Letters home 1967 -1978

Sunday, August 1, 2010

Henny kommt


Oben: Im April 1970 geht alles in die Druckpressen in Singapore:
Erstmal drucke ich ein Dutzend Postkarden
und werde zum ersten Postkartenverleger in Bali.


Hotel BALI BEACH

März 1970



Liebste Mutter,


schon wieder sind so viele Tage in einem gewissen Arbeitstrott dahin, und schon lang hast Du nichts von mir gehört. Verzeih’, aber es liegt halt an diesem „Arbeitstrott“, dem balinesischen, dem Guide-Buchigen. Das Buch wird immer doller, aber ums Verrecken nicht fertiger. Doch, verglichen am Grafikerarbeitstrott in Deutschland, wie anders sieht der hier in Bali aus?


Stell Dir also das folgende vor : nach eingehendem Studium der balinesischen Tänze suchten wir aus den bestehenden 57 (siebenundfünfzig), 18 Tänze zur ausgiebigen Beschreibung für unser Buch heraus. Diese, so hab’ ich mir das ausgedacht, werden gesondert und ausgiebig für die zukünftigen Besucher dieser Insel beschrieben. Ich habe den gesamten Stab des Hotels und einige Leute aus dem Government zur Verfügung. Was immer ich mir so ausdenke, es wird arrangiert, oh

ne Rücksicht auf die Kosten. Ich hatte Dir ja nach Mallorca den Zeitungsartikel über Bali gesandt (doch leider noch nicht erfahren, ob Du ihn auch erhalten hast?. Erinnerst Du Dich an den Ketjak-Tanz?? Den, mit den vielen wahnsinnigen Balinesen im Kreis herum?

Lass Dir erzählen, was ich da angestellt habe, um den für’s Buch zu fotografieren:


Also, da gibt es im Westen der Insel eine Bucht, die man nur als Traumbucht beschreiben kann. Haushohe Wellen brechen sich an einem riesigen Felsen, der wie ein gestrandetes Schiff aus dem Getöse ragt, obendrauf ein kleiner Tempel. So ein richtiges Traumfoto hab’ ich mir da ausgedacht. Man nehme diese ungeheure Landschaft, die schwarzen Felsen, Korallen und schwarzen Sand, mische ein wenig Sonnenuntergang bei, und was man noch benötigt, sind 6 Lastwagen voll mit 300 Balinesen, von weither aus einem Bergdorf, und lasse sie dort einen Ketjak-Tanz zelebrieren!!!!


Mutter, einfach unbeschreiblich! Die Balinesen, zwei Tanzgruppen zusammen, hatten noch nie zuvor in ihrem Leben das Meer gesehen. Ganz still und staunend standen sie da, etwas ängstlich vor den unheimlichen Wellen, prüften und rochen an den grünen Algen, konnten gar nicht begreifen, wie dieser riesige Felsen den Wellen standhalten konnte. Es mussten besondere Opfergaben dargebracht werden, (die Dorfpriester waren natürlich mit auf dem Lastwagen), bevor die Götter beruhigt waren und damit die Balinesen.


Und dann die Fotos, hoch über dem Meer auf dem Felsen, 300 Leute, ihren wahnsinnig erregenden Tanz vollführend. Die Bewohner der umliegenden Dörfer kamen geströmt, sahen diesen Tanz zum erstenmal, da es ihn in dieser Gegend nicht gibt.


Kejak Tanah Lot : 300 dancers by the sea in Tanah Lot


Sowas macht also Dein Sohn im Augenblick, täglich. Denn 18 Tänze, über ganz Bali verstreut, zu arrangieren, ist schon ein Geschäft, und was für eins!! Die besten Tänzer, die besten Tanzgruppen, die besten Orchester, alles musste her für unser Buch. Die Arbeit macht mich inzwischen wohl zum besten Kenner Balis, kein Dorf, das ich nicht besucht hätte, kein Winkel blieb verborgen. Ich bin ein bunter Hund auf Bali.


Zuerst wird der Platz und die Zeit für den nächsten Tanz herausgefunden. Opfer werden gebracht, damit das Wetter auch schön bleibt. Anderntags rollen wir dann wieder im Dorf ein mit unseren Jeeps. Im Tempel sind die Vorbereitungen für den Sang-Jang Tanz in vollem Gange. Zwei kleine Mädchen wurden ausgesucht und geschmückt. Sie sitzen am Boden vor den Opferfeuern, dahinter etwa 20 Priesterfrauen, die bald mit Engelsstimmen ihren heiligen Gesang anstimmen. Priester sitzen murmelnd davor. Bald sinken die kleinen Mädchen zurück, versinken in tiefer Trance. Sie werden mit goldenen Hauben geschmückt.


Obwohl sie noch nie Tanzunterricht hatten, beginnen die Engelchen, 8 und 9 Jahre alt, sich langsam zu wiegen, zwei Männer heben sie auf die Schultern; sie werden vor das Tempeltor getragen, wo der Sang-JangTanz stattfinden wird. Sich gegenüber sitzend, auf der einen Seite etwa 100 Männer mit nackten Oberkörpern, sich im Rhythmus des Gesanges wiegend, auf der anderen Seite Frauen, die den kurzen, abgehackten Gesang der Männer durch langgezogene schrille Melodien ergänzen, dazwischen tanzen, mit geschlossenen Augen und wie im Traum lächelnd, die beiden kleinen Mädchen, ein unbeschreibliches Bild, das nur zu leicht ein wenig verwässert. Ich werde von der ungeheuren Stimmung ergriffen.


SangJang Dadari : two girls dance in a deep trance


Anderntags der Dopeng Tanz, der tollste Maskentanz, den Bali zu bieten hat. Das ganze Dorf ist zusammengelaufen, um den besten Maskentänzer Balis zu sehen. Bukre heisst er, ist etwa 50 Jahre alt. Seine Masken sind heilig für ihn, er spricht mit ihnen, kennt ihre Launen. Er ist nur ihr Körper, der sich jedesmal total verwandelt, wenn immer er die Masken wechselt.


Dopeng dancer Bukre throws open the curtain and starts his magic performance


Dann war der Tjalon-Arang-Tanz, bei dem einige Tänzer plötzlich in Trance fallen und sich gegenseitig mit scharfen Messern anfallen, wie besessen aufeinander losstechen. Obwohl ich es jetzt schon so oft gesehen habe, es ist jedesmal wieder zum wahnsinnig werden, und es gibt keine westlich befriedigende Antwort, warum es plötzlich möglich ist, dass das ganze Gewicht eines Körpers auf der Spitze eines 40 cm langen Messers liegen kann, warum sich plötzlich die Stahlklingen durchbiegen, ohne die nackte Haut auch nur zu ritzen. Die Balinesen zucken halt die Schultern und sagen einfach, dass man in Trance unverwundbar wird.


Tjalon Arang : evil triumphs over good, for a short period only


So sieht’s aus mit meinem Alltag, und die ganze Guide-Buch-Produktion läuft auf Hochtouren, so dass ich kaum zum Schreiben komme, ja kaum daran denke. Das wird natürlich alles wieder anders, wenn ich erstmal mit allem fertig bin.


Bis heute habe ich Deine Briefe aus Mallorca noch nicht erhalten. Der letzte Brief kam Anfang dieses Monats und war am 23. Juni geschrieben. Ach ja, das alte Lied von der Post. Lass mich nur bitte nochmals wissen, ob Du meinen Brief nach Mallorca mit dem Zeitungsbericht aus LIFE überhaupt bekommen hast. Es gibt noch einige Exemplare hier.


Du siehst, meine Schrift wird schon wieder gehetzter, das Telefon klingelt, und ich bin mit Gedanken schon wieder beim Guide-Buch.


Verzeih’, bleib gesund und munter. Schreib doch mal was öfter und lass mich teilnehmen an Deinem Leben.


Bitte, bitte

Dein Sohn






Der Erste Druckgang des Apa/Insight Guides Bali Mai 1970 bei Times Printers Singapore.



Hans Höfer

Singapore

22. 4. 1970



Liebe Mutter,


die Druckpressen laufen auf vollen Touren und befördern 20.000 Exemplare jeder Seite zu Tage, alles in Farbe und grosser Geschwindigkeit.


Ganz schnell und kurz, um die entstandene Zeitlücke auszufüllen, ein paar Zeilen, damit Du weißt, was los ist. Also – ich bin bis 10. Mai hier in Singapore und plane dann, mit etwa 500 Büchern in der Tasche nach Bali zu kutschieren. Dann werd’ ich erst mal ein paar Tage lang Bücher verschenken auf der ganzen Insel und mich dann sofort in die Büsche schlagen und meine Seele baumeln lassen.


Am schönsten wäre es natürlich, wenn Du zusammen mit mir baumeln würdest, zumindest für 18 Tage. Es wäre zu schön, wenn wir irgend etwas arrangieren könnten in Djakarta, um die Rückreise auszudehnen, wenn nicht, so what?


Leider habe ich noch keine Antwort von Dir, vielleicht ist der Brief gerade unterwegs. Die letzte Nachricht von Dir kam durch einen lieben Brief von Tante Maria. Ich hoffe, dass Deine Hand inzwischen wieder gesund ist und Du aus dem Krankenhaus heraus bist.


Da bekomme ich gerade einen Anruf vom Hotel Singapura, dass ein Brief für mich da ist !!


Ich habe mich zusammen mit Star hier in einem alten Englischen Colonialhaus auf der Stephens Road eingenistet, riesiges Zimmer mit Bad und Balkon, alten gemütlichen Möbeln und runden Spiegeln und Riesen-Ventilatoren, inmitten dieser riesigen Stadt, doch ganz alleinstehend, von alten Bäumen verdeckt. Neben meiner Arbeit am Guidebuch photografiere ich viel hier in Singapore und plane gleich hier mit einem weiteren Buch weiterzumachen. Doch wer weiss, wie der Wagen läuft, ich warte erst mal ein wenig die Reaktion auf mein Balibuch ab und dann sehe ich weiter.


Auf jeden Fall jedoch will ich es dieses Jahr anstellen, für einige Wochen oder so nach Deutschland zu kommen, falls es mit Deinem Besuch nicht hinhauen sollte. (Um mich herum zirpt es so laut, dass ich beim Schreiben mein eigenes Wort nicht verstehen kann!)


So, ich warte also auf Nachricht von Dir. Schreib ab 10. Mai nicht mehr nach Singapore, sondern nach Bali. Anbei noch ein paar miese Druckwerke meiner Produktion.


Ich freu’ mich so auf den Mai, 's Buch fertig und ein freier Mann, ohne Kontrakt, ohne Bindungen und ohne geregelte Verpflegung, die Haare sich wachsen lassend und nie mehr waschen, herumschlampen und ach, was weiss ich nicht alles,


Dein Sohn





Singapore


Liebe Mutter,

(irgendwann April 1970)


hach, die Tinte läuft, ach ja, das waren noch Zeiten als wir beide in Bali am Meer sassen und der Sekt uns die Beine hinunterlief und wir uns im Natürlichen badeten und im Sonnenuntergang. Solche Zeiten sind halt rar geworden und ich sehne mich nach Gamelanmusik und graziösen Tänzen. Verglichen, wird das alles recht langweilig werden, wenn wir im Wagen durch Thailand und Malaysien rauschen, von Elefanten und Tigern umlauert, von Schlangen gejagt.


Auch, der Tempelduft und Trommelschlag der Mönche dort im Lande des Königs von Siam und Anna seinem Weibe werden Dir ganz langweilig erscheinen und Du wirst gähnen beim endlosen Gemurmel der meditierend gelbgewandeten, kahlköpfigen Klosterbewohner am Ufer der Klongs, die so dahin fliessen, als wenn nichts dabei wäre. Du wirst Dich sehnen nach dem luftgekühlten Essen im Hotel Bali Beach, wenn wir verzweifelt uns mit Essstäbchen um glitschige Nudeln schlagen in den Garküchen von Singapore, in dunklen Nebenstrassen, umgeben vom ewig grinsenden Lächeln der Tempelfiguren und ganz benebelt vom Dunst der Räucherkerzen uns fragen, was wir eigentlich hier wollen, so fern vom Glanz der Vollmondnacht in Bali, der Grillenverzirpten ?


Ach das wird schlimm, im hölzernen Haus so über schaukelnde Schindeln zum Klo zu stolpern, von Moskitos gejagt und die Erinnerung an die Hitze des Tages noch lebendig. Oh mein Gott, die grauen Wolken der Monsunregen entledigt, das müde Gewieher der Wasserbüffel, von nackten Jungen gejagt und ganz voll Schlamm um die feuchten Nasen, Ohjeminee, das Geklingel der Rikschas und das durchdringende Geschrill der chinesischen Oper am Strassenrand; Allmächtiger, das Geschrei der Affen auf dem Nachttisch und die Krokodile an der Wand, das Schaukeln der Boote und das asiatische Wackeln der Stühle, die steifen Glieder nach einer Nacht unter der Brücke und der undurchdringliche Blick des Obers um die Ecke. Das wird ja alles ganz furchtbar werden!


Wann kommste denn endlich?


Dein einsamer Sohn



















Letters Home 1- March/April 1970 .

Letters Home 2 - March/April 1970 .


Click oben ..... Zwei Briefe nach Hause auf Kunstdruck.

Die ersten Farbabzüge der Bilder des Balibuches verarbeite ich zu Briefpapier




Hans Höfer

Hotel BALI BEACH 8. 5. 1970



Liebe Mutter, lieber Bruder,


Also, das schaut ja endlich gut aus! Gerade bekomme ich Deinen Brief, und ich erwarte die Henny am 28. Mai.


Ich werde versuchen, in Djakarta zu sein, um dann am nächsten Tag mit Dir gleich weiter nach Bali zu fliegen. Und dann machen wir uns den tollsten Monat aller Zeiten!!! Ich freu’ mich ja so gewaltig darauf, mit Dir in Bali zu sein. Was glaubst Du, wie es ist, gerade nachdem das Buch heraus ist, da bin ich sowas wie ein König dort...


Wie und wo wir wohnen werden, ist noch nicht heraus, aber ich habe genügend Zeit, das zu arrangieren. Etwa 7000 Balinesen stehen bereit, für Dich zu tanzen, etwa 300 Tempel werden inzwischen geschmückt, um in alle Himmelsrichtungen zu opfern, Tausende von Kindern werden ihr Ständchen bringen, 100.000 Hunde werden mit den Schwänzen wackeln, wir werden allen möglichen Unfug zusammen machen, und Du wirst es nicht glauben, was es alles gibt in Bali.


Wir werden sehen, wie Du Dich fühlst, vielleicht reisen wir hinterher noch ganz gemütlich durch Java und ich bring Dich über Land nach Djakarta. Oh, Menschmeier, was freu’ ich mich auf unser Wiedersehen; wer hätte das gedacht, was ??? Hast Du übrigens das dicke Buch über Walter Spiess bekommen? Ich habe es einer sehr netten Dame gegeben, die mit Neckermann in Bali war. Sauteuer das Ding, und ich hoffe nur, dass Du es auch erhalten hast. Es sagt so viel über das Bali von damals, und so viel wirst Du wieder finden hier. Wir können bestimmt einige Tage im alten Haus von Walter Spiess wohnen! Doch wir werden sehen, was sich so alles ergibt.


An einem der nächsten Tage werde ich mir mal überlegen, was ich denn gerne von Deutschland hätte. Im Augenblick fällt mir nichts ein, also bitte nichts kaufen! Der einzige Wunsch wäre im Augenblick ein Stück Käsekuchen. Aber der wird wohl noch was auf sich warten lassen.-


Das also nur ganz kurz für heute, damit Ihr seht, wie sehr ich mich freue.


¨Übrigens noch zwei Tage, und das Buch ist fertig gedruckt! Dann wird es gebunden und verschickt!! Wie schön.....


Hans





PS. Hoffentlich bist Du auch einigermassen gesund, damit Du mit mir durch die Reisfelder hüpfen kannst.... und bekomm’ keinen Herzkollaps vor lauter Aufregung.



Dieses Foto machte Werner in einem winzigen Waldtempelchen in der Nähe von Ubud während einer Zeichenpause im Juli 69. Schon wieder ewig her.



Natürlich würdest Du gerne daraus etwas über meinen Gesundheitszustand ersehen, was aber leider, leider nicht geht. Ich seh’ Dich da, mein blasses Gesicht herauslesen und dünn dazu. Also bitte!! Ich bin inzwischen braunschwarz gegerbt und fett, alles andere ist Täuschung und nur Lichtreflex. Ausserdem steht mir Blume im Ohr und Batikrock doch ganz gut, oder nicht ????


Kuss

Balinuss!!





Hans Höfer


Hotel BALI BEACH

21. 5. 1970



Liebe Mutter,


also, also, also ... Da bin ich gerade hier angekommen sozusagen und ruhe auf meinen Lorbeeren herum. Ich hoffe ja so, dass inzwischen alles gut gegangen ist für Dich und Du alle Impfungen und Wunden überstanden hast. Deinen Brief vom 11. Mai habe ich bekommen und ich hoffe nur, dass Du diesen hier noch vor Deiner Abreise bekommst.


Du schreibst, dass Du am 30.5. in Djakarta ankommst. Ich werde alles versuchen, Dich dort am Flughafen abzuholen, kann es aber im Augenblick nicht versprechen. Hier ist so manches im Kommen. Morgen zuerst mal‚ 'ne grosse Schau. Banquett zur Präsentation unseres Buches, zu dem etwa 160 Personen eingeladen sind, Presse und Regierung und alles mögliche, 'ne Schau!





Star Black und Gäste bei unserer Buch-Vorstellung im Bali Beach Hotel, Mai 1970


Ich werde mich dann meinem eigenen Haushalt zuwenden, ich muss eine neue Ecke für mich und all mein Zeugs finden und so weiter. Ich hoffe, dass das alles geregelt ist, wenn Du kommst! Ich versuche also, Dich in Djakarta abzuholen. Falls ich jedoch nicht am Flughafen sein sollte, so erwarte ich Dich dann hier in Bali. Ich werde hier für die bestmögliche Unterkunft sorgen, und wir werden sehen, was sich so alles machen lässt, um Deinen Rückflug zu verlängern.


Jetzt kommen noch einige Ermahnungen, damit Du Dich auch richtig verhältst. Also: Du weisst, dass sich die Zeitrechnung um etwa 6 Stunden verschiebt, das bedeutet, dass Du einige Tage brauchen wirst, bis Du Dich an die neue Zeit gewöhnt hast.


Versuche also bitte nicht, in Djakarta wach zu bleiben und Dir dort etwa irgend was blödsinniges anschaust. Behalte ruhig Deine deutsche Zeitrechnung bei und geh gleich pennen, selbst wenn es noch hell ist, und sei ruhig wach, selbst wenn es dunkel ist. Du wirst um 6 Stunden älter und auf dem Rückflug dann wieder jünger.


Dazu kommt, dass es wohl etwas warm ist für Dich, aber auch daran wirst Du Dich schnell gewöhnen. Dass Du sehr aufgeregt bist, macht nichts. Sei nur nicht zu aufgeregt, immerhin kommt wohl der tollste Urlaub aller Zeiten auf Dich zu, und wer würde sich nicht darauf freuen. Viel Schlaf, Sonne, Meer, Tänze, Palmen, Reisfelder, Feste, Sonnenauf- und –untergänge, sehr wahrscheinlich werden wir für ´ne Woche in Tjampuan wohnen im Walter Spieshaus und achjottchen, was weiss ich nicht alles.


Übrigens ist mir immer noch nichts eingefallen, was Du mir mitbringen könntest. Das beste ist, Du bringst mir nur was zu lesen aus dem deutschen Kulturbereich, ein paar pardon-Magazine, ein paar Spiegel neueren Datums, einige twens, damit ich ein paar gute Fotos sehe.

Vielleicht ist ein Buch des deutschen Art-Directoren-Bundes heraus, in der WKS weiss man sicherlich etwas darüber. Sonst also bitte nichts, keine Garderobe vor allem, ich hab genug davon. Das Guide-Buch, was ich Dir geschickt habe, brauchst Du auch nicht mitzubringen, ich hab ne Menge hier.


Was soll ich sonst noch sagen, ach ja, wie schön, gestern bin ich 27 geworden, und genau am 20.5.68 bin ich hier nach Bali, also zwei Jahre hier, und am 20. kam ich mit dem Guide-Buch hier wieder an, wie romantisch. Schluck. Viel zu lange das alles, und ich werde sooo alt und bin immer noch nicht vernünftig.


Bitte, rufe Heinz Bauer an und sage ihm, dass ich seinen Brief erst gestern erhalten habe, und ich versuche, das Mädel hier aufzusuchen heute und ich ihm sofort die neuesten Kleinigkeiten schreibe, sobald ich sie habe.


Hurra, Hurra, Hurra, das Guide-Buch ist fertig, und ich bin ein freier Mensch, nahezu.


Kuss und Kuss und Kuss und mach, dass Du herkommst


Hans!!


Zwei Filmchen zeigen Henny im Hotel Bali Beach mit Star Black, Besuch in Ubud und Umgebung. Walter Spies Haus, Temple Prozession, Gunung Kawi etc.



Saturday, February 6, 2010

Du brauchst Dich nur zu freuen

Bali HOTEL BALI BEACH 3. 1. 1970


Liebe Mutter,

einfach um mein Gewissen zu entlasten und um Dir ganz schnell einen Neujahrskuss aufzudrücken :

Weiterhin im gleichen Übel, zuwenig Zeit für mich selber und für einen ausführlichen Brief, daher dieser Schmierzettel hier am Montagmorgen.

Arbeit, Arbeit, Meetings, Änderungen, Geschäftsbriefe, neue Pläne und so weiter und so weiter, richtig schöner Mist. Ich hoff’ und wünsche mir, dass das bald mal aufhört.

Dir wünsch ich alles Liebe und Schöne und dass wir uns bald wiedersehen, ganz bestimmt, in diesem Jahr.

Dein Sohn


HOTEL BALI BEACH 16. 1. 70


Liebe Mutter,

Soeben habe ich einen Brief an Onkel Otto beendet und ihm folgendes vorgeschlagen:

Da er mir vorschlug, Dich nach hier in Urlaub einzuladen, soll er doch bitte eine normale Flug-Ferien-Reise buchen, die etwa 14 Tage Bali einschliesst. Ich bin sicher, es lässt sich so arrangieren, dass Du zwei Rückflüge aussetzt und damit weitere 4 Wochen hierbleiben kannst. Da ich ja vorhabe an einem Kinder-Foto-Buch zu arbeiten, nachdem unser Guide-Buch fertig ist, habe ich viel Zeit, Dir meine Insel hier zu zeigen und Dich lange zu sehen. 4 Wochen Urlaub übernehme ich, plus 500 Dollar für Flugreise!!

Ich bin gespannt, was von Dir zu hören. März oder April wäre am besten für mich.

Gruss und Kuss und sei net immer so traurig

Dein Hans


HOTEL BALI BEACH 23. 1. 70

Liebe Mutter,

Walters Freund wird Dir sicherlich sehr viel von mir zu erzählen haben und ich bin so glücklich darüber dass Du mal einen rechten Augenzeugen meines Daseins bei Dir hast.

Sei nicht weiterhin traurig und hab noch ne Weile Zeit mit mir, bis ich alles hier hinter mir habe. Gestern habe ich meinen letzten Kampf hier ausgetragen und meinen verbesserten Vertrag unterschrieben bekommen. Wie’s also aussieht mit meinem Geschäft hier, kann Dir der Harald dann mal übersetzen. Was jetzt noch bleibt, ist ein letzter Teil Arbeit, dann bin ich wieder als normaler Mensch zu betrachten.

Ich warte jetzt ganz gespannt auf Deine und Onkel Ottos Antwort, was aus Deinem Besuch hier wird. Lass mich wissen, wann Du planst und wie ich meine Beteiligung zuschicken kann.

Es wäre wirklich toll, Dich für einige Wochen hier zu haben und es ist recht einfach, wie sich hier herausstellte, eine gute Unterkunft zu finden.

Bitte hebe den eingelegten Vertrag für mich auf, der ist schön was wert!

Ich hoffe wirklich, dass es Dir gutgeht und Du ein wenig beruhigter bist, nachdem Du durch Herrn Bauer etwas von Bali gehört hast. Ich hoffe, Du magst die beiden Batikstoffe, die ich Dir mitschicke und die balinesischen Malereien.

Ich umarme Dich herzlich und küsse Dich,

Dein Sohn


HOTEL BALI BEACH 12. 2. 70


Liebe Mutter,

Da werden wir uns also schnellstens wieder sehen ! Nun kommst Du also wirklich, um Bali und mich mitten drin zu erleben.

Ich kann mir das garnicht so recht vorstellen, denn je mehr mir das Datum 29. Mai bewusst wird, um so mehr wird mir klar, was alles inzwischen passiert ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. 3 Jahre, Menschmeier, Menschmeier.

Gestern kam Dein Brief hier an, zusammen mit Onkel Ottos Zeilen. Es ist zum Umfallen schön! Das Buch wird wohl fertig sein bis dahin, so wie die Götter es wollen. Wie lange Du hier sein wirst und wie ich das hier mit der Verlängerung arrangiere, habe ich noch nicht rausgefunden, will Dir und Onkel Otto aber so schnell als möglich alles herrichten, so dass alles richtig abläuft.

Mensch, die Henny in Bali, ich werd ganz meschugge bei dem Gedanken! Was gibt es da alles zu bereden und zu berichten!

Ganz wichtig ist, dass Du Deine Hand gut ausheilst und Dir Deinen Pass besorgst, Dich gegen Pocken und gegen Cholera impfen lässt, damit Du durch die Grenzen rutschst!

Ich will hoffen, dass Deine Hand bald wieder gut genug ist zum Hände schütteln, Kokosnüsse pflücken, Fische fangen, hinter den Ohren kratzen, Tiger tätscheln, Bilder malen, Buchseiten umblättern, Libellen fangen, Gabel und Messer halten, Reisberge essen, mir hinter die Ohren zu hauen, Fussballspielen, Wellenreiten, Nase schneuzen, Kellner winken, stricken, häkeln, sticken, mir meinen Knopf annähen und was man nicht alles so tut, mit der Hand.

Sonst brauchst Du Dich nur zu freuen, das hilft über alles weg. Ich habe für mich jetzt (und nicht zuletzt durch Deinen Besuch) beschlossen, nach Beendigung des Buches noch eine Weile hier in Bali zu bleiben und dann mit Dir zusammen eine Reise durch Asien zu machen. Die Reisekosten für solch eine Reise sind ganz unbegreiflich billig, und ich übernehme das mit Leichtigkeit.

Was würdest Du davon halten, wenn wir beide einen kleinen Ausflug von hier aus bis nach Bangkok unternehmen würden?? Natürlich ganz gemütlich über Land, immer fein mit Bus oder mit „first-class“-trains (erste Klasse made in Indonesia) von Djakarta fliegen wir dann für ein paar Tage nach Singapore, von dort kutschieren wir ganz gemütlich nach Malaysia, ich zeig dir Kuala Lumpur und noch so’n paar schöne Stellen, weiter nach Bangkok und dann noch ein paar Tage in Thailand, ha, Du wirst Dich nicht mehr wiedererkennen.

Natürlich stellst Du Dir das alles ein wenig wahnsinnig vor, aber ich bin so überzeugt, dass Du alles ganz komfortabel überstehen wirst, denn ich kenn mich, wie schon mal irgendwo bemerkt, ja in Asien aus ! Und warum sollst Du nicht auch Deinen Spass daran finden.

Ich selbst will nach solch einem langen Aufenthalt in Bali ganz gemütlich wieder ein wenig reisen, ein paar Tage ein kleines Hotel, immer an ganz schönen Stellen, viel fotografieren und darauf achten, dass Du jeden Tag von 12 bis 4 Uhr schläfst und überhaupt ein rechter Asiate wirst.

Dann für einen Tag auf nen Zug, schöne Reisen gibt es da, Du wirst es nicht glauben, erster Klasse, oder Schlafwagen, alles erschwinglich und ganz wahnsinnig. So, das hab ich also vor, und Du musst Dich langsam darauf vorbereiten. Ich werde Dir von hier aus alle Tips für die richtigen Reisevorbereitungen geben. Auch hab ich ein paar ganz kleine Wünsche, was Du mitbringen kannst. Dann musst Du Dich darauf gefasst machen, etwa 2 Tonnen Souvenirs und allerlei Sachen von hier aus zurückzuschicken.

Ich hoffe, dass das so klappt, wie ich mir das vorstelle und lass weiter von mir hören.

Kuss Julius


Hoffe, dass Du Deine Operation so gut überstehst, wie ich neulich eine kleine an mir. Ne ganz lustige übrigens, an einem ganz ganz empfindlichen Organ. Huch!


HOTEL BALI BEACH 26. 2. 70


Liebe Mutter,

Ich weiss noch nicht, wie ich Dir das Buch zuschicken werde, aber ich nehme an, dass ich in den nächsten Tagen jemanden finde, der es mit nach Deutschland nimmt und dann dort auf die Post gibt.

So ‚ne kleine Reisevorbereitung für Bali! Immer noch die beste, denn unser Buch ist ja immer noch nichts rechtes.

Walter Spies ist ein so wichtiger Mann für Bali – und irgendwie sprechen seine Briefe an seine Mutter von dem Bali, das ich kennen und lieben gelernt habe. Wenn sie auch schon 30 Jahre alt sind, alles ist irgendwie noch vorhanden und wiederzuentdecken.

Das Haus Tjampuan, Walter Spies’es ehemaliges Wohnhaus, ist heute ein Hotel, das von einem amerikanischen Freund geleitet wird. Einige Häuser, der Garten und vieles mehr sind noch genau wie im Buch beschrieben. Ich hoffe, dass wir bald für einige Tage dort wohnen werden!!

Ich wünsch Dir viel Spass und ‚ne Menge Vorfreude auf Bali

Dein Hans


Liebe Mutter,

also, da ist jemand von einer Neckermann-Tour: Eine nette liebe junge Frau, die dieses Buch in Deutschland auf die Post geben wird.
Gruss und Kuss an alle, die nicht mitdürfen,

vom Hans

PS. Den beiliegenden Brief habe ich heute an Onkel Otto geschickt; hoffentlich habe ich bald Nachricht, dass die Verlängerung klappt.



Lieber Onkel Otto!

Also jetzt hat’s geklingelt und ich habe verstanden. Vielen Dank für die Prospekte. Versuche also einen Pauschal flug zu buchen mit Verlängerung.

Mein Plan sieht also so aus:

Abreise Amsterdam 29.5 10:00 morgens
Ankunft Djakarta 30.5. 10:00 morgens

Dann geht’s am 1.6. weiter nach Bali.

Ich werde Mutti in Djakarta abholen und die Zeit dort in dieser Stadt verbringen und dafür sorgen, dass sie nicht allzusehr vor den Asiaten erschrickt.

Bis 16.6. ist alles im Flug Preis einbegriffen: wohnen und Frühstück Hotel Bali Beach.

Normalerweise ist also Rückflug am 15. oder 16. 6.
Das wäre natürlich schade, denn kaum hat man sich ne Weile, da soll’s schon wieder zurück ?

Bitte arrangiere in Holland, dass Mutter erst mit dem Flug am 6. oder 7. Juli (oder am 13. oder 14. Juli zurückfliegt) und zwar wieder von Djakarta aus. Ich möchte zu gerne eine gemütliche Bummelreise durch Java mit ihr machen, oder falls das zu anstrengend sein sollte, den Bali-Aufenthalt weiter verlängern.

Für den Rest komme ich auf, da ich speziellen Preis bekomme vom Hotel.

Ich werde Dir im Laufe der ersten März-Woche von Singapore aus meinen Beitrag von 500 $ zur Reise überweisen. Für die Flugverlängerungen komme ich gerne auf oder teile sie mit Dir und der Henny. Ich arrangiere jedoch von hier aus, da ich spezial-Preise erhalte.

Ich habe diesen Brief kopiert und zu Muttern geschickt, damit wir auch schöön alles recht machen.

Der Lulatsch





Saturday, December 19, 2009

Weihnachtsbrieflein 69

Hans Höfer


Hotel BALI BEACH 16. Dezember 1969



Liebe Mutter, liebe Schwester, lieber Bruder,


Alles mögliche habe ich angefangen. Zwei Briefe an Harald, zwei Tonbänder hab’ ich voll gesprochen, dies ist der dritte Versuch an diesem Brief – und es haut verdammt noch mal einfach nicht hin. Zwischen Arbeit am Guidebuch, zwischen Advertising-Geschwätz und Terminen, zwischen Umzug und Hotel-Restaurant, zwischen Tonbandaufnahmen für eine Bali-Schallplatte, zwischen 50erlei Gedanken und 100erlei Gefühlen, lässt sich einfach kein rechter Weihnachtsgruss formulieren. Ganz unvorbereitet und hastig hab’ ich die Tonbänder gemacht und einfach wieder verworfen. Besser garnicht, als so elend schlecht. Bitte, seid nicht traurig über Euren Flegel, aber ich weiss vor lauter, lauter einfach nicht recht, wo mir der Kopf steht. Heut’ ist der 16. und Ihr habt immer noch nichts von mir gehört.


Also dies ist mein letzter und endgültiger Versuch eines Weihnachtsbriefes. Harald malte mir solch ein schönes vorweihnachtliches Bildchen aus Deutschland, mit kleinen Tannenbäumchen umrahmt, Schneeflöckchen zerrannen da bei mir auf der Nase, verkaufsoffene Samstage blinkten um die Ecke, man hat Anlass sich zu beschenken, mal ganz besonders gut zu essen, die Weihnachtszigarren freuen sich auf ihre Kremation, und mir wächst augenblicklich ein grosser weisser Bart die Knie hinunter, verschwindet in roten Stiefeln und wärmt mir meine Tropenzehen.


Also hier sieht’s aus; die Balinesen sind ganz verrückt auf ihre tropfenden Kokosnusskerzen, die im Gegensatz zu den unsrigen nicht tropfen, sondern kleine Sternchen fallen lassen, ab und zu, die dann zischend im Schnee verschwinden. Ganz jeck vor Freude sind meine Balinesen bei ihren Schneeballschlachten an ihren verkaufsfreien Samstagen¸Ihr solltet sie sehen, die lieben, wenn sie ihre Hirtenspiele einüben, montagmorgens. Alle Kampong-Gassen hallen unverdrossen diese etwas süsslichen balinesischen Bratküchengerüche wieder, und es wird mir ganz anders beim ersten Versuch der Bananenplätzchen, die so besonders gewürzt sind mit grüner Sosse, Zucker, Zimt und Zambel (das ist der einheimische Ausdruck für diese kleinen blauen Paprika-Chilli-Pepper-Beeren).


Ach, ja, ach ja, vorweihnachtliche Stimmung in Bali, wie anders doch das alles. Ich könnte Euch noch sooo viel von den Weihnachtsvorbereitungen der Eingeborenen hier im Kral erzählen, doch manches Mal kommen mir halt etwas die Zweifel, ob ich auch immer recht verstanden werde bei Euch dort, ob Ihr mir inzwischen überhaupt noch glaubt. Ich bin halt zutiefst im Herzeln drinnen ein so ernster Mensch geworden, dass mir’s oft recht nicht kommen will, das scherzend-klärende Wort.


Und da schau ich mir das neueste Produkt moderner deutscher Fotografie an, was auf so herrlich verfremdende Weise meinen Bruder skizziert. Richtig revolutionär starrt mir der Bart entgegen, dass ich vermuten muss, dass er einen Molotow-Cocktail hinterm Rücken versteckt, um ihn gleich in meinem mit leicht brennbaren Tannenzweigen über und über geschmückten Wohnzimmer zu platzieren.


Also Mutter, Du musst wirklich auf meinen Bruder aufpassen, sonst wird der noch was rechtes, dieser Linke dort. Anstatt eines Briefes habe ich ihm inzwischen einen kleinen balinesischen Brieföffner zukommen lassen und hoffe, bald die dazugehörigen Briefe folgen zu lassen. Ein balinesischer Büchsenöffner, den ich kurz vorher als nützlichen Gegenstand für ihn erstanden habe, habe ich wieder zurückgeben müssen, da das Porto für die nachfolgenden Büchsen zu teuer geworden wäre.


Ansonsten steht hier eine ganze Büchse voll Verschiebungen herum; da ist ein verschobener Deutschlandbesuch, ein verschobenes Tonband, ein verschobener Millionär, ein verschobener Berg, nein ein Vulkan von verschobener Briefschuld verschobene Versprechungen, Entschlüsse, Zukünfte, Wünsche und Glückwünsche und so viel, was ich Euch mal zuschicken werde, irgendwann nach Weihnachten, zum Osterhasen vielleicht oder besser zur nächsten Mondlandung. Verschoben, verschroben.


Nichts fällt mir also ein, nichts rechtes, was es doch eigentlich sein sollte, nichts als verlegene Albernheiten. Lasst mir noch a wenig Zeit, aus dem Buch rauszukommen, aus dem Hotel rauszukommen, aus dem Zustand rauszukommen. Dann wird alles anders werden, das versprech ich Euch zu Weihnachten.


Ich umarme Euch und wünsch ein schönes Fest


Euer Hans

Wednesday, November 11, 2009

Singapore Hotel - November '69


ORCHARD Hotel Singapore

11. 11. 1969



Liebe Mutter,


es ist zum pipsen, aber ich sitze immer noch in Singapore.


Die indonesische Botschaft verweigert mir weiterhin ein neues Visa, und ich muss mal wieder warten. Inzwischen habe ich jedoch die Nachricht aus Bali, dass inzwischen ein neues Visa beantragt wurde. Diesmal bekomme ich ein sogenanntes Working-Visa, das ist ‚ne Arbeitserlaubnis für ein ganzes Jahr, damit der Unsinn mit den indonesischen Behörden endlich aufhört. Natürlich dauert das alles seine Zeit, wie ‚ne asiatische Bürokratie aussieht, kannst Du Dir ja sowieso nicht ausmalen. Ich arbeite also von hier aus am Balibuch weiter, was wieder ein neues Kapitel im Buch über’s Buch geben wird.


Sonst strolche ich so umher, nicht gerade in bester Laune, gebe wieder all mein Geld aus und warte und mach ein paar Photos. Aus dem Intercontinental Hotel bin ich dann auch ausgezogen, war alles voll, und jetzt hocke ich in diesem hier, nur um weniges teurer, 40 Mark pro Nacht und television im Zimmer. Wieder feudal. Ein Heidengeld kostet das alles, aber was kümmert’s mich, zahlt alles die Inter-Continental Companie, wie schön.


In mieser Stimmung bin ich auch sonst. Ich weiss nicht so recht, was ich machen soll, wenn das Buch fertig ist. Alles hängt in der Luft, was mich langsam nervös macht. Es gibt soviele Chancen und Möglichkeiten. – Vielleicht bin ich auch etwas müde, ständig beweglich zu sein, das heisst, wenig um mich herum ist von längerer Dauer. Aber ich kenn’ mich ja gut genug, um auf die Chance des Augenblicks zu warten. Eins hab’ ich bestimmt immer, und das ist ein neuer Plan. Bis jetzt hab’ ich erst mal vor, nach dem Guidebuch sowas wie einen Urlaub zu machen. Ich geh’ für einen Monat in ein balinesisches Dorf, über das ich gerne einen Fotobericht machen möchte.


Ich weiss jetzt schon lang nichts mehr von Euch zu Hause, aber schreib weiterhin nach Bali, damit es was zu lesen gibt, wenn ich endlich zurück bin. Ich hatte so gehofft, das Buch bis Ende des Jahres in den Händen zu haben, aber wie’s jetzt aussieht, sehe ich schon wieder schwarz. Ein Unsinn das ganze.


Inzwischen ist schon wieder ein Tag um, den ich mit einem französischen Freund verbrachte, der zur Bali-Gesellschaft gehört und gerade auf der Durchreise nach Frankreich ist. Mit dem hab’ ich mich letzte Nacht im Singapore-Nachtleben gewälzt: schon wieder vorüber, ich will daher schnell den Brief beenden, damit Du weitere Nachricht von Deinem Söhnlein hast.


Sei lieb umarmt und geküsst von Deinem


Plänemachersohn