Letters home 1967 -1978

Monday, April 7, 2008

Bali - The First Steps



                                                                                                      

Bali, 29. 5. 68

Liebe Mutter

Wir sind in ein kleines Dorf, 3 km ausserhalb der Hauptstadt Den Pasar gezogen. Ein kleiner Raum, mitten drin im Bali-Leben. Wir treffen uns jedenTag mit einem der bekanntesten Maler Indonesiens, Affandi, der im Augenblick auch hier in Bali malt. Dann geht es in seinem roten Mustang Sportwagen zu den schönsten Stellen Balis.

Jeden Tag gehen wir zeichnen und malen, die restliche Zeit ist ausgefüllt mit Besuchen von Tanz und Musik, religiösen Festen und Riten, die sich nur so häufen. Zum Schreiben komme ich bei der Fülle von Eindrücken kaum, ich werde Dir aber später ausführlich berichten.

Noch einige Tage bleiben wir hier in Den Pasar, dann geht es für eine Woche in die Berge. Die Dörfer dort sind einfach paradiesisch. Blumen und Farben wie kaum zuvor gesehen. Einfach traumhaft. Ich habe noch nie ein solches Volk gesehen. Alles, was sie anfassen, wird schön. Lauter Künstler. Die Musik, der Tanz, die verschiedenen Formen des Theaters, alles ist von einzigartiger Anmut und Schönheit. Und dabei sind es ganz einfache Menschen, meistens Bauern, die solche Dinge hervorbrachten. Die Tempel stehen verwittert und überwachsen inmitten üppiger und wuchernder Vegetation. Dann gibt es auch noch einen schwarzen Sandstrand mit farbig bemalten Auslegebooten.

Ein Leben ist das wieder!
Übrigens ist die Erdkruste hier am dünnsten. Daher sind die einzigen, die hier ständig tätig sind, ein paar Vulkane. 

Ich hoffe nur, dass das mit der Postverbindung zu Dir gut geht und Du nicht zu lange auf die Briefe warten musst. Indonesien ist halt wieder ein Land, wo der ganze Verwaltungsapparat hinkt und stinkt. Korruption ist Trumpf. Hier gab es in der letzten Zeit überall eine zwei- bis dreihundert prozentige Preiserhöhung, und das entwertet mein Geld so sehr, dass ich sparen muss. (Essen und wohnen ist jedoch noch reichlich billig, und so komme ich mit 2 DM am Tag hin). Je genauer ich mich nach den Kosten für die Weiterreise erkundige, um so teurer scheint es zu werden. Oh Elend, die ewigen Penunzen! Ich sehe daher, obwohl alles sehr farbig ist, manchmal grau bis schwarz. Mit tränendem Auge muss ich halt auch die Wichtigkeit meines beruflichen Erfolges wieder ins Auge fassen. Aber dann! In Australien komme ich dann blank an: eine lange Hose, eine zur kurzen Hose abgetrennte Blue Jeans, einem Paar Badeschlappen, einem Khakihemd und einem blau-weiss karierten, zwei Unterhosen und sonst Kleinkram. - Aber einen Rucksack voll herrlicher Erinnerungen. Ich bin also reich !

So gesehen ist Bali ein Abschluss des schönsten Lebensabschnitts meines Lebens. Wenn ich jemals hierher zurückkomme, dann hat sich sicher alles verändert. Denn das geht rasend schnell. Wir werden sehen, was daraus wird. 

PS. Ich möchte ja sooo gerne mal wieder einen richtig langen und schönen Brief schreiben, habe aber einfach keine Lust.

Verzeih die Kürze.

Viele Grüsse von Deinem Hans




Bali, 4. 6. 68

Liebe Mutter,

ich hoffe nur, dass Dich meine Post bis jetzt regelmässig erreicht hat. Ich schreib Dir heute noch einmal, da ich morgen mit Gerd zu einer kleinen Rundreise durch Bali starte. Zeichenmappen und kleinstes Gepäck nehmen wir auf unseren geliehenen Fahrrädern mit. Fahren, bis was Schönes vorbei kommt, dann malen und wieder weiter. Du kannst Dir vorstellen, wie schön das ist und wie ich mich darauf freue. Nur ist es wieder schwierig, im Landesinnern eine Post zu finden, daher wirst Du wohl zwei Wochen lang nichts von mir hören. Mach Dir also keine Sorgen, wenn Du eine Weile nichts von mir hörst.

Das Erlebte und Gesehene der letzten Tage stellt alles in den Schatten, was es bis jetzt gab. Ich bin am Rande meiner Fähigkeit angelangt, so was Eindrucksvolles zu schildern. Das muss später mal geschehen. Hier in dem kleinen Dörfchen, in dem unser gemietetes Haus steht, ist so viel los, in Deutschland nicht mal in den kühnsten Träumen auszumalen. Farbe, Farbe, Kunst, Religion, Tanz, Theater. Die kleinen, schmalen Erdstrassen sind links und rechts mit kunstvoll geflochtenen Bambusmasten geschmückt. Die Frauen arbeiten von morgens bis abends an der Zubereitung der religiösen Opfergaben, 5 Tage in der Woche, der Rest bleibt für Feldarbeit und den Haushalt. Was sie so selbstverständlich zusammenflechten, schmücken und bereiten, wird zu Kunstwerken, die freilich nur wenige Tage anhalten, bevor sie verdorren, verbrannt oder geopfert werden. Dann werden sie sofort durch neue ersetzt. Kleine Tempelchen überall. Hunderte. Den ganzen Tag über Musik von irgendwo her, Xylophon und Glocken, riesige Gongs, Trommeln und Flöten. Jeden Tag können wir Programm machen, uns aus den verschiedenen Tempelriten die passenden und nächsten regelrecht aussuchen. Solch ein Opferfest beginnt gegen 2 Uhr nachmittags und geht dann gleich bis zum nächsten Morgen durch.
Wir malen und zeichnen täglich in irgend einem Tempel, bis die Augen weh tun. Da wir die einzigen Fremden sind, werden wir überall mehr als freundlich aufgenommen. Wenn wir zu müde werden, legen wir uns in eine Tempelecke auf ausgebreitete geflochtene Matten und schlafen erschöpft, während die Zeremonien weitergehen. Kaum eine Nacht kommen wir vor 3 oder 4 Uhr in unser Haus zurück. Jetzt haben Gerd und ich einen Punkt erreicht, wo wir einfach kopfschüttelnd daneben stehen, es nicht mehr fassen können, was es da noch alles gibt. Du kannst Dir das nicht vorstellen.
Allein die Schilderung eines Tages würde Seiten füllen. Jetzt sind nur Notizen und Zeichnungen möglich. Täglich Hahnenkämpfe. Die Nächte hindurch opfern und zelebrieren die Priester. Alles geht tanzend vor sich, von einer Anmut und Ausdruckskraft, wie ich sie noch nie gesehen habe. Spät dann geraten die Tänzer und Priester in tiefe Trance und Ekstase. Fremd und mit komischen Gefühlen in der Rückengegend stehen dann Gerd und ich dazwischen, während Dinge geschehen, die ich nur mit Magie beschreiben kann und die unbegreiflich erscheinen für uns. Noch müde und von dem letzten Abend beeindruckt, werden wir gegen 10 bis 11 morgens schon wieder aus unserer kleinen Hütte geholt, wenn lange Reihen von zauberhaften Frauen mit ihren neuen Opfergaben an unserem Haus vorbei ziehen. Sie tragen Schalen, die bis zu ein bis zwei Meter hoch aufgestockt sind mit Früchten und Figuren, Masken und Opfergaben. Manchmal glaube ich wirklich, ich spinne. Glaube mir, dass ich einfach so lange, wie es eben geht, noch hier bleiben muss und malen. Nach der langen Zeit des Nichtstuns ist das wirklich wichtig, und ich lerne viel durch den gegenseitigen Austausch mit Gerd und den vielen Malerfreunden, die wir bereits haben. Australien ist eben dann für einige Wochen hinausgeschoben. Wenn Du das alles sehen könntest, Du würdest mich besser verstehen.
Wir planen auch eine kleine Ausstellung unserer Bilder, und wer weiss, vielleicht kann ich was verkaufen. Ich arbeite zwar nicht auf den Verkauf hin, male für mich und um zu lernen und meinen Stil zu verbessern.
Ich werde dann von Australien aus einen Teil meiner Bilder schicken. Bis jetzt habe ich etwa 30 gemacht. Heute habe ich wieder neues Papier für die Rundreise gekauft. Am Schluss, so hoffe ich, kann ich ein beibendes Bali, mein Bali, mitnehmen. Nur noch wenige Jahre wird es hier noch so sein. Dann wird Bali ein geschäftiges Hawaii oder Mallorca. Ein asiatische Oberammergau. Das Bali, wie ich es jetzt noch erleben kann, ist dann nur noch Slogan für Werbeprospekte und Dollar, Dollar, Dollar.
Sei mir nicht böse, wenn ein längerer Aufenthalt hier vielleicht nicht so ganz Deinem Wunsch entsprechen sollte. Schreib mir nach hier.

Für heute, und für 1 bis 2 Wochen, sei herzlich umarmt und geküsst

von Deinem Hans

der sich die Haare wieder ganz kurz geschnitten hat und in langem Batikrock hier herumhüpft, zwischen herrlichen Frauen, die meistens oben ohne herumlaufen, das muss man sich mal vorstellen!



Bali, 19. 6. 68

Liebe Mutter,

So oder so ähnlich ging es 4 Tage lang : An einem kleinen Markt halten wir an, stellen unsere beiden Fahrräder zwischen die kleinen Verkaufsstände und schlendern durch die Reihen von Marktweibern, zwischen geflochtenen Körben voll vom Allerlei der balinesischen Küche, trinken Tee und essen Reis, getrockneten Fisch, zerriebenes Fleisch, scharf gewürzt mit winzigen Peperonischoten, den Chillys. Die Leute schauen uns an, als kämen wir vom Mars. Wir tragen die gleiche Kleidung, Batikrock, Sarong genannt und dünne Latschen. Ein junger Mann, dessen weisse Kleidung und lange, hinten geknotete Haartracht einen Hindupriester verrät, spricht uns an. Gerd, der schon gut indonesisch spricht, übersetzt mir ab und zu. Er erzählt uns vom Leben in diesem kleinen Dorf, von Tempelfesten und spricht über mystische Geschehnisse von Heilungen durch gesegnetes Blumenwasser und vieles mehr. Wir nehmen unsere Zeichensachen mit und folgen ihm auf glitschiger Erdstrasse, die direkt in den Dschungel zu führen scheint.
Am Morgen hatte es etwas geregnet. Saftiges, tropfendes Grün umgibt uns. Wir betreten das Dorf, eine Schar von schwarzhaarigen halbnackten Kindern folgt uns. Grobe Steintreppen, von Moos überwuchert, führen vom Hauptweg zu ummauerten Häusergruppen, deren Bambus gedeckte Dächer aus der wuchernden Vegetation lugen. Frauen stampfen in grossen steinernen Köchern Reis, ein dumpfer Rhythmus der niedersausenden Holzstampfer liegt in der Luft.
Wir betreten einen Tempel durch ein steinernes Tor, über und über mit fürchterlichen Dämonenmasken geschmückt. Bevor wir anfangen zu malen, bittet uns der Priester zu einem kleinen Tempelbau. Er schlägt einige weisse Tücher zurück, und wir stehen vor riesigen Masken, holzgeschnitzt, bemalt, die uns anglotzen, halb Tier und halb Dämon, geschmückt mit kleinen Spiegeln, Leder und Zottelfell. Der Priester erzählt ehrfurchtsvoll von der geheimen Kraft, die in diesen Masken wohnt, entzündet dünne Räucherstäbchen und bittet uns, uns niederzusetzen. Er betet halblaut für unsere gesunde Wiederkehr in West-Germany, bittet um den Segen für unsere Arbeit, besprenkelt uns mit geweihtem Blumenwasser, räuchert uns noch ein bisschen ein. So gesegnet und nach der religiösen Sitte mit einer Blume hinterm Ohr wollen wir anfangen, aber da gibt es erst noch Tee, und dann steigt einer der Jungen wie ein Affe auf die nächste Palme und holt uns zwei riesige Kokosnüsse herunter.
Gesegnet und gelabt also malen wir vor uns hin, meine Tempel werden grell orange und gelb, alles wuchert; ich bin bescheiden, also zufrieden. Dann gibt es Süssigkeiten aus Reis und Zuckerguss, dazu die süsse Kokosnussmilch und den Segen der Dämonen. Uns geht es gut.
Nach einigen Stunden dann ziehen wir weiter, nicht ohne noch einmal ein köstliches Mahl mit den Händen von Bananenblättern verspeist zu haben, und mit einer Einladung, ins Dorf zurück zu kommen, beim Priester einige Tage zu wohnen und dort zu malen.

Fast 3 Wochen lang also sind Gerd und ich mit dem Fahrrad um Bali gekurvt, haben wie immer einheimisch gegessen, geschlafen in Bambushütten, in Polizei- oder Militärstationen und in billigen Losmens. Fast täglich gemalt. So ist die Ausbeute befriedigend, und ich glaub, Dir wird es gefallen. Zurück hier in Denpasar zogen wir wieder für einige Tage um in ein grosses Haus am Meer, mit Ausblick auf eine Bucht, Palmenwälder und Stufenbauten der Reisfelder, am Horizont der fast 4000 m hohe Vulkan Gunung Agung, der noch tätig ist. Herrlich, herrlich!
Dann sind wir jetzt zu dritt, da der Freund von Gerd, Werner Hahn, aus Java nachgekommen war. Inzwischen haben wir in Ubud im Landesinnern ein kleines Haus gemietet mit drei Räumen, zwischen riesigen Bäumen und Bananenpalmen, ein Ziehbrunnen mit frischem kalten Wasser, ein kleines Paradies wie alles hier und dazu für die Unsumme von 6 DM pro Monat. Dort werden wir Ende dieser Woche einziehen und malen, malen. Mein Aquarellkasten geht schon zur Neige, ich werde mir was neues kaufen.
Was soll ich noch erzählen – ich glaube, Du verstehst langsam, was sich hier tut. Wie erwartet, sind noch keine Briefe an mich hier angekommen. Die Post ist eben katastrophal wie die ganze Verwaltung Indonesiens. Schreibe bitte noch einen Brief und zwar poste restante Denpasar, Bali, da ich inzwischen einen Freund hier in der Post habe, der die Briefe an uns persönlich sammelt und zurückhält.
So weiss ich wenigstens, dass es hier in Bali etwas zuverlässiger ist. Die Vorstellung, dass man sich für etwa 500 DM noch ein Haus bauen kann am Meer, in einer Landschaft, die einfach einzigartig schön ist, kann einen wahnsinnig machen, denn schon jetzt zeichnet sich ab, dass Bali einmal eins der grossen Touristenzentren sein wird. Das wäre was fürs Hänschen, stehe aber mit weinendem Auge da und muss einsehen, dass das liebe Geld noch fehlt, und dann bin ich alt und reich, und es ist wieder zu spät. O Elend, o Elend. Doch ich geb mich halt zufrieden mit dem, was ich jetzt hier sehe und erlebe.
Gestern habe ich einen alten „Stern“ in die Hände bekommen. Wir drei haben uns abwechselnd daraus vorgelesen. Es ist gar nicht zu beschreiben, wie eigenartig es ist, hier auf Bali solch einen Mist zu lesen! Was für eine wahnsinnige Welt ist das doch! Die einzigen Informationen, die wir seit 4 Wochen bekamen, war der Mord an Kennedy und die Studentenunruhen in Europa. Kennedys Tod ist das erschütterndste Ereignis seit langem für mich. Die unsinnige Gewalt, die Amerika predigt, kehrt sich nun mehr und mehr gegen sich selber, ein Wahnwitz, wenn man bedenkt, dass dieses Land die ganze Erde glücklich machen könnte mit seiner Macht und mit seinem Reichtum. 60 Millionen kostet jeder Tag in Vietnam; Indonesien bettelt seit Monaten um einen Kredit über 300 Millionen. Fünf Tagesraten Vietnam und Menschen hungern weiter.
Das Zusammensein mit Gerd und Werner ist einfach Klasse. Es sind grossartige Burschen, die ständig lachen. Es gibt stundenlange Diskussionen über dies und das, Kunst, Religion, Leben, Malen, Lieben und ohne Ende. Ich lerne viel von ihnen.
Ich lebe fürstlich gut, wie kaum zuvor und gemessen an den hiesigen Verhältnissen sogar luxuriös. Und das Wichtigste nicht zu vergessen: ich male meine Bildchen. Wann habe ich jemals zuvor in 4 Wochen 30 Aquarelle gemacht? Nie. In Kintamani zum Beispiel, wo wir 5 Tage in einem kleinen Hotel am Rande eines alten Vulkankraters in 1600 m über den Wolken gewohnt haben, gingen wir zwei nur zum Essen aus dem Haus. Die andere Zeit wurde gemalt von morgens bis abends. Der Blick von dort auf einen riesigen See, auf violette erstarrte Lavamassen und auf noch rauchende kleinere Krater am Berg vor uns, Palmenwälder, Reisfelder und klare kalte Luft gehört halt mit dazu in Bali. Abends Maskentänze, religiöse Riten, die nie zu enden scheinen. Die Götter und Dämonen sind lebendig in Bali, meinem Paradies.

Ich will Dir nur wieder ans Herz legen, Dir einige Bücher über Bali zu besorgen. Bitte, tu’s auch für mich, damit ich weiss, dass Du Dir ein Bild von dem machen kannst, was ich hier sehe und erlebe, in welcher Umwelt sich Dein Sohn befindet.

Von hier gehen wieder meine Gedanken zu Dir, meiner Mutter, zu Harald und Helga und zu allen, die ich liebe.

Dein glücklicher Sohn Hans



1. 7. 68 Bali

Liebste Mutter

Diesmal ganz kurz, dafür zum gucken. Wohnen jetzt schön einheimisch in Ubud, das ist so was wie Kultur-Zentrale Bali. Das Leben zeigt sich schön wie nie zuvor. Arbeite an längerem Brief, der bald in ein paar Jahren fertig sein wird. Habe gestern eine Leichenverbrennungszeremonie gesehen. Man kann wahnsinnig werden, was es hier alles gibt. Bali ist einfach wahnsinnig, wahnsinnig, wahnsinnig, wahnsinnig, und ich bin hier!

Wahnsinnskuss
Ein Urbewohner von Bali


Way to Bali

Auf dem Weg nach Djakarta, 4. 5. 68

Lieber Rolf!

Da kannste mal wieder sehen, wie es so geht!
In Kuala Lumpur hatte ich also nach ein paar Tagen meine Visasammlung bis Australien zusammen. Ich hatte den zweiten Bericht noch nicht beendet und wollte die Neuigkeiten auf der Post in Singapore noch abwarten. Nach einem ganzen Tag Hitchhiken kam ich erst spät abends in Singapore an. Im Sikh-Tempel dort, einem der Gammler-Treffpunkte, traf ich am Abend noch einen alten Freund, den ich seit einem Jahr immer mal wieder getroffen hatte. Er war schon seit einigen Wochen in Singapore und hatte inzwischen schon Kontakt mit einigen Schiffsagenten aufgenommen. Am anderen Morgen flitzten wir gleich zusammen in so ein Büro, und stell Dir vor, es klappte und zwar in rasender Geschwindigkeit. Ich hatte gerade noch Zeit, zur Post zu rasen, mir 4 Filme zu kaufen und meine Sachen zusammenzupacken. Um 1 Uhr mittags war ich auf einem Frachter. Kosten für eine Woche Mampfen an Bord: 28 DM. Sonst freie Überfahrt! Das ist mal wieder einer von jenen seltenen Glücksfällen, denn es ist sehr schwierig normalerweise, von Singapore nach Indonesien zu gelangen. Jedenfalls viel, viel teurer. Du kannst Dir natürlich wieder meine Jubelstimmung vorstellen.
Jetzt sitze ich in einer Offizierskabine, meine Koje direkt hinter mir. Ich esse mit den Offizieren zusammen und lebe wie ein König. Die Leute zerfliessen vor Freundlichkeit. Zuerst geht es nach Norden, zu irgendeinem Hafen in Sumatra und von da wieder nach Süden, über den Äquator bis nach Djakarta, von wo ich dann erst diesen Brief abschicken kann.
Inzwischen habe ich auch Grüsse von Dir durch meine Mutter erhalten und höre, dass es Dir doch noch gelungen ist, den Bericht über Malaysia in die Zeitung zu bringen. Ich danke Dir herzlich für Deine Hilfe. Hoffentlich macht Dir die ganze Sache Spass, und hoffentlich hast Du nicht zu viel Arbeit und Telefoniererei. Diese beiden Berichte nun werden wohl etwas leichter an den Mann zu bringen sein, zumindest der über Laos, da wohl auch bei Euch die Zeitungen voll von Asiens Problemen sind. Eben hörte ich auch im Radio die Nachrichten, dass in Nordthailand wieder neue Kämpfe ausgebrochen sind, ganz in der Nähe der Orte, die ich erst vor 4 Wochen besucht hatte.So habe ich also noch einige Tage Zeit, den Brief an Dich wirklich zu beenden.
Aber jetzt gehe ich erst mal in die Kantine essen. MAHLZEIT!!!

Ich lebe bestens. Reis, zwei Sorten Fleisch, eine Gemüsesuppe und ein Apfel zum Nachtisch. Die Mannschaft besteht aus meistens sehr dunkelhäutigen Prachttypen. Englisch können nur wenige, dafür wundern sich die Älteren, dass sie einiges Deutsch verstehen können. Sie haben ja noch Holländisch in der Schule gelernt und wussten gar nicht, dass Deutsch so ähnlich klingt. Wir fahren langsam durch die See, die so flach und unbewegt ist wie meine Schreiblaune. Daher immer mal wieder ein paar Sätze mehr. Sauhitze, wenn die Sonne am Mittag im Norden steht!
Nachts liege ich übrigens im rechten Winkel abwärts von Euch!
Das kann ich kaum glauben, so ein Matrose verdient 900 Rupiahs im Monat, bei freier Kost und Kleidung ! Einen Dollar wechselte ich in Singapore für 335 Rupiahs auf dem Schwarzmarkt. Wo bin ich ?

Nächster Tag !
Gegen Nachmittag stoppten wir zwischen zwei Palmeninseln vor einem Ölhafen in Ost-Sumatra. Dumai heisst der Ort. Gegen Abend ging ich von Bord, um mich ein wenig umzuschauen. Der erste Eindruck: zu viele Kinder und absolutes Elend. Ich befürchte schon jetzt viel Kummer für Indonesien, da es mich gleich an Indien erinnert. Mit einigen Matrosen dann kehrten wir ein, tranken warmes Bier und kalten Kaffee. Alles Holzhäuser und matschige Erdstrassen. Selbst nachts läuft der Schweiss in Strömen, es ist feucht drückend heiss. Eine Menge Dschungel gleich am Rande der Stadt. Spät erst kommen wir zurück an Bord.

Heute Morgen kamen Zollmenschen an Bord. Alles ging prima! Meine neueste Schmuggelaktion ist also wieder erfolgreich. Durch den Schwarzmarktkurs in Singapore habe ich mein Geld verdoppelt. Natürlich ist es verboten, Geld einzuführen. Aber na ja, -
Ich habe noch nie so viele Kakerlaken gesehen wie hier auf dem Schiff. Hatte heute Nacht gleich 5 davon in meinem Bett. Sie sind zwar harmlos, doch ich bitte Sie, gleich 5 auf meim nackten Leib ?
Es ist wirklich sagenhaft, in wie viel Arten man Tee zubereiten kann. Jedes Land in Asien (und deren sind ja viele) hat seine eigene Teemixtur. Der Tee hier schmeckt wie süsse Milch, ist aber trotzdem Tee.

8. 5. 68

Heute ist bitterer Mittwoch, das bedeutet Malariatag. Resochin zur Vorbeugung. Von der bekannten Nebenwirkung, unter der so manche europäische Tropenehe leidet und das dem Mittel obendrein den Spitznamen Stossdämpfer oder Schlappy gegeben hat, merke ich wenig. Wüste Brunstschreie ertönen Nacht für Tropennacht vom Oberdeck in den schwülen Nach-Monsun-Abendhimmel. O je, man müsste….
So gesehen sind die Tage hier, siehe Karte, Sumatra, Mitte, Osten, fast paradiesisch. Seemanns(k)los!!
Habe mir in Malaysia eine Wurzel gekauft, die todsicher Schlangenbisse abhält. Und siehe da, ich bin seither noch nicht gebissen worden. Rätselhaftes Asien !
Habe soeben wieder grosse Wäsche beendet. Hemd flattert am Fahnenmast. Hose wurde zur prallen Windhose, wehrte die Annäherungsversuche eines aufgeblähten Hemdsärmels erfolgreich ab! – Mensch, ich kann doch nicht schon wieder was essen! Mahlzeit !
Ach so, finde beim Reisen viel zu wenig Zeit zum Malen. Ich finde keine Ruhe. Habe mich im letzten Jahr zu sehr verändert!

9. 5. 68

Die Reise ging gestern endlich weiter. Tags zuvor wurde entladen und zwar auf dem Wasser mit einem Schwimmkran. Das war eine halsbrecherische Aktion. Alles Ausrüstung einer grossen Holzfäller-Organisation, darunter drei riesige Caterpilar. Hierbei kamen einige Europäer an Bord, die uns zur Nacht ins Landesinnere mitnahmen, in ihr Camp, wo sie mit ihren Familien wohnen. Es war nett dort, es wurde viel erzählt und gesoffen. Morgens früh waren wir wieder an Bord. Wir, das ist eine englische Dame und ich. Diese habe ich, wie ich gerade feststelle, noch gar nicht erwähnt, was aber kein Wunder ist. Ich habe noch nie ein solch geschlechtsloses Wesen kennen gelernt wie sie. Sie kleidet sich auch sehr verdächtig männlich und ist kaum Frau. Schönes Pech. Sie bewohnt eine andere Kabine natürlich. Sie reist seit 6 Monaten auf die gleiche Art und Weise wie ich, und sie hält es gut aus, was viel von ihrem Wesen verrät. Wir vertragen uns ansonsten gut. Ich bin halt ein umgänglicher Mensch !
Heute gegen 16 Uhr werden wir den Äquator überschreiten oder besser überqueren. Es regnet leicht. Zum Wochenende werden wir in Djakarta sein.

Der Schreibblock geht sehr schnell zur Neige. Nicht nur, weil ich von vorne schreibe, sondern weil ich die Blätter von hinten für andere Zwecke benutze. Du weisst ja, was das für eine Hetze in Singapore war.

Ansonsten haste ja genug zu lesen. Viele Grüsse an alle!

Also, auf wiederschreiben!

Dein Hans



Im Hafen von Djakarta, an Bord der Duren,
13. 5. 68

Liebe Mutter!

Am Samstag sind wir hier angekommen, da war die Hafenbehörde schon geschlossen. So liegen wir bis Montagmorgen hier vor Anker und warten darauf, dass die Behörden wieder aufmachen und wir endlich an Land können. Das gibt es nur in Asien ... dass solch ein grosser Hafen übers Wochenende Ferien macht.
Jetzt ist Sonntagnachmittag 3 Uhr, und ich sitze hier gelangweilt in der Offiziersmesse; es ist ja sowieso schon lange her, dass ich Sonntags in einer Messe war.

Bei Dir ist es jetzt 8 Uhr morgens, und da ich mir nicht recht vorstellen kann, dass Du zu den Langschläfern übergewechselt bist, wähne ich Dich, und wenn Harald übers Wochenende nach Hause gekommen ist, Euch am Frühstückstisch.

Ich habe die Zeit nach dem Essen mit dem Studium einer Weltkarte begonnen und kam gerade zu dem Ergebnis, dass ich jetzt seit Deutschland an die 40.000 km zurückgelegt habe. Ausserdem bin ich Dir in Deutschland nun um 7 Stunden voraus.
Wo wir gerade bei Schwindel erregenden Berechnungen sind, Indonesien ist auf meiner Reise das 21. Land und das 32. in meinem Leben. Hach, wie sexy sind doch statistische Zahlen! Da ich inzwischen beinahe unter die Seeleute gegangen bin: Unsere augenblickliche Position ist Süd 6° - 4Min 41 Sek/Ost 106° - 52 Min 41 Sek, das bedeutet, dass ich jetzt über den Äquator gerutscht bin und, falls ich mich hier aufrecht stelle, um ungefähr 58° Grad schiefer stehe, als ich in Krefeld aufrecht stünde.
Das ist auch der Grund, warum der Mond nachts so lustig auf dem Rücken liegt und auch, warum ich hier einen ganz anderen Sternenhimmel sehe, als zu Hause. Interessant, nich?!
Ganz nebenbei, und zu Deiner Beruhigung: Solltest Du jemals einen Brief von mir aus Neuseeland erhalten, so bedeutet das, dass ich dann, wohin ich auch fahre, immer auf dem Heimweg bin. Weiter weg geht’s dann nicht mehr, und Neuseeland ist schon gar nicht mehr so weit weg von hier. Da siehst Du mal wieder, wie klein unsere Erde ist ! So, das waren blödsinnige Betrachtungen am Rande eines schwülen, faulen Sonntagnachmittags.

Bevor ich Dir jetzt genauer erzähle, wie ich hierher gekommen bin, will ich noch mal schnell Deine letzten Briefe aus Singapore aus den Tiefen meines Rucksacks hervorkramen und erst auf diese eingehen. Entschuldige mich also einen Moment, bis zu meiner Kombüse sind es immerhin 7 Meter hin und 7 Meter zurück.
So, da bin ich wieder zurück („Junge, du musst ordentlicher werden,“ mahnte es gerade in meinem Gehirnkastel, als ich Deine Briefe nicht, wie fälschlich vermutet, unten rechts zwischen der sauberen Wäsche, sondern mehr oben links zwischen Arzneikästchen und Badebüchse auffand.)

Also : Harald hat eine Bude bezogen und ist ins Studentenleben eingetreten. Das ist schön!
Ich hoffe nur, dass er keine Zeit zum Demonstrieren findet. Studenten sind so’ne Typen, die auf unsere Kosten rumfaulenzen und dann auch noch Unruhe stiften. Die sollen lieber was schaffae ...
(Habt Ihr noch nicht an die Möglichkeit gedacht, dass Harald seine Studentenbude aufgibt und, so wie ich in Indien, im Wagen wohnt ? Er könnte dadurch Geld sparen, gehörte zu den so genannten „beweglichen Geistern“ und, bei bescheidenen Ansprüchen, kann man so einen Wagen ja gemütlich einrichten).
Dass er trotzdem 70,- DM aus Frankfurt für mich mitgebracht hat, das ist auch schön!
Dass Du Volker einen argen Faulpelz nennst, ist nicht schön!
Dass Du dabei bist, „auch wieder etwas“ für Deine Gesundheit zu tun, ist schön !
Man kann ja richtig ins Schleudern kommen, bei soviel Kinderkriegen in unserer Verwandtschaft. Im Kaffeeklatsch-Kreise kannst Du berichten, dass ich bei vorsichtiger Schätzung bis jetzt in 21 Ländern etwa 7 Kinder habe, 4 davon schlitzäugig und 3 mit analphatischen Müttern.
Und jetzt kommt Bali !

Meine geliebte Bangkok Touristin Steffi hat Dich angerufen und Dir sicher inzwischen auch meine Souvenirs zugeschickt. Sie ist ein liebes Mädel und schön. Komm mir bloss nicht auf die Idee, mir abends mein Opium wegzurauchen !
Ist die tolle Kette aus Tibet eingetroffen, die ich einer süssen Berlinerin mitgab?
Gottseidank sind auch die Souvenirs die ich den Frankfurtern mitgab angekommen. Da ist also eine kleine indische Tuchmalerei dabei, die auch der Walter kennt. Sollte Walter noch mal im Lande sein, gib sie ihm bitte. Wenn er noch Geduld mit mir hat, so zieht er sie auf und bepinselt sie mit farblosem Lack. Dann ist da eine kleine Bronzefigur eines krabbelnden Kindes, das eine Kugel in der einen Hand hält. Das ist der kleine Hindugott Krishna als Kind, wie er gerade seiner Mutter eine Kugel Butter klaut. Das ist eine der lieblichsten Gottesdarstellungen Indiens, ein sog. Lalschi. Die Figur ist sehr alt, wie ich annehme und mir sehr viel wert. Wenn Rolf noch mal vorbeikommt, so gib sie ihm bitte zur Aufbewahrung, bis ich zurückkomme. Die anderen Sachen bitte in Deinen Räumen oder bei Harald oder Helga an den Wänden verteilen.
Leider konnte ich ihm in Bangkok nichts mehr kaufen, da man bei Übertritt von Thailand nach Malaysia an der Grenze mindestens 150 US Dollar vorzeigen muss. Das ging bei mir sehr knapp. Ich hatte 154 Dollar in der Tasche.
Dass ich Omis Geburtstag vergessen habe, lag daran, dass ich den Brief mit Deiner Erinnerung zu spät bekommen habe.
Die Zeitungsausschnitte über Nepal und Wagenverkauf habe ich bekommen.

Stand der Dinge: Nach meiner Schätzung bis Ende Mai Bali, danach bis ungefähr 10. Juni Timor nach Darwin, hoffe auf einen Berg Post. Adresse dort: H.H. General Post Office Darwin, N.T. Australia.
„Busch“ in Australien bedeutet soviel wie „ausserhalb von Städten“, nicht, wie Du falsch annimmst, Wald oder gar Dschungel. Alles was dort herumhüpft, sind Kängurus, die so gefährlich sind wie Haralds Auto!

So viel also zu Deinen Singapur Briefen.

Inzwischen ist es Nacht geworden, und der Generator, der Elektrizität zauberte, ist nicht mehr. Bei einer winzigen Ölfunzel schreibe ich jedoch noch ein wenig weiter, da ich bei dieser Affenhitze kaum einschlafen kann. Ich habe hier in meiner Kabine reichlich Gesellschaft von schätzungsweise 436 Kakerlaken, die das bescheidene Format zweier ausgewachsener Maikäfer haben, existieren so seit 100 millionen Jahren, stolze Tiere also und mit Recht, sehr harmlos und liebenswert, wenn man nicht gleich 5 davon auf dem nackten Leib im Bett hat wie gestern Nacht. Hi, grad wieder eine am Bein, am linken !

Da zähle ich gerade nur noch zwei Blätter auf’m Block. Das hat man davon, wenn man soviel daherschwatzt.
Von Kuala Lumpur aus hatte ich einen guten Autostoppertag bis Singapore, wo ich am Abend im Regen ankam. Dort traf ich dann einen „Kumpan der Strasse“, der sich im Sikhtempel neben mir auf den Boden niederliess, zur Nachtruhe. Weiter draussen in der Chinesenstrasse brannte gerade ein kleines Haus gemütlich bis auf die Grundmauern nieder, als er mir ganz nebenbei erzählte, dass er jetzt durch einen grossen Zufall ZWEI freie Reisen mit dem Schiff auf einmal habe. Er hatte der zweiten gerade heute zugesagt und wollte am anderen Tag die erste absagen.
Da spitzte ich die Ohren, schon wegen dem Lärm auf der Strasse und arbeitete mit ihm zusammen einen Kriegsplan aus, wie ich es anstellen könnte, seinen Namen von der Passagierliste zu streichen und meinen dafür einzusetzen. Die Ausführung des Plans am naechsten Morgen kostete einiges an Energie und an Taxikosten von Botschaft zu Immigrationsbüro, zum Schiffsbüro, zurueck zum Tempel, zur Post ...
Doch stell Dir vor: Nachdem alles geregelt war, verabschiedete ich mich von diesem Knaben in der Eile irgendwo nahe Post, doch etwas hatte ich vergessen: mir die Adresse des Schiffsbüros aufzuschreiben ! Nun, da ich mich von ihm verabschiedet hatte, stand ich allein an einem ganz anderen Ende der Stadt und er war in der Menschenmenge verschwunden. Es war 11.45 Uhr, und um 12 sollte ich dort sein, aber wusste weder Strasse noch Namen der Agentur! Eine Minute lang totale Panik. Aber dann kommt die wohl grösste Leistung meines nun als Wunderbegabung bewiesenen Ortsgefühls: Ich bestieg ein Taxi in wütender Verzweiflung, denn ich hatte meine freie Reise schon schwinden sehen, jagte es zurück zur indonesischen Botschaft, von wo aus wir am morgen bei strömendem Regen zur Schiffsagentur gestartet waren. Singapore, ein Gewirr von Strassen und Gassen ... Wie ich mir das merken konnte, weiss ich nicht, denn bei der ersten Fahrt hatte ich mich in der Freude des gelungenen Streiches ständig mit meinem Freund unterhalten und garnicht auf die verregneten Strassen geachtet. Doch, um das stinkende Eigenlob zu beenden: Ich weiss nicht wie, aber um 12.05 Uhr dirigierte ich den perplexten Fahrer an einem Haus vorbei, und meine Nase juckte: hier. Nach wilder Kreuzfahrt sah mich der chinesische Taxifahrer schräg an, als ich ihm freudig einen Dollar Trinkgeld gab und noch rechtzeitig beim Schiffsagenten eintrudelte. Eine halbe Stunde später stachen wir in See. Mensch Meyer, das werde ich nie vergessen!

Das Schiff selbst ist ein kleiner Dampfer, ein ausgedienter polnischer Frachter, schon verrostet. Die Mannschaft, 32 Mann, sind sehr nette Leute, vor allem die Offiziere, junges Volk meist. Sie pflegen mich seit 9 Tagen nun wirklich rührend. 3 Mahlzeiten am Tag und zwischendurch Tee.
Die Fahrt ging zuerst nach Dumai, einem winzigen Ölhafen an der Ostküste Sumatras, wo wir drei Tage vor Anker lagen, bis unser Schiff entladen wurde. Dort hatte ich auch Gelegenheit, einige Stunden von Bord an Land zu gehen und das Leben in einer sehr armen, kinderreichen Kleinstadt auf Sumatra zu beriechen. Dort traf ich auch einige Europäer, meist Engländer, die für eine grosse Holzfabrik in Holland arbeiten, bei denen ich dann auch eine Nacht im Waldlager verbrachte. Von Sumatra ging es dann wieder nach Süden, durch eine spiegelglatte Südsee, an hundert kleinen Inseln vorbei. Das Leben an Bord war, wie meist auf Schiffen, sonst wenig abwechslungsreich; ich schrieb viel, spielte Schach mit dem Kapitän, lungerte stundenlang auf der Brücke herum, sah beim Funker, Steuermann und bei der Navigation zu und verbrachte viel Zeit in meiner Koje, im Kampf mit Kakerlaken und Bücher lesend.
Mein Reisegeld für Indonesien habe ich vorweg in Singapore gewechselt auf dem Schwarzmarkt. Dadurch habe ich es fast verdoppelt. Die 60 Dollar, die ich gewechselt habe, werden bestens reichen. 1 Dollar pro Tag plus einige schöne Souvenirs, wenn’s gut geht. Leider, leider sind mir wieder die Filme für die Minox ausgegangen. Einige Dollars habe ich mir noch für Australien aufbewahrt, damit ich mich dort bis zu der ersten Arbeitsstelle über Wasser halten kann. Und dann geht es ernsthaft ans Millionär werden. Optimismus steht quer über meiner Fahne, und Du wirst sehen, es geht alles gut.

Soviel für heute. Morgen schreibe ich auf der Botschaft noch schnell einige Zeilen dazu, und dann geht der Brief sofort auf die Luftreise!


14. 5. 68

Wieder denkste! Kam am Montag zu spät vom Schiff weg und gerade noch zurecht, um das Schlusslicht des letzten abfahrenden Botschaftswagens zu sehen. Ab 14 Uhr geschlossen ! Die haben’s Gut.
Jetzt ist also Dienstagmittag, und ich hab endlich die Post: einen Brief von Walter, einen von Frank Baier und auch von Dir, auf den ich ganz kurz eingehen will, bevor ich zur Post rase :
Ich fahre morgen gleich weiter durch Java, da es hier in Djakarta kaum Reizendes gibt. Gut, dass Du alle Souvenirs hast. Jetzt fehlen nur noch einige aus Katmandu, die ich einem Geologen in Thailand in die Seekiste gesteckt habe : Horn mit Schriftzeichen, Tschang-Holzflasche und Kupferkrug aus Tibet. Tolle Sachen !
So, nun aber endgültig zur Post mit dem Brief!

Sei lieb umarmt und vielmals geküsst von

Deinem Söhnchen.

P.S.
Die ersten Beträge auf meinem Konto gehören Dir zur Rückzahlung Deiner , mein Gott, 350,- DM. Ich wohne noch auf dem Schiff. Das Visum für Portugiesisch Timor war unerwartet teuer.
Und bitte, bitte, pflege Dich !



Bali, 23. 5. 68

Liebe Mutter!

Endlich bin ich in Bali.
In der letzten Woche habe ich wieder so viel gesehen und erlebt, dass ich es gar nicht mehr glauben kann, dass ich erst 10 Tage in Indonesien bin. Von Djajarkta fuhr ich gemütlich durch Java, durch ein herrliches Treibhaus mit vielen armen Menschen. Stellenweise werde ich an die Zustände Indiens erinnert. Doch die Menschen sind einzig. Ich habe unverhofft wohl das schönste Land und die schönsten Menschen auf der ganzen Welt gefunden, und das will nach alldem, was ich gesehen habe, etwas heissen. Die besten Frauen sind es jedenfalls, sicher.
In Zentraljava, in Jogjakarta, traf ich dann zwei deutsche Maler, mit denen ich mich angefreundet habe. Beide ganz grossartige Burschen, aus Nürnberg, die das gleiche Studium wie ich hinter sich haben. Sie sind seit 2 Jahren unterwegs, haben fast die gleiche Route wie ich gemacht, waren sogar am Everest. Der Unterschied zu mir ist, dass sie weniger gereist sind und mehr gemalt und gezeichnet haben. So ist es ihnen gelungen, in Bangkok mit Hilfe der Deutschen Botschaft eine Ausstellung ihrer Aquarelle und Zeichnungen zu machen, die wirklich erfolgreich war. Sie wurden weitergereicht und haben seither in jeder Botschaft in Kuala Lumpur und in Djakarta eine Ausstellung gehabt und sehr gut verkauft. Und ihre Sachen sind wirklich klasse. Innerhalb von wenigen Tagen sind wir dicke Freunde geworden und zusammen nach Surabaja gefahren. Da der eine noch etwas in Java bleiben möchte, fuhr ich mit dem anderen, Gert, nach hier. Ich staune nun täglich, welche grossartige Verbindungen, Empfehlungen und Adressen sie hier haben. So leben wir jetzt zum Beispiel bei einem einheimischen Maler im Atelier. Für die nächsten Tage sind wir bereits wieder eingeladen, ein tolles Haus am Meer zu bewohnen. Toll, toll ! Das wird mir gestatten, einige Wochen hier zu bleiben und selber wieder etwas zu arbeiten, bevor ich weiter fahre.

Bali ist einfach wieder ein Höhepunkt einsamer Klasse. Wenn ein Platz überhaupt etwas an Inspiration zu bieten hat, so ist es Bali. Schon nach den zwei Tagen, die ich jetzt hier bin, häufen sich die Eindrücke nur so. Tempel an jeder Ecke, Farben und Vegetation, Tanz, klassische Musik, Theater, religiöse Riten von bezaubernder Schönheit. Mit weinendem Herzen muss ich schon jetzt daran denken, dass ich diesen Platz viel zu früh wieder verlassen muss, um meinem Geldmangel ein Ende zu bereiten. Ich konnte mal wieder nicht an so vielen herrlichen Dingen vorbeigehen, habe mir Batiken und Schattenfiguren gekauft. Etwas unvorsichtig vielleicht, doch auf jeden Fall einzigartig. Doch Du kennst das ja, Optimismus geht nie unter.
Durch die Begegnung mit Gert und Werner bin ich wie aufgestachelt, selber wieder etwas zu schaffen, nicht mehr nur einsaugen. Mein Geburtstag war ganz nett im Kreise von Gleichgesinnten. Da ich ziemlich sicher mindestens zwei Wochen hier bleibe, kannst Du mir jetzt doch einen Brief nach hier schreiben. Aber wie gesagt, nur einen. Du wirst dann weiteres von mir hören. Schreibe bitte an

Hans Höfer, d/a Bangbang Soegeng
desa Tandjung-Bungkak
Djl. Sanur
DENPASAR, Bali Indonesia

Wir schlagen vorerst unser Ausgangslager hier in der Hauptstadt auf und verziehen uns dann tageweise ins Landesinnere.
Ich werde Dir das alles aber dann sehr ausführlich beschreiben, dann wirst Du besser verstehen, was mich so begeistert und gepackt hat. Gestern sagte Gert: „Wir sind wieder heimgekehrt!!“ Er spielt damit auf unsere gemeinsamen Schwärmereien über Nepal an, und es stimmt, Nepal und Bali haben sehr viel Gemeinsames. Schon jetzt aber glaube ich, dass dieser Platz alles übertreffen wird.
Ich habe kaum Zeit, selbst diesen kurzen Brief zu beenden. Inzwischen ist schon wieder ein Tag vergangen. Keine Nacht kam ich vor 3 Uhr ins Bett. Im Augenblick ist hier ein Festival. Die Tempelzeremonien dauern bis in die Nacht. Obwohl schon Touristen hier sind, sieht man sie kaum, Gottseidank. So waren wir bis jetzt die einzigen Ausländer bei den Tempelzeremonien. Da man nur in den traditionellen balinesischen Gewändern die Tempel betreten kann, laufen wir hier in farbigen langen Röcken und Blumen im Haar herum, weil es eben die Tradition so verlangt!
Es ist angenehmes Klima, nicht zu heiss. Alles eben ideal. Wie ich eben erfahre, beträgt die Miete für einen Monat für einen 3 x 3 Meter Raum 3,- DM. Da eine Frau für uns kocht, kostet das Leben pro Tag etwa 2 DM. Ich werde jetzt mal ausrechnen, wie lange ich für einen Fernsehapparat hier leben könnte. – Eben kam Herr Gerstenmaier vorbeigefahren. Ich habe ihn aber versäumt, da ich mich gerade am Ziehbrunnen hinterm Haus gewaschen habe. Zu schade! Den hätte ich gut um Entwicklungshilfe fragen können.
Hab keine Sorgen um mich, ich lebe wie ein Prinz. Viel Liebe sendet Dir aus dem 7. Himmel

Nichts Wertvolles in Briefe einlegen! Briefe werden fast alle geöffnet.

Dein Hans


"Kaffeklatsch" with Bangkok


Bangkok, den 10.04.1968


Liebe Mutter!


Seit vorletzten Montag, als ich Dir von der Botschaft aus Deine Post bestätigt habe, sind nun wieder einige Tage vergangen, die ich meist mit Schreiben und Faulenzen ausgefüllt habe. Doch heute bist Du wieder dran mit einem Brief. 


Du weißt ja auch inzwischen, dass ich darauf verzichtet habe, durch Süd-Laos bis nach Kambodscha zu pirschen, durch böses Feindesland; ich bin lieber kein Held und verzichte auf das Risiko, durch pures Pech in eine missliche Lage mit den aufständischen Pathet Lao oder mit wem auch immer, zu geraten. Dass ich da Deine volle Zustimmung habe, weiss ich ohne Nachfrage. So werde ich mir die herrlichen Tempelruinen von Angkor Watt aufsparen für später mal. 


In der Zwischenzeit hat sich ja die Lage hier unten etwas verbessert, doch jetzt noch einmal zu starten, habe ich inzwischen auch verworfen. Jetzt würde es mir zu lange dauern, und ausserdem spare ich mein Geld für einen intensiveren Besuch ganz Indonesiens. Wollte ich mir alles hier in Thailand und Kambodscha ansehen, käme ich wohl nie nach Australien. Mein Visum für Thailand läuft am 20. April ab. So muss ich also am 20. nach Malaysia übersiedeln. 


Deinen Scheck habe ich nach anfänglichen Schwierigkeiten dann doch eingelöst, habe jetzt also wieder Geld im Gürtel, wo ich es aufbewahre. Also am 16. verlasse ich Bangkok, was bedeutet: Schreibe jetzt nicht mehr nach Bangkok, sondern nach Singapore, General Post-Office, poste restante. Dort werde ich wohl um den 25. herum eintrudeln. 


So geht es also am Jahrestag meiner Abreise von Krefeld mit Volldampf nach Australien. Unterwegs will ich mich auf irgendeiner Südseeinsel niederlassen, vielleicht für 1 -–2 Wochen. Bali hört sich da ja nicht schlecht an, muss aber erst rausfinden, wie es wirklich dort ist. 


Ich habe mich damals in Kathmandu mit einem jungen Österreicher aus Wien abgesprochen, dass wir den letzten Teil der Reise gemeinsam machen wollten. Er ist im Augenblick noch in Laos, ich denke jedoch, dass er bald hier eintrudelt. Er ist ein rechter Wiener und ein lustiger Bursche. Als ich ihn damals in Kathmandu traf und ihm vom Everest erzählte, ist er gleich mit Tsering, unserem Sherpa, die selbe Route nachgetigert.


Helga hatte mir einige Aufnahmen von der Hochzeit geschickt. Sie sah ja ganz entzückend aus in ihrem Kleid. Dich habe ich leider nur einmal auf dem Bild, aber Du versprachst mir ja, bald noch einige andere zu schicken. Harald scheint inzwischen dicker, aber bester Laune gewesen zu sein. Und die Ringe glänzen. Ich wünsche den Beiden ja so von Herzen, dass sie glücklich werden. Öffne Dich auch Heri ganz, es ist so wichtig für die Beiden, und betrachte ihn mit Deinem Herzen als Deinen Sohn. Du schreibst sehr wenig von Heri’s Pekelsheimer Familie. Sicher war das Zusammensein mit ihnen etwas verkrampft, ich könnte mir das vorstellen. Zu gerne hätte ich auch die Rede von Onkel Fredi mitgehört. Er ist ja Meister des gewaltigen Wortes, und ich erinnere mich an seine Reden zu anderen Anlässen.

 

Du schriebst auch von einem Besuch bei Ladwigs und dass Onkel Fredi sich sehr für meine Reise interessiert. Das freut mich doch sehr, jedoch liess es mich auch viel über mein Verhältnis zu ihm nachdenken und darüber hinaus an mein Verhältnis zu meinem Vater. Durch irgendeine Diskussion über die Nazi-Zeit, die sicher von meiner Seite zu aggressiv geführt worden war und die schon ewig lange zurückliegt, wurde unser gegenseitiges Verhältnis in eine ungute Richtung gelenkt. Die jeweiligen weiteren Besuche in Benrath und die Gespräche danach haben unterschwellig auf die vorhergehenden aufgesteckt, und eigentlich war von beiden Seiten wohl kein recter Wille zu einer herzlicheren Verständigung vorhanden. So muss ich mir eingestehen, dass ich nie richtig glücklich war in Ladwigs Sessel, wie ich es bei all meinen anderen Onkeln gewesen bin, vor allem bei Onkel Josef.

 

Dazu kommt, dass er auch noch Doktor Onkel jur., der erfolgreiche bei Henkel war, der prüfende Blick zu meinen mageren Schulleistungen usw. usw. Es ging auch anderen Sprösslingen der Familie so. Ich erinnere mich gut an Vetter Klaus ; aber der hat’s dann mit einem Mal gefunden, das rechte Rezept der Anerkennung. Es ist nun nicht so, dass eine Anerkennung für mich sooo wichtig wäre, denn im Grunde sind unsere Ansichten wirklich sehr verschieden, doch zumindest wäre eine Verständigung wünschenswert.


 Und im Grunde genommen habe ich den alten Knacker doch sehr gerne. 

Also auf, Hänschen, räume Deine Komplexe beiseite, und schwinge die Mine zu einem richtig schööönen Brief, über den man sich dann auch ganz begeistert äussert und sich zunickt: siehst Du, soo ist der Junge ja gar nicht… Gleich morgen fang ich damit an, oder vielleicht übermorgen, oder ganz bestimmt bald oder demnächst.

 

Gestern traf ich einen Schweizer, der fast genau die gleiche Ausbildung hatte wie ich. Er ist mit seinen 28 Jahren Manager einer Werbefirma und lebt auf grossem Fuss. Gestern Abend haben wir uns bis in die Nacht hinein über die Arbeitsweisen usw. unterhalten, und er sagte mir, ich solle unbedingt hier bleiben. Der Haken an der Sache ist nur, dass die Agenturen einen Kontrakt für gleich zwei Jahre machen wollen, was mir wiederum nicht passt. Der Verdienst nach einem Jahr ist 2400 DM im Monat, was bei dem hiesigen Lebensstandard ein Vermögen ist. (Die Miete für ein Haus im Thai-Stil ist 800 DM, Koch und Diener eingeschlossen).


Meine Pläne haben sich jedoch inzwischen anders eingependelt. Jetzt geht es mit Volldampf nach Australien, wo ich zuerst einmal im Busch als Malorcher arbeiten werde, um mir eine gute Ausstattung und etwas Geld zu verdienen. Habe ich dann einiges Geld zusammen, geht es sofort nach Sydney, wo ich schon jetzt einige Bekannte habe, sogar in einer Werbeagentur. Doch ich habe keinesfalls vor, dort zu bleiben. Sobald ich dort mal rumgeschaut und mir genügend Geld zusammengespart habe, geht es weiter über Neu-Guinea, Borneo, die Philippinen, Korea, Formosa, Japan und von dort mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Deutschland. Wie lange ich also in Australien bleibe, liegt an vielem, vor allem daran, wie ich als Werbegrafiker dort einschlage. Keinesfalls jedoch bleibe ich danach in Deutschland. Für zwei Jahre höchstens. Es gibt da noch viele andere Länder zu sehen. Aber Du weißt ja, wie das so mit Plänen ist und wie schnell sie sich ändern können. Doch heute, nach einem Jahr Reisen, kommt es mir so vor, als hätte ich noch nie besser gewusst, was ich will.


Ich bin gespannt, ob sich die Bundeswehr noch einmal meldet. Wie ich mich erinnere, habe ich meinen Wehrpass noch in einer Schublade. Ich glaube, es wäre ganz gut, ihn zurückzugeben, mit der Bemerkung, dass ich mich im Augenblick bei halbnackten Mädchen auf Bali befinde, oder anders formuliert, dass ich auf dem besten Weg nach Australien bin. Du erinnerst Dich sicher, dass ich bis zu Haralds Entlassung freigestellt wurde ...


Ich bin sehr gespannt, ob die Zeitungen sich für meine Berichte interessiert haben, wenn nicht, ooch juut. Dann schreib ich es halt demnächst wieder nur für Dich und für die, die es spaeter interessiert.

Inzwischen könnte ich schon wieder zwei weitere Berichte über meine Rundreise hier in Südostasien schreiben, vor allem über mein Erlebnis mit den Bergvölkern. Apropos Völkern. Der Volker scheint entweder sehr in seinen Abschluss verwickelt, oder er ist wirklich von zäher Schreibfaulheit befallen. Menschenskind, ich würde wirklich gerne wissen, was sich da so in der Schule tut. Hast Du mal irgendwen von meiner alten Klasse getroffen? Sicherlich treffen sich einige von ihnen bei Herbst-Pitter. Mach 

mal den Vorschlag, mir vom Biertisch aus einen gemeinsamen Brief zu schreiben, da kommen einem ja meist die albernsten Gedanken.


Von Peter habe ich inzwischen einen Brief erhalten, der mich jedoch etwas sauer gemacht hat. Da fährt der Bursche über ein halbes Jahr durch die halbe Welt und schreibt mir kaum zwei Seiten. Ich hätte sehr gerne etwas ausführlicher über die Einzelheiten seiner Reise erfahren, aber da schreibt er, er wüsste nichts Besonderes mehr zu berichten. Det vasteh ik nich! 


Volker soll doch bitte meine Malereien aus Tibet einmal mit in die Schule nehmen und die Dozenten befragen, wie man sie vor weiterem Verfall schützen kann. Oder, falls Du den Walter zu Gesicht bekommst, gib sie ihm. Sicher zieht sie Walter gern für uns auf und bastelt einen Rahmen. Wir hatten uns damals darüber unterhalten, wie. Ich vertrau dem Dicken ja völlig. Sicher findet sich ein Platz bei Dir oder in Haralds Bude zur Aufbewahrung fürs Hänschen.

 

Wie fühlt sich Harald denn jetzt? Das ist ja doch eine Umstellung, die Selbstkontrolle verlangt. Ich halte alle Daumen für seinen Erfolg.Dass ich Dir über so viele Kilometer so sehr auf der Tasche liege, macht mich trübe. Aber bei der ersten Gelegenheit werde ich Dir das ausgelegte Geld zurück bezahlen.

 

Das war mal ein richtiger Kaffeeklatschbrief vom Höckske auf et Stöckske. Ich könnte mich so noch ‚ne Weile dranhalten, doch mein Schreibblock geht zu Ende.Jetzt gehe ich wieder mal so eine geheimnisvolle chinesische Platte essen: 60 Pfg., gebratene Nudeln mit getrocknetem Viehzeug aus dem Meer und allerlei Geheimzutaten. Mit Essstäbchen bin ich inzwischen perfekt, könnte damit Spaghetti mit Tomatensosse rollen. 


Ich hoffe, dass es Dir und meinen Geschwistern gut geht und umarme Dich für heute wieder 


Dein Hans



Ich habe eine schöne Briefesammlung vom ersten bis zum letzten Brief, die ich im letzten Jahr erhalten habe. Du sammelst ja meine sicher auch ?




Bangkok, den 23. 4. 68 


Liebe Mutter!



Morgen also werde ich Bangkok endgültig verlassen, fahre nach Malaysia zurück. In Kuala Lumpur werde ich mein Arbeitsvisum für Australien auflesen.

Mir geht es natürlich, wie immer, bestens. Die Frauen hier sind wirklich wahnsinnig Klasse. Damit ich nicht vollends hier bleibe, gehe ich schnell von hinnen, sonst wird nie ein Erfolgsmensch aus mir.

Was ich auf meiner letzten Rundreise an Gewicht ausgeschwitzt habe, habe ich mir inzwischen wieder angegessen. Ansonsten genoss ich ein ausgesprochen süsses Leben. Frech, wie ich geworden bin, bewege ich mich in Super-Hotel-Hallen, spiele den selbstbewussten Geldmenschen und schlängle mich so bis in die exklusiven Swimmingpools vor, ohne Geld natürlich. Dort tummeln sich viele nette und fette Menschen, teure Touristen, und man sagt mir, höre und staune, Erfolg bei deutschen Touristinnen nach. Auch mal ganz schön. Vielleicht hast Du inzwischen schon einen Anruf erhalten, aus Berlin, Saarbrücken oder Wanne-Eickel, da ich den Damen ans Herz gelegt habe, mal Mutter Henny anzurufen und nur Gutes von mir zu berichten. Einige Souvenirs sind auch unterwegs: eine Buddhafigur aus einem winzigen Tempel aus Laos. Ein Ring aus Tibet, gekauft von einem Bergmenschen im Himalaya. Eine Original Opiumpfeife (Opium im Pfeifenkopf) von den Bergstämmen. Dann eine Wahnsinns-Kette aus Tibet – Türkise, Silber, Gold, einmalig. Der kleine silberne Spiess wurde aus dem Körper eines Thaipussam-Tänzers gezogen und mir als Andenken überreicht. Das wird dann alles demnächst bei Dir eintrudeln, so hoffe ich, und meine kunterbunte Sammlung ergänzen. Meine Lederjacke ist übrigens auch mit einem Engländer unterwegs zu Dir. Wenn diese Sachen ankommen, vergiss bitte nicht, sie mir zu bestätigen. Dass Filme angekommen sind, ist schön. Volker soll sie doch kurz begutachten. Vielen Dank für den Zeitungsartikel. Da hat ja einer lustig gesponnen.

Harald ist also inzwischen Student. Auch gut.

Weißt Du etwas von Walter?


Um eine Verlängerung für mein Visum zu bekommen, musste ich eine Zug-Fahrkarte lösen. Morgen fahre ich also mit dem Zug nach Alorstar in Malaysia. Dann bin ich endlich wieder auf Achse. Lange werde ich mich jetzt nicht mehr in Singapore aufhalten, daher schreibe von jetzt ab nach Djakarta/Indonesien und zwar wieder zur German Embassy. Wie und wann ich dort ankomme, werde ich Dir dann noch schreiben. Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Ich würde sehr gerne durch ganz Sumatra reisen, was etwas abseits liegt und wo sehr wenige Leute durchgefahren sind. 


Onkel Otto hat mir auch geschrieben und zwar vor Ostern noch, in Erwartung Eures Besuches. Schreib mir doch mal ausführlich, was Du inzwischen von ihm weißt. Er schrieb mir so was von einem Brand und von Pleite, da nicht versichert. Das gibt es doch gar nicht, dass so eine Fabrik nicht versichert war!!! Aber wer weiss, bei Onkel Otto scheint so viel möglich oder unmöglich. Es wäre ja nicht zu fassen, wenn es stimmen würde. So ein Pechvogel! Er trug mir auf, etwas für ihn zu kaufen. Das geht jetzt auch nicht. An der Grenze nach Malaysia müssen alle Leute mindestens 150 Dollar vorzeigen. Mein Betrag bei Grenzübertritt ist 152 Dollar. Scharf kalkuliert. 

Von Indonesien weiss ich sehr viel inzwischen, nicht nur, dass es ein Elendsstaat wie Indien ist und dass dort oft Post verschwindet, sondern vor allem, dass es ungeheuer billig ist. Für einen Dollar bekomme ich in Singapore 300 Rupiahs. Ein Mittelhotel kostet 20 Rupiahs. Eine Mahlzeit Marke Hans Höfer 10 – 15 Rupiahs. Das wird ein Leben! Bali ruft schon gewaltig. Beim Sturm war ich natürlich schon längst weg. 

Ich hoffe, dass Du wenigstens alle Post von mir bekommen hast. Aus Singepore oder von unterwegs lasse ich wieder von mir hören. Ich starte also zur letzten Etappe und wünsche mir selber viel Glück.

Mach Dir keine Sorgen ums Hänschen!


Für heute drücke ich Dich ganz herzlich,

Dein Hans


Dass Du Dir den Lichtbildervortrag angeschaut hast, ist richtig schön. Hast Du Dir auch die Bücher mal besorgt?

Gleich noch ein Buchvorschlag: „Wo die Berge jung sind…“ Han Suin

(über Nepal)


PS. Abends: Was plötzlich in die thailändische Post gefahren ist, mag der liebe Himmel wissen. Erst vorher bekam ich noch Deinen Brief vom 26. März. Er war, wie ich aus dem Stempel ersehe, schon Anfang April hier, brauchte dann jedoch so lange bis zur Botschaft. Jetzt ist also Dein letzter Brief schon wieder einen Monat alt, und beruhigen tut’s mich wenig, dass Du keine 100 Pfund mehr wiegst und Dich elend fühlst. Ich will Dich noch einmal ganz inständig bitten, Dich für uns gesund zu erhalten und Dich selber zu pflegen. - Ich hoffe sehr, dass das mit Deiner Kur klappt !

 

 

Kuala Lumpur, 27. 4. 68

Lieber Rolf!

 

Da haben sich unsere Briefe gekreuzt, falls Dich mein letzter aus dem Norden Thailands überhaupt erreicht hat. Das segensreiche Ord­nungs­prinzip eines Briefwechsels: Du-eins-ich-eins-Du…, lässt sich durch meinen augenblicklichen Lebenswandel sowieso kaum einhal­ten, daher ist heute halt wieder „ich-eins“ dran. So frage ich mich jetzt wieder, wo zum Teufel sind die letzten vier Wochen geblieben?

 Zuerst habe ich mal wieder saumässig Glück gehabt, beim Tramp zurück nach Bangkok. Dort sind Elendsstrassen, Sand, Staub und Windstille, doch haarsträubender, haarstäubender Verkehr, Lastwa­gen, die irgendein amerikanisches Heerlager mit Nützlichem versor­gen. Solch ein Dreier-Konvoi las mich auf von der Strasse. Zuerst verreckte meinem das Getriebe, daher stieg ich auf den zweiten um. Dieser über­nahm die Spitze im Rennen nach Stunden- und Kilometergeld. In einer besonders staubigen Kurve dann hatte sich eine träge Büffelherde im Staub verlaufen. So ein Büffel ist zwar dick und schwer, aber der Last­wagen Marke Chevrolet natürlich auch. Während sich der Büffel zu seiner nächsten Inkarnation vorbereitete, half ich die Scheinwerfer und Stossstange richten. Ich stieg nicht, wie mir angeboten wurde, in den dritten Lastwagen um, und das war oben genanntes Sau-Glück, denn eine halbe Stunde später landete jener dritte am Baum, der sich als noch härter herausstellte. Eine Kommentierung dieses Ereignisses würde weiss Gott zu weit führen, daher sehe ich davon ab. Jedenfalls meinte Stiffi, eine Neckermann Touristin in Bangkok, an die ich mich in meiner Frühlingsbrunst heranmachte, dass ich „ja richtig gefähr­lich“ leben würde.

So lebe ich also weiter und, wie gehabt, nicht schlecht.

In Bangkok eingetroffen, bekam ich Deinen Brief und rundherum viele Neuigkeiten, die nun schon wieder vier Wochen alt sind. Da war die Hochzeit meiner Schwester, die Befreiung meines Bruders von der Heils-Armee und sonst noch Erfreuliches und Unerfreuliches. Auch kam wieder Reichtum über mich, der die Weiterfahrt bis Australien sichert. So zehre ich also nicht nur von unserem gemeinsamen Freund Saint-Ex, der, schon reichlich zerknautscht, in meinem Rucksack mit­reist. - Was mich etwas beunruhigt, ist die letzte Nachricht von meiner Mutter über ihren Gesundheitszustand. Ich hoffe sehr, dass sich das wieder bessert. Was sie braucht, ist ein wenig Zuspruch und Aufmun­terung, doch ich habe das Gefühl, dass das von hier aus nie so richtig hinhaut, sie kann sich wohl nicht ändern und zersorgt sich über un­gelegte Eier, über Helga, Heri, Harald und die Zukunft überhaupt. Dass sie dabei die eigene Pflege völlig vergisst, scheint sie nicht zu be­merken.

 Das Leben in unseren Breiten scheint überhaupt bei allen, die mir schreiben, recht beschissen. Je länger ich reise, umso wütender wer­de ich darüber. Wenn diese Jammerei über das Alltagsleben so weiter­geht, dann verliere ich noch völlig die Lust, jemals wieder zurückzu­kehren. Mit dem „Glücklichsein“ scheint es bei uns überhaupt so eine Sache zu sein.

 Lieber Rolf, Du bist nun ein Mitglied unserer Gesellschaft, die eine Wohlstandsgesellschaft ist. Wohlstand ist, man höre und staune, auf den Verbrauch von Gütern aufgebaut, sie fällt und steigt mit dem Verbrauch. Deiner dunkelhaarigen Frau sagt der Werbe­mensch Hans Höfer, dass sie viel besser aussähe, wenn sie rot tra­gen würde, weil ich ja das Färbemittel verkaufen will, nein, muss. So bom­bardiere ich böser Mensch sie dauernd mit meinem farbenprächtigen Argument, und siehe da, sie wird ungemütlich, sprich unzufrieden. Doch wehe, sie färbt sich die Haare. Dann ist für mich schon dieser Fall erledigt, ich kitzle (verzeih’) sie von neuem, mit Auto, Fernseher, Lebensversicherung, Underberg, Waschpulver, Mode, Partei, zeige ihr berufliche Super-Erfolgs-Ehe-Männer, wecke den Wunsch nach Frei­zeit, Glücklichsein (ha, ha), zufriedenes Kinderschaukeln, Urlaubs­ziel.

  Und Dir verbiete ich hiermit, Deine endlich eingebaute Stereo-Anlage ruhig zu geniessen, da Du noch keinen (?) Fernsehapparat hast, Farbe übrigens. Solltest Du dennoch zufrieden Musik hören, so bist Du, ver­dammt noch mal, Dir wohl nicht darüber bewusst, welch eine Ge­fahr Du darstellst, Du mit Deinem glücklichen Lächeln beim Play-Bach-Play-Boy. Jetzt wundere Dich nur nicht, wenn Du darin den Grund von Aggression findest. Und was meinst Du, wie aggressiv wir sind! (Beobachte mal die lieben Mitmenschen unter diesem Aspekt: ver­steckte Aggression, Böswilligkeit, so genannter Ehrgeiz). Im Geschäft, im Freundeskreis, im Gespräch, im Verkehr, Dein Gras in der Müll­tonne.

 Gegenvorschlag: Verzieh Dich auf eine Insel, ernte Fische, Kokosnüs­se, Mais. Sitze abends zufrieden und glücklich mit Deiner zufriedenen Frau und Deinen sieben glücklichen Kindern vor Deiner Bambushütte und erfreue Dich am Einfachen, Schönen, Huaaaa-Sonnenuntergang, und stelle dann in einer lichten Minute, etwa beim Löschen der Kerzen auf Deiner Weihnachtspalme, fest, wie beschissen langweilig Dein Le­ben ist!!! Das geht natürlich auch nicht, und wo es ginge, hier in Asien z.B., ist es ebenfalls aus damit, weil die glückseligen Kinder Feuer an die Palmen legen und unseren Wohlstand gerochen haben usw. usw.

 Äh, grosse Stille. – Ich würde Dir gerne eine Tasse Lebenselexier aus meinem philosophischen Eimerchen anbieten, doch leider habe ich alle Hände voll zu tun, die ständigen Lecks zu verstopfen. Ausserdem muss ich darauf achten, dass es voll wird. Mein Pech, dass ich es an einem rotierenden Rasensprenger füllen muss. Doch sei sicher, dass ich Dich um die Stereo-Anlage beneide. Das ist nämlich eine schöne Sache, auf die ich hoffentlich nicht verzichten muss. Auf jeden Fall werden wir zusammen demnächst mal davor sitzen. Ich werde Dich dann in die Traumwelt einer Haschisch-Zigarette entführen.

 Ich sehe Dein schreckensbleiches Gesicht vor mir und glaube, Deine Gedanken zu hören. Hihi, zum Totlachen. Den hat’s erwischt, verlo­ren, süchtig, unter die Räder gekommen, es war zuviel für den Jungen, jetzt ist es aus, verloren, da geht er dahin. Verzeih mir mein Lachen. Du bist eben noch nicht einge­weiht. Das muss ich jetzt machen und dabei an Dein Vertrauen in mich appellieren.

Also, mit dem Haschisch ist es wie folgt: Man dreht sich so ein Ding, in Vorfreude der Dinge, die da kommen. Man raucht, inhaliert kräftig. Dann kommt das Neue. Rausch. Aber wie! Alles, was Du denkst, fühlst, hörst, tust, wird intensiver. Sonst nichts. Stereo-Anlage zum Beispiel oder Musik überhaupt. Du gehst mit den Tönen auf Reise, hörst alles, folgst dem Rhythmus des Schlagzeugs, hörst jeden Ton der Melodie. Wir reden miteinander. Verstehen auf ganzer Linie und lächeln. Du sagst etwas, was sofort mein Gehirn anregt, ich bringe ein neues Bild, einen neuen Gedanken, mit Begeisterung greifst Du ihn auf, spinnst daran weiter. Du lachst, ich lache, Freude auf der ganzen Linie. Wir gehen zusammen auf die Strasse, es regnet, wie meist abends in Krefeld, Du spürst jeden Tropfen. Jemand hat einen Fahrschein fallen lassen, Du zeigst ihn mir, ich hebe ihn auf und nehme mir vor, Fahrscheine zu sammeln. Wie verzückt zeigen wir uns gegenseitig die Reflexe der Strassenlampen in den perlenden Pfützen. Die Gesichter, die uns begegnen, sprechen für uns alberne Vögel Bän­de. Wir gehen in eine Kneipe und trinken ein Cola. Du geniessest jede Perle auf der Zunge. So ist das. Dann gehen wir wieder zurück zur Ste­reo-Anlage, jeder macht es sich im Sessel so gemütlich, wie kaum zu­vor. Musik, Musik, Musik. Dann nach ein paar Stunden ist es vorüber. Kein Kopfweh, gar nichts. Das Erlebte bleibt voll in Deiner Erinnerung zurück. Jede Einzelheit. So ist das, mit dem Haschisch. Süchtig wird man nicht physisch. Die einzige Gefahr dabei bist Du selber, wenn Du Dich immer wieder nach diesem Rausch sehnst. Aber, und das musst Du mir abnehmen, diese Gefahr besteht nicht bei Dir und nicht bei mir. Es bleibt Rausch. Und wehe dem, der glaubt, dieses Zeugs würde über Probleme und Kummer hinweghelfen. Erinnere Dich daran, alles was Du fühlst, wird intensiver, auch Kummer und Elend.

 Also beruhige ich Dich nochmals, Deine Bedenken sind unbegründet.

 So was kann ich natürlich nur Dir schreiben. Mutter würde sich ganz schön zerfetzen. Ja, mit dem Vertrauen ist es auch so eine Sache.

 Also dieser Brief ist alles andere als ein Reisebericht. Es ist komisch, aber ich kann keine kurzen Briefe mehr schreiben. Mir macht es Spass, zu schreiben, Dir zu erzählen, zu plaudern. Eine Unterhaltung mit einem geistig anwesenden Partner. Ob das daran liegt, dass ich allein reise, ohne mich einsam zu fühlen? Vielleicht! Mensch, so glück­lich wie im letzten Jahr war ich noch nie zuvor. Dauerzustand in Fülle. Der jute alte Joethe mit seiner Interpretation des Glücks: Glück heisst, sich wachsend fühlen! Gar nicht schlecht, der Junge.

 Solch ein Glück muss auch bei uns möglich sein. Sich’s bewusst machen, ist die Paro­le.

 Und diese Buddhisten. Mensch, Rolf, besorg Dir jede Lektüre darüber, die Du grabschen kannst. Sammle Dir Dein Päckchen daraus aus. Das ist toll interessant. Eine grossartige Weisheit, eine Fülle an, für uns, neuen Gedanken. Vor allem die Techniken der Meditation in der An­fangsstufe. Da ist alles erklärt, vom Rosenkranz beten, über das Gebet zu einem Gott, bis hin zu Erscheinungen. Auch hier gibt es einiges zu diskutieren, wenn ich zurückkomme oder nicht.

 Pause. Ich gehe was essen. Der platschende Monsun-Erguss hat sich ausgeleert. Bis die nächste Wolke leerläuft, bin ich zurück im Sikh-Tempel. Mahlzeit!!

 Wenn Deine Frau gesehen hätte, was ich gerade in mich hineingestopft habe…. Was macht übrigens Dein Magen? Meiner läuft gut und verar­beitet alles, was ich ihm liefere. Und das ist manches. Scharf war das wieder! Zum Abschluss drei Bananen, von diesen halbwilden, die einfach etwas wilder als diese zahmen schmecken !

 Hast Du Dir meine Minox Kleinst-Dias angesehen? Ich weiss, dass das bei Minox nicht so einfach ist. Ich mache Dir den völlig uneigennützigen Vorschlag, Dir bei Schamberg und Pottkämper eine sog. Minox-Be­trachter-Lupe zu kaufen. Irgendwann findest Du dann sicher einen An­lass, sie mir zu schenken. Dann wüsste ich auch endlich mal, was tatsächlich drauf ist auf den Bildern. Brennend interessieren mich die Bilder von diesem Thaipusam Festival. Da habe ich geblitzt, in der Höhle, könnte mir jedoch vorstellen, dass einige daneben gegangen sind. Dann kommen demnächst die nächsten Filme an von Thailand und Laos. Hier sind mir die Bergstämme wichtig und die liegenden Personen mit den Opiumpfeifen. Wo ich gerade beim Betteln bin, gehe auch schön wieder zu Henny und frage sie genau, was sie zu ihrer letzten Mahlzeit gegessen hat. Falls Dir dann die Kalo­rienmenge nicht ausreichend erscheint, drohe mit Hungerstreik ihres Sohnes in Asien.

 Mit einigem Bangen sehe ich Australien entgegen. Ich gehe also erst mal in den sog. Busch, in solch ein frauenloses Arbeiterlager (See­mannslos!) Doch dann wird es höchste Zeit, wieder in meinem Beruf zu arbeiten. Falls das nicht klappt dort, kehre ich schleunigst um ins Reich, über Japan natürlich, um Berufserfahrung zu sammeln in Deutschland. UND VIELLEICHT AUCH, UM EIN VERNÜNFTIGER MENSCH (MIT STEREO-ANLAGE) ZU WERDEN.

 Auf Deinen nächsten Brief bin ich sehr gespannt. Schreibe mir, was Du denkst, machst, tust. Über Deinen Spross und alles andere. Das gibt es doch gar nicht, dass es nichts zu berichten gibt. Was ist denn überhaupt in Deutschland los? Es scheint sich ja einiges zu regen, die meisten jedoch wohl auf.  Schreibe mir Deine Meinung darüber. Er­zähl mir bloss nicht, dass man schon in Krefeld demonstriert. Das wäre schon zum Piepsen.

 Die letzten Wochen in Bangkok waren ausgesprochen ruhig und er­holsam. Es gab in der Zwischenzeit wieder mal ein Neujahrsfest, das fünfte übrigens, nach dem tibetanischen im Oktober, unserem im Dezember, dem buddhistischen am 30. Januar, dem chinesischen am 15. Februar, nun das thailändische zu Ostern. Bin mal gespannt, was mich jetzt in Indonesien auf Bali alles erwartet. In Bangkok jedenfalls war toll was los, fun auf allen Strassen, Theater, Rummelplatz, Tanz usw. usw. Da dieses Fest auch gleichzeitig als Fest des Wassers ge­feiert wird, bei dem es erlaubt ist, jeden mit beliebiger Menge Wasser zu bespritzen, hatte ich drei Tage lang kaum einen trockenen Faden am Leib. Dann erlebte ich den Introitus des Monsuns mit einem Unwetter, das gleich alles für einen Tag unter Wasser setzte.

 Zwischendurch spielte ich Playboy in vornehmen Swimmingpools, erholte mich kräftig nach allen Seiten; auch mal wieder schön, für die Kürze. Übrigens, so nebenbei hab ich dann noch ins Nachtleben ge­rochen. Ich weiss ehrlich nicht mehr, was es in dieser Beziehung dort in Bangkok nicht gibt. Wenn einer nur Geld hat, alles, jede auch noch so ausgefal­lene Neigung kann befriedigt werden. Und was dort für Typen auftau­chen! Alles fette Säcke in einflussreicher Position. UN, US, sämtliche Botschaften scheinen vertreten, Geschäftsleute, Entwicklungsfachleu­te. Mein Adressenbuch füllte sich mit Namen von Leuten, die sicher alles andere als freudig überrascht wären, wenn sie mir mal wieder in Deutschland begegneten.

 1 Flasche Bier = 40 Mark, und das in einem Land mit einem Jahres­durchschnittseinkommen von pro Kopf 550 DM. Na ja, es lebe Mao-Tse-Tung. Glaube nicht, dass nur westliche Kapitalisten in solchen Lokalen verkehren. Mehr als zwei Drittel sind Thais. Auf die Dauer kann das kaum gut gehen. Wir werden’s noch erleben.

 Bis zum nächsten Brief alles Liebe, alles Gute, alles Schöne und und und. Grüss mir wie immer in die Runde.

 Dein Hans, der wettergegerbte !



3. 5. 68 – Singapore


Liebste Mutter!


Ganz schnell die letzten Neuigkeiten. Bin also von Bangkok aus nach Kuala Lumpur in Malaysia. Dort bekam ich mein australisches Arbeitsvisum. Gottseidank! Dann auch das indonesische Visum. Gestern bin ich dann von dort bis hier nach Singapore getrampt. Heute morgen ging alles rasend schnell.

Durch einen wahnsinnigen Glücksfall bekam ich eine freie Überfahrt auf einem Frachter von hier bis Djakarta. Stell Dir vor ! Von 9 – 10 habe ich alles dort geregelt. Von 10 Uhr – 10.45 habe ich Deine beiden Briefe hier auf der Post abgeholt. Vielen Dank ! Jetzt kann ich hier per Taxi herumrasen, muss um 12 Uhr im Büro der Schiffsgesellschaft einzutrudeln. Um 1 Uhr laufen wir aus : nach Indonesien. Solch ein Glück hat man selten im Leben!!! Daher bin ich jetzt in ganz grosser Eile!! 

Ich denke, dass ich von heute ab in 5 – 6 Wochen in Australien sein werde.

Weiteres aus Indonesien.


Sei für heute ganz lieb geküsst und umarmt von Deinem

Glückspilz Hans

Wednesday, February 27, 2008

Through Laos and Thailand




17. 2. 68

Phattalung, Süd-Thailand


Lieber Rolf!


Nach 4stündigem Versuch, hier ausserhalb der Tropen-Ortschaft einen Wagen zu erwischen, habe ich für heute das Trampen aufgegeben. Bis hier hin und nicht weiter. 


So habe ich mich gezwungenermassen entschlossen, bis Chumphong einen Zug zu nehmen. Sicher kannst Du die Namen dieser Ortschaften kaum auf einer Karte finden, doch das nur zur Orientierung, ich befinde mich im Südzipfel von Thailand, von Malaysia kommend. Den Aufenthalt jetzt am Bahnhof und die bevorstehende Zugreise will ich dazu benutzen, wieder etwas von mir hören zu lassen.


Sicher, Du hast Recht, das hätte wieder mal viel früher geschehen sollen. Der Monat in Indien jedoch hat mich wirklich hart gebeutelt, so dass ich meist kaum in der Lage war, an Zuhause zu denken, geschweige denn einen Brief loszulassen. Auch jetzt will ich nicht mehr von diesem furchtbaren, elenden, doch wunderbaren Land Indien erzählen, das hiesse wieder durchleiden und wiederholen, was mir gar nicht so zusagt. 


Was Indien anbelangt, muss ich Dich an die Mutter- Informationszentrale verweise. Dort machst Du mal einen kleinen Besuch, und ich bin sicher, dass Mutter Henny Dir meine Briefe und damit ein paar Schatten meiner Eindrücke dort zum Lesen geben wird.


Was Du heute erfahren sollst, ist mehr neueren Datums, also frischer und sicher interessanter. Ich habe hier etwas erlebt, das mir wirklich an die Knochen ging. Doch schnell noch einmal meine Marschroute seit Nepal.

Vor Weihnachten noch bin ich gleich bis nach Südindien durchmarschiert, teils aus alberner Sehnsucht nach Schwitzen und Sonne, teils der Unruhen in Nordindien, vor allem Kalkutta wegen. Nach Ceylon gab’s keine Fähre. So verbrachte ich den ganzen Januar in Südindien, fuhr kreuz und quer, doch meistens kreuz. 6 Tage erholsame und faule (trotz Panik und Feuer an Bord und schlechten Frass) Deckpassage von Madras nach Penang. So – und seither in Südostasien, zuerst in Malaysia und nun auf dem Weg nach Bangkok.


Die Bevölkerung Malaysias besteht zu 40 % aus Malayen, 40 % Chinesen und 20 % Hindus. Die Hindus, eine zahlenmässige Minderheit also, feiern im ersten Vollmond ihres Jahres dieses Festival, Thai Pusam genannt. Das Zentrum ist in der Nähe von Kuala Lumpur, an einem kleinen heiligen Ort, den Batu Hoehlen.


Schon morgens um 6 Uhr nahm ich einen Bus von Kuala Lumpur, um rechtzeitig in der kleinen Ortschaft zu sein. Dort waren wohl schon an die 200.000 Menschen versammelt. Unschuldig und kaum informiert folgte ich der farbigen Menge hinunter zu einem kleinen Fluss. Der Platz am Ufer war überfüllt, Rauch von hundert kleinen Feuern und Räucherkerzen lag in der Luft, es roch nach Menge und Unbehagen. Ich zwängte mich in die Masse, um dem Schauspiel am Ufer näher zu sein. Ununterbrochen schlugen Trommeln heisse und mitreissende Rhythmen, während sich die Hindus im braunen Schlamm des Flusses wuschen. 


Am Ufer erwarteten sie braune und wild aussehende Sahdus (eine Mischung aus Yogi, Fakir, Priester und Bettelmönch). Sobald sie ans Ufer traten, vollzog sich in ihnen eine Wandlung. Während der Sahdu ihnen die Hand auflegt, werden sie von einem fürchterlichen Zucken und Schütteln ergriffen, als wenn durch die Hand des Sahdus ein gewaltiger elektrischer Schlag fahren würde. Sie beginnen zu schreien, zu taumeln, zu tanzen, geraten in tiefe Trance. Nun wird der Besessene (das Wort passt durchaus) zwischen mehreren Sahdus genommen, die ihn singend und gestikulierend umtanzen. Dann beginnt das Unglaubliche. Während um ihn herum der Wirbel weitergeht, stechen die Sahdus durch die Haut des Körpers kleine Spiesse, Haken und Speere. Durch die herausgestreckte Zunge, durch die Backen, die Stirn und durch die ganze Haut des Oberkörpers. Manche bekommen einen Gürtel mit nach innen stehenden Nägeln und Haken tief um den Leib gesteckt. Kein Blut ist zu sehen. 


Meine Reaktion, während ich das alles sehe, ist schlecht zu beschreiben. Entsetzen mischt sich mit Erstaunen. Doch weiter. Ich bleibe wohl eine Stunde zwischen der rasenden und ekstatischen Menge, verfolge, wie einer nach dem anderen aus dem braunen Wasser entsteigt, in Trance fällt, sehe zu, wie einige wohl an die hundert Speere und Spiesse bekommen. Einige ziehen sich Nagelschuhe an, gehen, tanzen auf spitzen Nägeln. Andere tragen ein grosses, schweres Gestell, mit bunten Federn und Blumen geschmückt, das nur durch die Speere und Spiesse tief in ihrer Haut getragen wird. Einer bekommt wohl an die 50 Haken in das Rückenfleisch gehakt, an jedem eine Schnur. Diese werden zusammengebunden an einem Strick befestigt, den ein anderer hält. Er tanzt taumelnd im Kreise herum, durch den Strick gehalten, geschleudert, das ganze Gewicht hängt an den Haken in seinem Fleisch. Kein Tropfen Blut. 


Oft fallen die Priester selber in Ekstase, auch sie bekommen Spiesse durch die Backen, durch die Zunge, zur anderen Seite hinaus. Neben mir beginnen normale Zuschauer zu schnaufen, erbeben wie Besessene, springen in den Fluss, reissen sich die Kleider vom Leib und werden wie die anderen „behandelt“. Gebannt und erschrocken, entsetzt und doch fasziniert stehe ich zwischen diesem lauten, farbigen, ekstatischen Schauspiel. Direkt neben mir steht ein kleiner Chinese. Erschrocken sehe ich, wie auch in ihm diese rätselhafte Verwandlung vor sich geht. Aus nächster Nähe, keiner kümmert sich um mich, sehe ich zu, vergesse zu fotografieren. Ein Speer, wohl 1,50 m lang und dick wie mein kleiner Finger, wird durch die rechte Backe gesteckt, durch die Zunge. Ich starre entsetzt zu, doch kann ich nicht wegschauen. (Verzeih’, wenn ich das alles so genau beschreiben muss, aber, der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht genau das beschreibe, was ich gesehen habe.) Als sie den Speer durch die linke Backe stechen wollen, reisst sie bis zum Mundwinkel auf. Ein neuer Versuch weiter hinten, der Speer geht durch, wird bis zur Mitte durchgeschoben. Kein Zucken, keine Reaktion, lieber Rolf, kein Blut ! 


Ich gehe weg, total benommen. Ich bin ehrlich, ich bekam Angst, Angst, dass ich ebenfalls erfasst würde. Das klingt so verrückt und blöde, wenn ich das schreibe, aber es stimmt. Der Rauch, die Trommel, das grelle Licht der Morgensonne, die immer höher steigt und das Geschehen zum Kochen bringt. Mir zittern die Beine.


Vom Fluss aus, wo dies alles geschieht, tanzen, oder wie man diese ruckartigen, taumelnden Bewegungen auch immer nennen mag, diese Leute mit ihrer Bürde wohl drei Kilometer die Strasse entlang, zwischen Autos und Schaulustigen. Es sind Europäer dabei, viele Fotoapparate, Filmgeräte, Tonbänder. Auch in ihren Gesichtern ratloses Hilfesuchen beim nächsten Europäer. Ich spreche mit einem Engländer, der hier in Malaysia Gummiplantagen besitzt und schon viele Jahre hier lebt. „Kommen Sie im August wieder, dann laufen sie auf brennenden Kohlen!“


Ich folge den Tanzenden, teils eingeklemmt und mich regelrecht meiner Haut wehrend, bis zum Fusse einer langen Treppe, die hoch oben in einem Berg verschwindet. Solche Berge habe ich bis jetzt nur hier gesehen. Aus dem flachen Land plötzlich senkrecht abfallende Felswände, die zu einem riesigen Kegel aus der dichten Dschungellandschaft emporwachsen. Weisser Kalkstein, teilweise überhängend und tropfsteinähnliche Höhlen bildend. 360 Stufen, erklärt mir einer aus der Menge.


Ich gehe hinauf, das heisst, werde geschoben, zurückgedrängt, muss einer Gruppe „Besessener“ Platz machen, die mit keuchendem Atem, tanzend und wie gezogen, nach oben streben. Überall Speere und Spiesse in der Haut. Auch Frauen und Kinder sind darunter.

Der Berg empfängt uns mit einem riesigen Loch, dem Eingang zum eigentlichen Heiligtum, der Batu-Höhle. Das ist keine Höhle, der ganze Berg scheint hohl, riesige Gewölbe, eine natürliche Kathedrale, düster und weit grösser und höher als das Gewölbe des Kölner Domes, wohl 300 Meter lang und 50 Meter breit. Auch so etwas hatte ich noch nie gesehen. Überall sind grosse Feuer angezündet. Man verbrennt Kokosnüsse und irgendein süssliches Zeug, das auf Bauchläden angeboten wird. 


Die Stimmung ist (zwei beliebte Schlagwörter) unheimlich und unwahrscheinlich. Die Trommeln, die Feuer, der süssliche Rauch, die Menschen, die „Besessenen“ und die Zuschauer, Kinder, Greise, Frauen, Männer – vier Rassen gleich: Malayen, Chinesen, Inder und ein paar Europäer. 

Ich zwänge mich bis zum Heiligtum, wo sich die Menge im Halbdunkel ballt wo Echos und Schatten sich vereinigen .


Des Schauspiels dritter Akt ist hier. Vor der in den Fels gemeisselten Nische stehen wieder Sahdus und Priester, empfangen die „Besessenen“. Noch vor Sekunden tobend und tanzend stehen sie vor den Priestern plötzlich still. Lächelnd und freundlich wie der Weihnachtsmann, zieht der Priester ihnen nach und nach die Spiesse und Speere aus der Haut. Dann wirft er ihnen eine Prise Asche auf das Haupt und berührt ihre Stirn. Wie vom Blitz getroffen, fallen sie zusammen, liegen im Staub vor dem „Altar“. Dann stehen sie auf oder werden von den Umstehenden aufgehoben. Sie trinken Wasser, sind normale Menschen, lächeln, manche fangen an zu weinen, beginnen mit einer wirklichen Inbrunst und mit einer strahlenden Glückseligkeit zu beten.


(Wenn die Schrift jetzt endgültig versaut, so liegt das nicht etwa an einer nachträglichen Ergriffenheit, obwohl die zweifellos existiert, sondern an den Moskitos, die nach dem augenblicklichen Sonnenuntergang regelrecht und zu hunderten über mich herfallen, wie auf Kommando, zusammen mit dem lauten und unaufhörlichen Gezirpe aus dem Dschungel, der bis an die Geleise gegenüber dem hölzernen Wartehäuschen reicht, in dem ich jetzt beim Licht einer wohl 30-Watt-Lampe sitze.)


Was die ganze Geschichte noch irrer macht, ist die Art und Weise, die gelassene Selbstverständlichkeit des Sahdus im langen, weissen Gewand. Er winkt mich noch zu allem meinem Elend zu sich heran, lässt mich aus einem Meter Entfernung Blitzlichtaufnahmen machen und schaut herüber, als wenn er fragen würde: ist’s so gut, komme ich auch schön ins Format? – bevor er die vor ihm Stehenden mit seiner blossen Berührung zu Boden sendet. Er erinnert mich an den Metzger von nebenan, der mit geübter Selbstverständlichkeit 100 Gramm am Stück von der Wurst abschneidet und dann lächelnd fragt: darf’s für 5 Pfg. mehr sein? Einige Spiesse reicht er mir gerne als Souvenir. 


Es ist ungeheuerlich, ungeheuerlich, ungeheuerlich! Und vergiss nie, lieber Hans (und lieber Rolf), kein Tröpflein Blut, nicht mal ein Loch kann ich sehen. Nur dem Chinesen (mit dem dicken und langen Speer) drückt er links und rechts eine halbe Zitrone auf die Backe.

Ich bleibe bei ihm, nachdem er „erwacht“, und nach wenigen Minuten nimmt er die Zitronen weg , und nichts, nichts bleibt übrig, kein Tropfen Blut.


Wie benommen und für mich alleine den Kopf schüttelnd gehe ich aus dem Halbdunkel des Gewölbes hinaus, brennende Mittagssonne, die mich wenig stört. Die Menschen um mich würden mich nicht verstehen. Für sie ist es ein Fest, das jedes Jahr wiederholt wird. Schiessbuden und Riesenrad ringsum, in blödsinnigem Kontrast, Musik aus Lautsprechern. Man sammelt für den Bau eines Tempels. Statt Würstchenstand sind’s chinesische Garküchen, deren Speisezettel den Meeresgrund abgrast. Gedankenlos kaue ich auf Sojabohnenkeimlingen, auf Algen und Muschelgewürm.

Ich nehme den Bus zurück nach Kuala Lumpur, zurück zum Sikh Tempel, wo ich umsonst schlafe. Was für heute Nacht unter meinem Moskitonetz zurückbleibt, ist das grosse Fragezeichen, Mensch.


So, lieber Rolf, Ich will Dir ein Geschenk machen, dessen Wert Du sicher schätzen wirst. Es ist eines der kleinen Spiesschen, die mir jener Metzger dort oben als „Souvenir“ gegeben hat. So wie es hier im Papier steckt, so stak es in der Haut eines Glaubenden.


Du kannst davon halten, was Du willst, ich muss es ja auch.


Viele Grüsse aus Thailand


Dein Hans



P.S. Da der Film, den ich an diesem Tag gefüllt habe, noch nicht entwickelt ist, sende ich Dir zwei Fotos mit, die ich an einem der „Würstchenstände“ dort gekauft habe. Sei so gut, und gib sie meiner Mutter, die sie für mich aufbewahren soll. Grüss mir herzlich Deine Frau, Sprössling und Familie

Thanks.


P.S.S. 

Hier im Gebiet hat’s Kommunisten. Ich fürcht mich ---huhhaahahuuu

 

Bangkok, 4. 3. 68

Liebe Mutter!

Ich durchstreife jetzt schon seit 10 Tagen Bangkok, und Du hast noch keinen Gruss von mir. Unverzeihlich! Deshalb lass Dir schnell erzählen, was ich bis jetzt getrieben habe.

Sicherlich bist Du jetzt von Marburg zurück, als frischgebackene Schwieger­mutter. Ich hoffe, dass mein Brief an Heri und Helga rechtzeitig bei Euch ein­getroffen ist und dass er nicht zu sehr verraten hat, wie sauer ich in Wirk­lichkeit war, dass ich nicht dabei sein konnte. Es ist schon phantastisch : Die beiden Blinden, Helga und Heri jetzt ver­heiratet ! An diese Familienveränderung muss ich mich erst noch gewöhnen.

Deine Post habe ich in der Zwischenzeit erhalten. Vielen, vielen Dank. Ich hatte ja gar nicht gewusst, dass mein Bericht in der West­deutschen Zeitung erschienen ist. Das muss wohl Anfang Januar gewesen sein, da sie noch die Neujahrsgrüsse abgedruckt haben. So scheint man doch in­teressiert zu sein.

Wenn ich in meinen Briefen manchmal von „wir“ schreibe, so sind das im­mer Mitglieder der grossen internationalen Globetrotter-Familie. 100 Freun­de, die man immer wieder sieht, oft nach 1000 Kilometern, die man wie Stammtischfreunde behandelt. Dass ich Peter so knapp verpasst habe, war wieder mal ein Beispiel schlecht klappender Organisation. Mist!!! Wenn er sich beeilt hat, ist er vielleicht schon wieder daheim. Oh je, da fällt mir gerade ein, dass er zum Geburtstag zu Hause sein wollte ... Ich Trottel habe das wieder verschwitzt. Ich glaube, es war der 3. oder 5. März?

Für 1703 DM kann man sich also mit Neckermann verschicken lassen. Ich habe hier mit einigen Touristen gesprochen, die hier die Tempel bevölkern. Du glaubst gar nicht, wie komisch solch ein Zusammentreffen ist. Ich werde als „Weltwunder“ betrachtet. Einige fragten zaghaft, ob sie ein Foto von mir machen dürften. Zum Totlachen!!!

Dass bei Dir immer Tränchen fliessen müssen ! Die Bildchen waren als Antwort auf Deine Anfrage nach mei­nem äusseren Zustand gedacht. Ich achte auf mich, wie anerzogen und wa­sche meine Wäsche selbst, jede Woche ein Waschtag. Das Hemd habe ich in Penang gekauft, 10 DM, non-iron.

Die Menschen hier lächeln tatsächlich, oft sogar beim kleinsten Anlass.

Gruss und Kuss, Dein Hans

 

 

Vientiane, Laos, 10 März 1968

 

Lieber Bruder!

 

Kurz vor meiner Abreise zu meiner Rundreise habe ich Deinen Brief er­hal­ten. Dass ich Dir jetzt so schnell antworte, hat hauptsächlich den Grund, dass ich jetzt hier in Laos sitze.

Ein Brief an Muttern von hier, würde ihr bestimmt unnötige Sorge bereiten. So lasse ich den wöchentlichen Brief nach Hause einfach aus, und Du kannst ihr Grüsse bestellen.

Von Bangkok bin ich in zwei Tagen bis zur thailändischen Nordgrenze ge­hitcht, habe den Mekong überquert und sitze jetzt in Vientiane. (Das Wort Mekong alleine könnte Herzklopfen erregende Assoziationen hervorrufen!)

Ich wohne etwas ausserhalb in einem Tempel, was mir die amerikanischen Hotelpreise erspart. Bis gestern hatte ich vor, von hier aus den Mekong entlang über Savanakhet, Pakse nach Kambodscha zu reisen. Hier stelle ich nun wirklich fest, dass ich mich nicht zum Helden eigne. Die spär­lichen Berichte, die hierher durchsacken, sind alles andere als erfreulich. So gibt es hier in der Hitch-Hiker-Kommune die „letzten“ Geschichten. Schon in Bangkok sprach ich mit einigen, die es noch vor 3 Wochen geschafft haben.

Die Strassen und das Landgebiet sind jetzt alle fest von Pathet Lao kontrol­liert. Sie verlangen von den einheimischen Bussen eine Art Wegzoll. Ameri­ka­ner werden sofort erschossen, von den europäischen „Reisenden“ nehmen sie ein freiwilliges „Bakschisch“. Da die Städte noch in den Händen der laotischen (chaotischen) Royal Armee sind, muss der Bus ständig durch so genannte „kleine Fronten“. Ausserdem flog vorgestern die letzte noch Stand haltende Brücke auf diesem Weg in die Luft.

Gestern war ich am Bus, als ein Deutscher und ein Neuseeländer los fuhren. Der Bus hatte einige Einschüsse an der Seite, und der Busfahrer zeigte nicht ganz bescheiden einige Schussver­let­zungen. Wenn es der Pathet Lao ist, ist es nicht so schlimm, sagt er mir, das sind nette Leute, aber es gibt einige Räuberbanden, die die verworrene Situa­tion ausnutzen. Also nichts für mich.

Seit der Ami nun auch „einige Städte“ in Laos bombardiert, hauptsächlich entlang der Vietnam Grenze, ist man hier auf alles gefasst. Die Situation ist verworren, da der Pathet Lao offiziell hier anerkannt ist als linke Opposition.

Die Laoten nehmen alles mit Gleichgültigkeit hin. Vorgestern Nacht wurden 40 km südlich von hier 34 Menschen in einem Tempel erschossen, wer, warum und weshalb ist noch nicht bekannt. Trotz alledem geht das Leben hier recht ge­mütlich zu. Am Samstagabend sind wir bei der wohl komischsten Filmvor­führung meines Lebens gewesen. In der Residenz des Pathet Lao gab es Propa­gan­da-Filme aus China und Nordvietnam. Da sah man mal die andere Seite.

Das grosse Elend kann einen hier überkommen, wenn man diesen Kontrast des Elends der Bevölke­rung und der Glanzwagen der augenblicklichen Macht hier sieht. Ich sah in Nordthailand die riesige Kriegsmaschine der Ame­rikaner in Udorn. Früher ein kleines, unbedeutendes Nest, heute Air-Base. Jede Baracke wird zur Bar, die Musiktruhen laufen nur auf amerika­nische Cent. Pausenlos sah ich die B-52 Bomber, schwer beladen mit ihrer  Last nach Osten los fliegen, pausenlos kamen andere zurück. Mir ist klar, dass es für unsere westliche Welt hier nichts mehr zu gewinnen gibt.

Ob die Amerikaner gehen oder nicht, auf längere Zeit gibt es hier nur Kampf und Blut und Elend, es ist zu spät, noch irgend etwas zu retten. Das Wesen dieser Leute hier ist so nett und lieb und auch so grausam. Ich sass mit einem Laoten zusammen, trank mit ihm und unterhielt mich friedlich. Keiner Fliege könne er etwas zu Leide tun, glaubte ich. Tags darauf hatte er im sel­ben Restaurant Krach mit seiner Frau. Er stand auf und trat ihr mit dem Fuss ins Gesicht. Heute Morgen sassen sie wieder freundlich lächelnd am Tisch. Irgendwie ungeheuerlich.

Ein Däne, der hier seit 8 Monaten lebt, sagte mir: Du kannst hier jemandem zur Begrüssung die Hand geben, dich verneigen oder ihm in die Fresse schlagen, alles bleibt unbedeutend. Doch Schluss, alles ist noch zu frisch, später mal zu­sammenhängender.

Doch nun zu meinen nächsten Plänen. Ich habe eben einen Flug gebucht von hier nach Luang Prabang, der alten Königshauptstadt. Dort bleibe ich zwei, drei Tage und fliege dann nach Ban Hue Sai, das Du nordwestlich an der thailändischen Nordgrenze findest. Dort versuche ich, mit dem Boot den Mekong hinauf zu fahren, bis Mae Chan. Dort besuche ich, falls möglich, die Akha, Yao, Meo-Hill-Tribes. Das ist also wieder in Thailand, von wo ich dann Muttern wieder ruhig schreiben kann, (falls es dort schon eine Post gibt).

Ich mache das alles mit zwei Freunden, einem Engländer und einem Deutschen. Du siehst, es liegt mal wieder etwas sehr Interessantes vor mir, falls alles klappt. Das Flugzeug ist eine „Air Amerika“ DC3, die hoffentlich noch eine Weile mitmacht. So, und sei mal nicht so verklemmt und schreib mir einfach drauf los, und ich wünsche auch so genanntes Belangloses.

Wie war Helga und Heri’s Hochzeit? Was macht die indonesische Kolonie in Holland? Ein Bildchen von der Schoenen würde mich doch mal interessieren. Schau auch mal ab und zu von Heckmanns bei Höfers rein. Die Scheiss-Uniform bist Du ja endlich bald quitt.

Sei wieder brüderlich getätschelt für heute

von Deinem landstreichelnden Bruder

 

P.S. Ein Briefstil war das wieder zd, zd, ….

 

Chieng Rai, 20. 3. 68

Liebe Mutter!

Jetzt bin ich wieder in Thailand und zwar im nördlichsten Zipfel. Die letzten 14 Tage waren wieder voller Erlebnisse, von denen ich Dir berichten möchte.

Von Bangkok bin ich zuerst nach Norden getrampt zur Grenze nach Laos, habe dort mit einem Bötchen den Mekong überquert und landete in Vientiane, der Hauptstadt. Dort hielt ich mich einige Tage lang auf und habe dann zum ersten Mal auf dieser Reise das Flugzeug bestiegen. Über diese wilde Landschaft flog ich dann nach Luang Prabang, weiter im Norden und mitten drin in Laos. Von dort dann wieder mit Flugzeug bis nach Ban Hue Sai, einem kleinen Grenzort im Nordwesten von Laos, wieder am Oberlauf des Mekongs. Dort kreuzte ich wieder über nach Thailand.

Und jetzt sitze ich wieder an sicheren Orten und will in den nächsten Tagen einige Bergstämme besuchen, die hier in der Gegend leben. Über die einzelnen Erlebnisse, die ich auf dieser Rundreise hatte, will ich Dir dann ausführlicher aus Bangkok berichten, wo ich in ein bis zwei Wochen eintrudeln werde. Ich habe die letz­te Zeit meistens in Buddhistentempeln gewohnt, was die Reise sehr billig macht. Der Flug war billiger als jede Zugfahrt bei uns, dafür wurde dann auch auf Kartoffeläckern gelandet. Vom Krieg, der im Augenblick überall in Laos wütet, habe ich relativ wenig gesehen, von Soldaten und Bombern abgesehen. Aber er war ständig gegenwärtig, und man sieht einiges hinter den Kulissen der allgemeinen Zeitungsinformation.

Nun, das liegt jetzt schon wieder hinter mir, es besteht also kein Grund mehr für irgendwelche Sorgen. Im Augenblick sitze ich in einem Restaurant und warte auf einen deutschen Geologen, der hier in diesem Gebiet schon einige Zeit arbeitet und sich sicher ganz gut mit den Bergstämmen auskennt. Vielleicht ist er so gnä­dig und nimmt mich mit seinem Jeep mit in die Berge. Mal sehen.

Beinahe wäre ich jetzt mit einem kleinen Affen unterwegs, den ich von einem Mönch hätte kaufen können. Er war zu putzig, aber ich könn­te ihn ja doch nicht mit nach Australien nehmen, daher habe ich ihn dann doch im Kloster zurückgelassen. Ein Engländer und ein Deut­scher, mit denen ich die letzten Tage zusammen bin, hatten in Luang Pra­bang einen jungen Leoparden erstanden. So waren wir einige Tage lang zu viert. Leider ist er uns gestern eingegangen. Er war schon vorher sehr schwach und unterernährt, die Leute in dem kleinen Dorf hatten ihn sehr schlecht ernährt. Die Aufregung des Fluges hat ihm dann wohl den Rest ge­geben. Vielleicht besser für das arme Tierchen.

Nach Kambodscha werde ich jetzt wohl nicht gehen können. Es ist mir zu viel Ärger in diesem Gebiet. Du siehst, dauernd kommt man in die Räder der Politik, es ist zum Kotzen. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Ich traf übrigens einige Necker­mann-Touristen in Bangkok. Für 1200 DM 17 Tage in Bangkok ist wirklich spottbillig. Ich hab mir schon ausgemalt, wie es wäre, wenn Du diese Reise machen könntest. Es wäre zu schön. Viele liebe Grüsse aus Thailand von Deinem

Hänschen

 

Sicherlich macht sich der Frühling bei Dir im Garten schon bemerkbar. Hier ist eine Sauhitze.

 

 

Cieng Mai, 27. 3. 68

Liebe Mutter!

Heute einen Gruss aus Chieng Mai, das im Norden von Thailand liegt. Hier bin ich gestern gelandet, vom Norden kommend.

Seit meinem letzten Le­bens­zeichen an Dich habe ich wirklich allerhand gesehen. Da war zuerst mal die Begegnung mit einem deutschen Geologen, mit dem ich einige Tage lang wirklich in den dichtesten Dschungel gestapft bin. Der einheimische Führer markierte den Weg mit einem Beil, damit wir aus diesem Inein­ander aus Bäumen, Wurzeln, Lianen, Büschen und Gräsern wieder heraus­fanden. Es gab Blutegel, die sich an den Beinen festsaugen, Schlangen und alles mögliche kleine Viehzeug, das biss, stach, zwickte und zwackte. Trotz­dem war es toll und interessant.

Dann machte ich mich wieder alleine auf und trampte an die burmesische Grenze, in die nördlichste Stadt Thailands, nach Mae Sai, der Grenzstation. Dorthin ging’s über staubige Sandpisten in Jeeps und Lastwagen. Ich habe mich wieder für einige Zeit von meinen beiden Reisegefährten getrennt, die ich jedoch wieder in Bangkok treffen werde. Ich hatte erfahren, dass dort in der Nähe von Mae Sai in den Bergen einige Stämme leben, die noch auf einer verhältnismässig pri­mi­tiven Lebensstufe stehen.

Nach einigen Stunden Marsch und Aufstieg auf staubigem Pfad war ich dann also mitten drin in einem solchen Dorf, das aus ganz ein­fachen Bambushütten besteht. So mir nichts, Dir nichts, war die Zeit um 1000 Jahre zurückgedreht, und Dein Söhnlein mittendrin, wie ein Weltwun­der bestaunt von hundert Augenpaaren und von einigen räudigen Kötern be­kläfft. Ich bin heute recht stolz auf meinen Erfolg dort. Du hättest dabei sein sollen, wie ich zuerst die Kinder mit einigen Bonbons bezirzte, dann die halb­­­nackten Rangen an Händen und quietschend vor Vergnügen, auf mei­nen Schultern Hoppe Hoppe Reiter machen liess. Damit gewann ich dann auch die Sympathie der Frauen, die in ihrer einzigartigen Tracht (wohl einige Pfund Silber am Leib) ihrer Arbeit nachgingen.

Dann war auch das Misstrau­en der Männer gebrochen, sie luden mich in ihre Hütten ein, und bald waren alle Männer des Dorfes versammelt, es wurde palavert und diskutiert, Ver­ständigung in der internationalen Hand- und Fusssprache, die ich in der Zwischenzeit reichlich geübt habe. Die gleichen Burschen, die von der thai­ländischen Polizei recht gefürchtet sind und ungehindert ihr Geschäft mit ihrem Opium betreiben, entpuppten sich zwar als sehr neugierig, doch sehr freundlich mir gegenüber. Ich machte eine kleine Skizze vom Chef des Ganzen und wurde damit zum Held des Tages. So weihten sie mich also ein, zeigten mir ihre Opiumfelder und die Opiumgewinnung, rauchten dann ungeniert dieses braunschwarze Zeug und verkauften mir eine Original Opi­um-Pfeife (2 DM !) als Andenken.

Zwei Tage verbrachte ich bei ihnen. In Burma war ich in der Zwischenzeit also auch, da ihre Opiumfelder auf der anderen Seite des Berges lagen, auf Burma-Gebiet, wie ich erst später herausfand. Das Ganze war eins meiner tollsten Erlebnisse, und ich hoffe inständig, dass meine Fotos etwas geworden sind, solche gibt’s nämlich herzlich wenige.

Zwischendurch habe ich noch einige deutsche Missionare der Evangelischen Marburger Mission be­sucht, habe mich in ihren deutschen Linnen geaalt und Wurscht gegessen. Es war sehr aufschlussreich, von ihrer Arbeit und von ihren Problemen zu hö­ren.

Das Trampen hier in Thailand geht prima, fast zu prima, denn anstatt mich nur mitzunehmen, wollen mich diese lieben Leutchen meist gleich für einige Tage bewirten, was ja nun nicht geht. Die Thais sind wirklich liebe Menschen. Ich habe in der Zwischenzeit auch gelernt, ein­fach zu lächeln, was gar nicht so schwierig ist. Man sollte das bei uns auch einführen. 

Was gibt es Neues in Deinem Bekann­ten­kreis? Mit wem triffst Du Dich so manchmal? Ich hab einfach das Gefühl, dass Du mir zu wenig von Dir und Deinem Treiben erzählst. Glaubst Du denn, das interessiert mich nicht, was Du so machst? Demnächst also gibt es in Deinen Briefen immer eine Kaffee-Plauderstündchen-Ecke. Gell?

Aus dem „Traumland der Königin Sirikit“, wie es in deutschen Illustrierten öfters heisst, grüsst Dich sehr herzlich

Dein Dich liebender Sohn.

 

 

Bangkok, 4. April 1968

Wat Somphaya

 

Lieber Stekerscher Familienast

 

Ein Seufzer überkömmt mich noch jetzt, bei dem Gedanken daran, wie ich vor nun schon 6 Wochen hier am selben wackeligen Tisch gesessen und an meinem Hochzeitsbrief an Euch herumgeschustert habe. Meine Angstvorstellung, dass meine Zeilen an Euch im Trubel der Festgemeinde durch öffentliches Vorlesen zur Fest- oder Tischrede werden könnten, wurde inzwischen durch Mutters ausführliche Schilderung, Jottseidank, entkräftet.

Diese paar Meter geschwungene Kugelschreibermine nun fallen mir dagegen ausgesprochen leicht, zumal ich hier in der Botschaft Euren lieben Brief er­halten habe, der alles bisher da gewesene in den Schatten stellte, weniger des erbarmungslosen Sonnenscheins hier, mehr des Sprachge­brauchs wegen. So konnte ich im Nachhinein doch noch etwas mitfeiern, mich über den Schalk in Heris Tasten freuen und durch die Fotolinse lin­sen. Der „erste April“ war für mich also ein ganz besonders schöner Tag. Meine Ankunft nach meiner Thailand – Laos – Burma – Thailand Rundreise, gleich 10 Briefe von zu Hause und am Abend dann noch die Kunde von verzwei­felten Einsichten eines U.S. Präsidenten.

Solche Tage hab’ ich gerne.

Ohne lange Umschweife will ich Euch zuerst von meinen letzten Erlebnissen berichten. Sicher werdet Ihr ja von den Briefen an Muttern wissen, wie ich von Penang weiter bis Bangkok gegondelt bin. Diese Stadt ist mit ihren vielen Abwechslungen und Sehenswürdigkeiten ver­führerisch, und im Nu waren 14 Tage vergammelt, ohne Plan und mir nichts, Dir nichts in den Tag hinein. Doch ebenso wenig ist Bangkok Thailand. Hier hat die Coca Cola Kultur gewaltig Wurzeln geschlagen, Stras­senkreuzer blitzen, der Dollar ist als zweite Währung willkommenes Zah­lungsmittel, erholungsbedürftige Verteidiger der „Freien Welt“ relaxen in Nachtbars für drei Tage von ihrem strapaziösen Job in Vietnam.

Strassen­jungen plärren: „Hey, you, bang-bang Vietnam?“, und von Neckermann preis­günstig in Vollpension verschickte Bundesbürger machen Kamerajagd auf goldene Pagoden und kuttige Mönche, die sich ja so gut machen in Ektachrome im Querformat.

Doch es gibt auch noch die Winkel der chinesischen Märkte, das Leben auf den Klongs, den vielen Ka­nälen, die die Stadt durchziehen, und 14 Tage sind zu wenig, sie alle zu ent­decken. Doch mein Geldbeutel mahnte, und ich machte mich mit dem Rest meiner Reisekasse auf, Thailand zu sehen, und noch Laos.

Von der internationalen Hitchhiker-Information mit den besten Tipps ausge­stattet, stand ich dann also in der Hitze der Mittagssonne an einer Super­highway und sass in einem riesen Laster, noch ehe ich meinen Auto­stopp-Daumen schwingen konnte. Er führe nach Udorn Air-Base, kauderwelschte der Fahrer dieses Ungetüms, was mich ausgesprochen be­ruhigte, den Udorn liegt vor der Grenze nach Laos, und einen Lift gleich über 500 km hat man ja nicht alle Tage. Was mich weniger beruhigte, war die Ladung, die ich nach einer Weile entdeckte:  Als ich durch das kleine Rückfenster lugte, las ich dort Aufschriften wie „explosive“ und „Bomb KAL. 45“ „DCLKF“... Mein grinsender Fahrer brach­te also eine Ladung Bomben zur amerikanischen Base und ich durfte mitfahren ...

Was mich wenig beruhigte, war die Tatsache, dass eines der grossen hölzernen Ge­stelle beim Aufladen etwas aufgebrochen war und die olivgrünen, eineinhalb Meter langen Bomben mehr kreuz statt quer auf der Ladefläche lagen. Die seien nicht gefährlich, lachte mich der Typ aus, „die Zünder kommen doch im andern Wagen“.

So aufgeklärt, wanderte mein Herz von der Hose wieder an den alten Platz, doch der Frosch in meinem Hals blieb hartnäckig. Dass ich hier sitze und ganz lebendig schwitzend diesen Brief schreibe, zeigt natürlich, dass der Fahrer Recht behielt. Die Fahrt ging durch endlos flaches Land, das zu dieser Jahreszeit nach Wasser lechzt, vorbei an Reisfeldern, durch kleine Dörfer und Städtchen, die in asiatischer Gelassenheit wohl noch einige Jahre wei­terschlummern werden. In schmierigen Tümpeln werden Enten, Büffel und Kleinkinder gebadet, ein friedliches Bild, das an mir vorüber zieht.

Planmässig brachte mich dieser Wagen bis nach Udorn, wo erst ich und die „traditionell Geladenen“ ausgeladen wurden. Udorn, noch vor wenigen Jahren ein kleines unbedeutendes Städtchen, unterscheidet sich wohl wenig von anderen Garnisonstätten in der Welt, nur dass hier der Kontrast zu den umliegenden Städten und Dörfern den Eindruck verdoppelt, den man so beiläufig bekommt, wenn an jeder Hütte ein Bar-Schild, „Chica­go-Inn“, „Boston Bar“ oder „Florida Service“ hängt. Mich machte das alles reichlich sauer, und ich hätte gerne so manchem halbstarken Thai-Zögling, der mich und meinen Rucksack anpöbelte, einen Tritt in den Hintern ver­setzt, wie es sich für einen „überzeugten“ Pazifisten gehört.

Pausenlos lande­ten und starteten Flugzeuge vom riesigen Flugfeld, die Kriegsmaschine lief auf Hochtouren, und ich lief wohl eine Stunde lang an daran vorbei, bis ich wieder die freie Strasse vor mir hatte. Einige kurze Lifts, und ich war am Mekong-Fluss, der Grenze nach Laos. Meine langen Bemühun­gen, irgend einen offiziellen Zollbeamten samt dazu gehörigen Grenzstempel zu finden, hatten am Schluss dann doch Erfolg, und ich tuckerte auf einem eigens zu diesem Zweck für ein paar Pfennige angeheuerten „Bötchen“ hinü­ber zur anderen Seite. Der laotische Grenzstempel machte mir etwas Kummer, seiner Grösse wegen; wenn das so weitergeht, ist mein zweiter Reisepass auf dieser Reise auch bald voll.

Das ist also Laos, denke ich mir blödsinnig und betrachte die etwas trostlose Buschlandschaft um mich herum. Während ich eitel den 19. Eintritt in ein neues Land verbuche, habe ich auch schon den ersten Wagen ver­passt; ich stehe auf der falschen Seite, Laos hat eigensinnig Rechtsver­kehr.

Jetzt stelle ich fest, dass ich mit der Schilderung, nach a kommt b, dann c, wohl wieder viel zu viele Seiten fülle und ich dann bei Seite 27 eine schnarchende oder gähnende Zuhörerschaft vor meinem Brief finden werde. Da ich Euer junges Glück nicht durch ausgerenkte Unterkiefer trüben möch­te, entscheide ich mich hier zum Raffen.

Vientiane.

Nicht ohne Grund ist Vientiane unter Globetrottern sehr bekannt und be­liebt. Das liegt vielleicht an den kleinen französischen Restaurants, wo es Steak, Salat und Weissbrot gibt, fast wie in einem französischen Provinz­städtchen. Dann sind da die lieben, freundlichen Mädchen und vor allem, man lebt sündhaft einfach in den Tag hinein, nimmt nichts, nicht einmal sich selbst, so richtig ernst.

An Sehenswürdigkeiten hat es herzlich wenig zu bieten, Nachtleben beschränkt sich auf einige halblebigen Nachtbars, die unter täglichem Stromausfall leiden. Und doch ist es ein solcher Ort, wo Leu­te plötzlich feststellen: Mensch, Du bist ja schon 2 Monate hier und merkst es nicht. Viele solcher Leutchen habe ich kennen gelernt, alle Natio­nen, doch meist Franzosen, die einfach da geblieben sind. Es geht halt ge­mütlich zu. Noch.

Jeden Morgen tigerte ich schon sehr früh von dem Tempel etwas ausserhalb des Stadtzentrums, wo ich wohnte, zum täglichen Morgenmarkt, einem der vielseitigsten und farbigsten, den ich bisher kenne. Also da gibt es: Frösche, Ameisen und Ameiseneier, unzählige Arten von Wurzeln und Kräutern, Rinde zum Tee kochen, Schnecken, Flussfische in allen Arten und Entwick­lungsstufen, alles was schwimmt,  kreucht und fleucht, lebendig oder getrocknet, Schildkröten, Vögel, Tabak, Marihuana, frisches Brot, zer­mahlenes Horn oder komplett, Pilze, Wurst, Hühnchen, Gänse, Schweine, Nudeln, Beatle-Platten, Plastikblumen und Kindergewehre, Mu­scheln, Whisky, Bier, Zinnsoldaten, Melonen, Zuckerrohr, Transistoren, Vogelnester, Körbe, Hüte, Stoff, Plastiktüten und „Newsweek“, Uhren, Opium und Holzkohle, und ich weiss nicht mehr, was sonst noch alles….

Dies jeden Morgen, und ich war für einige Stunden vollauf beschäftigt, die jeweils verschiedenen Verwendungsvariationen der verschiedenen Angebote zu untersuchen. Verschiedene Trachten- und Menschengruppen besuchen diesen Markt, Europäer, Vietnamesen, Chinesen und verschiedene Stämme der zahlreichen Bergvölker, viele von ihnen Flüchtlinge aus den Kampfgebieten im Hinterland.

In der Mitte der Stadt prangt ein noch nicht ganz vollendeter Prachtbau. Die etablierte Macht baut einen Triumphbogen nach dem Vorbild des Arc de Triomphe, nur etwas groesser. Das Grundrezept und der Grundriss ist also der Triumphbogen, dann windet es sich höher in ägyptisch-griechisch-römischer Säulenord­nung mit Lotus- oder Papyruskapitelen und endet in barock-laotisch-chaotischen Architektur-Empfindungen. Der Beton, aus dem das Ganze gebastelt wird, war eigentlich zum Ausbau der Landepiste des Flughafens gedacht und ein Geschenk Amerikas. Seit 6 oder 8 Jahren wird daran gebaut, doch vor der Vollendung scheint man zurückzuschrecken: Der Pathet Lao versprach, so sagt ein Gerücht, es in die Luft zu sprengen, wenn es erst mal fertig ist.

Offiziell ist der Pathet Lao ja schliesslich als Opposition anerkannt, ja es gibt sogar ein Gebäude in der Mitte der Stadt, seine Zentrale ist die Hauptstadt. Zwischen 7 und 9 ist es ihnen sogar erlaubt, auf den Markt zu gehen, um Gemüse zu kaufen. So war meine Überraschung grundlos, als ich mich plötzlich von Mao Tse Tung Uniformen und –Plaketten umringt sah. Royali­sten und Pathet Lao in friedlicher Eintracht am Schneckenstand! Sich gegenseitig umlegen ist nur ausserhalb der Stadt erlaubt.

Samstagsabends kann jeder Interessierte zum Pathet Lao Gebäude gehen und sich dort Pro­pa­ganda Filme aus China und Nordvietnam zeigen lassen, was ich natür­lich tat. Das war dann auch die köstlichste Aufführung meiner Kinogänger-Lauf­bahn. Das Publikum bestand zum grössten Teil aus Kindern, Halbwüchsi­gen, stillenden Müttern und bis auf die Zähne bewaffnete Marionetten. Dazwischen wir Globetrotter. So sahen wir denn amerikanische Flugzeuge zu Dutzenden vom Himmel fallen, vom Publikum beklatscht, das sich ständig und siegesbewusst nach uns Österreichern, Dänen, Deutschen und Schweizern umschaute.

Alles in allem war es also sehr nett, nur dass der Film ständig riss, was den chinesischen Vorführer nervös machte, und dass ich dann nachher beim Nachhauseweg zu meinem Tempel leichte Anwandlungen von Verfolgungswahn hatte. Das legt sich je­doch bei hellem Tage wieder.

Mein Plan war ursprünglich, von Vientiane nach Süden bis Kambodscha zu reisen, um dort nachzuforschen, ob das, was der Reiseführer von Ankor Wat erzählt, auch wirklich stimmt. Angesichts der Nachrichten aus Süd-Laos und nicht zuletzt der 4 Einschusslöcher an der Türe des dorthin fahrenden Busses, liess ich dann aber die Kunsterziehung laufen und änderte meinen Plan, zu ruhigeren Urlaubsgebieten hin.

Zum besseren Verständnis möchte ich kurz die politischen Tatsachen schil­dern, falls Ihr nicht viel besser unterrichtet seid als ich, der nur die zensierte Presse des freien Landes Thailand und noch seltener eine amerikanische Zei­tung in die Hand bekommt.

Laos hat knapp 3 Millionen Einwohner. Der König wird von allen geliebt. Die­ser hat zwei Söhne, jedoch von verschiedenen Frauen. Da ist erst mal der eine, Prinz Souvannaphouma, der sich zwar neutral nennt, doch deutlich westlich orientiert ist, seines Zeichens Premierminister und Regierungschef der aus Royalisten und Neutralen bestehenden Regierung, dem ich beinahe ins Prachtauto auf dem Flughafen von Luang Prabang gerannt wäre. (Die persönlichste Beziehung, die ich je zu einem Staatschef hatte!)

Der andere Prinz, also der Halbbruder, ist Herr Souphannouvong, der etwas andere Vorstellungen vom Staate hat, ist Chef des Pathet Lao, (zur Zeit, glaube ich, in Rotchina oder irgendwo im Dschungel). Beide sind in erster Linie Laoten, nur dass sie augenblicklich und bestimmt mit kleiner Begeisterung mitmi­schen müssen. Die Nordvietnamesen hatten nämlich den grossen Drang, ihre Truppen über den Ho-Chi-min-Pfad nach Südvietnam zu schleusen, der durch Laos führt. Amerika warf dann flugs mehr Bomben auf diesen Dschun­gelpfad, als im ganzen letzten Krieg auf Deutschland, was wiederum zur Folge hat, dass sie weiter nach Westen ausweichen mussten und zwar ausgerechnet auf die oben erwähnte Strasse nach Kambodscha, die ich der Kunst zuliebe beinahe benutzt hätte.

Das wäre auch gut gegangen, wären da nicht einige Städte mit royalistischen Truppen gewesen. Daher gab es Blut und Kampf im „neutralen“ Laos. Jetzt sieht es so aus, dass das gesamte Land unter der Kontrolle des Pathet Lao steht, nur in den Städten hat das offizielle Regime noch einige Macht. Zur allgemeinen Verwirrung streifen jedoch noch bewaffnete Banditen durchs Gelände, die plündern und mor­­den, wie sie es gerne wollen. Ihre Missetaten schieben sich die kämpfenden Parteien dann gegenseitig in die Schuhe. Was das Volk darüber denkt?

Nun, normalerweise überhaupt nichts. Man ist ja schliesslich Asiate und Buddhist, weiss sich dem Schicksal hoffnungslos ausgeliefert, nimmt es hin, wie die blutigen Machtkämpfe der verschiedenen Königshäuser in den vergangenen Jahr­hun­derten. So, das war also Laos.

Doch wieder zu mir, der sich im Augenblick sein Bild macht, was dem Mann ähnelt, der an einem rotierenden Rasensprenger einen Wassereimer füllen will und dabei nicht ganz trocken bleibt. Mit Kambodscha war also nichts. Ich flog, Studenten ermässigt und nicht ganz sanft, nach Luang Prabang, der alten Königshauptstadt und von dort weiter nach Ban Hone Sai am Ober­lauf des Mekongs, wo eine klapprige Maschine auf einem Kartoffelacker landete.

In beiden Städten schwamm ich im Mekong, jeweils von bunt uni­formierten Soldaten bewacht, die ständig und nicht ohne Freude mit ihren schönen amerikanischen Waffen herumhantierten. Diesen Teil, der ebenfalls sehr interessant und aufschlussreich war, will ich etwas kürzen, um mein nachfolgendes Erlebnis in Nordthailand etwas ausführlicher zu schildern. Denn hier spielt auch, wenn auch etwas anders, die grosse, meist üble Po­li­tik eine Rolle.

Damit das Ganze jedoch nicht ganz einseitig bleibt, will ich schnell zwi­schen­durch eine Notiz aus meinem Tagebuch abschreiben. Die Geschichte von den Geckos:

„So viele Abende verbrachte ich in trauter Betrachtung meines Hier- und Da­seins in der abgeschiedenen Stille vieler buddhistischer Klöster. Das Gezir­pe und Gezwitscher der Tropennächte war mir angenehme Nachtmusik. Selbst das wütende, angriffslustige Summen der Moskitos konnte mich in meiner Wohligkeit wenig stören, wusste ich mich doch hinter engen Maschen ge­borgen. Bis zu jenem düsteren Abend im Wat-Muna-Tempel zu Luang Pro­bang waren mir die Schreie der Geckos, jener niedlichen, Eidechsen ähn­lichen Insektenvertilger, lieb und wert, gehörten zur Abendstimmung des Klosters, wie der betende Singsang der Mönche.

Bis zu diesem schwarzen Abend also, als der elende Jürgen (Reisegenosse) neben mir ganz unschuldig unter seinem Moskitonetz hervormurmelte: „Der hält jetzt den Rekord mit neun Schreien!!“ Sonst nichts. Das hat er also gesagt, der Verruchte.

Zuerst war es ein Spiel, das Langeweile tötete. Jedes Mal, wenn draussen ein Gecko schnatternd Luft pumpte, spitzten wir die Ohren, zählten mit: eins, zwei, drei, fünf, sieben Mal schrie das Vieh sein heiseres, krächzendes Ge -cko – Ge – cko. Wir wurden zu Gecko-Kennern, wetteten, wie oft es dieser schaffen, hofften, dass jener den Rekord von neun Rufen brechen würde.

Kein Abend verging, ohne aufregendes leises Mitzählen. Doch jetzt klage ich’s hier, meine Ruhe ist dahin, was einlullende Abendstimmung war, ver­wandelte sich nun in wilde Rekordsucht. Ich zähle konzentriert die ersten vier, bange bis sieben, verzage schier bei acht. Stille. Enttäuscht sinke ich zurück auf die Luftmatratze. War nichts. Da holt ein anderer schnatternd Luft, einmal, zweimal, ja dreimal. Das muss er sein, der erlösende Rekord­schrei. Erwartend zähle ich bis vier, nicht zu fassen, es ist still. Wütend auf das blöde Vieh, das dreimal Luft pumpt und dann nach dem vierten Ruf kläglich aufgibt. Es ist zum aus der Haut fahren. Gestern, als ich gerade erschöpft in den erlösenden Schlaf hinübersegeln wollte, zählte ich endlich bis zehn. Doch jetzt gestehe ich, dass ich mich in meinem Halbschlaf verzählt haben könnte. Es ist zum Kotzen….“

Ich überquerte den Mekong und war wieder in Thailand, und zwar im nörd­lichsten Zipfel, an der Grenze nach Burma. Der Grenzort dort heisst Mae Sai. Hier, so hatte ich erfahren, leben im Gebirge einige Bergstämme von der tibeto-burmesischen Volksgruppe. Sie haben eine eigene Religion, einen Ahnenkult, tragen fantastischen Schmuck, kümmern sich um keine Gesetze und noch weniger um Grenzen, praktizieren freie Liebe und sind auch sonst noch „fürchterlich“ primitiv und manchmal kommunistisch, trachten einem nach dem Leben und leben, dass setzt dem Fass die Krone auf, vom Opium-anbau! Das war’s, was ich also wusste, und da wollte ich hin.

Im Dorf fand ich dann heraus, wo ihre Dörfer liegen und dass sie von der Strasse aus in mehrstündigem Fussmarsch in die Berge zu erreichen sind. Rucksack und alles andere liess ich wieder in einem Tempel zurück, in dem ich, wie gewohnt, nächtigte. Nur mit einer Kamera, meiner kleinen Mi­nox und einer Tüte Bonbons bewaffnet, tigerte ich früh am Morgen los, folgte dem Pfad, den man mir wies. Ob mit scharfem oder rundem S, egal, bald war keiner mehr da, der mir den weiteren Pfad hätte weisen können, das war auch der Grund, warum ich mich bald hoffnungslos im Bambusdickicht ver­franste und nur durch eine mutige Kletterpartie durch ein abgebranntes Stück Bambuswald den rechten Pfad wieder fand.

Was störend wirkte, war meine schwarze Kriegsbemalung über und über, die von diesem verrussten Ge­wur­schtel zurückblieb. Russ ist eben besonders zäh, vor allem bei einer solchen Hitze und bei steilem Anstieg. Wen wundert’s, dass der Empfang im Dorfe besonders kläglich ausfiel. Da stand ich plötzlich mitten zwischen den Bambushütten, Hunde, Frauen und Kinder reichlich verdutzt. Als wäre es das Selbstverständlichste in der Welt, schlenderte ich zur Wasserleitung aus Bambus, die das Wasser von weit her aus einem Bach über viele halbierte Bambusrohre bis an den Rand des Dorfes leitete. Dort wusch ich mich ausgiebig, setzte mich eine Weile hin, verschnauf­te im Schatten und liess damit die erste Überraschung der Leutchen versie­gen.

Dann konnten einige kleine Jungen den hingestreckten Bonbons nicht widerstehen. So kümmerte ich mich zuerst einmal um die halbnackten Rangen, bis ich sie gänzlich bezirzt hatte und einen auf der Schulter, viere an der Hand, durchs Dorf zog. Männer waren keine zu sehen, nur Frauen mit Kindern auf dem Rücken, in ihrem einmaligen Silberschmuck, gingen, schon weniger misstrauisch, ihrer Arbeit nach. Dann traten einige Männer aus einer Hütte und winkten mich heran. Ich stieg eine kleine Bambusleiter hoch und war auf einem kleinen Vorbau, der, halb überdacht, scheinbar als Kinderzimmer diente. Einige Körbe mit Kleinkindern, in allerlei Tücher ge­wickelt, baumelten von der Decke.

Ich folgte der Einladung ins Innere, liess mich vor der Feuerstelle auf den Boden nieder und begann meine Konversa­tion mit Händen und Füssen. Um mich herum lagen auf geflochtenen Mat­ten die Herren wie Fürsten, jeder hatte sein Hobby neben sich stehen: Opium und Opiumpfeife. An der Bambuswand hingen einige Gewehre und Messer. Es wurde Tee gereicht, und ich zeigte ihnen alles, was ich dabei hatte, um ihre grosse Neugierde zu stillen. Pass, Ausweise, die Zeitungs­ausschnitte, alle Fotos wurden andächtig herum gereicht und bewundert. Immer mehr Herren kamen in den Kreis, und bald war eine angeregte Un­terhaltung im Gange, an der ich mich jedoch nicht beteiligen konnte.

Dann präparierten sie, einer nach dem anderen ihre Opiumpfeife, weihten mich ein, wie es richtig gemacht wird und boten mir freizügig davon an, was ich mit der Begründung, mir würde es schlecht davon, erstmal dankend ablehnte. Ob­wohl alle sehr freundlich waren, wollte ich doch einen klaren Kopf behalten. Dann schien mir die Zeit gekommen, meine Minox einzuführen. Ich erklärte und zeigte ihnen, dass ein Blitzlicht-Lämpchen nur einmal blitzt, was sie für unsinnig hielten. Die Kinder stürzten sich wie wild auf die verbrannten Lämp­chen, und ich hatte, so bete ich inständig, die tollsten Aufnahmen im Kasten. Die ganze Opium-Gemeinde.

Ab und zu huschten die Frauen durch den Raum. Der Kopfputz war wohl das Tollste an ihrer Tracht. Ein hoher Auf­bau aus Silber, Muscheln, Perlen, um den Hals Silberreifen und Plaket­ten, Perlenketten und allerlei Geisterabwehr, wie Wurzeln, Tierzähne und anderes mehr zwischen den nackten Bruesten. Um den Bauch war ein breiter Gürtel geschnallt, der eben­falls über und über mit Silber und Perlen geschmückt war. Dann war da, weiter unten, ein knapper, sehr knapper Lendenschurz, gegen den unsere Miniröcke sich wie Richterroben ausmachen, und noch weiter unten beendeten mit Tüchern umwickelte Waden die Tracht. Die Männer haben meist geschore­ne Köpfe, nur am Wirbel blieb ein langer Haarzopf stehen.

Ich blieb zwei Tage dort. Am nächsten Tag stieg ich mit einem der Männer weiter auf den Berg und liess mir auf der anderen Seite die Opiumfelder zeigen. Da die Grenze auf der Bergkuppe verlief, lagen diese Felder also auf Burma-Gebiet, was ich freilich erst viel später herausfand. Dort brannte überall der Wald, eine einfache Art, Raum für neue Opiumfel­der zu roden.

Die Opiumpflanzen unterscheiden sich nicht von unserem Mohn, und ich bin überzeugt, dass man sogar bei uns dieses Zeug gewinnen könnte. Als ich am Abend wieder in meinem Tempel war, hatte ich einige Aufnahmen mehr und war stolzer Besitzer einer verrauchten, stinkigen, doch echten Opiumpfeife und etwas Rohopium, beides ein rares Souvenir. Wie es möglich ist, dass diese Bergvölker so ohne Hemmungen Opium an­bauen? Als erstes bauen diese Leutchen es schon seit Generationen an, sind sozusagen die Erfinder dieser Rauchkultur. Früher jedoch zum eigenen Ver­brauch. Inzwischen aber haben sich genügend zahlungskräftige Händler ge­funden, die gleich tonnenweise kaufen und, für die Stämme, mehr bezahlen, als sie durch irgendetwas anderes verdienen könnten. Würde nun im gros­sen Rahmen gegen ihren Opiumanbau eingeschritten, wären sie des Kom­munismus fette Beute, der ohnehin in diesen Grenzgebieten schon reichlich tätig ist. Also dann, sagt man sich, lass sie lieber weiter Opium anbauen, was, ganz nebenbei, jährlich bis zu zwei Millionen Dollar einbringt, wenn auch unkontrolliert. Das meiste Opium kommt also aus dieser Ecke, Burma, Laos Thailand.

Nicht ohne Ironie ist auch der Transport. Hier in diesem Ge­biet nämlich leben 1600 versprengte nationalchinesische Truppen, mitsamt Generalstab. Als diese sich nach ihrer Niederlage gegen den roten Gegner in Thailand nieder liessen, war das zwar nicht den Thais, jedoch den Amerika­nern sehr recht, die sie als zuverlässige Grenztruppe zum Schutz gegen Bur­ma und China mit Waffen und Moneten unterstützten. Solche Geschäfte be­sorgte der CIA. Doch leider, leider, diese modern ausgerüstete, kampferprob­te Armee übernimmt im Herbst den ganzen Opiumschmuggel, und die offi­ziellen Regierungstruppen verlieren jedes Gefecht mit den bewaffneten Opium-Karawanen. Selbst Bomben waren im letzten Herbst, wie meistens in solch einem zerklüfteten Dschungelgebiet, so gut wie erfolglos. Wie das Opium dann weiter nach Bangkok, Hongkong, Marseille kommt, weiss ich nicht, bin aber sicher, dass da ganz dicke Fische und bestimmt auch eine Menge hoher Beamten mit im Spiel sind. Korruption ist nichts Aufregendes. Alles in allem lässt es mich doch ein wenig schmun­zeln, solche Randerscheinungen im Kampf gegen den Kommunismus, denn wenn Ihr die Bergstämme gesehen hättet: Diese Leute fühlen sich sehr, sehr sicher, wie in Abrahams Schoss.

Ja, dann bin ich noch mit einem deutschen Geologen durch den Dschungel gestapft, habe einige Missionare der „Marburger Mission“ besucht und bin janz jemütlich wieder durch Thailand bis hier nach Bangkok gepilgert, und vier Wochen waren wieder um, ohne dass ich es recht empfunden hätte.

Gerade habe ich mir noch einmal Deinen Brief durchgelesen, lieber Heri und stiess auf Deine Bitte, Dir einmal ausführlich meine Eindrücke und meine Wertung des Vietnam-Problems zu schreiben. Au Backe, au Backe, mein Eimerchen ist noch lange nicht voll, und jetzt soll ich schon daraus schöp­fen! Doch ich will es versuchen. Es ist auch für mich ganz nützlich, einmal zu formulieren, was bis jetzt mehr meine Gedanken oder auch Emotionen sind.

Ich habe schon verschiedentlich in meinen Briefen an Muttern und an Euch auf die riesengrossen Unterschiede in der Denkungsweise des „westlichen Menschen“ und des Asiaten hingewiesen, wobei ich hier den Japaner aus­klammern muss, da dort die Dinge etwas anders liegen. Irgendwo haben sich die grundlegenden Gedanken unserer Geisteswelt getrennt und sind in sehr verschiedene Richtungen gegangen; wir projektieren unsere Gedanken mehr und mehr nach aussen, beschäftigen uns mit der Bewältigung der Umwelt, wurden so genannte Realisten, denken logisch, rationell usw. usw. oder versuchen es wenigstens ständig. Hier in Asien schien mir der Blick mehr nach innen gerichtet, die Zufriedenheit und das Betrachten des Seins war Mittelpunkt aller asiatischen Philosophien und Religionen. Das Sendungs­bewusstsein des Christentums fehlt im Hinduismus und Buddhismus ganz.

Tausend Beispiele könnte ich anführen, die diesen gewaltigen Unterschied zeigen, sei es die Sprache (in Hindi gibt es zur Definition der Zeit nur die Worte „jetzt“ und „einst“, im Thailändischen bedeutet das Wort „glei“ nah und fern), sei es die unterschiedliche Verhaltensweise in Diskussionen (Das Wort „Streitgespräch“ existiert hier gar nicht. Eine Diskussion mit Asiaten hat schon manchen Europäer zur Weissglut gebracht), oder Begebenheiten, die nie bei uns vorgekommen wären. (Gestern beobachtete ich folgendes: Ein Wagen schleppt den anderen ab. An einer Kurve fährt der Schleppende nach links, der Wagen dahinter fährt weiter geradeaus. Verdutzt, dass es nicht weiter ging, besahen sich beide Fahrer den Schaden. Doof? Kaum, der geschleppte Fahrer wusste sich gezogen. Dass er selber lenken musste, daran hatte er im Augenblick nicht gedacht!)

Diese Unterschiede scheinen mir sehr wichtig, auch zur Beurteilung des Viet­nam-Problems. Was ist nämlich geschehen?

Die Asiaten sehen und sind jetzt gezwungen zu sehen, dass sie von dem Hier überrannt werden. Das glückliche und selige sich gehen lassen in allen Schicksalslagen, das demütige Hinnehmen ist endgültig zu Ende. Die Be­völkerung wächst haarsträubend, kein Futter da. Es muss etwas getan wer­den, das zielstrebiges Planen erfordert und schafft.

Und hier genau hätte sich das Blatt ändern können, hätte die westliche Welt nicht so elendiglich versagt.

Die Schulung der Bevölkerung setzte nicht unter den Kolonialherren ein, son­dern danach, viel zu spät. Man hat sich schnellstens zurückgezogen und die jetzt nachträglichen Hilfen kommen meist falsch, ohne Verständnis. Die jetzt Reichen hier in Asien spielen das, was sie bei den alten Machthabern gesehen haben. Die Konsequenzen kennen sie weniger. So ist es zum Bei­spiel richtig hier, dass man um so weniger arbeitet, je höher die Position ist. Ich, zum Beispiel, werde in ganz Asien als reicher Mann betrachtet. Was ich auch sage und erzähle, letztlich glaubt man mir nicht. Die Tatsache, dass ich manchmal zu Fuss gehe oder Auto stoppe, wurde mir hundert Mal als Geiz ausgelegt. Wie und warum ich fahre, versteht man hier überhaupt nicht. (Hierzu könnte ich noch vieles mehr aufzählen).

Was jetzt in China passiert, ist eine schmerzvolle und gewaltvolle Umerzie­hung auf westliches Denken. Der Kommunismus wird nur als Fahrrad da­zu benutzt, denn er ist ein sehr westliches Gedankengebäude. Mit dem „westlichen Gedankengut“ kommt auch eine neue Aggression. Wie aggressiv jeder Einzelne von uns ist, wurde mir erst durch die Begegnung mit dem Asia­ten bewusst. Wenn wir verträumt den zufriedenen und glücklichen Asia­ten beneiden, der so glücklich und zufrieden irgendwo auf einer „paradiesi­schen“ Insel herum lungert, so müssten wir einmal fragen, ob unsere Ge­sellschaft überhaupt glückliche und zufriedene Menschen gebrauchen könnte. Mich als Werbemenschen brauchst Du da nicht zu fragen, denn einer blonden Frau sage ich, dass sie rot besser aussehen würde und sie mein Haarfärbemittel kaufen muss. Vom Wagen, Haus, Kühlschrank, Farbfern­sehen ganz zu schweigen. Unsere Verbraucher-Wirtschaft ist auf Unzufrie­denheit aufgebaut, nur merken wir das gar nicht. Die kulturkriti­sche Analyse, lieber Heri, die Du in Deinem Brief so freundlich umgingst, wäre angebracht. Vielleicht wäre uns dann klar, warum wir so aggres­siv sind.

Und wie präsentiert sich die freie Welt hier in Asien dem Asiaten? Es ist elendig, und ich muss in jedem Gespräch mit buddhistischen Mönchen zurückstecken. So stellt sich hier dem Asiaten jetzt die Wahl, die längst schon keine Wahl mehr ist: Die verwurstelte asiatische „freie Welt“, die gar keine freie ist. Ungerechtigkeit, Korruption und härtester Materialis­mus – oder Mao Tse Tung und sein rotes Büchlein. Oder?? Vielleicht ist Ho-Chi-Min gar nicht mal so ein dummer Böser, wenn er sagt, dass er ein unab­hängiges Ho-Chi-Min-kommunistisch-nationalistisches Vietnam will. Ohne die Amerikaner und ohne die von ihnen gestützte „Freie Regierung“.

Vielleicht fühlen sich die Nordvietnamesen freier? Ein „unterjochtes“ Volk kann wohl kaum so kämpfen, wie es die Menschen von Nordvietnam jetzt machen. Doch ich weiss das nicht, leider war ich noch nicht dort.

Das Argument, dass unsere Freiheit dort verteidigt wird, halte ich für denk­faul. Meines Wissens gibt es gar nicht diese Freiheit! Es gibt höchstens die Freiheit der Westdeutschen, der Amerikaner, der Türken, der Perser, der Inder, der Thais, des Heri Stekers oder des Hans Höfers. Ähnlich scheint es auch mit dem Kommunismus zu sein, den wir bekämpfen müssen. Welcher isst damit denn gemeint?

Wie es in Vietnam weitergehen wird? Ich sehe hier in Asien für die Zukunft nur Blut und Krieg. Einen dauerhaften Frieden halte ich auch nach Ende der Bomben fuer lange Zeit nicht für möglich. Bleiben die Amerikaner hier in Asien, was sie wohl tun werden, wird es weiter Krieg geben, wenn es nicht gelingt, die in­ner­politischen Probleme mit grosszügigster Hilfe friedlich zu regeln. Gehen die Amerikaner hinaus, gibt es erst recht ein Blutbad. Ich bin also sehr pes­si­mistisch.

Hoffentlich, hoffentlich gibt es bald ein Einsehen, dass es auf diesem Weg nicht weiter geht mit der „westlichen Kultur“. Wir haben noch einige Orte, wo wir es anders ausprobieren könnten: Südamerika zum Beispiel. Afrika ?

Lieber Heri, es ist so sehr schwierig, das alles verständlich zu schreiben. Vieles von dem, was ich mir jetzt so durchlese, wäre viel, viel besser zu dis­kutieren. Ich könnte mich dann auch bestimmt besser erklären an Hand von vielen Erlebnissen und anderen Eindrücken. Hab also Verständnis für evtl. Ungereimtheiten, und denk an meinen Wassereimer.

Was in Deutschland vor sich geht, werte ich recht positiv. Wer demonstriert, sitzt nicht auf seinem fetten Arsch. Auch wenn einer lange Haare hat und Blumen in Gewehrläufe steckt, finde ich das gut. Ohne lange Haare würde er ja weniger auffallen. Und wenn einer sagt: make love, not war! so finde ich das grossartig !!!

Inzwischen ist es der 7. April geworden. Zwischendurch haben mich die Mos­kitos ein paar Mal unters Netz gejagt, und jetzt zum Beispiel steht die Sonne fast senkrecht am Himmel. Mittagschlaf wäre jetzt nicht schlecht.

Für heute bin ich wirklich leer gelaufen. Grüsst mir die Familienbande. Seid beide herzlich umarmt vom Bruder und Schwager

Hans

Habe heute „grosse Wäsche“ !