Saturday, May 7, 2011
Sommer 1971 - Malaysia events
Wednesday, April 20, 2011
The World I settle into -1971
ca. Juni 1971
Liebe Mutter, liebe Schwester und Heri
es hat sich einiges geändert, seit ich das letzte Mal geschrieben habe; ich erzähl also mal wieder was länger, damit Ihr Euch ein wenig ein Bild machen könnt, was so alles um mich herum passiert.
Es ist also Samstagabend und ich hänge wie üblich halbnackt in einem neu erstandenen, super - zurücklehnbarem -fussgestütztem - unverschämt gemütlichen Ledersessel, hab George Harrisons Lord, my Lord, Hare Krishna, um mich herum sickern in Stereo und drei wahnsinnige Katzen, die nach Mücken und meinen Zehen jagen.
Star hat sich ins Arbeitszimmer verschnurrt, weil sie sauer ist, da wir seit mindestens zehn Jahren nicht mehr abends für uns hatten, nicht mal mehr ausgehen, nur noch arbeiten, Abend für Abend, immer was anderes, bla bla und so ähnlich immer schlechtes Gewissen verbreitet, wie auch Mutters letzter Brief... Hu, hu.
Da wäre also beinahe der gerade aufgebaute Geschäftshimmel meinerseits eingestürzt! Das ist nun wieder ganz, ganz schwierig zu erklären, da alles so wahnsinnig asiatisch und ausländisch zugeht und natürlich der Mutter ganz gewaltigen Kummer bereitet und alles. Ganz kurz und knapp sieht das nämlich so aus: Inter-Continental Hotelriesen bestellen von Hansel 20.000 neue Bücher. Sie bezahlen einen lange ausgemachten Preis, hart erkämpft und errungen, sie bezahlen und Hansel ist glücklich. Er hat ‚nen Haufen Geld dabei gemacht und gründet ‚ne Firma und investiert wie ein Wahnsinniger, hat bald ein komplettes Farblabor, hat Rechtsanwalt, Auto und sechs Angestellte, ist wie wahnsinnig am arbeiten, um noch mehr zu machen, da passiert’;
Einer von den Inter-Continental - Hotelmanager - Riesen fällt auf die Nase und zwar gewaltig. Gleich drei Investigatoren vom FBI haben herausgefunden, dass er a Haufen Geld abgestaubt hat von allem, was er betrieben hat, selbst von den Kartoffeln, die im Hotel gegessen wurden, und genau dieser Hotelriese hat alle meine Bezahlungen getätigt - - Allmächtiger, oh schöne Geschäftswelt - - ich Anfänger bin automatisch verwickelt, da alles nachgeprüft wird vom Hoteltürjungen über Servierdamen bis zu, last not least, Guidebuchmachern.
Der Hotelriese wird natürlich von einem noch riesigeren Riesen ersetzt und der mag garnichts, was sein Vorgänger gemacht hat, mag keine Verträge nicht und keine Bezahlungen und ist dazu noch einer von den ganz herrlichen amerikanischen Geschäftsleuten, Onkel Otto kann Euch davon berichten, nehm ich an. Na, der Mensch möchte nun am liebsten alles rückgängig machen, was sein Vorgänger gemacht hat und begiebt sich nun in seinen riesigen Sessel und macht mich zittern, für ‚ne Weile, denn mein Rechtsanwalt wetzt seine Messer und der Kampf beginnt, Verträge werden gewälzt, Rechtsanwälte beissen sich in Nebensätze und Hauptwörter, Kommas werden verschoben, Photokopien ausgehändigt, Briefe geschrieben, Telegramme gejagt zwischen Singapore, Manila, Djakarta, New York und Bali.
Man verlangt von mir erstmal 200.000 DM Summen zurück, Verlustrechnungen, Kaptialanlageinterest, mir stehen für zwei Monate die Haare zu Berge. Wer ist schon Hans Hoefer gegen Inter-Continental oder Pan American Airlines ?! Alles wird immer verwickelter, keiner kann sich mehr erinnern, so recht, bis alle möglichen Formulare gefunden sind, bis auf einige, die der gefallene Riese hat verschwinden lassen, und dann, ja dann, nachdem aller möglicher Scheiss geschmissen, kommt der Boss vom Riesen, (man trinkt Sekt dabei) und sagt "never minnt", man entschuldigt sich höflich, es war ja nur ein Irrtum, und im Grunde genommen sind wir ja alle nette Menschen und das Bali Buch ist ja doch ganz gut ...
Was übrig bleibt, sind gelegte Wellen, auf denen ein Schifflein schwimmt, das heisst Gegenklage, und hieft die Segel in den Wind, um sich die Rechtsanwaltskosten zurückzuholen und die beim Sekttrinken entstandenen Verluste. In anderen Worten, meine Haare haben sich wieder gelegt, doch neue Sturmwolken ziehen am Himmel auf, Deadlines genannt, sogenannte Todeslinien oder Liefertermine, und es geht von neuem los.
Alles auf meinen zarten Schultern, die auszogen sind, sich was selbst zu erbauen, im neuen Lande. Bücher will ich machen und am Ende wohl als Geschäftsmann mit Aktenkoffern voll grauer Haare enden.
Schöne Geschichten, was ?
Never mind. Ich bin ja immer noch auf Reisen, und ich lerne jeden Tag dazu und das, was in unserem Erziehungs- und Lehrsystem eben fehlt: ich lerne zu leben.
Und ich lerne mich selbst kennen. So zum Beispiel eine ganz neue Seite: Wenn mir das Wasser zum Halse steht, habe ich eine gewaltige Neigung zur totalen Albernheit. Ich nehme Riesen auf den Arm oder brüll sie an, ich erfreue mich an heftigen Argumenten und an hinterhältigen. Ich haue auf grosse Schreibtische und lade dann jeden zum Abendessen ein. Ich kann mit Zahlen Tore schiessen. Es ist zum Totlachen. Ich wundere mich, von wem ich denn das geerbt habe.
Solche Geschichten wie oben beschrieben sind in der Tat nur so am Rande passiert, da sie sich ja nur auf ein, das erste, Buch beziehen. Denn ich mach ja gerade zwei weitere und dazu zur gleichen Zeit.
So lasst mich also von denen erzählen. Bali war ja sooo schön, ein Volk, eine Insel, eine Kultur, ein Platz, wo man Reisfelder hören, Tänze riechen und Musik sehen kann.
Jetzt aber ist Singapore dran. Da sind mal zuerst Chinesen, die eingeführt wurden wie Hühner, um Geld für die englischen Kolonialherren zu legen, Arbeitskräfte also aus den ärmsten Winkeln Chinas, Arbeiter, die hierher kamen, um Geld zu machen und dann zurück zu gehen. Nach Hause. Aber "Nach Hause" ging dann plötzlich nicht mehr, und die Kolonialherren mussten sich auch verziehen, und so blieb das Geldmachen übrig, der einzige Lebensinhalt, der traditionell weiterlebt in dieser Immigrantengemeinde hier. Und wie!!
Geschäftsmachen in chinesischer Art ist eine hochentwickelte Kunstform, die alles möglich macht. (Ein Freund von uns, der hier für eine „amerikanische Informationsstelle“ etwas herumschnüffelt und uns manchmal so ein wenig von seiner „Arbeit“ erzählt, berichtete mir vor einige Tagen, er habe nach eingehenden Studien herausgefunden, dass der gesamte Reishandel Asiens in einem winzigen Büro hier in der Altstadt abgehandelt wird. Ich glaub ihm das, er muss es wissen.
Singapore und Hongkong sind die wirklichen Riesen hier in Asien.
Dann sind da die Inder, auch sie importiert. Haben Tempel und Zeremonien und ihren eigenen Stolz. Sie verwandeln ganze Teile der Stadt in indische Bratküchen, Märkte und Bazare. Sie tragen die gleichen Gewänder, essen die gleichen Gerichte, sitzen und schwatzen, alles wie in Indien.
Dann die Originaleinwohner, die Malayen, ein wenig verdrängt, sind Fischer und Arbeiter, sind Chauffeure von Indern und Chinesen. Und am Freitag geht alles in die Moschee.
Dann die alten Überbleibsel von Kolonialherren, immer noch in ihren alten Palästen, ihren Clubs und Cliquen.
Dann Juden und Eurasier, Parsen, Pakistanis, Russen und Vietnamesen, alles was irgendwo in der Welt hinausgeschmissen wurde, oder weggerannt ist, scheint sich in Singapore niedergelassen zu haben, mit allem, was sie charakterisiert und was sie nicht unterwegs verloren haben.
Alles in einer Stadt zusammengepfercht und ungeheuer vermixt und verzettelt, miteinander, gegeneinander – und wir dazwischen. Morgens im chinesischen Tempel, indisches vegetarisches Mittagessen, mit Booten durch den Hafen (drittgrösster in der Welt) und abends Hausarbeit. Jeden Abend.
Wir liegen mit der Planung des Buches um etwa 2 Monate zurück. Die obengenannten Headlines… Um Zeit zu sparen, besteige ich dann (alles zu-hören!) am Abend um zehn in eine zweimotorige Privatmaschine, hört, hört, und fliege für eine Stunde mit einem Piloten und einigen Postsäcken und Zeitungsmatern durch Vollmondnächte oder Halbmondnächte oder Sternennächte, doch meist durch elektrische Monsunwolken nach Kuala Lumpur, das ist die Hauptstadt von unserem Nachbarland Malaysia. Freiflug. Das Flugzeug gehört der Straits Times Gruppe, eine Zeitungsgruppe, die in beiden Ländern etabliert ist, meine Partner, die beide Bücher finanziert.
Also da komme ich dann an in K.L. (wie man hier sagt), schlafe in einem altkolonialistischen Hotel und organisiere das Malaysia Buch dort. Hab ein kleines Büro und eine indische junge Dame, die unter meiner Anweisung dort das Buch vorbereitet.
Malaysien kenne ich etwas durch meine eigenen Reisen auf dem Weg nach Bali. Aber was ist das schon. Ein riesiges Land, aufgeteilt in Ost (Malaya) in in West Sabah und Sarawak (ehemals Borneo) und zusammen grösser als Deutschland. Darüber werde ich ein Guide-Buch machen. Endlose herrliche Küsten, nur einige Landstriche kultiviert in Gummi und Ölplantagen und der Rest nichts als unerforschter Dschungel.
Zwei Autoren mehr waren unbedingt notwendig, um dieses Land zu erfassen und in ein Buch zu bringen. Harold Stevens zum Beispiel, ein erfahrener Schreiber und weitgereister Mann, hat sich unserer Firma angeschlossen und wird mit Star zusammen den Text schreiben. Bis Januar nächsten Jahres müssen beide Bücher fertig sein. Um das zu bewerkstelligen, muss Teil für Teil des Landes bereist werden. Schon jetzt, während der Arbeit am Singapore Buch, fahre ich mit meinem alten Schinken im Süden des Landes herum und versuche einiges Material zu sammeln.
Die tollsten Sachen habe ich für August und September aufgespart. Und ich hoffe bloss, dass Harald hier sein kann, während dieser Zeit. Wir planen mit riesigen Gummibooten die grössten Flüsse zu befahren, und der Harald muss mit. Sowas kann er doch kaum irgendwoanders mitmachen. Ich hoffe nur, dass er sich auch recht dafür interessiert. Falls nicht, soll er sich hier in Singapore amüsieren. Und da ist genügend.
Kurt Rolfes, ich weiss nicht, ob ich Euch schon von ihm erzählt habe, ist ein anderer Mann im Bund. Er arbeitet wie ein Besessener an unserem Farblabor und die ersten Aufträge laufen ein.
Steve und Kurt waren für ein paar Tage im Dschungel und kamen mit wahnsinnigen Geschichten und Fotos zurück. Seit vielen Jahren schon schwebt das Gerücht durch Bücher, Reiseberichte und Erzählungen, dass im völlig unerforschten Dschungel Malaysiens ein tier-menschenähnliches Wesen leben soll! Steve hatte diese Gerüchte und Berichte über die Dschungelriesen (sie sollen etwa drei Meter hoch sein, völlig behaart, doch aufrecht gehend) gesammelt, hatten Eingeborene interviewt, Bücher gelesen und das Resultat dieser Nachforschungen an ein grosses Nachrichten- und Abenteuermagazin in Amerika geschickt. Prompt war der Auftrag da, nach diesem Untier zu forschen.
Wir haben uns natürlich selbst amüsiert, vor der Reise, und uns diesen Unsinn ausgemalt. Doch da kommen die beiden zurück und erzählen uns diese wahnsinnigen Geschichten. Alle Eingeborenen schwören auf die Existenz dieses Wesens. Kurt und Steve waren etwa 100 km in unerforschtes Gebiet vorgedrungen und behaupten steif und fest sie hätten die Fussspuren dieses Vieches fotografiert. Die Zeitungen sind voll von Artikeln und Interviews über die beiden. Gegendarstellungen und Leserbriefe, es ist nicht zu fassen.
Ja, und damit sind wir wieder bei was neuem angelangt, nämlich der Asia Photo Agentur, kurz Apa Production genannt.
Wir haben uns gedacht, wenn wir schon wie die Wilden in Asien fotografieren und Bücher machen, warum nicht erweitern und die Fotos und Berichte getrennt in der Welt vertreiben. Und es klappt: gerade haben wir angefangen und schon sind einige Fotogeschichten in amerikanischen Magazinen. Sicher kommen mehr nach, das steht fest. Natürlich bringt das wieder mehr Arbeit als wir selber bewältigen können, daher muss ‚ne Sekretärin her und mehr Leute für’s Farblabor. Na bitte.
Da passiert’s. Ne Werbeagentur geht in Singapore pleite. Ich höre so ganz nebenbei und schau mal beim Liquidator (Versteigerer, glaub’ ich) nach, was da so alles rumsteht und was ich so für mein zartes Gebilde (sprich apa-production) benötigen kann. Nicht zu glauben: da sind Büromöbel, Schreibmaschinen, Schreibtische, Arbeitsstühle, Aktenschränke, dann Stempel und Kissen, Rechenmaschinen, Motorroller, Photolampen, Kameras und Linsen, Ledersessel, kurz, ne komplette Ausrüstung und zum allerschönsten Ende, der weisse, gepolsterte Jaguar des bankrotten Chefs. Kurt und ich kalkulieren alles fein säuberlich zusammen und kommen leicht auf einen Wert von über 30.000 Märkern. Da wir soviel Geld nicht übrig hatten, habe ich dann halt 5000 Mark geboten. Nur so zum Spass ... Und was passiert? Drei Monate lang nichts. Das Zeug droht im Banklagerhaus zu verrotten. Und dann flattert ein Brief ins Büro meines Rechtsanwalts. Zwei Tage später fahren zwei Lastwagen vor dem Haus auf und alles ist mein. Unglaubliches Glück, so ein Schwein kann nur ich haben.
In anderen Worten, ich habe inzwischen komplettes Mobiliar für ne janz schöne Agentur, für ein Photostudio mittlerer Grössenordnung, habe ein Postfach, zwei Sekretärinnen und ne junge Firma mit (mich eingeschlossen) acht Angestellten. Na bitte.
Ist das nicht zum piepsen?!
Das alles macht natürlich nen wahnsinnigen Spass, aber glaubt mir, ik han noch nie so jewerkt in meinem janzen zarten Leben. Bis in die Nacht hinein, fast jeden Tag.
(Inzwischen ist es Montagnacht, halb eins)
Ja, dann musste ich für ein paar Tage nach Sumatra, für Caltex. Die wollen so watt ähnliches wie Next Stop Indonesien für Ihre Ölförderung in den Wäldern Sumatras. Im Telegrammstil ging das so ähnlich: Flugzeug nach Rumbai (Ölstadt), von dort direkt mit Wagen ins Headquarter. Landrover bis zu einem Fluss. Keine Strassen, nur Dschungelpfade, Sand mit Öl getränkt. Pipeline, Waldarbeit, Fluss und Fähre, anderer Wagen. Ölturm Nummer eins. Bis zum Sonnenuntergang. Neuer Wagen ins Dschungellager. Aircondition Trailer, Hamburger, Catch up, Leute aus den amerikanischen Südstaaten. Ölmenschen, Bier und Schauergeschichten inmitten von Dschungellärm.
Nachtunruhe, von Bier erschwert. Morgens raus mit Sonnenaufgang. Fotos im Dschungel. Neuer Jeep, neuer Ölturm. Mittag. Sauhitze. Ein Helikopter (Hubschrauber) landet und nimmt mich mit. Über Dschungelteppich Landung in einem neuen Camp. Dschungel Roden . Hubschrauber zurück. Wieder Abend. Wieder Bier und Nachtaufnahmen. Morgens zurück zur Hauptstadt. Strassen haben Nummern statt Namen. Vier Millionen-US-Dollar pro Tag-Business. Das ist Caltex in Sumatra. Ich muss zurück sein in Singapore Donnerstagnachmittag. Kein Flugzeug zurück!!
Und da sagt der Chef vom Janzen, ja dann nehmen se doch mein Schiff, mein Boot zurück with my Compliments. „Nett von Ihnen, Wiedersehen“ und da hat der liebe Sohn ein komplettes Managerschnellbootsuperjachtcaltexschiff für sich janz alleine für 22 Stunden Reise nach Singapore, mit eigenem Salong, Sonnendeck und kühlen Getränken und 8 Mann Crew und mit de Compliments von Caltex Ölkompanie, nette Menschen, what a Treatment … Montagmorgen bin ich weg, Freitagmittag komm ich wieder an, gerade rechtzeitig, um mit nem Taxi zu einem chinesischen Tempel zu rasen, um dort seltene Trancetänze zu fotografieren, wo sich andächtige Chinesen mit Speeren durch die Haut gespickt, die dunklen Götter vertreiben...
Pause.
Inzwischen sind wieder einige recht verrückte Tage vergangen und ich komm zu nichts. Ich war wieder oben in Kuala Lumpur mit Kleinflugzeug und hab mal selber gesteuert. (Janz toll, so nebenbei das Fliegen zu lernen). Hab Leute besucht, hab „Gespräche geführt“ und alles mögliche.
Harald schickte mir einen ausführlichen Brief und hat mir wieder mal die Federn gelesen. Was für ein Unmensch ich doch geworden sei.
Ich möchte Euch alle ganz herzlich um Verzeihung bitten für meine Schreibpause. Wenn’s auch so aussieht, dass ich „total die Familie vergessen habe“, wie es so aus Haralds Zeilen klingt, glaubt mir bitte, dass das nicht stimmt. Ich war, wie Ihr sicherlich ein wenig durch mein obiges Geschreibsel sehen könnt, halt total verstrickt in meine Auf- und Ausbautätigkeiten, und abends total erschossen.
Der Sohn
apa production singapore 15. 7. 71
Lieber Bruder,
es ist zum kotzen, seit über einer Woche versuche ich, Deine Reise nach hier zu organisieren, und was ich bis jetzt herausbekommen habe, ist sowas wie ne Charterfluchgesellschaft in Frankfurt am Main. Adresse:
Far East Travel Center GmbH
600 Frankfurt am Main
Hauptbahnhof 8
West Germany
Das ist die Deutschlandadresse einer hier etablierten Chartergesellschaft, die ganz günstig sein soll. Leider kann ich von hier aus nicht buchen wie’s scheint, so werde ich also Dir die Sache dort überlassen müssen. Ich schick Dir 1000 Singapore Dollar zu, hoffe, dass das für’s erste reicht. Den Rest gebe ich Dir hier zurück, bin was knapp bei Kasse im Moment. Ruf die in Frankfurt mal an und erkundige Dich über die Rückflugpreise. Hoffe dass es klappt. Wenn es nicht klappt, schick mir ein kurzes Telegramm an meine alte Adresse. Die Obige ist nur für’s Geschäft. Neuer Briefbogen, alte Sorgen.
Love Hans
Noch was:
bei Deiner Anfrage in Frankfurt erwähne bitte, dass Du bei einem “früheren Besuch in Singapore” eine Miss Wee Kim Swee kennengelernt hättest, von dem Far East Travel Club in Singapore.
Sie gab Dir die Frankfurter Adresse, damit Du den maximalen Discount Preis bekommst!!!
Friday, January 7, 2011
Tropischer Abend - 1971
Heute (Februar 1971)
Liebe Mutter,
mein Schreibtisch vor mir biegt sich förmlich von Zeichenpapier, Fotobehälter, Briefschaften, Farbpapieren, Zeichengeräten, Film, Farbtöpfen, Schneidemessern, Bücherentwürfen, Umschlägen, Photolinsen, Pinseln, Kästchen, Zeichenbrett, Kalender und was weiss ich nicht alles, und das Glas Bier, das ich dazwischenzwänge, hat kaum Platz. Meine Ellbogen kleben (man schwitzt ja dauernd, obwohl in Badehose und unter Ventilator) an drei Schichten von Entwurfpapieren.
Nichtsdestotrotz, ich muss endlich mein elendes Gewissen erleichtern und wenigstens Dir wieder eine Antwort zukommen lassen. Was sich so um mich türmt, ist der Anfang meines “Apa-Verlages” und auch der ständige Grund meines Schweigens in Briefen, kurz, die Arbeit steckt mir bis zum Haaransatz.
Da Star’s Schreibtisch ebenso voll ist mit Arbeit und zu allem Übel meine chinesische Hausmutter für eine Woche Ferien macht, sieht es in der Küche aus, also aus sieht’s da... (da Star äusserst liberated und autonom ist, wie es sich für ´ne echte amerikanische Tunte gehört, wird die Hausarbeit, hört, hört, geteilt -- und Du kannst Dir ja vorstellen, wie sehr ich schpülen, das schschschpülen liebe!!!) Dabei ist die Ama Margarete, unsere eben verreiste Hausdame, erst zwei Tage nicht da. So drunter und drüber ging’s noch nie.
Harald hat hoffentlich meinen Brief erhalten, und so hast Du sicherlich das neue Büchle Next Stop Indonesia gesehen - ganz hübsch, was?? Dein letzter Brief kam vor einigen Tagen hier an und war wieder so traurig. Ach je, er ist vom 13. Januar, und ich hab Dir bestimmt seit Wochen nicht mehr geschrieben. Eine Schande meinerseits, verzeih. Um Dir ein wenig über die Depressionen zu helfen, will ich Dir hiermit einige Fotos zuschicken, ein paar von Bali, die Du sicher noch nicht gesehen hast, mit Dir drauf und welche, die Du mir geschickt hast.
Da meine Photosammlung in die Tausende geht, schick ich sie lieber zu Dir, da sind sie viel besser aufgehoben. Zu schön, sie alle nochmal anzusehen und an Deinen Besuch zurück zu denken. Die etwas grösseren sind ganz schnell ums Haus hier rum photografiert und zeigen ein wenig von meinem neuen Heim. Und eins ist für den Harald sicher interessant, mein Auto nämlich, das mir vor ´ner halben Stunde mit defekter Benzinpumpe in der Stadt stehen blieb.
So lass mich mal schnell Deinen lieben Brief nochmal durchlesen: Harald macht Dir aweng Sorge! Allmächtiger, der Harald! Also mein Rat mal wieder (der dümmste natürlich): lass ihn ruhig durch’s Examen fallen. Was meinst Du, wieviele Studenten in einem Jahr so durchs Examen fallen, 100 tausende von Examen werden auf diesem riesigen Planeten Jahr für Jahr durchfallen und sicherlich irgendwo im Weltall, wo’s noch ein paar solcher lustigen Planteten gibt, fallen Millionen von Studenten durch’s Examen, da kommt es doch nicht auf ein lausiges Exämchen an, nicht wahr?
Selbst hier in Singapore fallen lauter Chinesen durch, und in Indonesien erst, Du machst Dir ja überhaupt keine Vorstellungen nicht, wieviele dort erst durchfallen in Indonesien, durch’s Examen hindurch, jawohl. Und es ist ja auch, wie Du selbst sehr richtig bemerkst, nunmal Haralds Examen. Also ehrlich, Mutter, wenn es Dein Examen wäre, ich würde bestimmt ganz anders reagieren. Also ich würde Dich so richtig zusammenreden und Dir die Ohren waschen und alles mögliche, daher sei lieber froh und heiter, dass es ja nicht Dein Examen ist und ich Dir daher lieber einen netten Brief schreibe.
Schreib mir bitte, wann Du es für richtig hältst, meine Deutschlandreise zu planen. Ich hatte sowas wie Karneval im Sinn, aber das wird jetzt schon wieder kanpp, wie ich es so mit meinen Examen vergleiche. Wie wär es, wenn Du Dir erstmal Deine Kur (also so ne richtige Erholskur mit Kurschatten und –Sonnenschein) einverleibst und alle anderen in Examen verwickelten erst sich mal entwickeln und ich mit meinen Büchern weiter arbeite.
Alle sollten frei sein vom Druck dieser Erde und sich freuen können und singen wie die Vöglein im Walde dortens. Oh, Mutter, sei ne liebe Mutter und aweng frohohohogemut!!!
(ScheissKrefeld!!)
Viele meiner Freunde haben also angerufen und sich um mich befragt, wie schön. Ich bin solch ein unsozialer Mensch, bin in überhaupt keiner Society drin und bin so gespannt, wie ich mich da so zurechtfinden würde in Deutschland.
Der Frank Baier hat mir einen riesigen Brief geschrieben und mir so durch die Runde erzählt, was sich so abspielt. Ach Jottchen! – Er ist einfach ein grossartiger Kerl, dass er so an mich denkt. Vielleicht reicht mein Wortschatz noch aus, ihm hinterher eins zu schreiben. Glaub kaum.
Tante Gertrud hat mir geschrieben und ich habe natürlich sofort nicht geantwortet. Waht a mess! Wann schreibst Du mir mal in englisch, because I’m talking always english in this lovely island city, that I kaum noch german denken can and I always so confused get and überhaupt net mehr weiss, wo I dra ben. Englisch wäre wirklich so viel schöner aus Deinem Munde zu hören, besonders hier in Singapore.
Es gibt zwar ein paar Deutsche hier, sogar sowas wie einen deutschen Club, dort singt man sonntags - im schönsten Wiesengrunde und warum ist es am Rhein nicht schöner, und es riecht mir zu sehr nach den Gründen, die mein völliges ausbleiben von Heimweh erklären.
Ach Gottchen ja, ich bin sooo sicher, dass im Falle einer deutschen Niederkunft meinerseits, ein riesiger Sirup des Alltäglichen mich immediately umlullt, dass ich in zwei Wochen sicher nur noch "Kaufhof“ denken kann. Jedoch, jedoch, ein Tourist zu sein, ein reisender Unhold mit Kamera vor dem Bauch, das Dach des Benrather Schlosses belieblinselnd und den Sonnenaufgang im winterlichen Marburg, das tät mir schon gefallen.
Ein Guidebuch für die Herbst Pitter Brauerei zu publizieren und evtl. eins für Heckmanns Sonntagsrunde. Ach wie schön wäre das !!! Ach wie schön.
Übrigens habe ich wirklich vor, mir mit allen meinen Millionen eines Tages ein Landgut in Europa, gegebenenfalls zwischen Madrid und Ulm, mit Pferden drauf und vielen Freunden als Besucher zu kaufen, und den Rest meines unfüglichen Lebens dortens zu vertrödeln mit Kamera vor dem Bauch und als reisender Unhold (siehe oben) nur noch den Sinn des Lebens zu photografieren. Ach ja wie schööööööööööööööööööööööööööön.
Leider muss ich Dich etwas enttäuschen, was Deinen letzten Wunsch: "dass Star Dich glücklich macht“ betrifft. Ich mache mich so viel wie möglich selbst glücklich, zusammen mit Star natürlich !!! Sie ist wirklich so ein liebes liberated Kerlchen, das Küchenarbeit genauso hasst wie ich leiderjottes (verdammt).
Ich bin jetzt etwas ins Träumen geraten unversehens, von Landgut, Endegut, allesgut und so ähnlich, das zweite Bier ist alle und ich klebe noch immer an der Sessellehne am Ellbogen. Es ist jetzt genau 29 Grad unter dem Ventilator und 10 Uhr abends und die Grillen pfeifen draussen wie aufgedrehte Kurzwellensender und ich denk an den Hans Pfeiffer in Heumaden und ich muss Dir noch schnell erzählen, dass meine zwei Katzen der Krätze zum Opfer gefallen sind und von uns beiden tüchtig beweint beim Tierarzt schlafen gingen.
...Sei für heute wieder herzlich geküsst und so weiter, sei nicht so romantisch in Examen vertieft, lieber ins Englishlernen, lach ein wenig bis viel und habe den Kopf und die Heizung hoch und grüss Frl. Macke über Dir und ruf Frank Baier an und lass Dir einen von ihm aufspielen auf seiner Laute, freu Dich auf den Frühling und auf’s vonEnkelngeküsstwerden. Ich werde nämlich zwei bis drei Kinder aus Asien adoptieren, einen Chinesen, einen Inder und einen Balinesen zwar, und damit die Familie Höfer verunzieren, irgendwann.
Umarmung Hans
Singapore Settlement
Singapore im Januar 1971
Meine Lieben,
natürlich bin ich ganz wahnsinnig beschäftigt.
Das Haus, das ich gemietet habe, hat kaum Möbel, und da muss ich ne Menge neu entwerfen, zum Schreiner rennen, zum Anstreicher und zu hundert anderen Leuten. Ich hab nen Gärtner für den Garten, der etwa 100 m lang und 30 m breit ist. Das Haus hat ein riesiges Wohnzimmer und drei Schlafzimmer, eins für das grosse Gemeinschaftsbett, mit Badezimmer dran, eins wird gerade mein Studio und ein anderes Star’s Studierzimmer, wenn sie mal studiert. Da ist auch nochmal ein Badezimmer dazwischen. Eine Wildwest-Schwingtür führt zum Wohnzimmer hinaus in einen Raum, der von meiner Ama, das ist meine ständige Hausfrau, als Bügel- und Nähzimmer verwandt wird; dahinter ´ne grosse Küche, etwas grösser als Mütters. Dahinter dann ist das sogenannte Servants-Quarter, ´ne kleine Wohnung für die Dienerschaft, die ich aber inzwischen in eine Dunkelkammer und Farblabor verwandle, mit allen Schikanen. Dann ist da noch´ne Garage, die ich auch zum Arbeiten umwandle. Alles zu ebener Erde und janz schön mit Ventilatoren und so weiter.
Seit etwa 3 Wochen also bin ich hier und arbeite wie verrückt. Ich war mal wieder in Indonesien für zwei Tage und hab Geschäftchen gemacht und janz schön verdient. Am Freitag werde ich nach Malaysien fahren, nach Kuala Lumpur, um dort mal etwas herumzustöbern. Zu diesem Zweck hab ich, ach ja, mir einen wunderschönen alten Jaguar gekauft, so richtig englisch mit Holzverkleidung innen und 2,4 Liter Motor vorne, aber knall gelb. MK2, wenn’s den Harald interessiert, ich fühl mich vielleicht komisch, wenn ich so das Gartentor aufmache und in meinen Hof einfahre ...
Mein Telefon steht dort in der Ecke und ist für weitere Telefonanrufe nach Deutschland reserviert, was ich scheinbar weniger aufregend finde als Ihr. Da schwebt halt so ein Satellit dazwischen und bringt uns näher, wie schön. Ich sitze da um 12 Uhr nachts unter dem Ventilator in der Badehose, und Ihr habt gerade ´nen Nachmittagskaffee getrunken und sitzt, schön beheizt, um 6 da so in vielen Kleidern, wie schön.
Das Singapore Buch ist im Anfangsstadium und wird sicher ganz gut.
Alles da, im Eisschrank, und jetzt ist es 7 Uhr morgens und die Margarete, eine runzlige Chinesin, macht gerade das Frühstück, na bitte. Meine Balisachen stehen und hängen überall herum, noch ungeordnet. – Ganz gute Idee, wenn der Harald kommen tät, Singapore ist eine herrliche Stadt, besonders wenn ein Bruder dort herumwohnt.
Oh je, schon muss ich wieder weg, in die Welt hinaus der jungen, strebsamen Millionäre.
Seid mir net bös, ich lass bald wieder was von mir hören, gell, länger und mit Photos.
Kuss an Mutter, Schwester
und eingeheiratete
Hans
Sunday, September 12, 2010
Worte zum Dezember
Singapore 10. 12. 70
Liebe Mutter,
Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich jedesmal freue, so über die halbe Erde rum mit Euch zu quasseln.
Doch am Sonntag war ich doch ein wenig bedenklich und etwas traurig, dass es Dich doch recht aufzuregen scheint. Da klang doch ne kleine Träne durch den Satelit und dazu hat man den ja doch nicht raufgeschossen !?
Ich hoffe sehr, dass mein monatlicher Anruf in Zukunft etwas zur Gewohnheit wird und Dich nicht zu sehr bewegt, denn im Grunde ist ja nur das Kabel etwas verlängert, ansonsten das gleich wie aus Marburg oder Aachen oder sonstwoher. Ich finde die Verbindung auf meiner Seite ganz ausgezeichnet und glaube, dass Du mehr wegen Deiner Aufregung etwas schlechter verstehst. Also mal mit der Ruhe. Mach Dir vorher ein paar Gedanken und ein paar Notizen, was Du mir so zu erzählen hast und ich mach das genauso. Kein Grund zur Aufregung, gell?
Da wir meistens nicht mehr als 3 bis 5 Minuten haben, müssen wir unser Gespräch etwas vorher einteilen. Mach Dir bitte keine Sorgen über die Zeitdauer oder die Kosten. Ich habe den Operator beauftragt, nach drei Minuten kurz zu informieren, dann nach vier und dann nach fünf. Fünf Minuten kosten etwa 80 Mark, 3 Minuten 60 Mark. Da ich, wie schon geschrieben, im Monat 4.800 Mark verdiene gibt es keinen Grund zur Aufregung. Na also!
Drei Minuten hier und drei Minuten dort genügt natürlich nicht, Dich voll zu überzeugen, wie gut es mir augenblicklich geht!!! Lass mich also diesen etwas freieren Abend benutzen, nochmals ein wenig Klarheit über mein Treiben hier zu schaffen.
Also, von Bali hab’ ich inzwischen einiges ernten können. Das Guidebuch ist also schon ne Wucht. Fast jeder Tourist dort schleppt es herum und ist so recht zufrieden mit seinen ausgegebenen 5 Dollar. Und alle anderen sind’s auch. So das Hotel zum Beispiel. Jeder hat ja den Sigi Beil für total verrückt erklärt am Anfang, so ‚nen Hippie aus Ubud aufzugabeln. Und jetzt hat er ‚nen Bestseller auf die Beine gebracht und erntet ebenfalls.
Die indonesische Regierung hat ihn in ein Komitee für Indonesiens Tourismus berufen, als Berater. Und so kam’s, dass er da immer beraten tut. Da er selbst nur der Organisator ist, braucht er natürlich auch ein wenig ‚nen Berater, und da hat er mich dann, so lang es ihm behagt. Als die indonesische Regierung dann die PATA-Conference nach Indonesien einberufen wollte, hab’ ich ihm dann meinen letzten Job aufgeschwatzt, (um das nochmals zu erklären, die PATA-Conference ist das grösste Komitee für Asien- und Süd-Pacific-Tourismus, und falls Indonesien die Wahl dieser Konferenz gewinnt, so bedeutet das etwa alles in allem 250.000.000 US Dollar für Indonesiens touristische Zukunft, mit Hotels, Flughäfen und all dem Jedöns drumherum).
Na, und Dein Sohn hat also durch Sigi Beil und durch den General Prajogo, der wo der Chef der indonesischen Branche ist, den Auftrag gekriegt, diese Einladung zu formulieren. Das ist so ne Kampagne, nicht wahr, ein Buch(le) mit 64 Seiten, Einladungskarten, Plakat-Kalender, Riesenfotos, Aufkleber und so weiter. Alles von mir und Star zusammenklamüsert. Alles in allem hantiere ich hier mit etwa 150.000 Märkern herum, und da sind halt für mich 15.000 liegen jeblieben. So, das ist eins.
Das Hotel verkauft etwa 50 Bücher am Tag, und da habense bei mir gleich wieder 20.000 neue Bücher bestellt. Da muss ich das auch noch beaufsichtigen und herum hantieren, und auch da blieb für mich einiges liegen. So, das sind zwei Tück.
Und da habe ich dann auch vorgeschlagen, dass man mir doch dann lieber gleich das Ganze überlässt und ich die Verlegerrechte am Guide-Buch sofort bekommen sollte, und da haben die Managerhunde mir das dann gegeben. (Du solltest mal Mäuschen spielen bei den Verhandlungen!), und da bleibt auch so einiges liegen. So, das sind also drei Tück.
Und da ist, wie oben erwähnt, das Liebesverhältnis vom Monopolverleger Straits Times, der das alles beliebäugelt und mir daher oben erwähntes Gehalt hinzulegt. Dafür mach ich ihm dann jetzt ein Buch für Singapore und dann noch eins für Malaysia, was mir fast halb gehört, hört, hört, siehe voreingelegte Verträge. Das sind ja dann, wart’ mal, vier und fünf Tück, wie ulkig.
Jetzt hab ich mich hingesetzt und hab da aweng nachgedacht. Wie zum Teufel soll ich das denn alles händeln, wo ich doch nur zwei Hände hab und dazu von ungewöhnlicher Faulheit geschlagen worden bin. Und da habe ich den Kurt getroffen, der ein Ami ist und auch einen Bart hat. Der war als Photoreporter zwei Jahre lang in Vietnam für VPI von Kugeln beschossen, bis er nach zweimaligem Hinfallen die Schnauze voll hatte, nach Singapore kam, dort ein chinesisches Weib vorfand und für Werbeagenturen fotografiert; ähnliche Verdienste für die Zukunft erwartet.
So geb ich jetzt all mein Geld wieder aus, unvorsichtig wie ich bin, denn hitchhiken kann ich ja immer noch, wenn’s nicht hinhaut. Und zwar steck ich ne Menge in ein Photolabor, weil’s hier in Singapore doch noch keins hat, nicht wahr. Ganz einfach, ich finanziere es vor, Kurt ist dafür zuständig, investiert nach und nach nochmal genau so viel, und er hat 49 und ich 51 Prozent von den zukünftigen Millionen.
Ich brauch sowieso gute Farbentwicklung für meine Bücher, falls alles so hinhaut, wie es aussieht. Da kam nämlich der Sigi Beil und erzählt mir augenzwinkernd, dass er am 1. Januar das Hotel in Bali verlässt, da er nach, halt dich fest, Hans, nach Manila in die Philippinen versetzt wird, um dort das grösste Hotel in Südostasien zu übernehmen, das Manila Inter-Continental.... und da braucht er ja eventuell gleich ein Guidebuch ...
Meine Compagnie heisst schlicht und einfach Apa, was so leicht auszusprechen ist wie Papa, Mama oder Coca Cola. Apa ist malaiisch, was von Thailand, bis Indonesien und von allen hier in der Gegend gesprochen und verstanden wird und heisst auf deutsch „was“ (ja, was, mit Fragezeichen dahinter). Nebenher heisst es auch noch Asia Photo Archiv oder Asia Pacific Agencies. Apa-Color ist das Photolabor Apa-Open Guides ist Guidebücher, Apa-design ist Gestaltungsbüro und noch vieles mehr, wenn meine Faulheit mich nicht völlig übermannt.
Also, wenn Du darüber Fragen haben solltest, so frag nur. Irgend eine Ausrede fällt mir ja immer ein, wie Du schon seit etwa 27 Jahren festgestellt haben solltest. Natürlich ist alles höchst lebensgefährlich, das Wetter, der Verkehr, Epidemien, Kriege, Inflation und vor allem diese ganzen anderen Ungewissheiten, gell und nicht zu vergessen die Entfernung von dem gesicherten Deutschland.
Übrigens kostet ein Hin- und Rückflug Sing - Germ etwa 1.500 Mark seit neuestem und mit ausreichender Verbindung. Wenn Du also mal Singapore anschauen tun willst, schreib nur kurzerhand und ich sag zu. (So lange mein Glücksritt noch anhält!)
Scheisse ist’s mit dem Weihnachtsfest!! Das kam so: Seit August läuft alles auf sogenannte Deadlines für das Indonesien-Projekt. Zeitplanung war schön und gut, bis die Indonesier mich haben für eine Woche hängen lassen. So, anstatt wie ich geplant hatte, kurz vor Weihnachten auf’s Flugzeug zu steigen, kommt jetzt das ganze Projekt erst am 21. auf die Druckpresse. Und da muss ich daneben stehen...
Der Ventilator dreht sich über mir, wir erleben die heissesten Tage hier in Singapore, und ich schwitze aus anderen Gründen. Ich versuchte alles, es doch noch möglich zu machen, aber wie sich heute herausstellte, ist es nicht zu schaffen. Druckmaschinen wie diese hier sind bis auf drei Monate vorausgebucht, und mein Weihnachtsfest ist mit verbucht.
Dass das der Hauptgrund Deiner Bedrückung am Telefon ist, kann ich wohl verstehen, und es ist auch der Grund, warum ich Dir mal wieder so 'ne langweilige Schilderung meiner allgemeinen Situation geben musste. Was soll ich machen? Ich kann Dir nur das herzliche Versprechen geben, dass im gleichen Moment, an dem ich hier weg komme, auf’s nächste Flugzeug hupfe. Ich komme nicht als Überraschung, ich ruf vorher an oder schreib’s Dir noch.
Die Flüge gehen von hier aus nach London, landen aber vorher in Ostende. Das wäre ganz toll, da könnte der Harald mich vielleicht abholen oder ich hupf auf'’ Zug. (Ich hoffe, er hat ‚ne Heizung, denn hier ist es augenblicklich tagsüber über 35° im Schatten).
Ne komplette Hasselbladausrüstung hab’ ich in der Ecke stehen, die ich gerne in Deutschland verkauft hätte. (Der Harald soll doch bitte so nett sein und mir die folgenden deutschen Preise angeben aus irgend einem Photogeschäft. 1 Hasselblad 500 C mit 80 mm Zeiss Planar und Magazine A 12, 1 Hasselblad 500 EL mit Magazine 70 und 150 mm Zeiss Sonar, 1 Zeiss Sonar 250 mm Linse, 1 Zeiss Distagon 40 mm, 1 Zeiss Distagon 50 mm, 2 Magazines A 12, 1 Prismen Sucher HC-1). Vielleicht könnte ich meine ganze Reise durch einen günstigen Verkauf finanzieren.
Du zeigst natürlich Interesse an meinem Liebesleben. Dat merk ich natürlich. Es geht prima. Ich lebe hier mit Star herum, arbeite engstens und ununterbrochen mit ihr zusammen, und wir verstehen uns täglich besser. Leider kann ich nicht mit irgendwelchen festen Absichten aufwarten, da wir beide überhaupt keine Absichten haben.
Ich hab’ ja schon einige Male durchblicken lassen, dass ich die heilige Institution der Ehe recht skeptisch betrachte und ich nur evtl. Kinder haben möchte und dazu die entsprechenden Umstände drum herum aufzubauen habe, wie finanziellen und mütterlichen Zuschuss. Ich hab mir schon durch den Kopf gehen lassen, ein Kinderaufziehkonto zu eröffnen, in das ich laufend einzahle.
Beim Eintritt einer Schwangerschaft einer ausreichenden Frauensperson muss diese den gleichen Betrag aufbringen, Ratenzahlung eingeschlossen, um als Endresultat einen 50 zu 50 Anteil zu erhalten. Dies könnte ein Vertrag auf 21 Jahre sein, um die weltliche Sicherheit des Entwicklungsprozesses zu garantieren. Ansonsten verpflichten sich beide Teile, alle Verantwortung zu teilen, das Kind gleichermassen zu lieben und alle Aufmerksamkeit zu teilen. Sollte mal so ein Vertrag zustande kommen (mein Rechtsanwalt ist sooo gut in solchen Sachen), könnte sich die Heirat erübrigen.
Natürlich lebt man zusammen, so lange man’s aushält. Aber wie gesagt, im Detail muss ich mir das alles nochmal durch’s Köpferl gehen lassen, und ich lass Dich’s ja sowieso wissen, da Du als Zeuge für solche Verträge in Frage kommst.
Star findet meine Idee bedenkenswert und will das eventuell für ihre Kinder auch so machen. Es lebe Womensliberation !
Ich gehe ins Kino, wann immer es geht. Singapores Kulturleben ist von alter Kolonialschwäche geprägt, ganz schlimm. Wie’s jedoch scheint, vermisse ich Kultur nicht so sehr, wie Harald sie bestimmt vermissen tät, wär er hier.
Die einzigen Werke, die hier gemalt werden, sind Landkarten und Baupläne, die bestimmt ‚ne herrliche Wanderausstellung ergeben täten tun. Zwei Bilder aus meiner Kunschtproduktion lege ich bei. Die zwei Brillenträger sind Palastwachen in Jogjakarta, was Javas alte Sultanspalasthauptstadt mal war. Tiefsinnig wie meine Kamera nun mal sein soll, soll die amerikanische Sonnenbrille auf der Nase von dem einen den tiefgründigen Konflikt zwischen alter und neuer Kultur dortens versinnkörpern. Ich hab mich gleich darauf gehechtet auf dieses feinsinnige Symbol, als ich die beiden am weissgetünchten Palasteingang gesichtet habe.
Und dort, ach Gott, wie schön magisch und orientalisch geheimnisvoll ist ein balinesischer Priester, vertieft und um die Frage meditierend, wie werbewirksam er wohl auf Balis Tourismus einwirken kann ?
Ähnliches mehr beherbergt das Buch(le) das mein weihnachtliches Kommen verunmöglich macht.
Was macht Dein Englischunterricht?
Nu hör’ endlich auf, Dir von Deinem Sohn das ganze Weihnachtsfest verderben zu lassen, immer.
Ich schreib bald wieder vernünftig
Dein Weihnachtsunmensch
Monday, August 2, 2010
Weiter Geht's ...
Hans Höfer
Djakarta
Ende Juli 1970
Liebe Mutter,
es geht wieder wie normalerweise. Einen angefangenen Brief habe ich auf meine kleine Geschäftsreise nach Djakarta mitgenommen. Dort traf ich ein nettes Mädel, und so habe ich die freien Stunden mit ihr verbracht, hab mit Botschafters gespeist, mich einladen lassen und hinterhältige Bekanntschaften gemacht, denn verdammt noch mal, ich denk an meinen nächsten Job und brauch neue Verbindungen ...
Es ist mal wieder zu lange, dass ich nicht geschrieben habe, und Dein Brief mahnt mich, mich zu bessern. Zum Teufel, die Zeit rennt einfach davon!! Nachdem Du abgefahren bist, war ich recht down für 'ne Weile, zu viel hatte ich zu überdenken. Dein Besuch war so recht aufregend, und ich bin wirklich noch etwas nervös darüber, dass Du Dir evtl. Grund zu neuen unnötigen Sorgen geholt hast. Hoffentlich nimmst Dir zu Herzen, nicht nur die etwas oberflächlichen ersten Eindrücke von diesem Land, von diesen anderen Umständen, von diesem so anderen Leben das ich führe, zu behalten, sondern auch positive Seiten an allem zu entdecken. Also lass das Köpferl nicht hängen und wart ab, wat so alles kömmt.
Inzwischen ist also wieder so alles mögliche passiert. Wie gesagt, ich bin in Djakarta und habe neue Beziehungen angeknüpft. Dann sind inzwischen die Bücher angekommen und werden ganz toll verkauft. Dann habe ich meine ersten Einkäufe gemacht und inzwischen schaut mein Zimmer aus wie ein riesiger Art Shop. Die tollste Sache ist eine komplette Sammlung von Kindermalereien, 55 an der Zahl, mit denen ich eine tolle Verkaufsausstellung finanzieren möchte. Dann bin ich dabei, weitere kleine Sachen zu kaufen, mehr als Beispiel, was man so alles machen könnte, wenn man nur was clever ist am anderen End.
Was sagt Harald denn so zu all den Plänen? Wie war denn so das Erzählen von Bali? Sicher hat man Dir nicht so alles geglaubt, oder ?
Mehr als Abwechslung so kurz nach Deiner Abreise habe ein paar Wochen als 'Kultur Ratgeber' für eine italienische Filmproduktion gearbeitet. Die machten so ne richtige Bali-Schnulze. Ich habe ihnen meine Lieblingsplätzchen auf der Insel gezeigt und sie über Land und Leute beraten. Das hat wenig genutzt, denn sie hatten eben ihre eigenen Ideen im Drehbuch - aber viel Spass hatten wir alle dabei. Und dramatisch gings zu, mit Eifersuchtsszenen unter den Schauspielern, meisst um das Starlet Laura Antonelli. Dabei habe ich mich noch mit einem deutschen Schauspieler und Theatermenschen Johannes Schaaf befreunded, der dabei war. Vielleicht hast Du mal was von ihm gehört?
Filmchen Bali Schnulze zeigt Bilder bei der italienischen Produktion in Tempeln und am Tanah Lot Strand, und Johannes Schaaf , "On und Off Set".
Meine eigenen Buchexemplare hab ich immer noch nicht nach hier bekommen das ist zum kotzen. Sobald ich welche habe, werde ich Euch allen eine kleine Sendung machen, vielleicht von Singapore aus.
Alle Leutchen, die Du in Bali kennengelernt hast, fragen nach Dir, vor allem Frl. Wittig. Sie ist ganz begeistert an ihrem grossen Buch, das sie über ihre Muschelsammlung herausgeben will. Ich mach Photos für sie dazu.
Oh, Mutter, gestern Abend habe ich mit dem Chef beider Intercontinental Hotels in Indonesien eine lange Aussprache gehabt und es ist einfach ganz schwindelerregend, was wir im Augenblick planen: Ein Buch für die Insel Java, das ich "auf eigene Kappe" für das Touristen-Ministerium publizieren soll. Du kannst Dir sicher vorstellen, dass mich das natürlich wieder recht arg in Anspruch nimmt, aber trotzdem versuche ich jetzt, meine Briefschulden in alle Richtungen zu begleichen. Halt mir nur die Daumen, wenn das alles klappt, hab ich den nächsten Schritt geschafft. Uff.
Sei nicht bös über die Kürze, aber der Brief muss weg.
Ich ruf Dich von Djakarta aus an, aber mit Voranmeldung und an einem Wochenend.
Sei umarmt und geküsst für heute,
Dein Sohn Hans
Hans Höfer
Bali
30. 7. 1970
Liebe Mutter,
also, erst Luft holen, und dann muss ich Dir mal wieder erzählen, wie’s kommt, dass ich jetzt hier in Kuta sitze am Strand und Dir schreibe.
Seit Mitte Juli tat sich allerhand. Da war zuerst das Java-Buch-Project. Wie ich Dir zu verstehen gab, zeichnete sich bereits die Möglichkeit eines neuen Buches am düster roten Himmel über Java ab. Ich wurde also von den Top-Business-Leuten von der hiesigen Hotel-Gilde nach Java, das heisst nach Djakarta, zitiert. Dort angekommen, wurde ich erst mal gehätschelt und getätschelt, wurde durch die Superrestaurants des Inter-Continentals geschleift, mit Wein und Sekt begossen und mit grossräumigen Aircondition-Zimmern bezirzt.
Dann ging es für einige Tage zu den bitteren Details des Geschäfts. Da ich die Kosten und die Bedingungen meinerseits schon vorher präsentiert hatte, sah alles sehr rosig aus. Das Touristen-Ministerium will unbedingt 50.000 Bücher von mir kaufen und zwar für 2,50 Dollar US pro Stück. Ich soll die gesamte Herstellung übernehmen und auch noch zusätzlich die gesamten Einnahmen der Werbung bekommen. Das bedeutete für mich einen Etat von alles in allem 145.000 US Dollar, von dem ich 1/3 im voraus bekommen sollte, um dieses Wahnsinnsprojekt durchzuziehen.
Lieb’s Mütterlein, ich schreib Dir das so genau, damit Du merkst, was für eine wunderschöne Klemme man mir daraus bereiten wollte. Denn alles war da, der Auftrag, das Geld und die Möglichkeit eines weiteren Buches. Da hat doch dann der liebe Mensch, der die Unterschrift für das Geld hätte geben sollen, mal kurz ausgerechnet, was ich denn so daran verdienen würde und hat dann genau so gerechnet wie ich, nämlich Profit für Deinen Sohn von etwa 70.000 Dollar, etwas mehr als einen Dollar pro Buch.
Davon wollten die Schlawiner dann genau 40.000 Dollar für ihre allmächtigen Unterschriften, als stille Teilhaber also. Praktisch sah das ganz wunderbar aus, ich der 27jähriger, gibt sich doch gern mit 30.000 Dollar zufrieden, ne ganze Menge, gell ? Und da habe ich dann wohl die schönste Entscheidung meines Lebens getroffen und habe herausgefunden, dass ich doch mehr an der Idee, welche Geld macht interessiert bin, als am Geld, das diese Idee macht, und habe striktweg abgelehnt. Ich hätte denen ja ganz gerne eine nette kleine legitime Summe zugeteilt, doch gleich 75% meines Verdienstes abtreten, nee, nee, so hammas ja denn doch nicht. ... Java Buch ist also erst mal futsch.
So packte ich also wieder alles ein und ging ohne neuen Kontrakt und mit meinen letzten Flöhen nach Singapore. Im Nacken die noch neue Tat und ziemlich fertig nach all den Konferenzen und solch liebenswertem Business-talks-geschwätz. Ein weiteres Buch und sooo viel Geld ging dahin und alles was ich gerettet hatte, war mein Dickkopf.
Dort in Singapore angekommen stürzte ich mich wieder hinein in den gleichen Topf von Zahlendenkern. Das heisst, zuerst mal liess ich mich belorbeeren, da ich ja diesen so wunderschönen Preis dort gewonnen hatte. Und das kam so: Bei meinem Besuch zur Drucklegung des Bali Buches im Mai fand ich eine Auschreibung für einen Photo-Wettbewerb in der Tageszeitung mit Schlussdatum in nur zwei Tagen. Da nahm ich mir schnell ein paar Stunden Zeit und machte eine kleine Photorepotage über eine Polizeischule, die gegenüber der Druckerei wo ich arbeitete war und eine weitere Reportage über ein kleines chinesisches Strassentheater am Singapore River in der Stadtmitte. Zurück in der Druckerei entwickelte ich die Filme und machte and die 20-30 Photoabzüge am Abend, mehr aus reinem Spass and der Freude, und am letzten Tag des Wettbewerbs, gab ich meine Sachen an der Rezeption der Straits Times Zeitung ab...
Einige Wochen später bekam ich dann in Bali die Mitteilung dass ich gleich den Ersten und den Zweiten Preis gewonnen hatte. Das Preisgeld und eine tolle Hasselblad Kamera kamen genau zum richtigen Zeitpunkt, das kannst Du Dir sicher vorstellen, und da gabs denn Interviews und Fotos, ne Ausstellungseröffnung und viele Hände zum Schütteln.
Doch dann kam’s gelaufen: ich treffe ´nen tollen indischen Rechtsanwalt (gleich einen der besten natürlich) und erkläre ihm meine Ideen. Wir verstehen uns prächtig. Dann lass ich mich massieren und maniküren und gehe mit ihm schnurstracks zum Präsidenten des grössten Verlagshauses in Asien, der Straits Times Group in Singapore.
Na und da passiert’s. Der alte Kolonial-Bursche hat Gefallen an meinen Ideen und an mir und stimmt einfach zu, so schnell, dass ich es kaum begreifen kann und hab’ von da an nur mit seinen Untermanagern über produktions Details zu reden, legale Detailfragen, die ich meinerseits meinem Rechtsanwalt überlasse.
Das Resultat : Hennymutter . Diese zärtliche Handschrift hier gehört dem jüngsten Verleger Asiens, nämlich mir, der jetzt einen unterschriebenen Kontrakt hat mit der Straits-Times-Group, eine Serie von Guidebüchern für Thailand, Malaya, Singapore, Java, Hongkong und evtl. weiteres zu produzieren. Ich bekomme alles an Möglichkeiten, was dieses Haus zu bieten hat, Haus, Offices, Transport, Visa, Gehalt und völlig freie Hand. Das gesamte Geld zur Produktion wird von Times vorgestreckt, und ich liefere mein Talent und die Möglichkeit.... und ich bekomme 55% des gesamten Profits für alle zukünftigen Zeiten, an denen diese Bücher verkauft werden sollen.
Was das bedeutet, liebe Mutter, kannst Du Dir noch nicht ausmalen, das ist auch besser so, doch es scheint, ich habe die besten Aussichten. Und ich hüpfte vor Freude durch mein Hotelzimmer ...
In Kürze sieht das so aus, dass ich vom 1. September an in Singapore meine Zelte aufschlagen werde und von da an meinem lieben Bruderherz einen monatlichen Studien- oder Autozuschuss von 100 Dollar US zuschicken werde.
Da Star natürlich mein Chef-Editor wird, werden wir zusammen ein Häusle haben mit Büro und Auto und ganz wahnsinnig werden und gleich zwei neue Bücher über Singapore und Malaysien starten.
Damit zurück nach Bali ...
Da der Herr "Sigi" Beil , Chef des Bali Beach Hotels hier, mir auch noch die Verlegerrechte am Guide to Bali in die Wiege gelegt hat und ich gar nicht glauben kann, dass soviel Dusel überhaupt möglich ist, sitze ich jetzt hier am Strand von Kuta und hole mal tief Luft und schreib Dir lieber über all das .
Mach Dir net soviel Sorgen und hab aweng von meinem Optimismus. Ich werd auch mal wieder öfter schreiben, wenn ich erstmal aus diesem Wahnsinnskram heraus bin.
Sei geküsst und küss in die Runde
Dein Hans
Verleger der tollsten Bücher Asiens
Hans Höfer
Surabaja, Java
17. August 1970
Liebe Mutter,
also da mach ich doch was tolles: komme gerade von einer kurzen Visite von Singapore zurück, und schon bin ich wieder auf Achse.
Das Indonesische Government hat mich kurzerhand beauftragt, eine herrliche Broschüre über Indonesien zu machen, um damit die PATA-Konferenz (das ist das Touristenkomitee für Tourismus in Asien und Süd-Pacific und die machen alle 4 Jahre ne Grosse Sitzung : Sozusagen die Olympischen Spiele des Tourismus Asien /Pacific) für 1974 nach Indonesien einzuladen.
Da ich, wie schon erwähnt, am 1. Sept. in Singapore anfange, habe ich kurzerhand einen Wagen und Chauffeur bekommen und reise jetzt fürstlich und teuer mit Star zusammen durch ganz Java bis Djakarta, fliege dann von dort aus wieder nach Singapore, wo ich das ganze dann zusammenklopfe. Das Büchlein wird etwa 60 – 100 Seiten haben und ganz grossartig aufgemacht sein. Mein Etat für das ganze beläuft sich auf 20.000 Dollar, janz schöne Menge, von dem ich hoffnungsvoll etwa 5.000 Dollar für Star und für mich abknöpfen werde. Na bitte, so zwischendurch auch ganz schön. Ich reise also wieder und zwar janz feudal, photografiere am laufenden Band, was gibt es schöneres.
Soeben haben wir gegessen und zwar: Spargelsuppe mit Ei und Krabbenfleisch, dann gebratenen Reis mit kleineren Krabben drin, dazu gebratene Tauben mit Zitronen drüber, Hummerklauen und chinesisches Gemüse dazu, zum Nachtisch eisgekühlte Litschis, weisse Früchte, die zum Davonlaufen gut schmecken und die ich in Deutschland bestimmt vermissen würde. Na bitte, was sagste zu so ‚nem Abendessen ?
Heute war der 17. August, für die Indonesier ein ganz besonderes Fest, weil sie da die Freiheit und die Verantwortung für sich selbst zu spüren bekommen haben, von den Holländern nämlich. Das wurde also gefeiert wie bei uns der Karneval, und ich war dazwischen und hab’ sie auf die Platte gehaut, die Schlangentänzer und Pferdereiter und Wagenfahrer und Kostümträger und die Uniformträger und die Fahnenträger und die anderen, die dabei waren und die lieben Nachbarn auch.
Naja, in Surabaja bin ich gerade, was etwas links oben von Bali liegt, nur auf der Java Insel. Morgen schon in Herrgottsfrühe fahren wir weiter, bis nach Jogjakarta, noch weiter links auf Deiner Karte. Hoffe nur, dass Du Dir Dein Abendessen nachher in sechs Stunden auch recht schmecken lässt und mir danach nach Singapore darüber berichtest, denn wenn ich dort bin, würde ich doch zu gerne eine Menge Briefe von Dir vorfinden.
Huch, was bin ich müde, die Äuglein fallen mir fast runter, den Geburtstagsgruss schreib ich lieber morgen früh, Inshallah , wenn Gott will, darunter .... ...... ..... . . ... .. . .. .. . . ......
Also, schon ist alles wieder gepackt, auf geht’s durch Java.
Sei tausendmal geburtstagsgeküsst und geburtstagsumarmt und küss und umarm alle um Dich rum,
Dein Hans
Alles Gute auch von der Star der schwarzen!!

Hans Höfer
Hotel SINGAPURA
4. 9. 1970
Liebe Mutter,
also da bin ich wieder und zwar in Singapore. Da fand ich auch gleich Deinen lieben Brief und die Fotos, vielen Dank, ich hoffe, dass ich Dich da nicht in zu grosse Unkosten gestürzt habe.
Der Trip durch Java war ganz grossartig wahnsinnig. In zwei Wochen haben wir ganz Java berast, wie die schlimmsten Touristen, in den besten Hotels genächtigt und non-stop photografiert. Uff, uff. Natürlich für mich ein ganz grossartiger Job. Alles in allem hoffen wir etwa 10.000 Dollar daran zu verdienen. Indonesiens Regierung möchte die Pata-Konferenz nach Indonesien einladen, das ist sowas wie die Olympischen Spiele des Tourismus hier im Fernen Osten, und wir sind damit beauftragt, eine Schau-Representation zu entwerfen und zu produzieren. Wir werden sehen, was dabei herauskommt.
Next Stop Indonesia, denk ich mir da.
In den nächsten Tagen fliegen wir nach Nord-Sumatra, um den dortigen Tourismus zu durchforschen. Das wird nochmal recht anstrengend aber exiting. -- - -- -- –
Uff und da haben wir’s. Inzwischen liegt der Brief schon wieder unbeendet herum, es kommt doch dauernd was dazwischen. Inzwischen habe ich die Java-Filme zurück und stell Dir vor, 90% sind durch unachtsames Entwickeln versaut! Jetzt sitze ich ganz schön in der Tinte. Oh je, oh je. Sehr wahrscheinlich muss ich für ein paar Tage zurück, um einige Sachen neu zu fotografieren. Immer kommt was dazwischen...
In der Zwischenzeit habe ich auch meinen Vertrag mit Straits Times Publishers unterzeichnet, nach erneutem Kampf um lausige Prozente. Ich werde Dir bald alles genauer beschreiben. Bis jetzt hängen wir immer noch hier in Hotelzimmern herum. Am 15. beginnt mein Kontrakt dann entgültig. Mein Gehalt beläuft sich auf monatlich 4000 Dollar Singapore, das sind genau, warte mal: 4.998,15 DM, also bis jetzt mein schönstes Monatsgehalt. Star hat genau 3.750,-- DM im Monat, was uns ein ganz nettes Leben bereiten wird. Jetzt schauen wir uns nach einem Haus um, das Haus, was ich Dir letzthin beschrieben habe, war ja nur Spinnerei, hoffentlich haste das bemerkt.
Bitte, schicke mir Haralds Konto-Nummer, damit meine Entwicklungshilfe anlaufen kann!!
Ich bin wie immer unter allerlei Druck, aber recht fröhlich. Das wird noch ne Weile anhalten, bis wir endlich unsere Zimmer und Büros haben.
Sei geküsst und küss alle, besonders Helga, Heri und Harald,
Dein Sohn
Das Filmchen zeigt Bilder von der Fahrt Bali - Djakarta für das 'Next Stop Indonesia Project' Juli 1970
Today is the zwölfte September 1970
Liebe Mutter,
also da war ich scho wieder in Singapore und bin itzo schon wieder in Indonesien und zwar in Nord-Sumatra, was ja auch ganz schön weit weg ist, wenn man’s so bedenkt.
Ich bin also geflogen von dort bis hier, sanft und hoch, bin dann gelandet und hab mir einen Stempel geben lassen und war damit in Sumatra. Da hab ich dann gleich einen guten Kontakt gemacht und gleich den reichsten Mann hier besucht, und der hat mir dann seinen Chevrolet gegeben mit einem Chauffeur und hat einen Direktor von einer seiner Fabriken mitgegeben und die drei haben mich dann hier herumgefahren, und da bin ich jetzt gerade zurückgekommen vom Toba-Lake, wo ich die Batak-Menschen und ihre schönen grossen geschwungenen Häuser abfotografiert habe.
Wie gesagt, arbeite ich ja an einem Fotobuch, das bestimmt nie zustande kömmt, weil die indonesiche Regierung ja nie Geld hat. Immerhin arbeite ich daran, da ich bis jetzt immer noch keine Absage habe. Das ist in meinem komplizierten Geschäftsleben ja sowieso nur so ein Seitentrip, da ich ja wie gesagt am 15. September bei der Straits Times in Singapore anfange mit allen Schikanen, wenn die Hunde dort sich an die Verträge halten.
Ich hoffe, dass ich in Singapore dann wieder einen Brief von der „Sorgenvergrämten“ habe, der mich mal zur Abwechslung ein wenig lustiger stimmt.
An Weihnachten will ich irgendwie ja sowieso den Weihnachtsmann bei Euch spielen, also sei net immer so traurig. Sags der Helga, dass ich ihr nicht zum Geburtstag gratuliert habe, liegt einfach daran, dass ich den angefangenen Geburtstagsbrief an sie mal wieder aus irgendeinem elenden Grunde nicht fertig gekriegt hab und nicht, wie allgemein anzunehmen ist, ihren Geburtstag etwa vergessen habe. Mist, dauernd hock ich in der Tinte mit meiner Schreiberei.
In Singapore sitzen Star und ich bis jetzt immer noch in einem Gästehaus herum und suchen ein Traumhaus zum Angeben oder eine Superflat mit allen Schikanen zum Wohnen. Da ich jetzt hier alleine in Sumatra bin, schaut sich Star um, danach.
Huch, ich wär froh, schon ein paar Wochen älter zu sein. Das Inderluftrumhängen hängt mir aweng zum Halse heraus. Alles in allem jedoch, wie immer der rosigste Himmel über mir, wenn’s auch regnet hier in Sumatra wegen dem Monsun.
Von Singapore aus erzähl ich Dir dann, wie’s weiter geht. Ich hoffe, dass Du mir Haralds Konto Nummer geschrieben hast, da ich ab 15. so viel Geld habe, dass ich überhaupt nicht weiss, wohin damit, alles.
Sei geküsst viel tausendmal
von einem Muttermahhhl
Bali
Oktober 1970
Liebe Mutter,
da kommt gerade Dein Brief und mir fällt’s wieder siedig heiss ein, dass ich Dir ja gar keine neue Adresse gegeben habe. Schau, da haste auch schon wieder grosse Sorgen um Deinen Sohn in Asien. Inzwischen hoffentlich ist auch mein letzter Brief an Dich angekommen, der Dir die grosse Kunde von Deinem Millionärssohn bringt.
Das glaubste wohl wieder nicht so recht, aber lass Dir nochmal versichern, dass ich rosigen Zeiten entgegengehe und dass absolut kein Grund zur Sorge besteht. Er lässt sich nieder, wie nie zuvor, mit allen Vorzügen und Nachteilen, aber mit gewaltigem Tatendrang.
Dann drängts mich auch nach Europa zum Besuchen, und Weihnachten ist mein Urlaub zuhaus, was da auch komme. Inzwischen hab ich auch schon mal zehn Bücher schicken lassen, was wohl den ersten Bedarf der grossen Nachfrage stillen wird. Mehr kommen nach, wenn ich in Singapore bin.
Bitte schick die Fotos per Einschreiben
MR. HANS HOEFER
c/o Mr. Oskar Frei
General ManagerTimes Printers Sdn. Bhd.
422 Thomsen Rd.
Singapore 11
Das ist also meine Adresse bis Ende diesen Monats, dann werde ich Dir die Anschrift meines eigenen Palastes in den Bergen Singapores geben, von wo aus man den Sonnenuntergang rotgrün übers Hafenbecken gleiten sieht.
Ja und dann musst Du auch Deinen Koffer schon wieder bereit haben, denn was mach ich mit solch einem Palast mit 47 Zimmern, eigenem Golfplatz und Flughafen, Hafen- und Schwimmbecken, die ganzen Bediensteten müssen ummuttert werden, die Pferde gepflegt und so vieles mehr, das kann ich gar unmöglich alles alleine, da muss unbedingt eine starke Hand draufliegen, nich ?
Dann brauche ich einen Rat von Dir, wat mach ich mit de Harald. Ich brauche in Krefeld oder evtl. in Aachen ein Konto, von dem Harald monatlich 100 US $ abheben kann. Dieses Geld ist ausschliesslich für sein Auto, das heisst für den Unterhalt seines Autos, keinesfalls für andere Zwecke zu verwenden. Ich kann das einfach von Singapore monatlich überweisen, find doch bitte mal raus an Deinem Ende, wie und wohin ich det schicken kann. Ausserdem muss das auch stillschweigend geschehen, sonst ziehen’s dem gleich was von der Rente ein, oder nich; wenn also irgendeiner daherkommt und nach mir fragt, dann sag’ ich sei ein verlorener Sohn und werde von 20 Baliweibern am Leben gehalten.
Nu vergiss auch nochmal mal schnell unseren letzten Abschied. Wir waren doch beide so nervös und von sooo viel Ungewissem umlungert. Inzwischen ist doch wieder so viel Wasser den Neckar runtergelaufen und wir haben’s mit neuen Flüssen zu tun.
Und wenn Du wüsstest, wie sehr ich mich nach kaltem Sauwetter sehne, dann würdest auch darüber nicht trübsinnig werden. Nächstes Mal schreibst mir genau alles auf, der Reihe nach, was Du alles über meine neuen Umstände wissen willst, und ich werde ganz ausführlich alles beantworten.
So, schreib bitte nach Singapore, bis Du von mir eine neue Adresse hast.Grüss Helga, Heri, Harald und erzähl ihnen vom
Hans im Glück