosse Leere über mich, ich bin etwas leergelaufen, was soll ich schreiben ? Ach ja, Bali ist soooooo schön, die Segelboote gleiten durch das Salzwasser, die Palmen stehen herum.


Heute ist Sonntagmorgen, meine Badehose ist gelb mit beigen Streifen, meine Blicke streifen den Horizont. In Deutschland ist’s schon bald kalt, - ein Tonband werd ich vollschwätzen, MicK Jagger ist hier in Bali und ist der Chef von diesen Rolling Stones und kurvt gerade mit ‚nem Motorroller und meiner „Ehemaligen“ auf Rücksitz durch Bali, und ich bin traurig, weil er mir die Frau ausspannt, bloss weil er der Chef der Rolling Stones ist und ich nicht, und es ist nicht zu fassen, es ist nicht zu fassen, es ist nicht zu fassen, es ist nicht zu fassen !


- Das mir, mir, das Dir, das uns – welche Schande, die Balinesen tanzen und feiern und lieben und lächeln und bescheissen die Touristen und sind „religiös" und ich nicht mehr, und die Wolken ziehen dahin, dorthin, verziehen sich, und mir tun die Finger weh und das Herz’l auch, und schon wieder hab’ ich ‚ne Zigarette im Mund, die elfte zu diesem Brief, macht nichts, sind ja noch 9 drin im Paket.


Die Ober stehen herum und sind trotzdem Balinesen, der Wind verwischt die blöde Musik, das Hotel ruht in seinen Angeln, kein Erdbeben kann mich mehr erschüttern als dieses Frauenzimmer, das Buch darfst mir nicht hassen, gell, mein Glück ist dahin, wohin, dorthin, der Vulkan dort drüben ist ruhig seit 1963, meine Badehose klemmt, die Wellen rauschen kaum, heut ist Sonntag, ein amerikanischer Tourist lächelt mir dauernd zu, gleich wird er mich fragen, ob es hier 'fun mit Männern' gibt, die FDP ist immer noch sooo wichtig, der Walter hat mir geschrieben, dass er in 1,5 (in Worten einskommafünf) Jahren wieder ‚ne Reise machen will, der gute, Grafiker ist er und ne ganz moderne Wohnung hat er, und der Rolf auch, und Harald füttert Computer, na sowas, dort die junge Dame hat auch keinen schlechten Hintern, ein Fischer watet den Fischen nach, das Buch ist immer noch nicht fertig und die Palmen schwingen.


Die Zigarette ist zu Ende, mein Glas ist leer, der Kuli aber noch nicht, ein Vogel kommt geflogen, setzt sich nieder auf mein Fuss, hat ein Zettelchen im Schnabel, von der Liebsten ein Gruss, sowas mir, ich glaub ich sauf mir besser einen an, wer die blaue Blume finden will, der muss ein Wandervogel sein, ein Wander-vogel sein ! Jetzt hab’ ich mir nochmal ‚nen französischen Pernod einschenken lassen, es macht richtig Spass mit Dir zu reden, in meinem Liebeskummer, was mir, heut Abend fahr ich mit’m Fahrrad raus und hör’ den Balinesen beim Musikmachen zu und ich werd’ nicht eher ruhen, bis dieser Brief mal endlich wieder lang wird, ich geh mal eben in den Swimming-pool, Sportmensch der ich da bin.


– So, abgeschrubbt, und noch aweng nass, weiter geht’s. Grad hab’ ich den Zollmenschen gesehen, der dafür sorgte, dass Werner das Land verlässt, er sitzt am Swimmingpool des Hotels und jammert mir was vor, wie wenig Geld er verdient und sooo.... Nachtigall ich hör Dir trapsen, ich kenn die Genossen hier inzwischen und weiss, was das so bedeutet.... Übrigens werden die meisten Briefe, die ich hier so erhalte, geöffnet. Ich bin sowas wie eine V.I.P.-Figur für das hiesige Government geworden glaub ich, da das Buch das offizielle Guide-Buch, das heisst das Government-Guide-Buch gleichzeitig werden wird ! Das hat der Hotel-Manager erreicht, aus einer Menge Gründen.


- - - Guide-Buch, Liebeskummer, Werner, es ist immer wieder das gleiche, was mir durch den Kopf geht. - - - Der Pernod tut seine Wirkung, ich werde leicht beschwipst. Weißt Du übrigens, was der Christof Röhm macht? Ich würde ja zu gerne mal wissen, was der Bursche macht und vor allem die Monika, seine Freundin, die noch immer eine stille Liebe von mir ist? Was, ach Gottchen, ach Gottchen, macht meine liebe D. denn so? Also wenn ich noch daran denke, was für ein Auf und Ab von den verwirrtesten Emotionen ich mit dem Mädel durchgemacht habe ... Weitere Kinder im Kommen? Was wird aus Egon? Der liebe Kerl, all die lieben Leute sind so frisch in Erinnerung, dass ich gar nicht glaube, wie lange ich schon weg bin von Krefeld.


Mutter, sei mir net bös, aber ich werd a bissel besoffen, hab allen Grund dazu, natürlich kein Grund zum Sorgen, es ist nur sowas wie eine unbandige Lust an der Melancholie ... beim nächsten Brief an Dich sieht sowieso alles schon wieder besser aus und ich bin wieder halbsogut gelaunt wie ich erst mal sein werde, wenn das Scheiss Buch fertig ist und ich endlich weiss wie’s weitergeht, das schöne Leben.


Ganz, ganz feste Umarmung und verzeih Deinem


wiederlichen, liederlichen


Hans


Sunday, September 20, 2009

Sommerpause Sendepause

Hotel BALI BEACH 8. 8. 1969


Liebste Mutter,

Habe Deinen Brief bekommen und kann selbst nicht recht begreifen, warum ich Dir durch meine lange Schreibpause soviel Sorge bereite. Ich komm mir vor, wie in einem Glaskasten, bin einfach nicht in der Lage, mich hinzusetzen, zu schreiben. Schon zweimal hab’ ich angefangen, einen langen Brief an Dich zu schreiben, aber es will und will nicht hinhauen. Ich bin weiterhin beschäftigt mit dem Buch, das mir viel Sorgen bereitet. Hab’ bitte Geduld und Verständnis, aber ich bin halt nicht so gerne bereit, meist von Missmut und Ungeduld, von endlosen kleinen Widrigkeiten und von schlechter Laune zu schreiben. Sei getrost sicher, dass sich dieses Heftpflaster vor meinem Mund alsbald mal wieder lösen wird, und dann fliesst es wieder seitenweise aus meiner Feder. Ich versprech Dir einen längeren Geburtstagsbrief!

Bitte, bitte sei mir nicht bös und so Gedanken wie „nicht an Dich denken“ machen mich glatt rabiat.


Kuss Dein Sohn


Hotel BALI BEACH 12. 9. 1969


Liebe Mutter,

was ist bloss los, dass ich nicht mehr recht schreiben kann. Schon wieder ewige Zeiten vergangen, seit ich Dich gesprochen habe. Sicher bist Du elendig sauer auf Deinen Elendssohn, dass Du nicht mehr schreibst. Ich fühl da grosses Schimpfen kommen im nächsten Brief. Oder Du bist auf Urlaub und fühlst Dich sehr wohl in dem Gebirge dort.

Hier immer noch dieselbe Scheisse. Buch noch nicht fertig, aber zu drei Vierteln, und was für welche. Jetzt muss ich noch etwa zwei Monate durchhalten und dann ist der Grundstein zu meinen Millionen gelegt. Ach was, sicher kann ich Dich damit auch nicht recht aufmuntern, und Du wartest auf meine Nachricht, dass ich endlich mal wieder nach Hause komme. Aber was soll ich jetzt sagen, so viel liegt an dem Buch, an dem „wie-es-ankommt“ und „was-es-bringt“. Daher werde Balinese und hab’ die grosse Geduld. Ich bin trotz dem ewigen Aufschub doch recht optimistisch, dass das Buch ein grosser Erfolg wird. Alle, die die ersten Teile gesehen haben, jubeln so ein wenig durch die Gegend. Aber man kann ja nie wissen! ---- Also abwarten. Ich träume halt weiter vom grossen Business und so weiter. Bin also weiterhin voll und ganz eingespannt im Layout und im Production-Management. Zwei angefangene lange Briefe liegen hier herum und werden wohl nie beendet. Verzeih'’ aber ich hab den Kopf so voll mit Jedöns, dass ich Dich erst lieber garnicht damit belaste. Ich verspreche Dir natürlich nochmal, dass sich das alles ändert, sobald ich fertig bin. Übrigens, stell Dir das vor, ich kriege, sowas, also wirklich ich, habe gefunden, morgens vor dem Spiegel, graue Haare an den Schläfen. Ich ziere mich damit jetzt ganz schön herum, wenn’s auch erst 3 (drei) sind. Immerhin.

Leider habe ich schon lange keine Nachricht von Dir. Vielleicht ist mal wieder was verloren gegangen. Sicher bist Du mit Helga und Heri im Urlaub. Was sonst so in der Familie los ist, wenig Ahnung. Alles dreht sich bei mir ausschliesslich um das Buch. Mein einziges Hobby ist fotografieren geworden. So suche ich die Insel weiterhin mit meiner Super-Kameraausrüstung nach Motiven ab. Diesmal in schwarz-weiss, das ist billiger. Anfang Oktober, so hoffe ich, werde ich mit Teilen des Buches schon mal nach Singapore oder sogar nach Hongkong fliegen. So hab’ ich’s geplant, aber wer weiss, vielleicht dauert es auch noch was länger.

Mutter, meine Schreiblaune ist so verheerend! Harre aus, wenn’s Buch fertig ist, bin ich ein anderer Mensch. Sei geküsst und umarmt, kurz aber heftig,


Dein Bali-Sohn
Hans Höfer