Letters home 1967 -1978

Saturday, September 20, 2008

Two in September**


Denpasar, 11. 9. 68


Liebe schlammwatende, grastretende, bademantelumwickelte, um10 Pfund-schwerer-gewordene Erholungskurmutter!

Sicher lenkt Dich Dein Kurdasein noch nicht genügend ab, so dass ein kleines Restchen von Sorge um Deinen Spross zwischen den Palmen Balis geblieben ist. Um diese schnell wieder zu zerstreuen, will ich Dir kurz versichern, dass ich gerade wieder mit Appetit einen Reisberg, durchflochten mit geheimnisvollen Fleisch- und Gemüsespuren, verdrückt habe, mich satt und schön finde und trotz dem nervenaufreibenden Straßenverkehr in der „Großstadt“ Denpasar, trotz zeitraubendem, stinkfaulem Asienbürokratismus im Pass-Visum-Verlängerungsamt, immer noch glaube, einer der wunsch- und sorglosesten Erdenbürger zu sein. Also, mir geht’s sauwohl.

Vor ein paar Tagen erhielt ich auch Deinen ersten Erholungsbrief aus Bad Hermannsborn, den ich prompt in Ubud vergessen habe und so die Postleitzahl nicht mehr weiß. Aber die deutsche Post ist ja so tüchtig, so dass ich weiß, der Brief kommt auch ohne an.

Es gibt eigentlich wenig zu berichten von den vergangenen Tagen, nur, dass ich stinkfaul bin, weniger male und dafür mehr lese. So habe ich gerade das Buch von der Vicki Baum gelesen, habe es mit dem jetzigen Bali verglichen und kam zu dem Schluss, dass sich doch herzlich wenig bis heute verändert hat in diesen Menschen. Tourismus, das Auto und das Transistorradio machen ihren Erfolgsmarsch quer durch die Welt und werden auch hier gewinnen. Aber es gibt noch Hahnenkampf, Gamelan, Tanz, Verbrennung, also alles, was Du so aus dem Buch kennen gelernt hast. An derselben Stelle, wie im Buch beschrieben, ist hier sogar noch ein Dorf mit Leprakranken, jedoch jetzt sauber und von christlichen Missionaren betreut. Von den Tempeln ist aus dieser Zeit kaum noch etwas vorhanden. Was die Holländer damals bei ihren Eroberungen haben stehen lassen, wurde durch ein Erdbeben 1917 zerstört. Aber schöne kitschige Porzellanteller gibt’s hier und dort doch noch in den Tempelwänden. Witwenverbrennung soll’s keine mehr geben, aber ich bin da etwas skeptisch, was die abgelegensten Dörfer im Gebirge anbelangt. Aber wie gesagt, nur eine Vermutung von mir, denn im Landesinnern hat sich so gut wie gar nichts verändert. Ich finde das Buch zwar nicht so doll, aber ganz gut, und es zeigt etwas von der schier unergründlichen Seele dieser Menschen hier, die uns immer wieder vor unbegreifliche Tatsachen stellen. Leider bleibt man hier, wie eigentlich kaum in Asien, immer außerhalb, soviel Herz man ihnen auch schenkt, und ab und zu knalle ich vor die unüberbrückbare Mauer, die zwischen dem weißen Mann und den Balinesen steht. –

Es hat sich also wenig ereignet, immer noch ziehen Ameisen durch unser Heim, immer noch grunzt unser Schwein, immer noch blüht es hinten und vorne, immer noch bin ich nicht in eine verliebt, sondern in alle, immer noch regnets ab und zu gewaltig und dampft hinterher. In dem Dachgebälk über meinem Bett ist ein riesiger Gecko eingezogen, den ich jedoch noch nicht gesichtet habe und der sich nur durch gelegentliche Scheißbällchen in meinem Bett und sich lautstark bemerkbar macht. Zum Meer bin ich immer noch nicht gezogen, ich will damit noch was warten, bis Gerd und Werner für einige Wochen nach Djakarta reisen müssen, um ein neues Visum zu erhalten. Meins hält übrigens noch bis Ende Oktober, und ich verspüre immer noch keine Lust, hier abzuhauen !

Ich freue mich so darauf, weiteres vom Fortschritt Deiner Erholung zu hören! Filme habe ich auch jemandem mitgegeben, der sie von Dänemark aus in einigen Tagen zu Harald schicken wird, falls der es inzwischen nicht einrichten konnte, doch für ein paar Tage nach Spanien zu kutschieren.

Damit Du auch nicht glaubst, ich müsste grosse Geheimnisse vor Dir haben, gestehe ich offenherzig, dass da wieder mal eine hübsche Australierin war, die so viel von Australien zu erzählen hatte, dass sie einige Nächte lang meine Bastmatte teilen musste. Sie meinte danach auch, Bali sei viel schöner als Australien !

Wie gesagt, es gibt also nichts besonders Neues und Aufregendes zu berichten. Da haben sie vom Life-Magazin einen Bericht gemacht über die Ketschak-Tanzgruppe aus dem nächsten Dorf, und ich war dabei, wohl aber kaum mit auf’m Foto, mein Gesicht war ihnen wohl noch nicht balinesisch genug, und das kann ich verstehen. Das deutsche Fernsehen hat auch einen Film vertan hier in Bali und zwar im Rahmen einer sauteuren Unterhaltungssendung mit den Beatles und dem Franki Sinatra um die ganze Welt. Ausgerechnet hier in Ubud müssen’se herumrennen und nur 80 DM für so einen schönen Tanz wie den Ketchak bezahlen, an dem sich über 100 Männer beteiligen. So jedoch kannst Du den auch mal sehen, und viel falsch machen konnten sie nicht, die Balinesen machten ja alles, sie brauchten nur die fetten Kameras hinzuhalten. Sonst waren die Leutchen vom 2. Deutschen Fernsehen reichlich blöd und sprachen nur von Zahlen, (leider viel zu wenig vom be-zahlen, denn sie hätten weissgott mehr an die tanzenden Reisbauern bezahlen können). Dass ich mich auch noch darüber äussere, find’ ich jetzt selber saudoof.

Wie gesagt, da es nichts besonderes zu berichten gibt, obwohl es ganz bestimmt viel zu berichten gäbe, ich das aber schreibfaul verschiebe, will ich diesen Brief schliessen, wie dieser Militärzahnarzt hier in Denpasar vorgestern mein Löchli im dritten Zahn von hinten oben rechts.

Sei lieb und erhole Dich weiter schön. Es grüsst und küsst Dich herzlich

Deine neue Zahnplombe

Ich fahr jetzt wieder zurück nach Ubud zu meinem Gecko! Hoffentlich hält der Bus auch diese Wahnsinnsreise nochmal durch!!



Ubud, 21. 9. 68


Liebe Mutter,

Du schreibst so tüchtig was mich gar wirklich überaus heftig freut, und ich bin schon wieder einige Tage zurück mit meiner Antwort, aber obwohl es manchmal scheint, die Zeit würde völlig stehen bleiben, geschieht doch ständig etwas, und die Tage flutschen dahin.

Zwei kleine Neuigkeiten vorneweg; habe an den deutschen Botschafter hier ein Aquarell für teure 140 Mark verkauft. Das Futter also bleibt weiterhin gesichert; dann bin ich auch noch hier an der einheimischen Kunst-Akademie zum Gast-Dozenten aufgeklettert, was eigentlich beides wenig sagt. So pendle ich also regelmässig zwischen Haustempel und Zuhörerkreis, was beides weiterhin Spass zu machen verspricht.

Gerd und Werner haben mich heute für einige Wochen verlassen, so dass ich nach dreimonatigem innigem Familienleben heute Abend zum erstenmal wieder richtig für mich selber bin, von unserem Gecko im Gebälk, von Ameisen und Grillengezirps abgesehen. Ich freue mich richtig auf die Einsamkeit, die mich zu manchem Nützlichem zwingt, wie zum Beispiel zu einem etwas eingehenderen Studium der indonesischen Sprache. Gerd, der fast perfekt und besser als Werner darin ist, hat leider viel zu viel ausgeholfen und damit meine Lernfaulheit unterstützt. Das muss aber anders werden, und ich hoffe, bald mit meinem Sprachschatz anderen, als nur vierjährigen Kindern damit imponieren zu können. Sandi und Wörterbuch helfen tüchtig mit, wobei ich den geschwätzigen Sandi dem stillen Lexikon gerne vorziehe, weil er jetzt und ohne Rücksicht auf mein Briefschreiben gerade munter drauflos plappert.

Dann habe ich „mal wieder“ eine Idee gekriegt, wie ich nebenher und redlich zu Geld komme. Du kennst ja solche Ideen, wie damals die Weihnachtskarten in Kathmandu, aber diese scheint noch weit einträglicher zu werden. (Ich bin doch ein schlimmer Kapitalist aber mit pur kommunistischen Idealen !) Ich werde Dir lieber den gelungenen Vollzug melden, wenn’s so klappt, wie ich es mir ausrechne.

Wenn Du von Essen und Kuraufenthalt niederkommst, sollst Du diesen Brief gleich zuhause vorfinden, der Dich dann sicherlich über die völlig durch Harald ruinierte, total verlumpte Wohnung hinwegtrösten soll. Natürlich können Dich solche Kleinigkeiten jetzt überhaupt nicht mehr im geringsten erschüttern, wo Du Dir doch so ein dickes Fell aus Schlamm und Kuranlagen anerholt hast.

Also Deiner Frage nach dem Nervensystem der Balinesen bin ich etwas nachgegangen und komme zum Schluss, dass diese „garkeins“ haben. Etwas, was die Balinesen aus ihrer asiatischen Gelassenheit bringen könnte, gibt es und gab es nicht in ihrer gesamten Geschichte. Die sind ständig gelassen, bis in den Tod. Das ist eben so was Wahnsinniges, dass ich mich darüber richtig aufregen kann. 

Unsere Ibu Rai, die ich am Tag dreimal besuche (Ibu heisst auf nord-deutsch ‚Mutter’) rief nur „behh !!“, als ich ihr von Deiner Kur erzählte. („Behh !“ heisst auf süd-deutsch „Ha-noh !“).

Dabei arbeitet sie von morgens bis abends wie besessen in ihrem kleinen Warong (das ist eine Futterbude, in der es auch Tee gibt), trägt Wasser und schleppt Holz und hat noch einen 8-köpfigen Haushalt und einen Mann, dessen Hauptbeschäftigung es ist, gelassen zu lächeln. Sie füttert uns redlich und gleichmässig, so dass ich immer dicker werde und gerade gerülpst habe, dass die Wände wackeln. Dabei ist die Ibu ständig so gut gelaunt und lacht wegen jedem Mist schallend und aufreizend, so dass wir alle eben mitlachen müssen. Wir sind also alle drei ganz verliebt in diese Type, und ich muss Dir ein Bildchen von uns beiden schicken.

Gestern Abend gab es mal wieder einen „Barong-Tanz“ hier in Ubud. (Du kennst ihn ja sicher jetzt durch die Beschreibung im Buch der Vicki Baum) :  Es ist einfach unbeschreiblich, dass in einem Theaterstück der ‚heilige’ Barong, eine riesige Loewenatrappe die sonst im Tempel hängt, zu einem Darsteller wird, der Witze macht und seine Rolle mitspielt. Doch wenn dann andere Maskentänzer mit Dämonenmasken auftreten, dann kehrt sich Schauspiel zum Mythos, oder zur lebendigen Religion, und die Mitwirkenden, Barong, Maskentänzer und dann noch einige Zuschauer geraten ohne Übergang vom Spiel in tiefe Trance. Die Kristänzer (Kris ist ein Dolch), die vorher noch im Spiel die fürchterlich aussehende „Rangda“-Maske angreifen, werden von dieser plötzlich verwandelt und richten ihre scharfen Messer gegen sich selber.

Stell Dir mal vor, in einem deutschen Theaterstück schnappten die Schauspieler plötzlich über und versuchten, sich mit aller Gewalt selber zu erstechen.

Und was dann kommt, ist wirklich zum Wahnsinnigwerden. Es gelingt ihnen nicht! Die scharfen, langen spitzen Klingen biegen sich unter der Wucht des Druckes auf der nackten Haut, die noch nicht einmal angeritzt wird. Ein Phänomen, das es kaum noch einmal gibt in der Welt.
Die gelassene Erklaerung der Balinesen ? Der gute Geist des Barongs in ihnen ist stärker als der böse Geist der „Rangda“, die das angreifende Messer gegen sie selbst leitet. Dann kommt der Priester um die Ecke, bespritzt alle mit Weihwasser, alles steht auf und geht gelassen nach Hause. Ende der Vorstellung.

Dem Phänomen der Trance bin ich, wie Du ja schon weißt, oft auf meiner Reise begegnet, und ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass der Mensch Bewusstseinsbereiche erreichen kann, die ihn schier unverwundbar machen oder in denen er in der Lage ist, physikalische Gesetze zu durchbrechen. So ist es also durchaus erklärlich, dass ein Mensch sich ins Feuer stellt, ohne zu verbrennen, oder sich nur die geringste Brandblase zu holen, wie bei dem Feuertanz, über den ich Dir ja neulich berichtete.

Stell Dir vor, was ich noch herausbekommen habe. Es gibt in Bali nur „Wunschkinder“. Das heisst eigentlich halbe Wunschkinder. Die balinesischen Frauen halten seit Generationen ein Geheimnis, ihr Geheimnis. Weiss der Himmel, wie sie es machen, aber sie bekommen nur dann ein Kind, wenn sie es wollen. Da hier meist nur dann geheiratet wird, wenn ein Kind unterwegs ist, bestimmen die Weibsleut also letztlich, wann geheiratet wird, und es ist zum piepsen, die Männer sind einfach machtlos dagegen. Ich habe mit einer amerikanischen Anthropologin darüber gesprochen, die eigens deshalb nach hier kam, um es herauszubekommen. Sie traf nur auf gelassenes schweigendes Lächeln. Diese kleinen Biester ! Ein Übervölkerungsproblem hat es also noch nie hier gegeben. Wenn es dennoch kinderreiche Familien gibt, so nur deshalb, weil Kinder eine Art von Altersversorgung für die Eltern darstellen und ... weil Balinesen alle Kinder ganz abgöttisch lieben.

Und dann die Kinder selber. Ich hatte Dir schon gesagt, glaube ich, dass es hier in Bali kaum eine Kindererziehung von den Eltern aus gibt. Hat das Kind das Säuglingsalter hinter sich, so wird es schon eine unabhängige Persönlichkeit in der festen Gruppe der Kindergemeinschaft. Alles, was als eine Art Erziehungsersatz weiterhin einwirkt, ist die feste, gelebte Moral der Religion und der Sitten der Gesellschaft. Ein wirkliches Kinderparadies, und Du solltest einmal sehen, was das für tolle Kinder sind. Es gibt keine „Schlafengehenszeit“, die Kinder bleiben bei den verschiedenen Arten von Aufführungen immer bis zum Schluss dabei. Die ganze Kinderbande ist bei vollmond wach und spielt Vollmondspiele. Bei Schattenspielen oder Legongtänzen, die oft die ganze Nacht durchdauern, sitzen oder liegen dann ganze Reihen von schlafenden Kindern zwischen und vor den Zuschauern, ein ganz köstlicher Anblick, denn das Spiel geht ohne Unterbrechung weiter, selbst wenn auch alle Zuschauer schlafen würden. An den einzelnen Höhepunkten weckt man sich dann wieder gegenseitig, und Kleinkind und Urgrossvater haben die gleiche, ungetrübte Freude daran.
 
Ist das nicht herrlich? Stelle dagegen die aufgemachte, aufgeputzte Welt des europäischen oder westlichen Kindes mit all dem dazugehörigen Spielklimbim. Weißt Du, es ist schon ein grosses Elend, dass der Einfluss des Westens hier in Asien mit all seinem Druck von Dollars, Autos, Transistoren, James Bonds und weiss der Himmel noch alles so zerstörerisch stark hier eindringt. Was Asien in diesem Jahrhundert alles verliert und scheinbar (wie in China z.B.) bedingungslos über Bord wirft, wird der Menschheit erst viel, viel später bewusst werden. Wir im Westen übernehmen inzwischen ein paar Lapalien wie Yoga und Karate, und selbst die noch meist völlig falsch.

So, ausgekrickselt. Morgen bin ich zu einer Bali Hochzeit eingeladen. Übermorgen setze ich den strengen Blick eines Dozenten auf, und dann schicke ich den Brief weg. Falls mir noch was einfällt, schreibe ich noch was dazu.

Viele Grüsse und Küsse, und bleib doch mal ein bissel erholt,

Dein Hans Dozent

Thursday, September 4, 2008

Hot August '68 **


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Denpasar,
Ende Juli 68


Liebe Mutter!

Habe jetzt mal, o Wunder, zwei wunderliebe Briefe von Dir erhalten, einen vom 12. Juni und einen vom 24. Juni was wohl die ungeheuerlichste Leistung der hiesigen Post bedeutete. Je mehr Du schreibst, umso mehr kommt durch die Wirrgitter des hiesigen Korruptionsapparates. Alle Briefe an uns sind von geheimnisvoller Hand schon mindestens einmal geöffnet. Bald drei Monate ohne Nachricht zu sein, ist ein Graus.

Mein letzter Wunderbrief an Dich von hier konnte Dich noch nicht erreichen, wie ich annehme ! In Ubud, wo wir wohnen, ist nämlich ein Fest, was nur alle 30 Jahre stattfinded, und da kommt alles zum Stillstand sogar die Post. Da wimmelt’s und quirlt es nur so herum von wunderschönprächtigen lächelnden Frauen mit Opferschalen, Weihrauchdüfte und Riten mit geweihtem Wasser, zum Umfallen geschmückte Tempel und Strassen. Wenn ich unsere Supervilla mit Zeichengeräten unterm Arm verlasse, fängt’s schon gleich an, da von links hinten süsse Gamelanmusik durch die Bäume jubelnd, während rechts oben Hahnenkämpfe hinter der nächsten Ecke stattfinden, daneben riesige Löwendämonengutheiten tanzen, die Luft so richtig gelb wird, wie meine Finger vom vielen Rauchen; mein linker Fuss stockt am Tempeltor, mein Auge schweift über Silberpalmen durch Reisfelder zum götterbewohnten Vulkanhorizont, man fühlt sich durchzuckt von Himmelsmelodien, von Dämonenstimmen, und überhaupt, ich hab ja schon mal gesagt, dass es nicht zu beschreiben ist, und daher hängt mir inzwischen die Zunge aus dem Hirn.

So kurz zwischen Schattenspielen und Dramen, zwischen Gamelan-Symphonien und Glücklichsein, haben wir gestern unser Heim verlassen, um uns mit stumpfblöden Uniformen wegen Visa-Verlängerungen herumzuschlagen, und daher bin ich jetzt für einen Tag in Denpasar. Ich habe Heimweh nach Ubud und sitze jetzt, sechs Uhr morgens, an einem Bambustisch in einer Supervilla am Meer, wo wir immer unterschlüpfen können und schreibe Dir, bevor wir uns wieder auf den wackeligen Bus schwingen, der die 25 km nach Ubud in zwei-drei Stunden durchrast, weil Zeit hier was ganz anderes geworden ist, als es mir in Deutschland eingepaukt wurde.

Ein Maskentanz, ‚Topeng’, vor ein paar Tagen, bei dem ein Reisbauer zehn verschiedene Rollen tanzt, war das aller aller aller aller wahnsinnigste, beste, ausdrucksvollste, lieblichste, wunderbarste, erregenste, mitreissendste Wunderding, was ich in meinem jungen zarten Leben bisher erlebt habe an künstlerischer Universalvollendung. Mir kamen Traenen vor lauter Wasweissich und für eine Minute rannte ich einfach weg, sonst wäre ich auf der Stelle geplatzt und jetzt im Nirvana.

Die Sonne kommt immer höher aus der riesigen Silberpfütze vor mir, es rauscht wie Wellen, und der Gunung Agung ist auch da, der der grösste und heiligste Vulkan ist auf Bali, direkt am Meer und höher als die Zugspitze; ätsch!

Auf jeden Fall gibt es, wie Du bestimmt merkst, keinen Grund zu irgendwelchen Sorgen. Meine einzige Sorge ist, dass sich meine Locken plötzlich nach links wickeln könnten, vor lauter Seligkeit, und ich bitte Dich, Locken nach links - wie sieht denn so was aus !?

Sei geküsst und mit Blumen beworfen,

Dein Balihans

PS. Gruss von Gerd und Werner, die die besten Freunde sind, die es gibt. Fotos schicke ich nächstes Mal mit! Im Balirock!!!

PSS. Ich lese Deine Briefe nochmal:

Ganz erfreulich, das mit den verdienten Flöhen. Habe Plan, wieder mehr Neues zum Verscherbeln zu schicken. Brauche das Geld, werde Dir demnächst schreiben, wie Du es schicken kannst.

Dass der Walter sich verlobt, ist schöön.

Doch offene Arme Deinerseits für Gemahlin meinerseits, noch lange hinaus schieben, bitte ! Heiraten wäre einfach und schön, ein warmer Frauenpopo ist schon das Schönste, aber es gibt Schöneres. So ist’s manchmal möglich, dass sich hübsche Touristinnen in Kunst und Gunst wie gestern Nacht zum Beispiel (also diese Clara aus der Schweiz...) für Künstler als solche opfern und da sind.

Du hast immer noch viel zu wenig Optimismus mit Australien. Wie kann einer ein armer Einwanderer sein, der von Bali nach Australien kommt? Er ist höchstens ein armer Auswanderer aus Bali : Der Ärmste, der Bedauernswerte!

Falls Du schon in Kur bist kure auf jeden Fall ausgiebig, und such Dir einen netten Schatten.

PSSS. Oh Dear .

Schon war der Brief zu, da hat sich das ereignet, worauf ich wartete. Werner und Gerd haben wohl die einzige Möglichkeit gefunden, sich schnell und sicher Geld zu überweisen. Wir haben Bekanntschaft gemacht mit dem Manager des grössten Hotels hier in Bali, dem Bali Beach Hotel. Es hat also vorzüglich geklappt, und daher machen wir es genau so mit meinem Geld bitte. 670 Märker hat der liebe Walter also gesammelt auf mein Konto. Dann war wohl noch etwas drauf, durch die Frankfurter und vielleicht sonst noch ein paar Märker, so dass ich annehme, dass ungefähr 800 DM, also 200 Dollar auf dem Konto sein könnten.

Von diesem Geld könnte ich mir erst mal ein ruhiges, sehr ruhiges Leben hier machen, bis ich in zwei Monaten dann wohl nach Australien weiter fahre. Den etwas anstrengenden und zeitraubenden Trip durch die Inseln nach Timor könnte ich dann durch eine Schiffsreise oder etwa Flug von hier nach Timor verkürzen, kostet etwa 25 Dollar. Weitere 30 Dollar investiere ich sofort wieder in eine noch bombensicherere Handel : Hervorragend dekorative gemalte balinesische Kalender, Wunderdinger, die ich pro Stück für etwa 30 bis 40 Mark durch Walter verkaufen könnte, so selten und toll sind sie. Das Stück kostet zwei DM, durch Beziehung zum Maler selbst.

Das Geldüberweisen sieht so aus: Der Scheck, den Du schicken lassen musst, soll eine Ueberweisung an das Hotel Bali Beach, Denpasar, Sanur, Bali, Indonesia sein. Ein so genannter Cross-Check, der im Falle des Verlorengehens wieder gesperrt werden kann, im Auftrage von Mr. Hans Höfer als Geldabsender. Nicht an Hans Höfer, sondern an Bali Beach Hotel. Ich muss der Absender sein. Dieser Scheck dauert bis Bali 14 Tage.

Schreibe mir bitte getrennt, an die Post hier, dass Du (oder der Harald) das erledigt haben. Falls es Dir persönlich zu kompliziert erscheint, lies oder schreibe den genauen Wortlaut meiner Gebrauchsanweisung hier bei der Bank vor, die wissen dann sicherlich, wie sie das machen müssen.

Vielen Dank und toi, toi, toi

Optimistenhans



Denpasar, 30. 7. 68


Lieber Rolf!

Ganz schnell und in Eile! Leider habe ich bis jetzt keine Nachricht von Dir, so dass ich annehmen kann, dass entweder Briefe von Dir nicht angekommensind, also irgendwo geklaut worden sind oder dass mein Brief Dich damals gar nicht erst erreicht hat. Im letzteren Fall wäre es mir lieber, denn dann hättest Du meine Bitte um Geld auch nicht erhalten. Bei der zweiten Möglichkeit, dass Du den Brief erhalten hast und, wie ich Dich bat, mir in einer Broschüre eingeheftet 50 Dollar zuschicktest, kann ich hier nachprüfen, wo und wann diese Broschüre verschwunden ist. Schreibe mir, falls Du die Unterlagen noch finden solltest, das genaue Absendedatum und die Nummer des Einschreibebriefes an mich. Die ganze Aktion ging natürlich auf mein eigenes Risiko, und, falls das Geld wirklich verschwunden sein sollte, kann man das auch fast verstehen, denn so ein Postbeamter verdient nur 3 Dollar im Monat!! Schreibe mir also bitte schnell eine kurze Antwort und zwar per Einschreiben: Hans Höfer, Den Pasar, Bali, Indonesia, poste restante. Vielleicht klärt sich alles schnell auf. Schreibe mir auch noch die neuesten Neuigkeiten und welche Briefe Du von mir erhalten hast.

Es wäre schön, von Dir etwas zu hören.
Geldsorgen habe ich keine mehr, alles hat sich wie von selbst gelöst. (Meine Mutter schrieb mir über die Höhe meines Kontos, und ich fragte inzwischen nach diesem Geld. Der Scheck ist im Augenblick unterwegs, hoff’ ich. Bis dahin hilft man mir sehr gut aus hier!) Also auf keinen Fall mehr etwas schicken!!! Hab vielen Dank !

Mir geht es so prima wie noch nie, was ich auch von Dir hoffe.

Hans


Den Pasar, 31. 7. 68

Lieber Rolf!

Vertrickst und vertrackst und verwurschtelt sind gar keine Ausdrücke mehr für die komplizierte Situation, in der ich mich jetzt befinde. Ich versuche, so kurz und schnell wie möglich und über die Zeitspanne einer lahmen Postverbindung hinweg die entstandene Verwirrung aufzuklären. Aber vornweg: Es hat sich vorhin alles geklärt, und ich habe die 50 Dollar, die Du mir also doch so schnell geschickt hast!

Aber lass Dir kurz erklären, wie sich alles, von meiner Seite aus gesehen, zugetragen hat.

Die Knappheit meiner Finanzen, in der ich vor einigen Wochen steckte, liess mich krampfhaft überlegen, wie ich am sichersten eine „Überbrückungssumme"“nach hier bekommen könnte und wen ich ansprechen könnte. Ich wusste, dass bei mir zuhause in nächster Zukunft Geld eintreffen würde, (durch den Verkauf der Tempeldrucke aus Thailand), wusste aber nicht, wie lange es dauern würde. Da meine gute Mutter sich jedoch so leicht falsche Vorstellungen macht und sofort und meist unzutreffend übertrieben völlig schwarzsieht, wollte ich sie eben nicht noch unnötig und zusätzlich mit Geldfragen belasten.

So fiel meine Wahl also auf Dich. Ich fragte andere Europäer, Einheimische, bekam hier Achselzucken, dort alle möglichen unmöglichen Ratschläge, denn auf offiziellem Weg schien Geldtransfer wirklich unmöglich.

Dann hatte ich also die Bekanntschaft des Herrn Ryassa vom hiesigen Postamt gemacht, der sich durch besondere Freundlichkeit von allen anderen Bekannten unterschieden hatte. Er lieh uns sogar sein eigenes Fahrrad, ohne Kommentar und selbstverständlich. Bedenke: Ein Fahrrad ist Kapitalanlage. Es kostet etwa 7000 Rupias, 7 Monatsgehälter eines Postbeamten also ! So vertraute ich ihm meine Situation genauestens an. Aus eigener Erfahrung, so sagte er, wisse er den einzig wirklich sicheren Weg einer schnellen „Überweisung“, und er gab mir den Rat, den ich dann auch schleunigst befolgte. Dann schrieb Dir meinen Bettelbrief mit der Anleiting Geldscheine in einen Reiseprospect enzuheften und per Einschreiben direct an Ryassa zu schicken.

Mein eigenes noch verbliebenes Geld wurde weniger und weniger und war dann auch um den 20. Juli herum wirklich zu Ende. Wöchentlich zweimal hing ich am Postschalter, diskutierte meine Lage mit Ryassa und konnte es nicht fassen, Ryassa wackelte mit mir verzweifelt den Kopf und riet mir wieder, doch weiter zu warten warten, warten, warten.

Doch heute hab ich erfolgreich getrickst !

Bei dem gewohnten Teestündchen mit Ryassa begannen Gerd und ich heute erst ein verstecktes, dann direktes Kreuzverhör, und siehe da: Rayassa gesteht alles.

Ob Lüge, Trick oder Wahrheit: sein Sohn hat Malaria und so weiter und so weiter, Spritzen, die wahnsinnig teuer sind, verzweifelte Tat eines Familienvaters ! Es hat mich fast erschlagen!

Dein Brief kam wie geplant bei ihm an, er zupft selbst die 50 $, und ich steh da als der grösste Trottel der Geschichte und kann ihm nicht mal die Nase verschieben, weil, weil, weil … 17000 Rupias hat er also gefilzt!

Er verspricht 5000 Rupias noch heute und den Rest so schnell wie möglich. Er verspricht und gibt es auch noch schriftlich und … Mir fehlen halt sämtliche Worte, alles das zu erklären, was bei solch einer Sache alles in Betracht zu ziehen wäre.

(Jetzt halte mich für einen Trottel oder nicht: ich hab dem Mann verziehen und noch etwas Geld nachgelassen. Armes Indonesien, und es könnte das reichste Land der Erde sein.)

Sei bitte so gut und mach einen kurzen Besuch bei Henny und versuch zu erklären, wenn Du es kannst. Bestätige ihr bitte den Brief Nr. 8. Ich schreibe erst, und zwar wieder so schnell wie möglich, wenn ich das Geld vom Bali-Beach Hotel in Händen habe. Und bestell ihr bitte auch, dass ich noch völlig normal bin, wenn’s auch weissgott schwer fällt.

Könntest Du bitte in einem unbeobachteten Augenblick meiner Mutter einen Kuss von mir ausrichten?


Dein Hans


Nachwort am anderen Morgen:

Ich schwöre hiermit feierlich, mir nie mehr Geld nachschicken zu lassen !

Falls Du irgendeinen Brief vom Postamt Denpasar erhalten solltest, nicht beantworten, falls das nicht auch schon geschehen ist. Es gibt da noch so einige Polizisten, die sich da auch noch einmischen wollen. Jetzt hat sich aber alles aufgeklärt, und ich will nicht, dass der kleine Drecksack auch noch seine Stelle verliert, oder was weiss der Himmel. Die Polizisten sind auch nicht besser dran mit ihrem Gehalt und sind auch Indonesier.

Ich bin der Gerd und hab mir gerade einen neuen Füllfederhalter gekauft. Da hab ich mir doch gedacht, Gerd, hab ich mir gedacht, den musst Du da gleich ausprobieren, und dann hab ich mir bei mir gedacht, was sollst Du jetzt schreiben mit so einem neuen Füller, da hab ich halt das geschrieben, weil ja alles sowieso in Ordnung ist, und Hans schaut ganz verklärt vor sich hin und nestelt an seinem neuen Bart, denn der juckt noch etwas.
Beim nächstenmal viel mehr von Gerd

Lieber Rolf!!

Komme also tanzend und singend und purzelbaumschlagend die Galatreppe des Bali Hotels herunter und habe die 99 Dollar von Muttern ebenfalls. Sag ihr nochmals vielen Dank für ihre Sorge und Mühe. Na bitte, bin ich nicht ein Glückskind???

Balinuss

PS. Anbei die schriftlichen Geständnisse eines Posträubers. Habe alles Geld von ihm zurück. Na, ja!

Rai Jasa
Denpasar 31. 7. 68


A few weeks ago I got a registered letter from West Germany for me. It contained a magazin and inside of it is $ 50.- for my friend Hans Hoefer.
The address of the letter is Si M. Rai Jasa, but I knew before that this money was for Mr. Hans Hoefer, because I told him myself how to send the money safely from Germany to Bali.
I will bring his money as soon as possible (two weeks) in Indonesian money.
Today I owe you Rp. 5000.-
and the rest as soon as possible - Rp. 12.500 within one week (7 August)

Rai Jasa




Ubud, Bali, 4. 8. 68
Liebe Mutter!


So, Galerie ist fast fertig. Wohnung bereits gemütlichst eingerichtet. Hätte beinahe ein Bild verkauft, doch dann waren 50 Dollar doch zu teuer für die armen Millionäre da. Aber abwarten. Das Leben ist so schön, dass ich es gar nicht zu melden wage. Ständig neue Superdinge um mich herum. Wir haben eine Art Diener angestellt, ein 13jähriger Junge, der Sandi heisst, eine ganz allerherzigste Meckifrisur hat und lustige Augen und auch noch gerne malt. Beiliegend ein neues Bild von ihm. Ich in meinem Zimmer, diesen Brief schreibend. Links meine kleine Kommode, mit Schnitzereien darauf, daneben rechts eine Schattenfigur an der Wand, dann ich im Bambusstuhl. Das Runde in der Ecke ist mein Schirm, ein herrlicher runder Hut, geflochten aus Bambusfasern und 1,50 Meter im Durchmesser. Öllampe und Bambustisch mit Schale drauf, dann mein Bett, das dem Maler Bonnet gehörte. Das Zimmer ist mit geflochtenen Bambusmatten ausgelegt an Boden und Wänden. Was wär ich froh, wenn ich noch so schöne Bilder malen könnt! Der wird auch mal ein grosser Künstler, wie alle Balinesen. Eine schöne Unterschrift hat er ja schon.


Neuer Füller und neuer Schreibblock, nach einigen Platschregentagen scheint wieder die Sonne, es gibt keinerlei Sorgen mehr auf finanziellem Gebiet und auf anderen kaum noch welche. Also Grund genug, wieder mal ein Briefchen von der Sorte „Zwischendurch“ zu schreiben.

Doch zuerst noch mal zu dem ganzen Jedöns der letzten Wochen und den Sorgen, die, hauptsächlich natürlich durch die elende Postverbindung entstanden, Dich sicher wieder einige Nerven gekostet haben.

Durch meinen Brief an Rolf bist Du sicherlich inzwischen auch aufgeklärt, weißt, dass ich nun erst mal Deinen Check ausbezahlt bekam, wie vorberechnet und auch dass die Geldsendung über Rolf ebenfalls wie vorberechnet zwar in Denpasar angekommen war, doch leider erst jetzt und nur teilweise bei mir ankam. Der liebe kleine Schweinehund, der die meiste Verwirrung und Sorge hervorrief, ist einer der vielen armen Teufel in Uniform, der gerade so viel verdient, dass er sich jeden Tag eine Schachtel Zigaretten leisten kann.

Verständnis für die Situation in Indonesien kann man nur haben, wenn man selber dort lebt und die Verhältnisse etwas näher durchschaut. Neben dem Gehalt, das jeder Staatsbeamte bezieht, muss er Geschäfte und Spekulationen machen, um sich und seine Familie ernähren zu können, denn im Verhältnis zum Verdienst ist es doch sauteuer. So gibt es hier viel Korruption und jeder Lohnempfaenger ist darin verwickelt, ja muss darin verwickelt sein, sonst ginge er zugrunde.

50 Dollar sind genau 17 Monatsgehälter, stell Dir das bitte genau vor, da konnte er so einfach nicht widerstehen, obwohl er genau wusste, dass ich sehr darauf wartete und alles anstellen würde, um es zu bekommen. Jetzt könnte ich ihm natürlich seine Postlerkarriere versauen. Er versprach mir, das Geld so schnell wie möglich wieder zurückzubezahlen, mal sehen, was daraus wird.

Warum ich Rolf um Geld gebeten habe? Mein eigenes Geld ging erst Mitte Juli zu Ende, und ich hatte mir bis jetzt erst 40 Märker von Gerd geliehen, also war keinerlei Not, aber Du hättest mir das nicht so recht geglaubt und Dir Sorgen gemacht, was ich nicht wollte. Das Geld, das ich jetzt habe, reicht vollkommen, ich bin, verglichen mit indonesischen Verhältnissen, sogar ein recht wohlhabender Gesell. Und Du wirst sehen, es reicht noch weiter.

Jetzt will ich aber erst auf Deinen letzten Brief Nr. 8 vom 22. Juli eingehen. Du hast leichte Angst, keinen normalen Sohn mehr zu haben? Die Angst war auch berechtigt, wenn ich an all das Zeug denke, was ich Dir so geschrieben habe in meinem albernen Geburtstagsurlaubslebensfreudestil. Hoffentlich habe ich Dir da nicht zuviel zugemutet. Daher ist dieser Brief jetzt mal einigermassen normal, von Bali spinn ich Dir dann wieder das nächste Mal etwas vor. Es ist eben hier alles zu unwahrscheinlich. Ein kleiner Geist zum Beispiel wohnt in einem kleinen Bambustisch hier auf dem Balkon, der klopft und wippt und sogar fliegen kann. Also das ist eine einfache Geschichte, die man bei uns in Europa auch kennt und nicht kennt, die „Tischrücken“ heisst. Ne ganz tolle Sache, wenn auch unerklärlich, wie so vieles auf der Welt. (Glaub jetzt bloss nicht wieder, ich spinn, sonst werde ich Dir noch ganz andere Sachen erzählen, die ich erlebt habe hier in Indonesien und auf meiner Reise, die glaubst Du da nun erst recht nicht. Tischrücken ist ein Kinderspiel.

Dass Harald im Augenblick so ackert, ist ja recht schön. Hoffentlich weiss er genau, warum und hat die Soldatenzeit endlich vergessen. Ich hoffe, dass es zu einem ausgedehnten Briefwechsel kommt zwischen uns, denn es interessiert mich so sehr, was er denkt, macht und fühlt. Vielleicht (lach’ nicht!!) komme ich auch noch einmal in die Lage, ihn bei seinem Studium zu unterstützen. 4 Jahre wohl, ist ja ein ganz schönes Stück Zeit. Dass Helga hilft, ist ja verdammt grosse Klasse, und ich bekomme ein noch schlechteres Gewissen.

So, demnächst bekommst Du wieder einen schönen verrückten Brief, dann glaubst Du wieder ich sei nicht mehr ganz normal, aber dann ganz sicher.

Sei ruhig und gesund und froh und vielmals umarmt und gestreichelt und geküsst von Deinem

hubeljubelkreuzfidellebenswahnergriffenen Trümmerkreuzgrafikmaler und weltlebensegokonzentrierten Lustwandler auf Längen- und Breitengraden und

unnormalen Hans

Weiteres vom Postraub :

Denpasar 6 August 1968
To Mr. Hans Hoefer, Ubud

Dear Sir,

Today I give you the rest of your money Rp. 12.500 as I promised you within seven days.
Hope you will forgive me and may God will bless stay in Bali.
Thank you very much for your help to save my child,

Your friend
Rai Jasa




Ubud, 19. 8. 1968 !

Liebe Mutter!

Als datums- und zeitloser Mensch bin ich wieder das Opfer Balis geworden. Wir wollten nur „eben mal“ nach Ost-Bali, um uns dort einen Tag ein Festival anzuschauen. Dort angekommen, stellten wir fest, dass das nicht möglich ist, an einem Tag; wir Europäer wieder. Durch eine defekte Brücke wurden wir erst einmal auf dem Hinweg bereits um einen Tag in unserer albernen Zeitrechnung zurückgeworfen, aber dann ging es erst recht los in dem Dorf in den Bergen, am Fuss des grossen Vulkans Gunung Agung.

Stell Dir vor, vier Tage und Nächte wurde dort durchgetanzt und gefestet, alles anders als hier in Ubud und neu, da Ost-Bali noch eine viel ursprünglichere Kultur besitzt als die übrige Insel. Musik auf Urzeitinstrumenten, jeder Balinese in prächtigen uralten handgewebten Gewändern, nackte Oberkörper, braune herrliche Frauen mit fantastischem Kopfschmuck aus Blumen und Goldblättern, einfach ein irrsinnig aufregendes Schauspiel mit tranceähnlichen Stadien des Tanzes.

Wie gesagt und noch einmal bekräftigt: 4 Tage lang haben diese Menschen nicht geschlafen und getanzt mit einer unbegreiflichen Energie und mit Kräften, die kurz vor dem Zusammenbrechen immer wieder neu weckten und aufstachelten. Dass Kleinkinder von 5 Jahren an bis zu alten Priesterinnen von unschätzbarem Mumienalter vier Tage lang nicht schlafen, das kann sich bei uns keiner vorstellen, geschweige denn mitmachen.

Also vier Tage blieben wir dort, schliefen auf Bambusmatten unter einem Bambusdach, das heisst, schliefen zwischendurch, denn wir sind nun mal nicht von unheimlichen Kräften beseelt. Da wurde also getanzt und geopfert, Schweine, Büffel, Hühner, Enten, Gänse und wieder Schweine und Vögel und alles eben. Gerüste, wohl 20 Meter hoch, aus massivem Holz und wahnsinnig schwer wurden von Hunderten tanzend geschleift und getragen. Unvorstellbar! Dazu wurden sie umkämpft, halb Spiel, halb Ernst, wühlende Menschenleiber und ein Handgemenge, bei dem es nur wie durch ein Wunder keine Verletzten gegeben hat.

Wir waren wieder die einzigen Weissen dort. Es ist zum Heulen, dass nicht jeder von uns dreien eine riesige Filmkamera dabei hatte, so was hat die Welt einfach nie gesehen ! Und dieses Fest wiederholt sich nur alle 15 Jahre, vorbei, vergessen also, was Neues wird vorbereitet, ständig Neues. Zum wahnsinnig werden.

Von den kleinen Dingen, die sich täglich so dazwischen schieben, ganz zu schweigen. Da haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass in einigen kleinen Dörfern am Meer es solch verrückte Menschen gibt, die ihren Zuchttauben kleine Flöten in verschiedener, fein abgestimmter Tonhöhe umbinden.

Diese Tauben fliegen dann zu Fünfzigergruppen durch die abendlichen Lüfte, kreisen über dem Dorf teils hoch, teils tiefer, haben selbst grösste Freude an der Sache, machen Sturzflüge und fliegen verschieden schnell mit oder gegen den Wind. Den Rest kannst Du Dir ja etwa selbst ausmalen. Ich entging knapp einem Schlaganfall, als ich diese Musik vom Himmel hörte. Und die Balinesen lachen mich voll an und sagen, man brauchte sich doch wirklich nicht zu wundern, dass kleine Bambusflöten und Glöckchen im Wind Töne machen. Also bitte.

Doch weiter im Text. Vom Dorf also herunter, da erwischt es den Werner jämmerlich. War’s die Aufregung oder irgendetwas im Essen oder die viele Sonne und der wenige Schlaf ? (Wir mussten ja auch die traditionelle Tracht tragen, mit nacktem Oberkörper und ohne Kopfbedeckung in der Tropensonne herumackern.) Auf jeden Fall kamen wir wieder einen Tag lang nicht weiter, bis Werner sich ausgekotzt, geschüttelfrostet und gesundgeschlafen hatte. Jetzt tuts er wieder!

Dann war der Fluss noch angeschwollen und ein Bus wurde verpasst, aber was soll ich noch erzählen, das Postamt ist in Denpasar und bleibt halt doch dort, unverrückbar.

So geht’s, und Du und Helga habt Geburtstag. Verzeih also bitte dem balinesischen Volk und mir zwischendrin, dass dieser Brief nicht zur rechten Zeit bei Euch eintrifft. Sei getröstet bei dem Gedanken, dass ich von hier aus die herzlichsten Gedankenblitze verjage zu Euch und mir wünsche, dass Ihr Beiden gesund und munter seid und bleibt.

Mein Brief, mein roter, war inhaltlich so reich ? Gestatte, dass ich schmunzle, es war garnichts !

Ah, das habe ich mir gedacht, dass Du Dir doch wieder was rausgeguckt hast aus meinem letzen Foto im Sarongtuch. Ich bin kerngesund, fettgesund, prallgesund, wahnsinnsgesund, gesundgesund, sundgesund, gegesund, undgesund, wundgesund, buntgesund, hundgesund, schuntgesund, und, kundgebund, rundgelund, wundgehund, und.
Finanzsorgen habe ich keine mehr, meinekehr, nimmermehr, trümmerkehr, wimmernimmermehr! –

Inzwischen habe ich gerade einen so herrlichen Brief von Heri bekommen, was ein Pfundsknochen, der ! Schreib mir doch bitte mehr über die Beiden und ihre junge Ehe.

Hoffentlich erreicht Dich dieser Brief nicht zuhause, sondern endlich in Deinem Kurort. Den Check von Otto, der aus Bangkok zurückgekommen ist, bitte einzulösen und das Geld dem Harald geben. Er soll dafür keine Bücher kaufen, sondern bei Heckmann Pöttschespartien gewinnen.

Unser Haus ist immer noch schön, aber leider, leider stellt sich immer deutlicher heraus, dass es zu feucht ist und Leinwände und Bilder anfangen, Pilze und kleine farbenfressende weisse Ameisen ohne Kunstverstand zu beherbergen. Wir haben was in Aussicht, das alles übertrifft und Dir und allen, die davon hören werden, falls es klappt, die Blässe des Neides in die Adern jagt. Ich schreib aber nichts davon, bevor es geklappt hat. –

Harald ist also wieder dran mit dieser Tosca. Weißt Du eigentlich, woher genau aus Indonesien ihre Familie stammt? Vielleicht kann ich irgendwo Grüsse an Familien ausrichten. Man weiss ja nie, wie der Zufall rennt. Frag doch mal Harald, er weiss das doch ganz gewiss. Hoffentlich schreibt der Typ mir auch noch mal, wenn er schon immer die Adressen schreibt, kann er ja auch was dazuschreiben, wenigstens mal was von

dieser

Länge!

So, das war wieder mal so ein richtig hingeschmatzter Brief. Nochmal und noch heftiger: Alles, alles Liebe und Gute für Dein und Helgas neues Lebensjahr.

Sei brav und gräm Dich nicht über Deinen

Landstreicher



Expressbrief
Ubud, 29. 8. 68


Meine liebe Mutter,

gestern war für mich ein Tag mit grosser Überraschung, als Gerd von Den¬pasar gleich mit 4 Briefen für mich zurück kam. Dein Brief Nr. 10 dann brachte mir die Botschaft, dass es jetzt doch mit Deiner Kur geklappt hat und Du heute Deinen ersten Tag bei hoffentlich schönem Wetter in Bad Hermannsborn verbringst. Hoffentlich kann ich Dir helfen, etwas mehr Abstand zu allem zu gewinnen, denn Abstand scheint mir für eine richtige Beurteilung und vor allem für eine wirkliche Erholung das Allernotwendigste zu sein.

Ich sitze in einem unserer gemütlichen Bambussessel, durch zwei Kissen regelrecht unanständig gemütlich gemacht, auf unserem kleinen Hof, halbnackt wie immer, nur mit gelb-orangefarbigem Batiksarong bekleidet, vor mir ein Zeichenbrett mit Schreibblock auf den Knien, um mich herum Hühner, die die feuchte, warme Erde nach Käfer und Wurmsgedöns bear¬beiten. Ein junges balinesisches Borstenschwein ist mit einem Strick aus alten Lappen an einem kleinen strohgedeckten Reisspeicher festgebunden, döst hinter mir im braunen Dreck und grunzt mir aus seinem Traum seine Gedanken über die Schönheit des Lebens zu, und ich gebe ihm einfach Recht, lasse meine menschlich unzulänglichen Gegenargumente sein, des lieben Friedens willen.

Ein paar kleine Mädchen spielen im Haustempel, spinksen manchmal zwischen ihren lang und zerzaust herunterhängen¬den schwarzen Haarsträhnen zu uns herüber, zu Werner und Gerd, die auf der Veranda sitzen und malen und zu mir Schreiberling. Obwohl die farben¬frohe Musik von Blüten und Farnen, der Wind in den silbergrünen Palmen, das Gezwitscher der Vögel, das ferne Hundegebell und Kikeriki der Kampfhähne des umliegenden Kampongs, kurz die ganze Geräuschkulisse eines sonnigen Balitages mir schon ganz in Fleisch und Blut übergegangen ist, will ich sie Dir und mir bewusster machen, sie mit nach Bad Hermannshausen verluft¬postieren, zu Deiner Erholung. Sicher treffen sie Dich nicht ganz unvorbe¬reitet, denn aus Heris Brief erfahre ich, dass Du Vicki Baums Roman be¬kommen hast. Sie lebte nur etwa einen Kilometer von mir hier weg, eben¬falls in Ubud, im Hause Tjampuan des deutschen Malers Walter Spies, den sie im Vorwort liebevoll Dr. Fabius nennt, auf seine Bitte hin, denn er war die un¬ge¬heuerlichste und bescheidenste Persönlichkeit, die Bali je gesehen hat. Hoffentlich kannst Du Dir das Buch über sein Leben besorgen. Ich gebe Dir noch einmal am Schluss des Briefes den genauen Titel. (Es besteht fast aus¬schliesslich aus Briefen an seine Mutter !) -–

Nun, liebes Mutterle, ich will einmal versuchen, mich so stark wie möglich auf Dich zu konzentrieren, vor allem auf das, was Dir in den letzten Mona¬ten soviel unausgesprochenen Kummer bereitete und vielleicht und leider noch immer bereitet. Ich muss mich dabei, ebenfalls leider, leider, viel zu viel auf mein Einfühlungsvermögen verlassen, also bleibt ein Irrtum von meiner Seite nicht ausgeschlossen, denn in allen Deinen Briefen an mich sprichst Du Dich nicht richtig aus, das meiste, was Dich wirklich tief beschäftigt, bleibt angedeutet, bleibt zwischen den Zeilen. Und gerade diese Dinge sind so wichtig zu sagen, auszusprechen und zu benennen. Erst und nur da¬durch können wir uns wirklich verstehen und uns gegenseitig helfen. Ich suche nach dem Grund dafür, warum das nicht oder kaum geschieht.

Hier will ich erst einmal bei mir nachforschen und einige Gründe dafür in meinen Briefen suchen. Und siehe da, hier wird mir schon ein Fehler meinerseits ganz klar. Meine letzten Briefe an Dich waren zu voll von Schwer- oder Unverständlichem. Schau, in der Stimmung, in der ich sie schrieb, versuchte ich schon, durch den Stil die Vielfalt und Eindringlich¬keit der Eindrücke zu vermitteln. Worte, abgerissen und ohne ersichtlichen Zu¬sammenhang, Gedankenbilder, fliehend und kaum erfasst, wie die Eindrü¬cke, wie das Gesehene auf mich einstürmend und vorbeiziehend, auf mich, der durch so viel Erlebtes der vorhergehenden Zeit bereits zum Bersten gefüllt, ja teilweise in seiner Persönlichkeit total aus dem Gleichgewicht geworfen war. Denn genau das geschah und geschieht durch mein Reisen, und gerade das will ich ja.

Jedoch kann ich für mich sagen, dass es bewusst geschieht und mit beobachtendem Abstand meines tiefsten „Ich“. Und genau diesen Abstand, und das war mein Fehler, kann der Leser dieses Briefes, hauptsächlich also Du, kaum aufbringen, ohne sich in die Art und Weise, wie ich sehe und erlebe, hineinzufühlen.

Was also geschah bei Dir und scheinbar auch bei einigen, die den oder die Briefe noch gelesen haben? Die Verwirrung, die ich ja beabsichtigte, war da, aber der Abstand fehlte! Und das, ich Esel, wurde mir erst wieder durch An¬deutungen Deiner entstandenen Sorgen aus Deinen Briefen klar. Also ich lese von Angst, keinen ganz normalen Sohn mehr zu haben; ungeschriebe¬ner Angst, dass ich mich hier auf Bali in Rauschgiftdämpfen auflöse und, und das scheint mir wirklich tragische Ausmasse anzunehmen, Deine tiefe Furcht, dass ich mich Dir entfremde und mich nie mehr bei Dir und mit Dir „wohlfühlen“ würde. Was hab ich Dummkopf da wieder angerichtet, und wie leicht wären solche Sorgen zu zerstreuen, wenn Du sie doch aussprechen würdest in Deinen Briefen an mich. Was soll die¬se Angstbarriere, dass wir uns entfremdet hätten, müssen wir nicht versuchen, uns ständig verständlich zu machen?

Briefe können so viel sein, viel mehr als das Gespräch vielleicht. So muss ich Dich wirklich herzlich bitten, viel mehr Vertrauen in mich zu setzen, dann können solche Sorgen wie rauschgiftsüchtig bis zu „nicht mehr ganz normal“ gar nicht aufkommen. Doch hier sind wir eben an einer Grenze angelangt, die zwischen jedem Ich und Du besteht: „Ich“ kann nur bitten und mich durch verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten verständlich machen, sei es sprechen, handeln, schweigen oder nicht handeln und vieles mehr, alles andere geschieht in der Person des „Du“. Ich bitte also um Dein Vertrauen in mich.

Da ist also Deine zaghafte An¬frage in Deinem vorletzten Brief. Du schreibst: „…Ob Du mir wohl sehr fremd geworden bist in Deiner jetzigen Umgebung ? Meine Angst ist sowieso immer, dass Du Dich hier bei mir zuhause nie mehr wohl fühlen wirst. Das wäre arg für mich! Ich würde alles tun für Dich, dass Du Dich bei mir doch „wie zuhause“ wieder fühlen sollst….“

Weißt Du, solche Sätze sind arg schwere Brocken für mich, an denen ich lang herumkauen muss. So viel spricht daraus, und es gäbe so viel darauf zu antworten. Dir fremd geworden? Dadurch, dass ich in einer anderen Um¬gebung lebe, werden mir Dinge klar, bekommen andere, tiefere Bedeutung; Freundschaft, Liebe, Zuhause, “Wohlfühlen“, Glück, Mutter, Familie, alles wird klarer und von viel mehr und weiteren Gesichtspunkten betrachtet, empfunden und gefühlt. Hat sich Dein Gefühl zu mir durch die Entfernung etwa verfremdet, oder ist es nicht so, dass es sich im Grunde intensi¬viert hat? Schau, genauso ist es doch bei mir. Beziehungen, die nicht durch den Kleinkram und Ärger des Alltages, durch den ein jeder ständig hindurch muss und der so gewaltig belastet, getrübt und verwaschen werden, sind viel klarer.

Dann möchte ich Dir noch ein¬mal erklären, dass der Grund dafür, dass ich mich in Deutschland nicht glücklich gefühlt habe, auf keinen Fall irgendetwas mit Dir oder mit meinem Zuhause zu tun hatte. Der Grund dafür lag ganz alleine bei mir und in mir. Ich wollte und konnte mich einfach nicht damit abfinden, in dem Augenblick, in dem ich mehr meiner selbst bewusst werde, in die Mühle des Lebens in Deutschland zu geraten. Bis jetzt ist es auch niemandem gelungen, mich davon zu überzeugen, dass es richtiger gewesen wäre, wenn ich zuhause geblieben wäre.

Jeder Brief, den ich hier erhalte, berichtet von dem, dem ich gottseidank entflohen bin. Ganz furchtbar ist das, wenn man das hier mit einigem Abstand liest. Kummer und Elend, kaum irgendetwas Positives, kaum etwas, was mich nur im geringsten daran rei¬zen könnte und mir sagen, Hans, was Du hier machst und treibst, ist falsch, Du gehörst nach Deutschland und nicht nach Bali, nach Indien, Nepal und weiss der Kuckuck wohin noch. Glaube mir, der einzige Grund, dass ich überhaupt daran denke, wieder nach Deutschland zurückzukehren, bist Du, ist Harald und Helga und Heri. Sonst bleibt niemand und gar nichts.

Wie anders ist doch mein Leben. Wie glücklich und bewusst führe ich es, seit es mein eigenes wurde. Wieder will ich Dir klarmachen, dass es keine Reise ist, sondern Leben und das nur in der Interpretation, die allein für mich gültig ist. Es ist fast ein Glaubensbekenntnis meiner „Religion“. Dazu kommt, dass ich noch keineswegs damit fertig bin, und ich will es auch gar nicht. Alles bleibt offen und in Bewegung. Und letztlich geht es mir nur darum, selber daran zu arbeiten, meine eigene Persönlichkeit zu finden. Wie lange ich hier bleibe, wie lange ich in Australien bleibe, was ich mache, was ich male, ob ich male, wann ich zu Dir zurückkomme und wie lange ich dort bleibe, ob ich heirate oder nicht, alles hängt nur davon ab.

Weiter wird ein Grund Deiner Sorge um mich, die Sorge um meine Zukunft sein. Schade, dass Du das Buch über Walter Spies noch nicht hast. Es heisst dort in einem Brief an seine Mutter: „Eines steht fest, nie in meinem Leben werde ich jemals wieder denken, was soll aus mir werden. Es wird aus mir werden, was aus mir wird, und sonst gar nichts“. Du glaubst gar nicht, wie sehr mir das selbst aus dem Herzen spricht. Was soll mir dieser Gedanke nützen, wo doch nur das für mich wirklich zählt – und für jeden zählen sollte, was gerade ist.

Natürlich bestehen Pläne auch für die Zukunft, sie sind aber niemals Sor¬gen, die den Augenblick belasten könnten oder sollten. Du kommst nicht darum herum, und Du musst Dich wirklich darum bemühen, diese meine Haltung zu akzeptieren und, noch besser, auch zu verstehen. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, oder so ähnlich, Amen.

Sätze wie „haste was, biste was“ sind zum kotzen für mich, sie enthalten alles das, was ich hasse. „Biste was, haste was“ ist auch noch schlimm, geht aber gerade noch. Untersuche bitte für Dich genau, wie viel von alledem in der „Sorge um die Zukunft“ enthalten ist.

Vielleicht verstehst Du schon etwas besser, warum ich noch länger hier auf Bali bleiben werde. Schau, nach all dem Reisen, Sehen, Erleben, Leben, brauche ich einen Punkt, wieder zu mir selber zu kommen. Schluss¬strich und zusammenzählen! Alles scheint sich für mich geändert zu haben. Meine Beziehung zu Vielem ist anders. Der gleiche Hans, der von Krefeld ab¬fuhr, ist auf der Strecke geblieben, derselbe Hans jedoch fährt weiter.

Erfreuliches zwischendurch. Stell Dir vor, da lebte vor einigen Jahren hier in Bali ein Maler, Christiano, Italiener, der eine jener schwarzen Inselschönheiten heiratete. Sie war Tänzerin und 16 Jahre alt, ein rechtes Wunder, wie man mir hier erzählt. Nun, die junge Dame woll¬te einmal Europa sehen, und der gute Mann fährt zurück nach Italien mit ihr und schlägt mit ihr natürlich wie mit einer Bombe in Rom ein. Siehe da, der kleinen Bombe gefällt’s dort so gut, dass sie gar nicht mehr in sein Paradies zurück will. Ist doch ein Witz, aber wahr. So ist der gute Mann mit seinem Wunderstückchen Bali nun in Italien, verdient gut und hat in nächster Zeit nicht vor, nach Bali zurück zu kommen.

Was übrig bleibt, ist ein Haus am Meer ... Also Haus am Meer. Das liest sich so leicht, ist aber nicht. Stell Dir alle Träume der geplagten Mitteleuropäer zusammen vor, und Du hast viel¬leicht eine kleine Vorstellung von dem, was da prangt an einer Wahnsinns¬bucht, an eine Wahnsinnsfelswand geschmiegt, unter und zwischen Wahn¬sinns¬pal¬men, zwanzig Meter neben der Wahnsinnsbrandung und 30 Meter neben Wahnsinns-Fischerauslegebooten und 50 Meter neben altem, verwit¬ter¬tem Tempel, 200 Meter neben kleinem, wahnsinnsbilligen Pensions¬ein¬heimi¬schenlokal, schnauf, dahinter Blick auf Reisfelder und Wälder und einen Wahnsinnsvulkan von 3000 Metern und und und mir hängt schon wieder die Zunge heraus. Das Haus in bestem Zustand, italienischer Bau¬stil, mit Treppchen, Gärtchen, Rundbogen hier, Verzierung da, und es ist nicht zu fassen, wie es wieder dazu kam, auf jeden Fall: Wir ziehen ein, benutzen es ohne Mietkosten als zweites Haus. Unser! Unser! Ohne Haken und Ösen. Wir haben nur da zu sein und es zu bewohnen, ordentliche Menschen, die wir da sind! Das heisst, in einer Woche müssen Gerd und Werner für fast 4 Wochen nach Djakarta zurück, um dort einige Visumsfragen zu klären, mit anderen Worten, ich besitze dann gleich in zwei Prachthäuser, zwischen denen ich pendeln kann. Eine Vorstellung zum Umfallen. Bücher, malen, ich mit mir in Gesellschaft auf Bali! Was sagste dazu ? Was für ein Leben, was für ein Leben ! Man sage mir doch bitte noch mal warum ich hier weg soll ?

Zwischenbemerkung: Gestern morgen habe ich den Brief angefangen, habe langsam und langsam geschrieben, bin zwischendurch mal essen gegangen oder habe paradiesische Früchte verschlungen. Dann am Abend war ich eingeladen zu einer ganz seltenen Sache: ein Trance-Tanz zweier sieben¬jährigen Mädchen auf den Schultern zweier Männer, was ganz Seltenes und einfach Unbeschreibliches. Wir sind dort mit den Fahrrädern hingefahren, und auf dem Rückweg platzte der spröde Gummi vorne. Also fast 15 Kilo¬meter Fahrrad schieben in Mondnacht auf Bali, auch unbeschreiblich.

Heute also etwas länger geschlafen und weitergeschrieben, während der Gerd eben vom Markt eine junge Frau mitgeschleift hat, die ihm, fünf Meter von mir weg, gerade Modell sitzt, auch unbeschreiblich; und ich schreibe jetzt trotzdem weiter, obwohl mir mein Bart juckt, auch unbeschreiblich.

Beschrieben habe ich auch noch nicht einen anderen Trance-Tanz, bei dem ein Priester tanzend einen hohen Berg von brennenden Kokosnussschalen mit nackten Beinen und Füssen bis auf die letzte flackernde Glut niederge¬treten hat, ohne sich auch nur eine Brandblase zuzuziehen. Frag’ doch mal den Harald gelegentlich, wie viel Grad etwa ein 1,50 Meter hoher Gluthaufen entwickelt und was demjenigen passiert, der da neihupft und alles runter¬trampelt, bis er dunkel ist und aus. Ich erklär ihm dann den anderen Teil ! Das war etwa vor einer Woche. Ich getrau mich schon gar nicht mehr hinaus aus dem Haus, sonst platz ich doch noch mal !

Doch wieder nach Bad Hermannshausen, von dem ich noch nicht mal weiss, wo es genau liegt. Sicherlich ist es bergig, mit viel Wald herum und angeleg¬tem Kurgarten. Hoffentlich hast Du schönes Wetter, wenn’s jedoch nicht so ist, so sei dem Wetter nicht bös, es kann nichts dafür, dass es so ist, wie es gerade ist und kümmert sich daher nie darum, ob wir uns darüber freuen oder ärgern. Du machst Spaziergänge, liest im Buch über Bali und hast viel¬leicht noch einige alte Briefe von mir dabei, die Du immer wieder liest, um zu vergleichen.

Ich würde ja so gerne mal meine alten Reisebriefe des letz¬ten Jahres wieder lesen. Sammelst Du all das Zeug? Meine Sammlung hier ist recht stattlich, kein Brief fehlt, von Abreise bis hier; was für eine Lektüre. Die letzten sind von Dir, von Rolf, der augenblicklich grossen Kummer hat, sich aber leider nicht darüber äussert, dann vom Bruder, endlich und dafür ganz dufte, der Bengel, und ein Brief von Heri, in dem er sich mit alldem be¬fasst, was ihn augenblicklich tief bewegt. Ich habe also einiges zu beantwor¬ten.

Ich hoffe nur, dass Dich die augenblicklichen Unruhen in Europa nicht so sehr in Anspruch nehmen, wie uns hier. Bei uns Dreien herrschte tiefe Enttäuschung über die Nachrichten von dort, es wurde bis in die Nacht hinein diskutiert und wir versuchten, soviel wie möglich aus den Nachrich¬ten herauszuhören. In welch einer irrsinnigen Welt leben wir doch! Hier wie dort wollen Völker in ihrer Art von Freiheit leben, hier wie dort greift die Ge¬walt der Macht ein, wenn auch unter verschieden scheinenden Vorzeichen.

Stell Dir vor, gar kein so grosser Unterschied. Vietnam ist von Deutschland fast soweit entfernt, wie Bali von der Tschechoslowakei! Die Eindringlich¬keit eines Geschehens scheint durch Entfernung und Zeit abzunehmen. Wir ha¬ben es nicht nur mit der Unzulänglichkeit der Menschen, sondern ebenso stark mit der Unzulänglichkeit des Menschen zu tun. –

Es hängt mir übri¬gens inzwischen zum Halse heraus, „etwas zu demonstrieren“. Was dieses „etwas“ ist, kann nur jeder selbst in sich finden. Irgendwie treffen sich doch alle Sorgen und Probleme in einem Punkt, die grossen wie die kleinen.

Nun, mir bleibt nur zu hoffen, dass Du die Dinge so aufnimmst, wie ich sie wirklich meine. Sie sollen ein wenig mehr Klarheit bringen und Dich etwas anregen, Dich in po¬sitiver Weise mit ihnen auseinanderzusetzen. Schon habe ich wieder Angst, dass sich irgendwelche Missverständnisse einschleichen könnten, verscheu¬che sie aber gleich wieder.

Lasse es Dir recht gut gehen, esse nicht, nein, fresse!! Suche auch ab und zu den „Schatten“, zuviel Sonne kann auch schaden! Bleib mir von Beat-Loka¬len weg, und geh dafür mal in ‚nen schönen Film. Zerstreu Dich viel, vergiss aber bitte nicht, Dich auch wieder einzusammeln. Mache Spaziergänge, auch alleine. Mache nur einen winzigen Teil von dem, was ich hier so auf Bali trei¬be. Hab vor lauter Faulheit überhaupt keine Zeit. Mach das alles, und noch mehr! Zeichne und schicke mir einen schönen Baum. Zeichne ihn mit der linken Hand, damit er nicht gleich so gut wird. Mache Purzelbäume die Wie¬sen rauf und die Wälder hinunter, beginne zu jodeln, Fussball spielen, Schlittschuh laufen, werfe mit Sand nach dem Mann von nebenan, erzähle unanständige Witze, gehe ins Warenhaus, klauen, mach alles und erfinde Neues, das Dich etwas von dem himmelherrgottsakramentverdammtver¬fluch¬ten elenden Alltag abbringt, damit Du etwas Abstand gewinnst und Dich freuen kannst über pickende Hühner im Dreck, über Ameisenstrassen und Autobahnen, über Haralds neues Auto und seinen Erfolg im Studium, dieser Intelligenzknochen! Lach mal über seine dicke Unterlippe und über meine schmale, und trag ein kleines Notizblöckchen bei Dir, schreibe allen Kummer und alle Sorgen in Stichworten drauf und schick sie mir, damit ich sie alle hier im Haustempel verbrenne und Dir dann zurückschreibe, was die Geister und Götter und Dämonen darüber gelästert haben. Mach die Augen zu, und mach allabendlich einen kurzen Besuch von 10 Minuten bei Dir selbst. Schluss mit den Ratschlägen, Du bist dran!

Da, das Blatt ist auch zu Ende.

Kuss, Kuss, Balinuss!

Bücher gibt’s: Das verlorene Paradies, Liebe, Tod oder so auf Bali, von Vicki Baum, die ein paar Meter neben mir gewohnt hat, vor ein paar hundert Jahren. Insel der Götter, von Coverubias oder so, von einem mexikanischen Maler, und vor allem das „Tanz und Drama auf Bali“ von Walter Spiess und einem anderen. Aber das beste Buch, das es gibt, ist:

Walter Spies, Maler und Musiker auf Bali (1895-1942) L.J.C. Boucher/Den Haag
(Eine Autobiographie in Briefen mit ergänzenden Erinnerungen, gesammelt und herausgegeben von Hans Rhodius),

ein Buch über sein Leben, das alles und viel viel mehr sagt, als ich überhaupt jemals schreiben oder sagen kann. Täglich gehe ich an seinem Haus vorbei, wo nichts mehr ist, als ein paar geschnitzte Fenster, aber voll von Atmosphäre die glitzert in der Luft.

Sunday, July 27, 2008

A Letter from Ubud





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27.7.68
Ubud

Liebe Mutter,

ich weiss nicht, warum ich es bis jetzt so lange nicht mehr geschafft habe, eine längeren und ausführlichen Brief zu schreiben. Der letzte lange ging, glaube ich, vom Schiff von Indien nach Malaysia an Schwester und Schwager, aber jetzt will ich es mir auch ein wenig selbst beweisen, dass ich doch noch mal was anderes zustande bringe :

Liebe Mutter, (aber das hatte ich schon) äh, also, wie soll ich anfangen? Ja, … also gestern sagte der Werner, es ist mir unmöglich, hier in Bali etwas zu schreiben. Recht hat er, was soll man da auch noch schreiben!

Da kommt so ein Weltenbummler nach Indonesien. Mit’m Schiff in’n Hafen, der fast genauso ist, wie alle Häfen, die er schon gesehen hat, in eine Stadt, die Djakarta heisst und schon beim zweiten Blick so aussieht, wie viele Städte, die er schon gesehen hat.

Zwar eine neue Sprache, aber bald stellt sich heraus, die gleiche wie in Malaysia. Stinkender Dreck, wie so oft und auch anderswo, Menschengedränge und Glotzköppe um sich, unbeholfener Entwicklungstrümmerhochhäuserprotz ebenfalls nebenan, Ärger an Post und Strassenecken, alles bekannt! Er erkennt, dass nach alledem, was Bücher füllen könnte, die nie geschrieben werden, nach all dem Gesehenen und Erlebten eines ausgewalzten Wanderjahres eine Pause von längerer Dauer ausgesprochen dringend wäre, ansonsten tät’s einen Knall, irgendwo ...

So sah es mit mir aus, als ich Indonesien betrat. Die Pause, die dringende, war wirklich nötig und zeichnete sich auch schon ab, das Australienvisum war ja in der Tasche, jetzt brauchte ich ja nur noch mal eben Indonesien zu durchwetzen. Die faule, lahme und träge Welt der Arbeit, die segensreiche und scheintote Lebenskultur des gepriesenen Westens hätte mich wieder in den Klauen und bald hätte ich mich schön und rechtschaffen vom schönsten Leben, vom intensiven und bewussten, ausruhen können. Arbeitsstelle, Lohngelder, Arbeitskollegen, geregelter Bierverbrauch und alles wieder schön und gewohnt gewärmt. Man ist zwar in Australien und schluckt englisch, aber sonst kaum andere Gehirne.

Also, Mütterchen, ich habe mich also rich¬tig gefreut auf Australien.

Dann verliess ich Djakarta, die Duftglocke von Europäisch Westlichem verzog sich wieder langsam. Pralle Landschaften, saftiges Wäldchen, dampfender Urwald, Gewächshaus ohne Glas, viele schöne Menschen, viele; leider schon wieder viel zu viele, um zufrieden zusammenzuleben, aber so was nur beim zweiten Mal hinsehen; an der Oberfläche bleibt Schönheit der Landschaft und Natur und einfachem Leben ringsum.

Kopfwiegend denk ich mir: schöner Fleck, musst Du mal zurück von Australien, länger bleiben, Zu¬kunftspläne wanken etwas; Mensch, was für eine Landschaft, ja gibt’s denn so was, Vulkane ! Reisfelder, alles grün; der Zug tuckert langsam. Die Leute sind nett, so viele - und doch nett, ja gibt’s denn das ? Ein Zeitungsjunge ist hartnäckig. Wie seine 400 Kollegen im gleichen Zug will auch er mir unbedingt eine schlechtgedruckte, wenig bebilderte (viel zu hartes Papier dazu), also völlig unnütze locale Zeitung andrehen, dieselbe in Indonesisch. Ich erklär’s ihm, er kauderwelscht ja englisch, ich: kän not spik indonesian ! Er schiebt sich näher vor meine Nase: For learning, Mister ! Ich kauf sie.

Ja gibt’s denn das ?! Und ich fahr nach Australia! Steig aus, Hotel, steig um, dann Bandung, dann Jogjakarta. Berge, grün, kleine Stadt, komisch sauber, aber weiter, ich will ja nach Australia. Hotel, Strassen, Fahrradrikscha, lachende Mädchen drin, bisschen flach die Landschaft, aber ein Wahnsinnsvulkan, gleich da hinten, um die Ecke geradeaus. Der dampft auch noch gen Himmel, da wollt ich mal gern rauf; aber, das nächste Mal, ich will ja nach Australia. Schon zeigt sich in meinem Reisegehirn eine Sympathie für Indonesien ab. Ich Trottel doch, in Jogjakarta hatte ich ja noch gar nichts gesehen am ersten Abend, bis auf den Vulkan, bis auf die paar Berge und Palmen, und Bananenstauden und blauen Himmel. Dabei ist Jogjakarta das Zentrum der javanischen Kultur und daher so unbekannt in Europa und überhaupt ?

Hast Du denn schon jemals was von Jogjakarta gehört? Ich bin ja auch aus Deutschland, ich kenn auch nichts davon. Hotelleben, Touristeninformation besteht hier kaum, was besteht, verwirrt nur, als ob sie’s extra täten. Aber einen Tempel will ich mir „trotzdem“ noch einmal antun, denk ich, reiseerfahren, nehme kleinen engen Bus, steige aus, lauf ein wenig. Brambanan. Ruinenmüde, trotzdem begeistert vom Bau und was davon übrig, hinke ich auf alten Mauern an lauter auch wieder schönen Reliefs vorbei.

Pause. Setze mich in den Schatten, Sauhitze diese Tropen! Schaue Kindern zu, die unter riesigen Baumverzweigungen Fussball spielen, als wenn sie keinerlei Ehrfurcht hätten, wie man es doch vor einer echten Ruine haben sollte. Da hammers, der Ball hätte um ein Haar diese schöne Steinplastik gekippt!

Gehe weiter rum und bin auf der anderen Seite der Ruine und stutze. Da hocken zwei rum - und zeichnen. Pirsche mich dahinter (das wird schon was sein, was die da machen) und nicke, gleich auf Deutsch, da ich am Sortiment der Farben, Pinsel und Stifte nur auf westdeutschen Faberkastel-Schmincke-Pelikan-Rapitografen-Grafiker schliessen kann.

"Aha, auch da (?) schön habt ihr’s hier (!) bin auch Gebrauchsgraphiker ..." Und erzählen und schwatzen heute noch. So geht’s. So habe ich Werner Hahn und Gerd Veit aus Nürnberg kennengelernt und gottseidank, ohne die beiden, sässe ich jetzt im Australischen Kontinent und würde Bierdrinker sein und Arbeitskraft.

( Ich schreib Dir wohl etwas zu klein, aber die Post ist so unverschämt teuer, und wenn ich erst mal ein schönes Bild verkauft habe, schreib ich auch mal einen Brief mit einem Wort nur, per Seite. Aber Gerd bestätigte mir eben, meine Schrift sei so „charakterlos wie die eines Kindes“, und daher auch in dieser Grösse noch zu entziffern. Dabei steckt er mir eine brennende Zigarette in den Mund und sagt „bitte, Herzchen!“
Es hat jetzt übrigens aufgehört zu regnen, und statt Regenmelodie auf Palmenblättern sind jetzt die Vögel und die Grillen der Tropen dran, die immer so eine schöne Musik machen, vor und um unser Hausle, dass ich Dir jetzt erstmal beschreiben will, damit Du es Dir genauestens vorstellen kannst, wo Dein Sohn gerade sitzt und mit einer dünnen Schreibfeder und Tinte, gebrannte Siena, schreibt, weil alle indonesischen Kugelschreiber klecksen und Füllhalter immer leer sind. Uff, was für Sätze ! )

Also, unser Haus in Ubud auf der Insel Bali, das ist wohl der schönste Platz auf dieser Erde. Auf der nächsten Seite habe ich einen Plan gemacht, Aufriss und Grundriss; dieser Plan wurde von Gerd begutachtet und gestempelt mit seinem Siegelring, (der aus Bagdad stammt wo gerade eine Militärrevolte war und ich mir genau ausrechnen kann auf welchen Häusern an der Harun al Rashid Strasse die Maschinengewehrnester gebaut wurden).

Also das Haus gehört einem balinesischen Schneider, der auf einer Singer-Nähmaschine älteren Modells für 75 Pfennig ein Hemd nach Mass schneidert und eine Hose für 3 Mark und ‚Pak’ Klepin heisst, über eine dicke schwarze Hornbrille linst und ein sehr, sehr freundlicher Mann ist, der sich immer tiefer setzt, als wir gerade sitzen, wenn er seinen täglichen Besuch macht und uns eine Nelkenzigarette anbietet.

Das Haus kostet jeden von uns dreien im Monat 5 DM. Es hat drei Räume, die so gross sind, wie meine ehemalige Bude. Um uns zu finden geht man, wenn man eben will, von der kleinen Hauptstrasse an der richtigen Stelle nach links ab und kommt an einem steinbewohnten, moosüberwucherten Dämonen vorbei, kurz bevor man über einen kleinen Bambuslattenzaun klettern muss, der die Schweine drinnen hält im Wald, den man jetzt betritt.

Links eine Mauer entlang, farnbesetzt und total bemoost, extra für uns. Es duftet sehr verschieden nach Pflanzen und Blumen und Schweinescheisse, jedoch immer sehr stark, je nach Witterung und Schweinezahl. Wenn ich aus Versehen da so hineintrete, so liegt das an diesem Flusstal, das rechts gleich sehr steil hinabfällt. Also weniger am Tal an sich, denn das ist nur schön, sondern mehr an diesen Frauen dort, die unten zweimal täglich nackt baden. Das ist nicht nur schön, sondern ausgesprochen sauber.

An Palmen und blühenden Bäumen vorbei, kommt schon gerade dann, wenn man sich an den jeweiligen Duft und Ausblick gewöhnt hat, von links eine Treppe herunter, die Wasserspülung hat, aber nur bei einem der täglichen Regenfälle. Diese Treppe gehst Du nun hinauf und kommst nach wenigen Schritten so in den kleinen Hof, wo die punktierte Linie hier drauf hinführt. Nun kannst Du auf meinem Plan verfolgen, wie ich mir Deinen Besuch bei mir vorstelle:


Beginnen wir bei A. (Pfeile geben Richtung an).

Über eine Stufe trittst Du auf unsere Veranda, wo wir abends sitzen auf feinen Bambussesseln, die zwei Mark kosten und in Deutschland unbezahlbar sind, weil kunstvoll gemacht und geflochten. Dort drehst Du Dich einmal um die eigene Achse, mit dem Ausruf: Wie hübsch! Dann geht es weiter, wieder geradeaus, wie mit mir, und Du betrittst das Zimmer von Gerd (B), kurvst erst scharf nach rechts zum Spiegel, dann zum Fenster und hast einen herrlichen Ausblick auf unseren eigenen Haustempel und auf die Blumen und Blätterwand dahinter. Dann wendest Du Dich vor Staunen ab und um und gehst gemächlich an Gerds Bett vorbei zum Schrank in der Ecke und wirfst einen verstörten Blick in seine Unordnung.

So was! denkst Du und gehst weiter in mein Zimmer (C) zu meinem Bett, setzest Dich drauf und findest es hart und etwas kurz. Nach einem Blick unter das Bett gehst Du zu meinem Tisch, auf dessen Ecke ein kleines Schränkchen steht. Dort räumst Du erst mal auf, und ich warte so lange auf der Veranda (A). Nach etwa 1 ½ Stunden dann gehst Du durch die Tür ins dritte Zimmer, welches Werners ist, am Bett vorbei, den Pfeilen nach und betrittst nach diesem Rundgang, von dessen Anstrengung Du Dich erholen willst, wieder die Veranda, probierst die beiden Bambussessel aus und landest auf der gemütlichen Bambusbank (O). Nach einer Verschnaufpause gehen wir dann gemeinsam zum Haustempel und bitten die dort anwesenden Götter um die Gnade, dass wir noch lange dort wohnen können.

Zur weiteren Erklärung des Plans: Die kleinen Punkte auf dem Plan sind Ameisen, und der Kamin (G) ist kein Kamin, sondern deutet die Palmen im Hintergrund an. (G) also viele Palmen mit Kokosnüssen dran. Ich sitze gerade im Kreis (ich) in meinem Zimmer, weil ich genügend Licht habe, obwohl es kein Fenster gibt, wie Du auf dem Plan ersehen kannst. Was Du nicht sehen kannst, ist die Tatsache, dass ich vor ein paar Tagen ein grosses Plastikdach eingebaut habe und daher fast im Freien sitze. Herrlich, herrlich!

So, jetzt weißt Du, wie unser Häuschen genauer aussieht. Die Inneneinrichtung ist nett und nützlich, aber die Wände hängen voll von allem möglichen. Bilder, Bilder, Bilder, Figuren, Fotos, Schnitzereien, und es nimmt kein End. Der Punkt P auf dem Plan gibt den Punkt an, von wo ich die nächste Skizze in Pfeilrichtung gemacht habe. So ungefähr sieht es von dort aus, beim flüchtigen Hinsehen. Das Porträt von Gerd und die ganze Skizze kann und muss ich als wenig gelungen bezeichnen, aber so weisst Du wenigstens etwas mehr. Besonders muss ich auf das Schwein hinweisen. Der Rücken von balinesischen Schweinen hängt wirklich so jämmerlich durch. Es sind ganz intelligente und daher wohlschmeckende Tiere.

Die Zeit, die wir nicht draussen in Ubud und Umgebung verbringen, verbringen wir also hier in trautem Kreis zu viert. Gerd, Werner, Hans und Haus.

Lass Dich jetzt nicht weiter vom Schwein ablenken, denn ich bin mit meiner längeren, doch wie ich feststellen muss, keinesfalls ausführlichen Schilderung meines Zustandes und Zustandekommens hier in Bali, immer noch in Java in Jogjakarta, jenem Zentrum der viel zu unbekannten javanischen Kultur. Es ergab sich also, wie durch ein Wunder, dass sich Gerd und Werner und ich in solch eigenartiger Weise gut verstanden von Anfang an.

In Jogjakarta führten sie mich, den Fremdling, sofort in ihren Freundes- und Bekanntenkreis ein, und der war bereits ausgeprägt, denn die beiden waren schon sechs Monate allein in Indonesien und zwei Jahre von Zuhause entflohen, wie ich Dir schon berichtet habe. Jogjakarta war meine Ouvertüre zu Indonesien, alles andere bis dahin war mehr oder weniger nur Durchreise. Durch die Freundschaft mit den beiden gingen mir zuerst Türen und Tore zu geheimem Verborgeneren, dann die Augen für Indonesien auf. Ja, Mensch, gibt es denn so was ? Und ich wäre um ein Haar da nur so durchgerauscht mit meinem müden Gehirndarm.

Abends Theater: Vor einfacher Kulisse, die eigentlich gar keine ist, tanzen verzauberte Wesen, die vielleicht einmal Menschen waren, in Kostümen mit kunstvoller Ornamentik, in Bewegungen, die einem die Zunge heraus hängen lassen. Man traut seinen Augen nicht. Kleiderfalten fallen bei den fliegenden Bewegungen der vier Tänzerinnen nebeneinander alle gleich. Solch eine Perfektion und dazu so voll Charme und Grazie; wo bin ich denn hier hingeraten? Dazu die Musik, die überall her kommen könnte, nur nicht aus den metallenen Gongs und Becken, die da vorne von normalen Menschen, in einer aufreizenden Langeweile und scheinbarer Unbeteiligtheit bedient werden. Engelstöne ? Dazwischen bizarrer Rhythmus, der ewig zu hinken scheint und doch immer stimmt. Dazwischen flöten und fiedeln welche, und ich glaub, ich spinne, da singt noch eine, aber wie sich das alles zusammen anhört? Für mich ist das gar nicht zu fassen.

Dazu das Publikum! Kind und Kegel, die gar nicht so wie bei uns daneben sitzen, sondern alle dazu gehörten. Kinder spielten für sich herum, schliefen bald, mittendrin. Es wird Zeit, finde ich, dass bei uns auch Kinder schlafen im Theater, bei der Oper, dann geht diese alberne Andacht flöten.

Gerd und Werner waren bessere Kenner und sagten „Mist, heute Abend ist das gar nicht gut, Du solltest mal richtiges Wajang Orang sehen, ausserdem ist das hier allerkleinstes Laientheater. Da gibt es viel bessere.“ Ausserdem, wenn ich aufs Ende warten wollte, müsste ich sowieso bis morgen früh 3-4 Uhr warten ... Ich glaub, ich spinn. Wenn das dort Mist sein soll, wie wird’s dann erst noch kommen ?

Und es kam wirklich was hinterher, aber das kann ich jetzt nicht beschreiben, denn dann fehlen mir alle Superlative spaeter für das, was mich auf Bali erwarten sollte.

Was hatte ich schon von Bali gewusst, ich Supertourist, der in seinem Australienwahn schon seine Reise halb abgeschlossen wähnte ? Vom Maler Walter Spiess hatte ich’s mal munkeln hören und von „Kultur“, ich Trottel. Schöne Insel, Traum der Träume, schöner Strand. Da machste noch mal Urlaub, bevor Du schön Geld verdienst für ein halbes Jahr in jenem Australia.

Wir Trottel kann ich sogar sagen, denn meine beiden Kenner gaben sich vor dem, was wir dann wirklich sahen, auch geschlagen mit ihren Kenntnissen um indonesische Kultur. Es ist nämlich so, lass Dich belehren, liebe Henny-mutter, Bali und Balinesisches kann man nicht kennen, ohne dort gewesen zu sein. Orientalistik kann man ruhig in Deutschland studieren, zur Balinistik muss man hin, nicht als Tourist, auch nicht als Globetrottel, man muss dort leben. Aber das verstehst Du vielleicht besser am Ende des Briefes, wenn mir das in meinem komisch einfältigen Geschreibsel gelingen sollte. Ich will es herzlich gern weiter versuchen, aber ... von Bali kann man ja nichts schreiben.

Aber weiter im Text der Ereignisse: Von Jogjakarta ging es gen Osten nach Surabaja. Zugreise und mein 25. Geburtstag an einem Tag. Schöne Bescherung : in solch einer Landschaft und mit zwei neuen Freunden als Geburtstagsge¬schenk obendrauf.

In Surabaja angekommen fahren wir schon gleich wieder am nächsten Morgen ab und zwar nur zu zweit. Werner hat da so ein schlitzäugiges Mädel, das ihn nach Bandung zurück ruft, see you later, alter Freund, ich kenn Dich ja schon sechs Tage. Gerd dafür fühlt sich, mit mir zusammen, nach Bali gezogen, so schnell wie möglich, denn ein Bekannter vom Goethe-Institut in Surabja meint, wir sollten uns beeilen. Ende Mai sei einer der grössten Festmonate in Bali, und wir könnten was versäumen. Ein Bus ist teuer, aber schnell, und so fahren wir weiter durch die Landschaft, links das Meer mit herrlich bemalten Auslegerbooten, die am glitzernden Silber des Horizontes schweben. Rechts Gegend, und was für eine! Aber ich will mich bremsen und nichts von den steilen Wänden, von weichen Hügeln, von dampfenden Vulkanen sagen, weil das ja auch alles in Bali kommt, zusätzlich, zum anderen Wahnsinn auf diesem Gottesfleck.

Also es regnet zwischendurch, als wir mitsamt Bus auf die wackelige Autofähre hupfen, die uns an die Küste Balis bringt, ein grüner Haufen Vegetation, der langsam aus dem Meer steigt, wie es solche Inseln so an sich haben.

„Typisch Bali“, lästern, ein paar Häuser, die gleichen Schlaglochstrassen, Bäume, viele. Wir sind im Westen, noch 100 km bis Denpasar, unserem ersten Ziel und nebenbei auch noch die Hauptstadt.

Wir gucken herum aus dem Bus, und das erste, was uns besonders ins Auge fällt, sind freie Brüste einiger Damen, mit Tragekörben auf dem Kopf, und Kühe. Die Kühe sind ja wirklich hübsch, wie Rehe, irgendwie.

Dann sind wir in Denpasar, steigen aus und streiten uns mit so ein paar Pferdekutschern herum, die uns zu der Wohnung eines Malers bringen sollen, für den wir ein Empfehlungsschreiben eines andern Malers (Affandi in Jogja) haben. Dort sollen wir dann auch die ersten 14 Tage wohnen.
Wir sind aber noch lange nicht da, da uns der Pferdekutscher einen Preis nennt, der eher dem Wert seines Pferdes näher kommt als einer Reise von etwa 3 km. Die erste Begegnung mit einer Hartnäckigkeit, die da meint, von jedem Touristen gleich das zehnfache zu erpressen.

Das Bemo – eine Art Sammelminibus mit begrenzten Sitzmöglichkeiten, unbegrenzter Aufnahmefähigkeit an Personen, Schweinen, Rindern, Balast und allem, was beweglich ist und transportiert werden kann, bringt uns für nur doppelten Preis zu Bambang Soegeng; Ein Naturtalent und echter Boheme aus Java, der jedoch Bali liebt bis zur Selbstauflösung. Offene Tür und Herz; wir ziehen in seine kleine Galerie. Nach Kaffee und gegenseitigem Beriechen sagt er, ob wir etwa einen balinesischen Tanz sehen wollten, der ganz in der Nähe „für Touristen“ aufgeführt würde. Wir sind zwar von der Bus¬reise müde, aber so eine Gelegenheit will man sich ja nicht entgehen lassen, wir Trottel. Denn genau das, was wir als Gelegenheit bezeichnet hatten, spielt sich ja jeden Tag an gleich hundert verschiedenen Stellen in Bali ab, aber wir wussten ja noch nichts davon, und daher gehen wir gleich hin; die erste Begegnung mit dem Legongtanz und der Gamelanmusik in Bali war also gleich am ersten Abend, bevor wir überhaupt da waren.

Jetzt muss ich erst wieder abschweifen, sonst meinst Du, genau wie ich damals, ich spinne wirklich. So wie ich die ersten 14 Tage auf Bali verbracht habe, kann ich sie unmöglich hintereinander schildern, weil ich es einfach nicht kann, ganz einfach. Das geht nämlich gar nicht, oder man wäre ein Genie der ständigen Superlativen.

Ich bin ja jetzt auf Bali immerhin seit zwei Monate und habe Abstand. Lass Dir sagen, dass die ersten 14 Tage in Bali wirklich zu dem Wahnsinnigsten gehörten, das ich bis dahin in meinem ganzen Leben erlebt habe, und habe ich nicht schon einiges gesehen ? 14 Tage lang gab es täglich umwerfendes zu erleben, 14 Tage lang keine Ruhe. 14 Tage lang keine Nacht vor 3 Uhr ins Bett, und nicht, weil das Geschehen beendet war, sondern meist nur deshalb, weil ich einfach nicht mehr gucken konnte. (Manches Mal habe ich während den Tempelzeremonien einfach in irgendeiner Tempelecke für ein paar Stunden auf einer Bastmatte ge¬pennt, zu den Höhepunkten lang nach Mitternacht liess ich mich dann wieder wecken.)

In Bali gibt es nach offizieller Angabe etwa 10.000 Tempel. Jeder Tempel hat alle sieben Monate seinen besonderen Festtag. Natürlich fallen solche Festtage teilweise zusammen, insbesondere in Festmonaten, die der Gegend entsprechend verschieden liegen, aber es gibt noch unzählige religiöse Feste nebenbei; der 210taegige balinesische Kalender ist gespickt davon. Dann gibt es wieder Feste, die alle fünf, alle zehn oder, wie jetzt hier gerade in Ubud, die nur alle 30 Jahre oder in 100 Jahre einmal vorkommen. Also bitte, jetzt bist Du dran. Könnte man jeden Tag die Informationen bekommen, was wo gerade los ist, dann hätte man täglich eine Auswahl von was weiss ich wie viel religioeser Veranstaltungen jeder, aber auch jeder Art.

(Die Skizzen, die ich Dir hier so in den Brief hinein zeichne, entstanden zwischendurch bei irgendwelchen Festen, die ich gerade besucht habe. Hoffentlich machen sie Dir Freude und bringen etwas Bali zu Dir nach Krefeld. Die Damen, die da so auf dem Papier rumtanzen, sind ganz normale hiesige Hausfrauen. Ja, gibt’s denn so was?)

Doch, wo war ich stehen geblieben? Tempelfest in Abiang-Kabas, gleich um die Ecke bei dem Häuschen, das wir in der Nähe Denpasars gemietet hatten. Das war einer der Geburtstage eines kleinen Tempelchens. Das war Ende Mai. Mitten am helllichten Tag ziehen wir dann los mit unseren Zeichenmappen zum Tempel, vor dem bereits der Hahnenkampf in vollem Gange ist. Im Tempel drin klimperts auf den Gamelan-Instrumenten. Vor Beginn der Zeremonien klimpern Klein- und Kleinstkinder darauf herum, bis in die Dunkelheit, und man staunt, was diese Kleinen da zustande bringen. Können kaum laufen und haben schon halbe Symphonien im Kopp. Kein „leg jetzt den Schlegel weg und geh ins Bett !“

Ausserhalb des Tempeltores sind kleine Stände errichtet. Dort gibt es viele Arten von balinesischen Leckereien, Bananen, hunderterlei Gebäck in grossen Gläsertürmen, Wassermelonen, gegorene Süsswurzeln, Süsskartoffeln und Kräuter, mal scharf, dass es einem die Tränen ins Auge treibt, dann wieder so süss, dass man nach Luft schnappt, oder alles wird auf Wunsch auf einem flachen Stein zusammengemanscht, Zucker und Salz, Paprikaschoten im gleichen Brei, mit Sojabohnensprösslingen und Papayafrüchten. Alles wird liebevoll bereitet und auf gerollten Bananenblättern serviert. Daneben Bauch- und Kleinstläden mit den verschiedenen Arten von Reiswein und – schnaps, Tee oder Kaffee. Balinesische Kirmes.

Überall stehen oder hocken kleine Gruppen von Balinesen in ihrer Festtracht, kunstvoll gebundenem Batikkopftuch, eine Blume hinter dem Ohr oder im Haar, sauberes Hemd oder meist nackter Oberkörper, dann der Sarong, ein langer Batikrock, der je nach Wunsch seitlich oder in der Mitte in kunstvollen Falten gerafft wird. Man legt sehr grossen Wert auf einen gleichmässigen Faltenwurf, und jeder legt Beachtung auf die eigene Note. Darüber noch mal ein andersfarbiges, anders gemustertes Tuch um die Hüften, der ‚Slendang’, ohne den niemand den Tempel betreten darf. Die Frauen haben ihre Prachtfarben gewählt, grellbunte Blusen und Leibbinden, die Haare sorgfältig gekämmt und zu langen Schlaufe gebunden, Blumen und Goldkrönchen, aus Blattgold gebastelt, im Haar. Zum saftigen Grün der Baumriesen, zur nassbraunen Erde und zu den verwitterten Tempelmauern bildet diese bunte Farbenpracht eine einzigartige Atmosphäre. Dazwischen Hunde ohne Zahl und Enten und Schweine. Das reine Vergnügen für mich, über solch einen Festplatz zu schlendern, hier einen Tee am ‚Warong’ zu schlürfen, mich dort über die hohen Einsätze der Glückspieler an ihren kleinen, niedrigen Spieltischen zu wundern. Wetten ist Leidenschaft hier.

Vom Tempelvorplatz aufgeregtes Gemurmel. Hah¬nenkampf in abgetrennter Arena. Im grossen Zirkel der Zuschauer ist ein Quadrat von ungefähr 5 x 5 Metern abgesteckt. Autorennen, Boxkampf, Trainingslager, Stierkampf, die gleiche hitzige Geschäftigkeit und doch so ganz anders. Ein Gegackere und Kikeriki aus den grossen Bambuskörben mischt sich mit dem Geschrei und Gemurmel der Zuschauer. Vor Beginn des eigentlichen Kampfes werden die prächtigen Gegner vorgestellt. Wunderbare Hähne in schillernden Far¬ben, die wirklich böse dreinblicken und nach jedem Artgenossen picken, der in die Quere kommt. Die stolzen Besitzer zeigen ihre Gladiatoren in die Runde. Scharfe Messer sind an einen der Sporen gebunden; das Spiel be¬deutet für einen der beiden Gegner das blutige, meist sehr schnelle Ende. Die beiden Besitzer hocken sich gegenüber in die Mitte des Quadrats und reizen ihre Recken durch Zupfen am Gefieder, schlagen gegen die langen Schwanzfedern und zeigen den Gegner. Während dieser Zeremonie beginnen die Zuschauer zu wetten, rufen ihre Einsätze, und das Gemurmel steigert sich zum Orkan von wildem Gebrüll, das sofort verstummt, wenn die beiden Hähne aufeinander losjagen. Federn fliegen, ein Getümmel von schlagenden Flügeln, das mit ah und oh der Zuschauer begleitet wird. Oft schon nach wenigen Sekunden wird ein Hahn von dem rasierklingenscharfen Messer des Gegners tödlich verletzt, selten gibt es ein Unentschieden. Vorbei. Das näch¬ste Paar. Der Gewinn wird sofort ausgezahlt, Geldscheine, eng zusammengerollt, fliegen durch die Luft zum Gewinner. Wer schon alles Geld verspielt hat, jetzt sein Hemd, sein Feuerzeug, seinen Hut, ohne Rücksicht auf weitere Verluste. Monatsgehälter verschwinden in nichts. Pech gehabt. Irgendwie geht es ja immer weiter, spätestens beim nächsten Hahnenkampf, und der ist meistens schon morgen an einem anderen Tempel. Frauen sind besorgt.

Das Gamelan-Orchester beginnt. Bei ihren Instrumen¬ten am Boden sitzen die 20 bis 30 Musiker, wie jeder hier Reisbauer und ganz normaler Mitmensch. Was für eine Musik ! Wildes Brausen, dann melancholischer Klingklang wie Glocken, abgehackte Rhythmen und schrille Harmonien, dann wieder fliesst ein Bächlein von Tönen aus den Xylophonen und runden Messingbecken. Ein langes Instrument wird oft von vier Spielern gleichzeitig gespielt. Bei der Vielseitigkeit und Kompliziertheit der variieren¬den Melodien wird es mir immer ein Rätsel bleiben, wie ein Mensch sich so etwas merkt und wie er es dann mit solch einer Perfektion bringt. Bei einigen Tempelfesten, die ich besuchte, spielte solch ein Orchester mit ganz kleinen Kaffeepausen etwa acht Stunden hintereinander! Unbegreiflich.
Zu dem, eines ist noch ganz unwahrscheinlich: Während die tollsten Melodien erklingen von irgendwo her, wie es scheint, wenn man von Trommeln und Becken die aufreizenden Rhythmen hört, sitzen die Musiker wie absolut unbeteiligt da, schauen in die Gegend oder unterhalten sich noch, als wenn es gar nicht sie wären, die da so Mit¬reissendes fabrizieren. Keine ekstatischen Schweissausbrüche, wie bei Jazz-Trommlern, eher ein schläfriges Träumen begleiten wahnsinnigen Rhythmen, welch ein unbegreiflicher Gegensatz.

Hoffentlich kann ich Dir irgendwie mal eine Schallplatte von dieser Musik besorgen, denn beschreiben kann man das nicht. Frag doch einmal nach ob es irgend so was schon gibt. (Bali Gamelan Musik). Ich könnte mir vorstellen, dass man sich sowas bestellen kann, vielleicht sogar noch eher in Deutschland als hier in Indonesien.

Doch zurück zum Tempelfest. Während nun diese herrliche Musik erklingt, kommen Frauen mit ihren Opfergaben. Das sagt sich sehr einfach. Aber wie beschreiben? Farben, Farben, Farben, Göttinnen der Anmut und Schönheit. Göttinnen der Anmut besonders, selbst im hohen Alter. Sie balangsieren auf ihrem Kopf grosse, rot und gelb bemalte Tonschalen. Darauf, durch einen Stab in der Mitte gehalten, türmen sich Reiskuchen, Bananen, Zuk¬kerrohr, Apfelsinen, Plätzchen in allen Färbungen, ganze Spanferkel, Kohl¬köpfe, einfach alles bis zu zwei Meter Höhe, liebevoll und kunstvoll arrangiert und zusammengesteckt. Solch eine Prozession von Balinesinnen ist allein eine Reise wert. So kommen sie also in langen Reihen oder einzeln durch eine Strassenalleen die zum Temel fuehren. Diese gebogenen, geschmückten Bambusrohre, ‚Penjor’ genannt, an denen Blattgirlanden und grosse geflochtene Sterne hängen, die an Weihnachtssterne aus Stroh erinnern könnten, wäre dieser Vergleich nicht allzu armselig. Diese Sterne sind bis zu einem Meter im Durchmesser und ganz fantastische palmgeflochtene Kunstwerke. Dass sie nach einer Woche bereits verdorrt sind und herunterfallen, macht auch nichts, es folgen sowieso bald neue.

Die Prozession (die längste vorgestern bestand aus etwa 700 Frauen) betritt nun nach und nach das grosse Tempeltor, von dem hunderte von steinerne Dämonenfratzen starren, und kommt auf den grossen Tempelhauptplatz, der erfüllt ist von der Gamelanmusik, von Farben und wohlduftenden Rauchfahnen. Die Opfergaben werden in langen Reihen vor einen der vielen kleinen Einzelaltare gestellt und mit Räucherkerzen bespickt. Priester in weissen Gewändern und langen gebundenen Haaren, oft mit den herrlichsten Gesichtslandschaften und mystischem schwarzem Kohleblick, sprechen ihre geheimnisvollen Texte und Formeln in tiefer Konzentration, einer Trance nahe. Vor ihnen knien Frauen und Kinder, die die Opfergaben brachten, mit gesenktem Haupt und erhobenen Händen, kleine Schälchen mit Reis gefüllt, und Blumen werden auf den Tempelplatz gestreut, der bald einen Teppich von kleinen Herrlichkeiten bildet, denn jedes Schälchen, jedes Körbchen ist aus Bambus- oder Palmenblättern geflochten und mit Essbarem gefuellt. Und überall Hunde und Enten dazwischen, ganz selbstverständlich. Bis zum Dunkelwerden, wenn alle Farben eine eigene Leuchtkraft erhalten, vom gelborange der untergehenden Sonne, die sich in den Wolken bricht, wenn die Gas¬lampen aufgehängt werden, ein Kommen und Gehen immer neuer Frauen¬gruppen, segnen und verspritzen von Weihwasser und Blumen, Gamelan-Musik und spielende Kinder, Gruppen von Maedchen die sich zusammenklammern im Flirt und Gelaechter, Entengequake und dann gleich wieder Kaffee und Leckereien aus Reis und Mais, und was weiss ich noch alles das uns angeboten wird. Man sitzt herum in träumerischem Nichtstun oder geht hinaus, um die letzten Hahnenkämpfe zu sehen, ein Schwätzchen hier und da, und wir zeichnen und skizzieren, von Horden von Kindern umstanden. Ganz gelöst und gelockert geht alles vor sich, das ist Leben und Religion, Riten und Vergnügen, Gewohnheit und Zuhause, keine Hast und nichts, was an gespielte Andacht oder Falschheit und Lüge erinnert. Religion ist nicht moralisch, in der Kirche darf geraucht werden. Und diese Farben, ein Schauspiel vor meinen Augen, das gar keines ist, nur eins von den vielen, vielen Festen, die nie ein Ende nehmen im Leben der Balinesen.

Für eine Weile hört der Gamelan auf, man trinkt weiter Kaffee und mampft Reiskuchen. Tänzerinnen legen ihre Tanzkostüme an, dazwischen zwei kleine, engelhaft geschmückte Knaben. Sie eröffnen eine Weile später den Tanzreigen, an dem sich nach und nach Männer und Frauen aller Altersstufen beteiligen. Die Glocke von Gamelan-Virtuositäten legt sich wieder für einige Stunden über den Tempelplatz, mit seinen vielen kleinen und grossen Tempeln, mitten in den Palmen, eine Lichtung im Schwarz der Bäume und der Nacht.

Das Staunen und Kopfschütteln hat für Gerd und mich gar kein Ende. Kaum haben die beiden Knaben ihren puppenhaften, traumleichten Tanz der feinsten Bewegungen beendet, als sich ein dicker, ungeschlachter Bauer mit Riesenarmen und Trampelfüssen in den Tanzkreis stellt, seine Augen schliesst und sich, mir fällt nichts anderes dazu ein, in einen Marcel Marceau oder, noch blödbildlicher, in eine Elfe verwandelt. Wir halten einfach die Luft an, wie er fast für eine halbe Minute erstarrt, um dann für den Bruchteil einer Sekunde und genau auf einen winzig mehr betonten Trommelschlag des Gamelans hin, den Kopf um einen halben Zentimeter nach rechts dreht, dann plötzlich zu einem Wirbel von sich verknotenden Bewegungen wird, um wieder zu erstarren.

Der Mann hat vielleicht auf seinen Riesenschultern noch vor wenigen Stunden eine Ladung Reis vom Feld in sein Haus getragen. Ich hab mal so eine Bambusstange auf den Schultern gehabt, die hinten und vorn mit riesigen Reisgarben behängt war. Nach meinem Schmerzpunkt zu urteilen etwa 1 ½ Zentner. Und damit kamen die Bauern täglich mehrere Male an unserem Haus vorbei. Nicht geschleppt, sondern „gefusselt“. Und danach so was! Am Abend spielt er mit im Gamelan-Orchester oder probt Theater oder tanzt oder gleich alles zusammen. In Bali gibt es keinerlei Trennung zwischen Arbeit, Leben, Religion, Schweinefuettern, Kunst und Kinderkriegen. Alles ist ein Teil des grossen Schauspiels ihres Lebens. Alles setzt sich in Bewegung. Tanzend wird den Göttern geopfert. Schalen mit kleinen Opfergaben werden zu den einzelnen kleinen Tempelchen getragen und dort geweiht. Lange Reihen von tanzenden Gläubigen und dazwischen die Hunde, die im Blumenteppich nach kleinen Happen Reis oder Fleisch suchen. Das geht wieder einige Stunden lang, Stunden, an die keiner denkt, denn Zeit hat nichts zu bedeuten. Dann wieder eine kleine Pause. Während einige alte Priesterinnen die nächsten Riten vorbereiten, trinkt man Kaffee oder auch den scharfen Arrak, Reisschnaps.

Eine Bastmatte wird in die Mitte gelegt. Davor eine Gruppe von Priestern, vor sich Kokosnussschalen mit glühenden Holzkohlen. Die Geister, durch die vorigen Opfertänze wohlgestimmt, sollen nun herbei gerufen werden. Und dass sie nun kommen werden, ist für jeden sicher und nichts Aussergewöhnliches. Sie werden in die Körper der Medien kommen, aus ihnen sprechen. Vor den fünf ausgesuchten Frauen wird nun zelebriert, geheiligte Verse gewispert, Weihwasser gespritzt. Die Melodien des Gamelans werden fein und lieblich, ziehen kleine Fäden zwischen Medium und Priester. In einer Ecke des Tempelplatzes eine Gruppe von Priesterinnen, die langgezogene, in sich übergehende Melodien und Lieder singen. Fremdartig und geheimnisvoll, beschwörend, wie von den Geistern selbst komponiert. Die Stimmung auf dem Tempelplatz ist mystisch und körperlich spürbar. Die Medien fangen langsam an, sich nach dem Rhythmus der Musik zu wiegen. Dann gerät die erste in Trance, wirft die Arme hoch, windet sich wie eine Schlange, wie von unsichtbaren Händen geschüttelt. So etwas zu sehen, treibt mir sämtliche Körnungen einer Gänsehaut über den Rücken. Die Geister sind gegenwärtig, sprechen durch die Medien in geheimnisvoller Sprache in erregendem Dialog mit den Priestern.

Die Frauen werden weg geführt; ihr Gang ist taumelnd, ihre Augen geschlossen. Jetzt versammeln sich die Priester, 10 asketische Gestalten in weisser Kleidung, unter einem Tempeldach. In sich versunken sitzen sie eng beisammen, die Augen geschlossen. Priesterinnen hantieren geschäftig und ohne sichtbare innere Beteiligung. Wir gehen näher an die Gruppe heran, wollen alle Stadien der Trance aus nächster Nähe miterleben. Niemand hält uns zurück, es gibt da keine Geheimnisse, Gamelan-Melodien, gleissendes Licht der zischenden Gaslampen, Hundegeknurre, der gespens¬tische Gesang der Frauen, beissender Rauch der Opferfeuer, mitternächtliche Stunde, Kinder drängen sich näher, unbeschreiblich gespannte Atmosphäre!

Plötzlich überfällt einen der Priester ein Vibrieren und Schütteln, das den ganzen Leib erbeben lässt. Dann der nächste, dann der nächste. Ein unbeschreibliches Schluchzen beginnt in der Runde der Priester, Schaum tritt auf die Lippen, Tränen quellen aus den geschlossenen Augen, Männer, die von zuckender Kraft geschüttelt werden. Nach und nach werden sie von den Priesterinnen mit besonderen Gewändern gekleidet, während das Schluchzen ununterbrochen anhält. Der Priester, der zuerst in Trance gefallen war, wirft sich plötzlich vor und hält beide Hände in die glühenden Kohlen eines Opferfeuers. Nichts geschieht, die Trance macht ihn unverwundbar.
Es ist für mich unmöglich, meinen eigenen Zustand während solcher Vor¬gänge zu beschreiben. Fassungsloses Kopfschütteln von Gerd, der solchen Dingen zum ersten Mal begegnet. Wie lange der Priester seine Hände in der glühenden, rauchenden Kohle hält, kann ich nicht sagen, jedenfalls lange. Er liegt nach vorne gebeugt und atmet ruhig, das Beben seines Körpers beginnt erst, als er seine Hände wieder zu sich nimmt und sich langsam aufrichtet. Alle Priester öffnen nun die Augen und erheben sich, doch an ihrem schwingenden Gang ist zu erkennen, dass sie sich alle noch im Stadium tiefster Trance befinden. Die Musik und der Gesang gehen weiter, die Melodien schwellen an und fallen wieder zurück, ohne Unterbrechung.

Nun beginnt ein neues Phänomen, das es nur auf Bali geben kann: Der „Kris-Tanz".

Der Kris ist ein langer Dolch mit feinster flammenförmiger, scharfer und spitzer Klinge, der in der Geschichte und Mystik Balis eine grosse Rolle spielt. Solchen Dolchen wird geheime Macht zugesprochen, und überall in Bali wurden mir fantastische Geschichten über solche Dolche erzählt. (Doch ich will nur von den Dingen berichten, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, sonst würde ich diesen Brief wohl kaum in den nächsten Tagen beenden können. Ich kann mir ja jetzt sowieso schlecht vorstellen, wie es sich, in Deutschland gelesen, anhört. Ich für meinen Teil habe inzwischen schon zuviel mystische und unerklärliche Dinge erlebt, als dass ich noch nach erschöpfenden und erklärenden Antworten suchen würde. Die gibt es leider, leider noch nicht. Asien ist in solchen Dingen für einen kritisch denkenden Europäer zum Wahnsinnigwerden, glaub mir das.)

Der Oberpriester gibt nach und nach jedem der Trancetänzer einen Kris Dolch in die Hand. Ein Tänzer nimmt ihn, und im gleichen Moment wird er am ganzen Körper geschüttelt, er windet sich wie verzweifelt, bis seine eigene Hand wie ohne eigenes Zutun den Dolch gegen sich selbst wendet. Ein Balinese erklärt mir flüsternd, dass nun ein anderer, zerstoerender Gott versucht, den Tänzer zu töten, jedoch der Geist des ewig Guten, der sich augenblicklich im Körper des Tänzers befindet, ist mächtiger und wehrt den Stich ab. Schön und gut, diese Erklärung. Jedenfalls krümmt sich der Tänzer unter wildem Schrei unter dem Druck der Klinge weit nach hinten, fällt und taumelt zurück, die nadelspitze Klinge des Dolches sitzt auf seiner entbloesten Brust und zittert gewaltig, ja, und das ist das Wahnsinnigste, die Klinge biegt sich durch den Druck ders Stiches halbrund, ohne jedoch die nackte Haut des Tänzers auch nur anzuritzen. Es ist unfassbar, aber da ich das Ganze aus einem Meter Entfernung selber mit ansehe, ist eine Täuschung nicht möglich. Die Klinge, dieser harte, spitze Stahl, biegt sich durch den Druck seiner eigenen Arme, ohne den Menschen auch nur zu ritzen. Oft dauert diese Prozedur eine halbe Minute, bevor der Tänzer plötzlich das Messer wieder von seiner Brust reisst, faellt und wie erlöst von Wahnsinn, voll Freude und Seligkeit, erwacht aus seiner Trance. Wieder ein glücklicher normaler Reisbauer. Alle Priester beteiligen sich an diesem Ritus, bis auch der letzte den Dolch gegen sich selbst geführt hat und dadurch befreit ist von seiner Trance.

So klingt ein solches Tempelfest aus. Oft wird es schon dämmrig, und wir schleichen uns kopfschüttelnd und noch ganz unter dem Eindruck des gerade Gesehenen zu unserem Haus, inmitten von Palmen, inmitten eines Kampongs, einem kleinen balinesischen Dorf.

Feste, wie das beschriebene, habe ich in den ersten zwei Monaten viele erleben können. Gerd und ich waren dabei immer die einzigen Fremden.
Die Beschreibung dieser Ereignisse müsste nun weitergehen, jedes Mal mit dem Anfang: „Stunden darauf…“ oder „am darauf folgenden Abend..“ oder „kurz danach“, denn uns blieb kaum Zeit zur Erholung, kaum Zeit, das Gesehene zu verdauen.

Dazu kamen Musikaufführungen (regelrechte Vergleichsgefechte der groessten Gamelan Orchester Balis), Theateraufführungen, Schattenspiele, Hahnenkämpfe, Maskentänze, Leichenverbrennungen, Prozessionen zum Meer und so weiter und so weiter.

Gerd und ich ploetzlich einfach kapituliert, haben uns Fahrräder geliehen und sind regelrecht geflohen aus Denpasar und aus dem kleinen Dörfchen von Bambang, in dem wir ein kleines Haus gemietet hatten. So ging sie dann weiter, die Begegnung mit der Insel Bali und ihrer Bevölkerung, doch jetzt mit Fahrrad, Minimalgepaeck und Zeichenmappe, etwas laendlicher, doch mindestens ebenso heftig und vielseitig.

(So, ich werd jetzt mal Pause machen, ich bekomm ja kaum einen vernünftigen Satz zusammen. Mach auch mal ne Kaffeepause, Junge, der Brief läuft ja nicht weg!)

Ein paar Stunden später. Gleich weiter : aufs Fahrrad geschwungen, Landschaft, am rauschenden Meer entlang, hinein gehupft, wenn’s uns Spass macht, keine Menschenseele, nur irgendwo an die Bucht gezaubert, zwischen Palmen und viel schwarzem Sand, Bambushütten mit grossen, leicht geschwungenen Dächern bis zur Erde, Fischerboote, herrlich einfach, doch grellfarbig bemalt, Auslegeboote mit geschnitzter Delphinschnauze, draussen weisse Segel und grosse, grausilbrige Fische, die aus lauter Übermut oder weil es eben ihre Art ist, in die Luft schnellen, zwei bis drei Meter hoch, zurückklatschen und den Blick wieder freigeben zur kleinen Insel am Horizont, Nusa Penida, wo nach der Legende die Geister der Verstorbenen sich treffen und was weiss ich für Sachen machen. Wir bekommen Kokosnüsse gebracht, die gleich geschlachtet werden, vom Baum in den Magen, so ist’s recht, und das Aquarell wird schon ganz gut. Gelbes Licht und orangefarbene Boote hintereinander und Palmen und blaugelber Himmel und grüngelbe Berge, richtig schön und wahr. Natürlich gibt es nennenswerte Gegenargumente, aber egal, ich will ja malen. Am Warong an der Strasse Reis und getrockneter Fisch vom Bananenblatt, mit Händen zusammengemanscht, es gibt ja kein Besteck, und wenn es stimmt, dass man Lukullisches auch mit den Augen isst, so stimmt’s hier besonders, denn Reis, mit den Händen vom Bananenblatt gegessen, schmeckt eben besser.

Leichtes Auf und Ab von Hügeln aus Terrassenbauten, Reisfelder, Bauern, mit breitem halbrunden oder spitzrunden Geflochtenem auf dem Kopf, pflügen, ganz im saftigen Dreck des Feldes, fast bis zu den Knien im Wasser. Palmenwald über uns oder Waldtempel links oder rechts, selten ein Auto und wenn, dann ein zum Bersten gefüllter klappriger Bus, der tuckert, und die Leute winken. Hängebrücken, schmal und baufällig, über tiefe, steil abfallende Täler, rauschender brauner Fluss und waschende, badende Frauen, richtig schön nackt mitunter, Hans, guck doch noch mal ! Der maechtige Vulkan Gunung Agung, Sitz der Götter in fast 4000 Meter Hoehe und das letzte Mal 1963 böse und Lava in den Osten Bali’s speiend, kommt immer näher. Die Strasse verschwindet unter schwarz-violetter Sandmasse. Wir überqueren erkaltete graue Lava, die ein ganzes Dorf ins Meer und wegschwemmte, verbrannte Palmenstämme wie riesige Zahnstocher daneben, doch schon längst wieder neues Grün ueber allem. Es ist heiss, und wir schieben die Fahrräder durch einen Fluss; die Brücke holte die Lava. Was für ein Berg, dieser Vulkan, hört bis obenhin nicht auf, schlanker und gewaltiger zu werden, ueber 3000 Meter, und das auch noch in Bali . Kleine Dörfer, geschmückte Mädchen, Blumen im Haar.

Schon wieder ein Tempelfest. Ein Riesenungeheuer, ein ‚Barong’ von zwei Menschenbeinen getragen, langes zottigschwarzes Fell und gieriger Blick, mit vergoldeten Lederschnitzarbeiten, über und über Zotteln und kleinen Flitterspiegeln behängt, dabei Gamelanmusik und Trommeln und Beckengerassel, links und rechts kleine lange weisse Schirme. Das Ungeheuer schüttelt sich, mal vorne, mal hinten, wippt, beisst, fürchtet sich, wirbelt und glotzt herum. Es verkörpert ausge¬rechnet das Gute, ist Gott und Dämon zugleich und nebenbei auch noch Hauptdarsteller in einem besonderen Tanzdrama, wo er einfach wahnsinnig wird und lebendig und Liebling aller Balinesen. Er tanzt vorbei, verschwindet hinterm Tempeltor, wo er wohnt und verehrt wird, und wir sitzen wieder auf dem Fahrrad.

Abends schlafen wir in Polizeistationen oder sonst wo, Adressen zum Wiederkommen, aber dann bitte für länger. Wohnen zwei Tage beim Bürgermeister von Tenganan, einem kleinen Dorf im Osten, mittendrin im Dschungel, bei den Bali-Agas, den sittenstrengen Ur-Balinesen, die wieder andere Riten haben, rein und ohne Einfluss von links und rechts im Laufe ihrer Geschichte, Waldgötter und Tempelfestvorbereitungen, Schweinefleisch und geröstete Hornissen, Delikatesse übrigens!

Wieder entlang Berghügelreisfelderterrassenbewässerungsgeplätscher, dann wieder das rauschende Meer, Ostküste, schwaerzer, rauer und karger und trockener und ärmer. Frauen endgültig und konsequent jetzt immer und noch : „oben-ohne“. Schönes Wort!

Du glaubst es kaum, während ich hier jetzt sitze, seit zwei Tagen, und Dir schreibe, hätte ich schon zehnmal wegrennen können, denn immer mal wieder tönt Musik oder Holzglockengetrommelgeschrei von irgendwo her, aber ich bleibe sitzen, wie jetzt, wo ich schon wieder Trommeln höre durch das Blättergewirr aus dem Kampong 10 Minuten hinter unserem Haustempel, links rum über den steilen Bach, wieder rechts, die Waldallee entlang. Also ich geh nicht zu meinem jungen Trommlerfreund mit dem feingeschnit¬tenen Gesicht, sondern schreibe weiter an meinem Versuch, wieder schreiben zu lernen. Dort üben sie wieder Musik auf Bambusxylophonen, einfache Wahnsinnstat, und dieser junge Trommler, der mich aufregt mit seinem abwesenden Gesicht, das zuschaut, wie ich skizziere und der dabei mit nur zwei Händen an den beiden Häuten seiner Trommel herumnestelt, und wenn man die Augen schliesst, hört man gleich zwei komplette Orchesterschlag¬zeuge in Ekstase, und dieser Bursche glotzt in die Gegend, und seine Hände, die spinnen total. Das ist für mich einfach unbegreiflich, wenn ich abends dort oben hocke, bis mir die Augen, die Ohren und der Rücken schmerzt, aber jetzt gehe ich nicht hin und schreibe das hier, damit Du auch gleich merkst, wie einfach das für mich ist, einen Brief von diesem Bali, über dieses Bali zu schreiben, zu Dir, von der ich durch einen mystischen Geist erfahren habe, dass Du im Augenblick schon in Erholung bist und dieser Brief Dir hoffentlich nachgeschickt wird. Ich werde noch wirklich überschnappen hier, aber ich bin ja ein sachlicher rationaler Mensch, der wirklich weiss, was er will, oder ?

(Was meinst Du übrigens, ob ich wohl, wenn ich wieder Zuhause in Krefeld bin, abends in Heckmann’s Kneipe sitzen, einem Kegelclub beitreten oder evtl. Billard spielen kann? Vielleicht sind Vergleiche mit Kegelclubs gar nicht so abwegig, eine Parallele mit der deutschen Freizeitbeschäftigung zu finden, denn letztlich ist diese Kunst hier für die Leute gar nichts anderes als Leben und normales Vergnügen. Leider hat die Kunst bei uns ja wenig mit dem taeglichen Leben selbst zu tun; was uns der Kegel ist, ist deren der Gamelan ... )

Aber, wieder aufs Fahrrad. Ich hatte Dir ja schon die Begebenheit mit der Priesterin und ihrem kleinen Waldtempelchen berichtet. Nicht? Du weißt schon, die, die uns andauernd gesegnet hat, bevor, während und nachdem wir gezeichnet und gemalt und alle ihre gesegneten Süssigkeiten genossen hatten. Dann brauch ich die nicht noch mal zu erwaehnen.

Nach langem Strampeln und Schieben und Reifen flicken und Pedale richten, kamen wir dann plötzlich in die Mitte Balis und standen hoch oben am Rand eines riesigen Kraters, in dem sich gleich ein ganzer neuerer Vulkan und auch noch ein Ammersee befindet, der glasblau ist und richtig wild aussieht, mit den dampfenden Lavafeldern daneben, etwas höher und unter der steil abfallenden Kraterwand, auf der sich die Ortschaft Kintamani befindet, wo wir gleich vier Tage blieben. Das Losmen, das ist ein indonesisches Hotel, kostet dort 40 Pfennig die Nacht, ist aber unbezahlbar, so wie’s da liegt und samt Bedienung und so einer Aussicht auf gleich drei Vulkane, davon zwei staendig tätig. So auch wir, die wir viel gemalt und gefroren haben, weil es erstens schön und zweitens abends saukalt war. Mit Decken umschlungen und Zähne klappernd in balinesischen Nebelwolken. So was gibt’s auch hier, inmitten der Tropen. Das Klima überhaupt ist eins der schönsten, nie zu heiss, nur ab und an ein Regenguss, aber dann gleich wie wahnsinnig, aus vollen Eimern, die die Geister da oben zur Verfügung haben. Also, Kintamani hat neben seiner erholsamen Kühle und seiner einzigartigen Aussicht auf violett-schwarze Lavafelder einen herrlichen Markt, alle drei Tage, was so ein richtiges Vergnügen ist, mit den alten und natürlich auch freibrüstigen jungen Marktweibern, um mit etwas zu handeln, das wie grüner Schlamm aussieht und als Erfrischungstrunk gilt. Alles wird versucht, die Devise. So was ähnliches wie Marktleben sollen auch diese schiefen Gestalten auf der Skizze über diesem komischen Schreibstil darstellen. Aber ich lerne ja noch.

Von Kutamani aus also wieder hinab ins Tal nach Denpasar, zur Post gerast, keine Luft mehr gekriegt. Immer noch kein Brief da; (der kam dann auch schon zwei Wochen später, na also.)

Zurück zu unserem Malerfreund Bambang, und siehe da, da ist auch der Werner, der Dritte im Bunde, angekommen aus Java, ist schon eine Woche da und hat gleich ein Ölbild fertig. Wir beziehen für einige Tage eine Prachtvilla direkt am Meer, hüpfen am eigenen Strand herum wie die Blöden und lassen alles baumeln und sind selig. Die Villa mit zwei Dienern gehört einem der bekanntesten indonesischen Architekten, der einige Bilder meiner beiden Freunde gekauft hatte und dazu bemerkte: Wenn Sie Lust haben, können Sie mein Haus auf Bali bewohnen. Das Haus war dann eben eine Villa, wie sie selten ist sogar in Europa.

Irgendwie wurden wir nach einigen Tagen für kurze Zeit wieder vernünftig und beschlossen, uns zurückzuziehen von der Hauptstadt und wählten Ubud, wo wir jetzt wohnen in diesem Superhaus. Wöchentlich zwei Mal fahren wir in einem dieser wahnwitzigen Omnibusse, die die 25 km nach Denpasar in ein bis drei Stunden durchrasen. Wie man das macht, ist uns immer noch nicht klar, denn die Zeit vergeht uns immer im Fluge, aber wenn wir dann in Denpasar ankommen, ist’s halt immer zwei Stunden später. Dann geht’s zur Post und zu Freunden, hier ein Schwätzchen, da ein Tee, und am Abend fahren wir wieder heim, weil wir so schnell Heimweh kriegen nach Ubud.

(Also jetzt habe ich gerade gegessen, bin für ein paar Stündchen herum¬gelaufen und bin wieder zurück mit vollem Reisbauch und hab auch schon wieder diese Seite fast voll gekritzelt, und was ist? Die trommeln und spielen immer noch dahinten, ein paar Palmenstämme, Farnkräuter und Waldgeister weiter. Wenn sie jetzt nicht bald aufhören, muss ich doch noch dahinter laufen, durch die zirpende Nacht.)

Vier oder fünf Wochen sind wir jetzt in Ubud, haben schon viele Freunde und Bekannte. Es kommen schon ab und zu ein paar neugierige Touristen um die Ecke, wollen diese drei deutschen Maler besuchen. Und das schon ein paar Mal. Zwei meiner richtig schönen Aquarelle hängen in der grossen Galerie eines sehr netten Malermenschen aus Holland, Han Snell, ganz in der Naehe, der schon zwölf Jahre hier in Bali lebt, und unter den Bildern steht: Hans Höfer, Bali, 50 und 60 Dollar, was sind zusammen 440 Märker, und wenn die verkauft sind, dann lach ich mir einen, das heisst, eigentlich schon wieder einen. Das wird, wie mir unser kleiner Hausgeist voraussagte, am nächsten Samstag sein, also in vier Tagen. Ich werd Dir dann sagen, ob er Recht behalten hat. Dass ich zwei Geschwister habe, hat er ja schliesslich auch gewusst und auch, dass ich noch nach Australien komme und auch wieder nach Deutschland. (Komisches Zeug schreibt der Junge da). In Vollpension sind wir übrigens auch inzwischen, pro Tag drei wahnsinnig leckere Mahlzeiten, plus Nachtisch, für je 30 Pfg. pro Mahlzeit. Mit Zigaretten macht das pro Tag etwa 1 DM, da könnte ich also von den 440 Mark wie lange hier leben ?

Sei aber doch etwas beruhigt, ganz bin ich der westlichen Kultur doch nicht verloren gegangen. Nach Australien werde ich schon noch irgendwann gehen und nach Deutschland auch, und ganz im Vertrauen, Südamerika werde ich mir ganz sicher auch noch ansehen, bevor ich dann endgültig … Also die hören heute wohl nie mehr auf mit ihrem Bambus Gamelan !

Liebe Mutter mein!
Sei mir bitte nicht bös, aber ich bekomm diesen Brief doch nicht zu einer vernünftigen Abrundung am Ende. Ich geb auch zu, dass es alles andere als eine schriftstellerische Leistung war, aber ich hab’s ja gleich am Anfang gesagt, auf Bali kann man nicht schreiben. Besorge Dir inzwischen die Bücher, die ich Dir schon empfohlen habe, und warte auf meinen nächsten Brief, dann erzähle ich Dir etwas genauer über mehr Tänze und Feste und Riten und Geister und alles, was mir einfällt. Ich hoffe, dass dieser Brief etwas zu Deiner Erholung beiträgt.

Sei tausendmal geküsst und umarmt von
Deinem Sohn der Winde

Hans